Ausgabe 11/2015 - Schwerpunkt Ökonomischer Unsinn

Auf der Suche nach der schwäbischen Hausfrau

• Eines vorweg: Ich bin Schwabe. Nicht mit dem Herzen, sondern qua Geburt. Die Mutter aus dem Saarland, der Vater aus der Pfalz, wurde aus mir ein Sohn Stuttgarts. Ich bin der schwäbischen Hausfrau damit nah und fern zugleich.

Begegnet bin ich ihr in vielerlei Gestalt. Ich habe mir vor ihrer scheuerlappennassen Stube die Schuhe ausgezogen und beim Abschied den Müll mitgenommen; habe gelernt, wie man „Grüß Gott!“ sagt und wie man auf das Licht im Treppenhaus verzichtet (einmal die Zahl der Stufen gelernt, tausendmal gespart), dass der Kehrwisch stets beim Kehrblech wohnt, dass sonntags Ruhe herrscht und dass von nix nur nix kommt.

Ich war, als ich der schwäbischen Hausfrau entkam, nicht sonderlich betrübt. Doch seit einigen Jahren sucht sie mich auch in der Ferne heim. Begnügte sie sich seit Erfindung der Maultasche damit, in ihrem Kerndreieck zwischen Bodensee, Schwarzwald und Stuttgart zu herrschen, so scheint es nun, als weite sie ihre Kampfzone aus.

Begonnen hat das im Krisenjahr 2008, als die Kanzlerin auf dem Stuttgarter CDU-Parteitag zum Völkle sprach: „Man hätte einfach nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen. Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.“ Das hätte sie bestimmt gesagt, die schwäbische Hausfrau. Darin ist sie groß: hinterher sagen, was vorher besser getan worden wäre. Ihre Stärke ist der Konjunktiv II.

Auch der aktuelle Bundesfinanzminister (ein Badener, wohlgemerkt) zieht mit ihr ins Feld, um seine schwarze Null zu verteidigen. Das Volk applaudiert – die Ökonomen beißen ins Kopfkissen. Die Schwäbin sagt: Was man nicht hat, das gibt man nicht aus – und was man hat, am besten auch nicht. Das mag für ihren Haushalt funktionieren, doch in einer Volkswirtschaft geht das nicht lange gut. Denn knapst die Schwäbin in dürren Jahren am Spätzleteig, mag das sinnvoll sein; spart ein Staat in Krisenzeiten mit Investitionen, kann ihn das ruinieren.

A wa (ach was), entgegnet die schwäbische Hausfrau. Und wenn man ihr den Unterschied zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft erklärt und dass mit ihrer Spareinlage bei der örtlichen Volksbank auch Kredite an die Weltmarktführerle des Nachbarorts vergeben werden, sagt sie einfach wieder: A wa!

Nun hat auch der OECD-Generalsekretär (ein Mexikaner!) die schwäbische Hausfrau zitiert. Wer ist diese sechste Wirtschaftsweise aus Süddeutschland, deren Ruf bis über den Atlantik reicht? Was hat sie, was die mexikanische Hausfrau nicht hat? Zeit für einen Besuch in der alten Heimat.

Ich kaufe mir „Die Schwäbin“, eine Annäherung aus dem Jahre 1947, steige in den Zug gen Süden und beginne zu lesen:

[D]er Schwabe, der doch der Nächste dazu ist, braucht sein ganzes Leben, um das Geheimnis der Schwäbin zu ergründen. Und wenn er von dieser reizvollen Aufgabe abberufen wird, ist er von der Lösung noch weit entfernt.

Ein ganzes Leben? Reizvoll?? Mir wird mulmig.

Vielleicht ist es heute höchste Zeit, über die Schwäbin zu schreiben. […] Bei einem Umfang der Zuwanderung von Flüchtlingen, wie sie diese letzten Jahre gebracht haben, muss das Ergebnis schließlich doch eine fühlbare Abwandlung des Alten werden.

Diese Zeilen sind bald 70 Jahre alt und dennoch aktuell. Vielleicht ist sie ja doch visionär, die ursprüngliche, die reine schwäbische Hausfrau? Mit Kopftuch (damit die Haare beim Ausmisten nicht nach Schweinestall riechen) und Kittelschürze (damit das Hauskleid keine Soßenflecken kriegt). Schon spüre ich ihre Nähe: Die Landschaft wird weicher, das Idiom breiter.

[S]ie hält an der Mundart fest […] Denn sie weiß, daß ihre Mundart nicht ein verwahrlostes Schriftdeutsch darstellt, sondern eine der ursprünglichen deutschen Sprachen ist, aus der das Hochdeutsche gespeist wurde und immer noch wie aus einer unversieglichen Brunnenstube genährt wird.

Jeder Meter mit der Bahn führt mich tiefer in diese Brunnenstube. Ich steige um in den Regionalzug. Schwäbische Hausfrau, ich bin dir nah, ich spür’s: Die Häuser stehen dicht, die Straßen sind gekehrt. Innere Reinheit beginnt mit einem sauberen Hauseingang.

Sie ist wohl die Fanatikerin der Reinlichkeit unter den deutschen Frauen.

Ich höre mich sogleich in den Gassen um. Ich müsse weiter gen Osten, sagt man mir. Dorthin, wo die Schwäbische Alb aus dem Boden bricht und ihre Bewohner näher an den Himmel heranrückt, weil der Herr nur die fleißigsten der Pietistinnen zu sich nimmt. Jene, die dem kargen Boden der Alb – mehr Stein denn Erde – ein einfaches Leben abtrotzen, ohne zu klagen. Ich fahre durch Dörfer aus Fachwerk. Reich und doch bescheiden.

[Die Schwäbin] ist in ihrem Leben, im Haus oder auch im Beruf tüchtig, vielleicht sogar ehrgeizig, aber nach außen hin will sie nichts davon merken lassen. Womöglich weiß sie es nicht einmal selber, und ihr Mann oder ihr Chef sagen es ihr natürlich nicht. Ein Lob könnte sie nur errötend anhören.

Ich besuche Öpfingen, Schelklingen und Schnürpflingen und frage nach ihr. Ich frage, ohne zu loben, denn ich will sie nicht erröten sehen, die Tüchtige, die Bescheidene. Doch frau gibt sich zurückhaltend, erkennt an der ersten Silbe, dass mein Dialekt nicht vom Herzen kommt, sondern locken will. Ich bin keiner von hier. Ich bin fremd. Das ist nicht gut.

Du redest mit einer Schwäbin – es mag eine ganz einfache Frau sein –, plötzlich wandelt sich ihr Gesicht, und das Rätsel der Fremdheit und der Urgründe starrt dir entgegen: Was weißt du?

„Ich suche die schwäbische Hausfrau“, sage ich und ernte misstrauisches Schweigen. Ich möchte sie kennenlernen und erfahren, wie sie uns retten kann; ich möchte hinein ins Herz der Sparsamkeit. Eine erbarmt sich und sagt das Wort „Haus-frau-en-bund“, so als wäre ich nicht nur ortsfremd, sondern auch besonders langsam im Kopf. Tss, mich beim Hausfrauen-Bund melden – einen Teufel werde ich tun. Der deutsche Hausfrauen-Bund hat sich vor einigen Jahren in „Netzwerk Haushalt, Berufsverband der Haushaltsführenden“ umbenannt. Wie unrückständig ist das denn? Keine schwäbische Hausfrau, die noch von ihrer Mutter gelernt hat, dass alte Pfannkuchen zur Flädlesuppe werden und dass es nur zwei Rezepte für Spätzle gibt – selber machen oder ins Wasser gehen –, hätte dort eine Heimat.

Heute steht die Schwäbin wohl in jedem Beruf ‚ihren Mann‘; aber ihre beste Begabung hat sie je und je im intimeren Bereich entfaltet, in der Ehe, in der Erziehung der Kinder und der Unterstützung des Mannes, im Haus.

Dabei kommen mir die Kuchen meiner Kindheit in Erinnerung. Je besser der Kuchen schmeckte, desto wahrscheinlicher kam er aus der Küche einer sogenannten Landfrau. Das waren resolute Damen im gehobenen Alter, die mit Armen voller Kuchenblech zu Straßenfesten pilgerten. Das übrige Jahr lebten sie in abgelegenen Bergdörfern und hatten mehr Kochrezepte im Kopf als Ausländer in der Gemeinde. Auch heute heißen sie noch so, wie sie es meinen. Nicht „Landmenschen“ oder „großstadtferne Bundesrepublikpersonen“. Einfach Landfrauen: Frauen vom Land.

Ich melde mich sogleich in ihrer Zentrale und bekomme die vierstellige Telefonnummer einer patenten Landfrau diktiert (wieder besonders langsam und überdeutlich). Zum Plaudern habe die Dame am Telefon keine Zeit, das Ehrenamt rufe, doch zum Abschied wird mir ein Schönerdag’no gewünscht. Es klingt aufrichtig; ich bin entzückt.

Wo aber diese nicht so leicht zugängliche Schwäbin sich einmal erschlossen hat, da kannst du auf sie bauen! Sie tut Wunder der Arbeit, der Liebe, des Opfers.

Mein Entzücken ist von kurzer Dauer. Die genannte Dame mit der Telefonnummer, so kurz wie andernorts die Durchwahl, will nur mit mir sprechen, wenn sie den ganzen Text vor Druck lesen und „richtigstellen“ darf. Darf sie nicht. Guten Rat habe sie dennoch, sagt sie, und erzählt vom faulen Griechen („die löffeln jetzt aus, was sie sich eingebrockt haben“), vom Versagen der Flüchtlingspolitik („wir müssen die Grenzen dichtmachen, das Land ist voll“), vom Islam („die gehören nicht hierher“), von Europa („Schengen war unser größter Fehler“) bis hin zu generellen Weisheiten („keiner macht was für Gottes Lohn“). Zwischen die Sinnabschnitte passt kein Atemholen, doch stets ein Passetsemalauf, ein Wissetse oder ein Jetzhöretsemalzu. Ich höre, wie ihr erhobener Zeigefinger beim Proklamieren die Luft zerschneidet.

Und während die Landfrau ins Telefon doziert, treten vor meinem Auge all die edlen Tugenden der schwäbischen Hausfrau in den Hintergrund; es bleibt die rücksichtslose Besitzstandswahrung wohlhabender Kleinstädter. Ginge es nach der Dame am anderen Ende der Leitung, hätte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Schlagbäume zwischen die Herzogtümer gestellt und den Marshall-Plan ausgeschlagen, um fortan klaglos, aber mit bitterer Miene den Kartoffelacker auf dem Stückle hinterm Haus zu bestellen – immerdar. Vor ihrem Häusle parkte dann kein Daimler, sondern ein alter Klepper mit Holzfuhrwerk, in ihrem Garten lachten nicht die Enkele von der Schaukel, sondern der Kürbis vom Misthaufen, und sie hätte kein sicheres Polschterle bei der örtlichen Volksbank liegen, sondern Mäusekot im Kornsack. Und statt der Kanzlerin regierte der Dorfpfarrer.

So träume ich dahin, als mich ein Satz aufhorchen lässt: „Wissetse, was mich selber schockiert? Ich sehe die Probleme der Welt immer 30 Jahre im Voraus.“ Was weißt du, will ich sie fragen. Doch die Dame bleibt eisern und sagt, als ich schon dachte, nur der leere Akku meines Mobiltelefons könnte mich erlösen von ihrer Litanei: „Wenn ich’s nicht voll in der Hand hab’, mach ich’s nicht, s’tutmerleid“ und legt auf.

Endgültig ist nichts bei der Schwäbin, nicht einmal der Korb, den sie dir vielleicht heute gibt. Morgen wirst du wieder Neues an ihr finden, wird sie verwandelt sein.

Ach, wenn’s doch so wäre. ---

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