Ausgabe 11/2015 - Schwerpunkt Ökonomischer Unsinn

Altersvorsorge

Auf Treibsand gebaut

• Eigentlich bin ich gar nicht traurig, dass die einzig tragende Säule meiner Altersvorsorge vor wenigen Wochen verkauft wurde. Es handelt sich um das Wohnhaus meiner Eltern, freistehend, beste Kleinstadtlage. Meine Schwester und ich sind dort aufgewachsen, doch wir haben es nie besonders gemocht, dieses Haus, das für meine Eltern wohl der Inbegriff des geglückten Lebens war. Mein Vater hatte es einst bauen lassen, er fühlte sich dort stets am wohlsten. Wenn er im Urlaub war oder auf Kur, fehlte ihm schon nach wenigen Tagen sein Zuhause, das abendliche Bier vor dem Fernseher, der Blick von der Terrasse in den viel zu großen Garten, den er ganz allein in Schuss hielt. 1960 erbaut, blieb das Haus bis heute in bestem Zustand. Erst voriges Jahr ließ meine Mutter für 13 000 Euro eine neue Gasheizung einbauen. Seit dem Tod meines Vaters lebte sie dort allein mit zu vielen Erinnerungen in zu vielen Zimmern. Doch jetzt schafft sie es nicht mehr. Jeder Schritt schmerzt; nur noch unter größter Mühe kam sie zuletzt die Treppe zum Schlafzimmer und zum Bad hoch. Sie ist in eine kleine Mietwohnung gezogen. Das Haus wurde verkauft. 243 000 Euro, das sei ein fairer Preis, sagte der Immobilienexperte der örtlichen Sparkasse, der sich um den Verkauf gekümmert hatte.

In meinen Gedanken war das Haus stets ein fester Teil meiner Finanzplanung fürs Alter gewesen. Meine Schwester und ich würden es irgendwann erben, es dann verkaufen und uns den Erlös teilen. Dass einmal einer von uns beiden dort einziehen würde, hatten wir immer ausgeschlossen. Mich hatte die Aussicht aufs Erbe stets beruhigt. Da ist ja noch das halbe Haus, sagte ich mir. Aber nun ist das Haus verkauft – und damit eine neue Lage entstanden. Ein Haus im Wert von 243 000 Euro ist etwas anderes als 243 000 Euro auf dem Konto einer Bank. Ein Haus steht da, fest und unverrückbar. Geld dagegen hat die Neigung, sich zu verflüchtigen. Es diffundiert durch die Wechselfälle des Lebens, die im Alter nicht weniger und auch nicht unbedingt billiger werden. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich auf diese Säule meiner Altersversorgung nicht mehr richtig bauen kann. Seltsamerweise nehme ich das sehr gelassen.

Ich muss gestehen, dass meine Altersvorsorge ein Desaster ist, für das ich mich schämen sollte. Sie ist das Ergebnis von Unkenntnis, Desinteresse und Leichtsinn. Sie folgt weder einem klaren noch einem wirren Gedanken, sie ist ein erratisches Ensemble von Bruchstücken, jedes für sich betrachtet äußerst fragwürdig und in seiner Gesamtheit, um es mal gelinde auszudrücken, alles andere als sturmfest. Das Fundament meiner Altersvorsorge – das wird mir jetzt, da ich mich zum ersten Mal ernsthaft damit befasse, erschreckend klar – ist nicht auf Stein errichtet, sondern auf Treibsand. Hätte ich den Gedanken an eine Vorsorge fürs Alter nur halb so gewissenhaft betrieben wie ich beispielsweise meiner Arbeit nachgehe oder die Futterauswahl für unsere beiden Hunde treffe, müsste ich mir jetzt keinerlei Sorgen machen. Aber nun könnte es im Alter eng werden. Immerhin, meine Frau ist Beamtin, da werden wir schon nicht den Kitt vom Fenster kratzen müssen. Sofern sie mich noch will, when I’m sixty-four. Aber was, wenn nicht?

Ich habe den Gedanken an ein ausreichendes Finanzpolster für die Jahre des Ruhestands so lange so weit weggeschoben, weil das Thema Altern für mich immer negativ besetzt war. Ich mochte mich damit schlicht nicht befassen. Alt sein, das war für mich gleichbedeutend mit Pflegeheim. Dort hatten meine beiden Großmütter ihre letzten Lebensjahre verbracht. Es roch dort immer nach Tod. Ich war ein Mensch, der nicht altern wollte, und tat – wenn auch letztlich vergeblich – einiges dafür, den Prozess aufzuhalten. Ich lief Marathon, solange die Gelenke es zuließen. Gab Obacht, dass die schlaksige Figur in der Mitte keine Wülste ansetzte. Begann mit 45 Schlagzeug zu spielen. Kürzlich habe ich mit meinem zwölfjährigen Sohn einen Tauchkurs gemacht. Wundert es, dass so ein Mensch nie ein »Finanztest«-Sonderheft zur Altersvorsorge in die Hand genommen hat?

Welche Lücke?

Als ich Anfang der Neunzigerjahre meine erste Stelle antrat, sprach im Kreis der Kollegen und Freunde sowieso niemand von einer drohenden Vorsorgelücke. Auch gab es weder Riester- noch Rürup-Rente. Walter Riester war Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg, Bert Rürup schrieb langweilige volkswirtschaftliche Lehrbücher. Es galt Norbert Blüms Mantra „Die Rente ist sicher!“. Ich hatte einen auskömmlichen Job als Redakteur, mein Arbeitgeber führte Rentenversicherungsbeiträge ab und teilte sich darüber hinaus mit mir die Beiträge für eine geradezu sozialistische Institution namens Versorgungswerk der Presse – eine Altersvorsorge exklusiv für Journalisten. Solange das so weiterging, bestand keinerlei Notwendigkeit, sich über eine zusätzliche Vorsorge Gedanken zu machen. Ich würde – zumindest finanziell – ein sorgenfreies Rentnerdasein führen können.

Was ich verdiente, wurde nicht verprasst, aber ausgegeben. Meine damalige Frau und ich steckten beispielsweise fast 60 000 D-Mark in die Sanierung einer wunderschönen, aber leider baufälligen Berliner Fünf-Zimmer-Altbau-Mietwohnung, die zwar vier Balkone hatte, aber auch einen durchhängenden Küchenboden. Da die Miete vergleichsweise günstig war, hätte sich die Investition schon nach etwa 15 Jahren rentiert.

Dann kam der Einschnitt. Nach neun Jahren Festanstellung war ich des Redakteursdaseins überdrüssig und kündigte. Seitdem gehöre ich zum Heer der Freiberufler, was viele Vorteile hat – nur leider nicht für die Altersvorsorge. Mit der Entscheidung für die Freiberuflichkeit waren Unwägbarkeiten verbunden, nicht nur was den Kontostand am Monatsende betrifft, sondern auch mit Blick auf die Jahre jenseits des letzten Artikels aus meiner Feder. Die Annahme, dass ich als freiberuflicher Autor nicht derart üppig verdienen würde, dass angehäufter Reichtum im Alter nach und nach verbraucht werden kann, hat sich bestätigt. Das Geld reichte im Grunde genommen nie, um – wie es zweifellos geraten gewesen wäre – rechtzeitig, stetig und massiv in private Vorsorge zu investieren. Ich entschied mich für Kinder statt für ein Investment in Dax-Werte. Leider werde ich ihnen nichts vererben, was von nennenswertem materiellem Wert ist.

Da es nun keinen Arbeitgeber mehr gab, der die Hälfte der Beiträge für das Presseversorgungswerk übernahm, ließ ich die Versicherung vorübergehend ruhen. Rentenversichert war ich zwar immer noch über die Künstlersozialversicherung, eine lobenswerte Einrichtung, die freischaffenden Künstlern und Publizisten den Zugang zur gesetzlichen Sozialversicherung ermöglicht. Allerdings waren die Einzahlungen in die Rentenkasse beträchtlich niedriger als zuvor. Ein kurzer Blick auf die jährliche Mitteilung der Rentenversicherung – die zu erwartende Rente wollte die 1000-Euro-Marke einfach nicht durchbrechen – machte mir klar, dass die staatliche Rente gerade ausreichen würde, die im Alter stetig steigenden Beiträge für meine private Krankenversicherung zu finanzieren. Immerhin habe ich vor etwa 20 Jahren einmal eine klitzekleine Kapital-Lebensversicherung abgeschlossen. Sie sollte zu gegebener Zeit die steigenden Krankenversicherungsbeiträge finanzieren.

Die Idee war gut – wäre da nicht die derzeitige schlechte Verzinsung des Kapitals bei Lebensversicherungen, was Mitte der Neunzigerjahre nicht absehbar war. Vor einigen Wochen entschloss ich mich, dieses tote Pferd nicht länger zu reiten; ich riss diese zugegebenermaßen nicht sehr tragfähige Säule meiner Altersvorsorge ein, kündigte die Versicherung und ließ mir den sogenannten Rückkaufwert auszahlen, rund 6000 Euro. Ich weiß noch nicht, was ich damit anfange. Zu meinem Erstaunen machte der Kundenberater der Versicherung am Telefon keinerlei Anstalten, mir die Kündigung auszureden. Wenige Tage später las ich, das Unternehmen werde sich aus dem Geschäft mit Lebensversicherungen zurückziehen. Meine Kündigung passte also bestens in die Geschäftsstrategie. Erst jetzt, bei der Kündigung, stellte ich fest, dass ich die Ausschüttung nicht mit 65, sondern erst mit 71 Jahren erhalten hätte – weil die Versicherungsgesellschaft bei Vertragsabschluss irrtümlich 1969 als Geburtsjahr in ihre EDV eingegeben hatte statt 1963. Da ich die jährlichen Schreiben nie gelesen hatte, war mir der Fehler nicht aufgefallen.

Andere Prioritäten

Zurück ins erste Jahr meiner Freiberuflichkeit. Ich hatte andere, sehr viel konkretere Sorgen als meine Altersversorgung. Ich brauchte Geld, und zwar schnell. Aus der aufwendig sanierten Altbauwohnung war ich mit meiner damaligen Frau und unserer kleinen Tochter schon nach drei Jahren wieder ausgezogen, weil ich zwischendurch meinte, anderswo eine Stelle annehmen zu müssen, die ich aber bald darauf schon wieder kündigte. Die Nachmieter waren nicht willens, mehr als einen Bruchteil der investierten 60 000 D-Mark als Abstand zu zahlen. Die Modernisierung hatten wir seinerzeit über den Dispokredit finanziert, den wir in der Zwischenzeit aber nicht zurückgeführt hatten.

Nun kam alles auf einmal. Da meine Frau und ich zu der Zeit geschieden wurden, übernahm ich die Hälfte der Schulden. Ausgerechnet jetzt kappte die Bank meinen Dispokredit, da ich als Freiberufler ein zu großes Risiko darstellte. Unglücklicherweise war ich mit meiner Entscheidung für die Freiberuflichkeit auch noch geradewegs in die Medienkrise nach dem Platzen der Dotcom-Blase gerauscht. Wochenlang rief kein Redakteur an. Niemand wollte meine Themen. Ich musste mir privat Geld leihen, immer wieder. In meiner Not ließ ich mir vom Versorgungswerk der Presse meine binnen neun Jahren angesparten Beiträge auszahlen. Ich glaube, es waren 18 000 Euro. Die Arbeitgeberbeiträge in gleicher Höhe waren damit auf ewig verloren. Ich las damals ein Buch über die Große Hungersnot im Irland der 1840er-Jahre. Nachdem die gesamte Kartoffelernte auf den Feldern verfault war, aßen viele Bauern in ihrer Verzweiflung die Saatkartoffeln für die nächste Ernte auf.

Aber es war ja noch das Haus da.

Bald merkte ich, dass es so eine Sache war mit dem Haus. Seit seiner Fertigstellung war es fortwährenden Verbesserungs- und Verschönerungsmaßnahmen ausgesetzt, die wohl die Verhältnisse eines Oberamtsratsgehalts knapp, aber dafür dauerhaft überstiegen. Meine Eltern ließen eine Sauna einbauen, die niemand nutzte, einen Partykeller, in dem niemand feierte. Decken wurden mit dunklem Holz verkleidet und ein paar Jahre später weiß angestrichen, immer teurere Teppiche wurden ausgelegt, Wände neu tapeziert, ungezählte Tischchen, Lämpchen und Schüsselchen aufgestellt. Das Ergebnis lässt sich relativ präzise beschreiben: Das Haus meiner Eltern ist vermutlich das einzige weit und breit, das 55 Jahre nach seiner Fertigstellung nicht abbezahlt ist. Das wurde mir schlagartig klar, nachdem mein Vater gestorben war und ich die Unterlagen ordnete. Wenn ich mich richtig erinnere, war die damalige Resthypothek mit 90 000 Euro höher als der ursprüngliche Preis für Grundstück und Bau. Mein Vater hatte immer wieder neue Darlehen aufgenommen, auch in Phasen hoher Zinsen, Anfang der Achtzigerjahre, zu Zinssätzen von bis zu 18 Prozent. Von den Zinszahlungen, die für all diese Kredite in all den Jahrzehnten aufgebracht werden mussten, hätten vermutlich mehrere Häuser gebaut werden können.

Aber steht es mir zu, das zu kritisieren? Mich darüber zu beklagen, dass meine Eltern es nicht geschafft haben, ihren Kindern eine schuldenfreie Immobilie zu hinterlassen? Es ist nicht mein Haus, ich habe weder zu seiner Errichtung noch zu seinem Erhalt irgendetwas beigetragen, außer als Kind und Jugendlicher hin und wieder – und zwar äußerst widerwillig – den Rasen zu mähen. Welche Ansprüche habe ich also anzumelden? Gegen meine Mutter zum Beispiel? Soll ich zu ihr sagen: „Halt das Geld schön zusammen, damit genug für mich übrig bleibt?“ Außerdem spiele ich mit dem Gedanken, mit dem Geld etwas Unvernünftiges zu tun. Seit 30 Jahren träume ich von einem VW Karmann-Ghia, es muss kein Cabrio sein; auch das Coupé ist wunderschön. Gut erhaltene Exemplare kosten leider 20 000 Euro. Und meine jetzige Frau stört sich schon seit ihrer Jugend an dem kleinen Höcker auf ihrer Nase. Die OP würde ich ihr wohl nicht verweigern.

Manchmal denke ich, es wäre am besten, das Geld aus dem Hausverkauf – nach dem Abzug der inzwischen reduzierten Restschuld bleiben immer noch 190 000 Euro – wäre weg. Einfach so.

Ein neuer Anlauf

In Sachen Altersvorsorge bestand also akuter Handlungsbedarf. In den folgenden sechs Jahren unternahm ich allerdings – nichts. Irgendwann führte mein Weg mich dann doch zu meiner Hausbank. Inzwischen gab es die Riester-Rente. Ich erkundigte mich, ob nicht auch ich in den Genuss der staatlichen Förderung von immerhin 154 Euro pro Jahr kommen könnte. Der Beraterin gelang es dann, mir eine private Rentenversicherung ohne jegliche Förderung zu verkaufen. „Riester kommt für Sie als Freiberufler nicht infrage“, sagte sie. Später erfuhr ich, dass ich über die Künstlersozialversicherung durchaus Anspruch auf einen Riester-Vertrag gehabt hätte. Wie viel mir dadurch entgangen ist? Ich habe nie nachgerechnet und tröste mich damit, dass – wie immer wieder zu lesen ist – die meisten solcher Verträge trotz der staatlichen Zulage nur eine kümmerliche Rendite erwirtschaften.

Die Rentenversicherung mit einem Beitrag von 260 Euro monatlich sollte das neue Fundament meiner Altersvorsorge werden. Ich wählte die Anlagestrategie „Chance“, entschied mich also für einen hohen Aktienanteil im Fonds. „Ziel dieses Produktes ist es, eine möglichst hohe Rendite für den chancenorientierten Investor zu erzielen“, hieß es im Verkaufsprospekt. Mutig nahm ich das einer Anlage in Aktien immanente Risiko in Kauf, im schlimmsten Fall einen Großteil des Angesparten zu verlieren. Im Prinzip hat die Sache gut funktioniert. Der Fonds hat, wie ich jetzt nachgeschaut habe, seit meinem Einstieg vor acht Jahren gut 25 Prozent an Wert gewonnen. Schade ist nur, dass ich von dieser Entwicklung so gut wie gar nicht profitieren werde. Gut ein Jahr nach Vertragsabschluss tat ich nämlich etwas, vor dem alle Experten zu Recht warnen: Ich begann, dieses Fundament meiner Alterssicherung wieder herauszureißen – und ein neues zu gießen.

Ich hätte das vermutlich nie getan, wenn wir damals für unsere Hobbyband nicht einen Bassisten gesucht hätten. Bassisten sind knapp, muss man wissen. In der Kneipe lernte ich Steffi kennen. Sie erzählte, dass sie Bass spiele und außerdem für den Finanzdienstleister AWD arbeite. Als Finanzberaterin – eine höfliche Umschreibung für Drückerin. Damals stand AWD („Ihr persönlicher Finanzoptimierer“) noch nicht wegen Fehlberatung und überhöhter Provisionen in der Kritik. „Wie sieht es denn mit deiner Altersvorsorge aus?“, fragte sie mich. Kneipenbekanntschaft und Altersvorsorge, da hätte ich wachsam werden müssen. Aber ich hoffte, Steffi würde mal zu einer Probe kommen, und ließ mir einen Termin bei ihrem Chef geben. „Völlig unverbindlich“, sagte sie. „Wir gucken mal, was du schon so hast. Vielleicht lässt sich da ja noch was optimieren.“

Ich war ein leichtes Opfer. „Damit werden Sie Ihren Lebensstandard im Alter bei Weitem nicht halten können!“, eröffnete mir Steffis Chef, nachdem ich ihm die Trümmer meiner Vorsorgeversuche offenbart hatte. Mindestens 1000 Euro im Monat würden fehlen. „Wir machen Rürup!“, verkündete er freudig. Als Wirtschaftsweiser und „Rentenpapst“ hatte Bert Rürup emsig für die private Vorsorge getrommelt und damit Firmen wie AWD das Feld bestellt. Was ich nicht ahnte: Wenige Monate später würde er als Chefökonom bei AWD anheuern. Wie auch immer – steuerliche Vorteile, die Beiträge in voller Höhe absetzbar, das klang gut. Ich fragte mich, warum die Beraterin meiner Hausbank auch darauf nicht gekommen war.

Ein paar Zusatzkosten

Ich stieg also mit einem Monatsbeitrag von 250 Euro in einen Rürup-fähigen Rentenfonds ein, wiederum mit hohem Aktienanteil, aufgelegt von einer kanadischen Lebensversicherungsgesellschaft und von AWD gegen Provision vermittelt. Die Provision liegt, wie ich erst jetzt beim Durchblättern der Versicherungsbedingungen feststellte, bei acht statt der branchenüblichen drei bis fünf Prozent. Anders ausgedrückt: Von den insgesamt 66 000 Euro, die ich bis zum Jahr 2031 in den Fonds einzahlen werde, entfallen 5236,88 Euro auf „Abschluss- und Vertriebskosten“ – sie werden vom Fondskonto abgesaugt. Es kassieren ja beide – der kanadische Versicherer und AWD. Hinzu kommen jährlich 60 Euro Verwaltungsgebühr sowie 150 Euro „Kosten für die Zuweisung von Anteilen“, was immer das bedeuten mag.

Erwähnt werden müssten wohl auch noch die Fondsverwaltungsgebühren, die von anfangs 1 Prozent nach und nach auf 2,4 Prozent des Guthabens steigen. 2,4 Prozent von 66 000 Euro, das macht 1584 Euro allein im letzten Jahr der Laufzeit. Auf der anderen Seite genieße ich eine jährliche Steuerersparnis von rund 450 Euro. Meine Hoffnung, dass dieser Bonus die Kosten für Provision und Fondsverwaltung auf lange Sicht zumindest kompensiert, ist aber nicht allzu ausgeprägt.

Am Tag nach dem Abschluss bei AWD ging ich zu meiner Hausbank. Zwei private Rentenversicherungen würde ich mir auf Dauer nicht leisten können, zumindest nicht in der vereinbarten Höhe. Also reduzierte ich den Monatsbeitrag für den Hausbank-Fonds von 260 auf 30 Euro. Welche monatliche Rente oder einmalige Kapitalausschüttung ich dereinst zu erwarten habe, weiß ich nicht. In der jüngsten Mitteilung der Fondsgesellschaft stand, dass meine Frau, wenn ich jetzt stürbe, 4794,70 Euro bekäme, immerhin.

Wenn ich jetzt einen Vergleich ziehe – vor und nach AWD-Abschluss –, muss ich eingestehen, dass diese Volte ein Fehler war. Statt 260 Euro in einen Fonds zahle ich seitdem 280 Euro in zwei Rentenfonds ein – ein Vorsorge-Fortschrittchen, das ich mit Zusatzkosten in Höhe von vermutlich weit mehr als 20 000 Euro reichlich teuer erkauft habe.

Aber was wird denn nun aus den 66 000 Euro, die ich bis 2031 einzahlen werde? Kürzlich schrieb mir der kanadische Versicherer, dass ich zum vereinbarten Rentenbeginn mit einer Zahlung von 125 520,43 Euro rechnen könne – allerdings unter der wohl äußerst unrealistischen Annahme eines gleichbleibenden Wertzuwachses von sechs Prozent jährlich. Gestern habe ich mir zum ersten Mal, seit ich den Vertrag vor sechs Jahren abgeschlossen habe, die Wertentwicklung angeschaut. Nach den ersten zwei Jahren – ich hatte 6000 Euro eingezahlt – betrug der Wert meines Guthabens 3575,69 Euro. Ende 2014 – eingezahlt waren bis dato 18 000 Euro – lag er inklusive der bisher erwirtschafteten Rendite bei 12 040 Euro. Und das, obwohl sich der Fonds während der gesamten Zeit gut geschlagen hat, auch im Vergleich zu Produkten der Konkurrenz. Fast 6000 Euro sind vernichtet worden. Die kommen auch nicht wieder. Das liegt daran, dass – wie ich ebenfalls gelesen habe – in den ersten fünf Jahren die gesamten Abschluss- und Vertriebskosten von den eingezahlten Beiträgen abgezogen werden. Bei AWD, mittlerweile gekauft von der Schweizer Versicherungsgesellschaft Swiss Life Select, kann ich mich darüber nicht mehr beschweren. Ansprechpartner für alle Fragen ist jetzt der kanadische Lebensversicherer, der den Fonds aufgelegt hat. Da hätte ich auch gleich bei ihm kaufen können. Irgendwann werde ich einmal genau ausrechnen, welch traumseligen Wertzuwachs mein Fonds im Schnitt erwirtschaften müsste, um wenigstens die gesamten Kosten plus bescheidene Rendite wieder einzuspielen. Ich fürchte, das wird ein bitterer Abend.

Schon heute weiß ich, dass ich nicht mit 65 oder 67 in Ruhestand gehen, sondern weiter arbeiten werde, solange es Menschen gibt, die meine Geschichten lesen. Aber das ist nicht schlimm, ich arbeite gern.

Steffi ist übrigens nie zur Bandprobe gekommen. ---

Mehr aus diesem Heft

Ökonomischer Unsinn 

Schön gerechnet

Warum das Arbeiten mit Tabellenkalkulations-Programmen wie Excel so gefährlich ist.

Lesen

Ökonomischer Unsinn 

Der schöne Schein

Will ein Finanzverwalter Kunden locken, muss er seriös, erfolgreich und rentabel erscheinen. Das glaubten viele Kunden der Schweizer Helvetia Wealth. Die Geschichte einer Verführung.

Lesen