Ausgabe 07/2015 - Schwerpunkt Maschinen

Industrie 4.0: Wandel zur Wissensgesellschaft

Schichtwechsel

1. Der Geist der Maschine

Es war ein Wunder.
1770 präsentierte Wolfgang von Kempelen in Wien einen unglaublichen Automaten: den Schachtürken. Dessen Erfinder war kein einfacher Jahrmarktschausteller, sondern ein kaiserlicher Hofbeamter aus bester Familie.

Noch lange nach dem Tod seines Konstrukteurs im Jahr 1804 sorgte der Schachtürke für Furore – in Paris, Potsdam, New York und London. Der Apparat bestand aus einer großen Figur in osmanischer Tracht, die hinter einer großen Kiste befestigt war, auf der sich wiederum ein Schachbrett befand. Die Figur konnte mit dem Kopf nicken oder ihn verneinend schütteln, und ihr rechter Arm führte einen Stab, der die Schachfiguren auf dem Brett bewegte. Aus dem Inneren der Maschine hörte man laute und regelmäßige mechanische Geräusche wie von tickenden Uhren, Zahnrädern und Hebeln – klick, klack.

Das Publikum sah und staunte.
Der „Türke“ trat gegen die besten Spieler seiner Zeit an und gewann fast immer. Die Promis rissen sich um eine Partie mit ihm. Friedrich der Große soll 1785 eine Partie gegen die Maschine, die dafür eigens nach Sanssouci gebracht worden war, verloren haben. Ein Vierteljahrhundert später saß der Schachtürke dem Kaiser der Franzosen, Napoleon Bonaparte, gegenüber. Der Feldherr befand sich auf dem Zenit seines Erfolgs. Doch lange vor Moskau, Leipzig und Waterloo beendete der sagenhafte Apparat den Siegeszug des Korsen. Schachmatt.

Fast 70 Jahre lang verdienten die wechselnden Besitzer des Schachtürken ein Vermögen, bis Ende der 1830er-Jahre der Schwindel aufflog. Im Inneren der vermeintlich selbstständigen und klugen Maschine hatte sich von jeher ein menschlicher Schachspieler versteckt – klick, klack. Das Geklappere sollte nur davon ablenken, wer wirklich die Züge auf dem Brett ausführte.

Die äußere Form dieses Betrugs, der Schachtürke, ist seither zum geflügelten Wort für Täuschungen und Irreführungen geworden. Wenn etwas „getürkt“ ist, dann versucht jemand, uns ein X für ein U vorzumachen. Das erreicht man, wie beim Schachtürken, durch eine ausgeklügelte Konstruktion, die den wahren Inhalt geschickt verbirgt. Aber das allein reicht nicht, wie jeder Magier weiß. Die wichtigste Voraussetzung fürs „Türken“ findet man stets bei jenen, die sich türken lassen. Einer verfälscht die Wirklichkeit, weil es in seinem Interesse liegt. Aber der Betrogene wird getäuscht, weil er nur sieht und hört, was er sehen und hören will. Das ist der Geist der Maschine. Sie tut, was wir wollen, sie ist, was wir sind.

2. Die Universalmaschine

Es ist kein Zufall, dass sich die Erfolgsgeschichte des Schachtürken mit jenem Zeitabschnitt deckt, den die Historiker heute die erste industrielle Revolution nennen, eine Ära, in der man Maschinen und Automaten alles zutraute. Die Leute waren begeistert vom Geist der Maschine. Sie versprach nicht bloß Unterhaltung wie beim Schachtürken. Viel wichtiger war die Aussicht, dass sich die Menschen durch sie von der Plackerei befreien würden, die sie seit jeher zur Sicherung ihrer Existenz auf sich nehmen mussten. Alle modernen Utopien haben ein Ziel: eine Welt, in der Menschen tun, was sie möchten, während die Maschine arbeitet. In den Dystopien, den heute so populären negativen Gegenstücken zur guten Zukunft, ist das genau umgekehrt. Da bedienen wir den Automaten, der uns traktiert, wenn wir nicht parieren – oder uns gleich ganz vernichtet. Hinter dem von der deutschen Politik und den Verbänden gepushten Schlagwort „Industrie 4.0“ steckt immer beides: Himmel und Hölle der Automatisierung.

Auf der grundlegenden Ebene ist Industrie 4.0 der Eintritt der Produktion ins entwickelte Informationszeitalter – digital, vernetzt, flexibel. Diese Schlagworte meinen eine auf Vollautomatik ausgerichtete, mit Lieferanten, Partnern und Märkten vernetzte und hochflexible Produktionsstätte, die der personalisierten, individuellen Produktion verpflichtet ist: der viel zitierten „Losgröße 1“.

Produkte kommen nicht mehr von der Stange, sondern werden nach den Erfordernissen und Bedürfnissen einzelner Kunden gefertigt. Das schließt Großserien nicht aus, wobei sich die Produkte in ihrer Funktion und ihrem Aussehen aber deutlich unterscheiden können. Zudem warten sich die Systeme zusehends selbst.

Das ist mehr als ein Fließband mit Internetanschluss. Es ist der Abschied von der wichtigsten industriellen Doktrin überhaupt, der Massenproduktion. Die wird es zwar auch weiterhin geben, aber neue Märkte und Wachstum generiert man nur noch durch flexible, individuelle Produkte. Das wird nahezu alles, was uns vertraut vorkommt, nachhaltig verändern.

Die Maschine aus dem Industriekapitalismus, der Automat der Massenproduktion, kann eine Sache, und die gut, gründlich und schnell. Die neue Produktionswirtschaft aber ist die Universalmaschine, der Computer, ein per Definition frei programmierbares, der jeweiligen Problemstellung anpassbares System.

Diesen Trumpf spielt die Universalmaschine aber erst in der Vernetzung voll aus, also in der Kommunikation und im Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten – bis hin zum Kunden, den man früher „Verbraucher“ nannte. Früher kauften die Leute, was man massenhaft herstellte. Nun bestellen sie, was sie möchten – wie in einem Restaurant, in dem à la carte gegessen wird.

Die Norm verliert an Bedeutung. Wer eine schlaue Fabrik haben will, die sich rasch wechselnden Bedürfnissen anpassen kann, muss anders denken, als er es in der Ära der Massenproduktion gelernt hat. Das gilt für Mitarbeiter, Organisation, Entwicklung und die Art und Weise, welche Rolle die Kunden und Partner bei Innovationen spielen.

Und es braucht auch eine neue technische Offenheit: Die Produktion ist ein Teil des Internets der Dinge, in dem Daten gesammelt und ausgetauscht werden. Was man da beherrschen muss, ist die Kunst des Zusammenbringens, der gelungenen Kommunikation.

Das Wichtigste ist aber etwas anderes, weit Grundlegenderes: die Fähigkeit und Bereitschaft, nicht nur die Welt der Produktion mit neuen Augen zu sehen. Oliver Kelkar ist der Chef der Abteilung Innovationsmanagement der Porsche Tochter MHP in Ludwigsburg und weiß, wie sehr die neue Produktion unsere bisherigen Sichtweisen herausfordert. Das bekannteste deutsche Industrieprodukt, das Auto, wird nach wie vor als Hardware begriffen und nicht als das, was seinen Wert längst schon bestimmt: die ihm innewohnenden Funktionen, Fahr- und Assistenzsysteme, der Komfort und die Sicherheit, die nicht von Materialien abhängen, sondern von Programmen. „Das Produkt wird immer mehr zur Software“, sagt Kelkar, „das sagt sich leicht, ist aber immer noch sehr schwer zu denken.“ Das kann man so sagen. Begriffen wird nur, was man greifen kann.

So sind bereits heute nahezu alle Assistenzsysteme in den Bordcomputern gespeichert. Doch wer sie nutzen will, muss die Funktion kostenpflichtig freischalten lassen. Viele Kunden ärgert das. Sie sind, wenn es um Wissen und Zugriff darauf geht, in einer Welt aufgewachsen, in der geistiges Eigentum gern verschenkt wird – was den Stellenwert der dahintersteckenden Wissensarbeit trefflicher beschreibt als jede akademische Abhandlung. Dass nicht die Ma- schine den eigentlichen Wert repräsentiert, sondern das, was sie zu leisten imstande ist, muss erst mühsam gelernt werden. „Wenn wir jetzt anfangen, ist das ein Generationsprojekt“, sagt Kelkar trocken. Sein Job erinnert zurzeit sehr an die frühen Neunzigerjahre: „Damals galten wir als Spinner, weil wir sagten: Das Internet wird euer Geschäft verändern. Jetzt haben wir das wieder.“ Kelkar weiß: Das wird noch ein hartes Stück Arbeit.

3. Die Schlafmützen

Die Konsequenzen, die sich aus der Digitalisierung der Fabrik ergeben, gehen viel tiefer als die bisherigen Veränderungen durch das bisschen Web, das seit gut 20 Jahren die Ökonomie umgestaltet.

Die Transformation von der Einheits- zur Universalmaschine rückt das Wissen in den Mittelpunkt. Mit routiniertem Fleiß, dem Wortsinn von Industrie, hat das kaum noch etwas zu tun. Schon der Begriff Industrie 4.0 führt deshalb auf den Holzweg. Wären wir wirklich auf das, was es ist, vorbereitet, müsste man das Ding beim Namen nennen: Wissen 1.0.

Ist das Wortklauberei? Nein. Es ist ein Grund dafür, weshalb das, was Industrie 4.0 kann, nicht wirklich in den Köpfen der Verantwortlichen angekommen ist. Der T-Systems-Manager Reinhard Clemens hatte im Januar dieses Jahres den Mut, das auch auszusprechen: „Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen“, sagte er auf einer Tagung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf. „Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir verloren.“ Beim Thema Industrie 4.0 würden vor allen Dingen, so Clemens, die Gremien und Arbeitskreise gut laufen, die Bürokratie also.

Woran es wirklich hapert, ist etwas anderes: Die deutsche Arbeits- und Wirtschaftskultur fremdelt massiv mit der Wissensgesellschaft und ihren Möglichkeiten. Das hat sie bereits beim Computer und dem Internet getan. Und nun, wo es um die Veränderung ihrer Kernkompetenz, der Produktion, geht, zeigt sie, dass auch ihr Maschinenbild von gestern ist.

Das hat kulturelle Gründe. Denn der Begriff Industrie steht in Deutschland nicht einfach wie anderswo für eine Produktionsform, sondern ist eine Weltanschauung. Sie ist eine heimliche Staatsreligion, ein Glaubensbekenntnis, auf das immer wieder zurückgegriffen wird, weil sich in ihm die Geschichte der Bundesrepublik spiegelt.

Und natürlich ist der Name Industrie 4.0, den Bundesregierung, BDI, der Technikförderverein Acatech, der Maschinenbauerverband VDMA und andere Branchenvertreter ausgeknobelt haben, alles andere als zufällig gewählt. Industrie 4.0, das soll klick, klack machen in den Köpfen von Bürgern, Unternehmern und Managern. Industrie 4.0 suggeriert eine Art logischen nächsten Schritt in der Industriegesellschaft, ihrem Sozialstaat und dem gängigen Erwerbsmodell: Sicherheit, Kontinuität, keine Brüche. Ja gut, es wird ein bisschen digitalisiert, aber sonst bleibt alles beim Alten – eine Fabrik mit Fließband und Internetanschluss, festen Arbeitszeiten und einer dazugehörigen festen Lebensplanung bis zur Rente. Der Name ist Programm: Industrie 4.0, ein Schritt nach vorn, zwei zurück. Ein getürkter Fortschritt.

Seit Beginn der Digitalisierung in den Siebzigerjahren bestimmen die USA, Japan und China die Themen: Personal Computer, Internet, Netzwerke, personalisierte wissensbasierte Produktion – das machen die anderen, wir gucken lieber erst mal. Das Thema ist hierzulande wie folgerichtig fest in den Händen großer, global agierender Unternehmen, die sich längst nicht mehr an der deutschen Gesellschafts- und Sozialordnung orientieren.

Dem Rest wird der Fortschritt von oben verordnet.
Dass das nicht auffällt, ist Teil des Problems. Die vermeintlich vierte industrielle Revolution ist die erste, die auf Geheiß von Politikern und Verbänden stattfinden soll. Die industriellen Revolutionen Nummer eins, zwei und drei erhielten ihre Namen noch auf ganz altmodische Art und Weise, im Nachhinein, also nachdem ihr Wesen für alle sichtbar war. Man gab einer Tatsache einen Namen, keiner politischen Wunschvorstellung.

Das Original, die erste industrielle Revolution, beginnt zur Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien. Es ist die Zeit, in der der schottische Moralphilosoph Adam Smith in der Arbeitsteiligkeit und Automatisierung die Grundlage des „Wohlstands der Nationen“ erkennen wird. Die Mechanisierung ist weit fortgeschritten, ebenso wie der Ausbau der internationalen Handelswege. England wird zur „Werkstatt der Welt“, zum Ort, an dem für jedes bekannte Problem eine Lösung gesucht und gefunden wird.

Doch anfänglich leiden die Industrie und ihr Kapitalismus an mangelnder Puste. Es geht darum, neue Kraft- und Energiequellen zu erschließen, die Maschinen effizient antreiben können.

Der französische Historiker Fernand Braudel hat für diese Zeit vor der Französischen Revolution eine Energiebilanz für Europa errechnet: Rund 38 Millionen Pferde und Rinder liefern eine Gesamtleistung von 10 Millionen PS. Holz zum Befeuern von Öfen weitere rund 4 bis 5 Millionen PS. Insgesamt 50 Millionen Menschen, so viele Einwohner zählt Europa im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, bringen bei äußerster Mühe weitere 900.000 PS ein. Die Segelkraftleistung aller Schiffe zusammen rund 233.000 PS. Dazu kommen weitere 500.000 bis 600.000 Wassermühlen, deren Leistung bei 5 bis 7 PS liegt. Pro Person stehen somit höchstens 0,4 PS zur Verfügung, und diese Kraft ist noch dazu von unzähligen Faktoren, dem Wind, dem Wetter, der Tageszeit oder – bei Tieren und Menschen – ihrer aktuellen Konstitution abhängig.

Eine Dampfmaschine hingegen ist eine von den Launen der Natur unabhängige Kraftquelle. Sie kann rund um die Uhr arbeiten. Das führt schließlich zum Schichtbetrieb, der bis heute unsere Arbeitszeiten und unsere Vorstellungen von Dienst und Freizeit dominiert. Seit es die Dampfmaschine gibt, ist der Arbeit keine Grenze mehr gesetzt.

Erst recht, als diese Maschine als Eisenbahn mobil wird, zum Netzwerk, das Rohstoffe und Fertigwaren über große Distanzen verteilen kann.

Die erste Phase der Industrialisierung dauert bis etwa 1840. In Deutschland regiert damals der Biedermeier. Die Deutschen leben auf einem Flickenteppich aus Fürstentümern und Stadtstaaten, und sie gelten noch nicht als die fleißigen Arbeitsbienen der Welt, im Gegenteil. Die populärste Figur dieser Zeit ist der Deutsche Michel, ein vergnatzter Spießer, dessen Erkennungssymbol die Schlafmütze ist – ein Charakter, der, wie es der zeitgenössische Sprachforscher Joseph Eiselein sagt, stellvertretend für das „ganze schwerleibige deutsche Volk“ steht. Es gibt aber Ausnahmen.

4. Drill

Denn in den preußischen Territorien ticken die Uhren anders. Hier ist der Schornstein bereits ein Symbol für Wohlstand und sozialen Aufstieg geworden. Die Geburtsstunde eines geeinten Deutschlands unter Preußens Führung wird mit Industrieprodukten von Krupp eingeläutet – jenen Kanonen, die den Krieg gegen Frankreich 1871 entscheiden. Ab jetzt wird man sich stolz „Industrienation“ nennen und nie wieder damit aufhören. Bald schon überholt der Lehrling den Meister. Großbritannien, das sich stolz „Werkstatt der Welt“ nennt, fällt zurück.

Mit den USA setzt sich Deutschland an die Spitze der Industrienationen. Chemie, Pharma, Stahl, Maschinenbau und vor allem die Elektrizität bilden die Grundlagen einer neuen, arbeitsteiligen Massenproduktion – der zweiten industriellen Revolution. Sie ist Deutschlands Meisterstück. Bis heute verbinden die meisten Menschen mit dem Begriff der Industrie das, was damals begann.

Nichts bleibt, wie es ist. Maschinen und Technik werden allgegenwärtig. Massenprodukte überschwemmen das Land. Die Macht der Wirtschaft geht auf Konzerne und die sie finanzierenden Banken über. Leitende Angestellte, die man später einmal Manager nennen wird, übernehmen die Unternehmensführung. Die neue Ordnung verändert die deutsche Kultur, ihre Sichtweise auf Arbeit, sozialen Rang und Anerkennung. Selbst der Sozialstaat ist ein Kind der zweiten industriellen Welle – erfunden vom Reichskanzler Otto Bismarck zur Befriedung der Arbeiter und ihrer Integration in die neue Ordnung.

Die meisten Bürger brauchen diese Entwicklung nicht im Detail zu kennen. Das kollektive Gedächtnis hat trotzdem all das, was damals als Erfolg galt, als Momentaufnahme gespeichert und bis heute zur Regel erklärt. Fleiß, Disziplin, Vereinheitlichung, Gleichschritt – der ganze preußische Drill. Er findet sich auch im aktuellen Wertekanon wieder, ergänzt um den später aus den USA hinzugekommenen Taylorismus, der jeden Arbeitsschritt bis ins Kleinste vorgibt. Der Mensch wird damit zum Teil der Maschine, die er bedient. Das führt zu einer Arbeitskultur, in der man auf routiniertes Können stolzer ist als auf kreatives Neuschaffen – schlechte Bedingungen, wenn man Wissen und Innovation verkaufen will.

Wer das auch nur feststellt, steht schon im Widerspruch zur nach wie vor herrschenden Kultur. Und überdies wird einem sofort nachgewiesen, wie erfolgreich doch diese Ära der Unterordnung war und immer noch ist. Es ist nicht nur der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), der das Comeback der alten Produktionsform beschwört, sondern auch der politische Mainstream und die meisten Medien. Das ist so, weil man es nicht besser wissen will.

5. Der Irrtum

Die Wirklichkeit sieht längst anders aus: „Die Bundesrepublik Deutschland ist, gemessen an allen wichtigen Parametern, heute kein klassisches Industrieland mehr“, stellte der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe im Jahr 2009 fest. Auf dem Höhepunkt des Nachkriegswirtschaftswunders, Mitte der Sechzigerjahre, waren 49,2 Prozent der deutschen Arbeitnehmer in der Industrie beschäftigt, 40,1 Prozent im Dienstleistungssektor und 10,7 Prozent in der Landwirtschaft. Seitdem hat sich das Verhältnis deutlich verändert: zu fast 74 Prozent Beschäftigung im Dienstleistungsbereich, 1,5 Prozent in der Landwirtschaft und 24,6 Prozent in der Industrie.

Gleichzeitig hat sich die Produktivität mehr als versechsfacht. Das versteht man klarer, wenn man weiß, dass die in der Statistik der Industrie zugeschlagenen Beschäftigten Wissensarbeiter sind, Ingenieure, Entwickler, Automatisierungs- und Prozessexperten. Die Industrie ist in Deutschland deshalb so erfolgreich und innovativ, weil sie längst Wissensarbeit ist, sie ist sogar ihr harter Kern. Aber weiß sie das auch? Und will sie es wissen?

Von jeher hat das Laute, die Hardware, das ruhige, aber wertvolle Wissen in den Schatten gestellt. Als Symbol der Industrialisierung gelten Eisenbahn, Stahlwerk, Dampfmaschine – das ganze Gedöns. Die eigentliche Schlüsselerfindung aber war der frei programmierbare Automat, genauer der am Ende des 18. Jahrhunderts vom Franzosen Joseph-Marie Jacquard entwickelte Webstuhl, der seine Stoffe nach Programmen webte, die auf Lochkarten vorgegeben waren. Das ist die Geburtsstunde der Automatisierung. Und das hat eine wei-tere Konsequenz. Diese Maschine setzt den menschlichen Geist um. Die Anwesenheit des Menschen im Produktionsprozess ist nur so lange erforderlich, bis es Ersatz für ihn gibt. Und zur korrekten Definition des Begriffs „technischer Fortschritt“ gehört es nun, dass die menschliche Arbeit mittels Maschine auf Automaten übergeht. Was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert.

Das ist eine zwiespältige Angelegenheit. Man könnte sich freuen, dass die Maschine den Job macht, wenn das nicht auch hieße, dass man dadurch in einer Welt, in der die Existenzberechtigung an Erwerbsarbeit hängt, alle Rechte verliert. Wissen schafft Automatisierung. Nicht das ist falsch, sondern der alte Deal, der dies zur Bedrohung macht.

Deshalb wurden schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die ersten Webstühle zerstört. Aus diesem Grund entfachte einige Jahre später der Waliser Ned Ludd den ersten Maschinensturm, den Karl Marx – samt den dazugehörigen Technikfeinden – dämlich fand. Nur Maschinen und volle Automatisierung, wusste er, konnte die Sozialdividende erwirtschaften, die ihm zur materiellen Befreiung des Proletariats nötig erschien. Er hatte damit recht behalten, ebenso wie jene Industriekapitalisten, die ihre Automatisierungsbestrebungen immer mit Wohlstandsversprechen für alle begleiteten.

Seit Beginn der industriellen Revolution hat sich das Einkommen eines Westeuropäers um das fast 50-Fache vermehrt und die Lebenserwartung verdreifacht, wobei der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer nur noch etwas mehr als 174 Tage im Jahr für Lohnarbeit aufwendet. Das ist bereits das Ergebnis einer real existierenden Maschinensteuer, einer Automatisierungsdividende, die weiterhin beständig wächst. Der Maschinenkapitalismus hat einen schlechten Ruf, aber eine untadelige Bilanz.

6. Ketten

All das ist nur wahr, wenn man Einzelschicksale außer Acht lässt. Tut man das nicht, dann ist das Unbehagen an der Automatisierung mehr als eine Wahrnehmungsstörung. Wer aber zu den jeweiligen Modernisierungsverlierern zählt, seine materielle Existenz verliert, dem sind historische Leistungen verständlicherweise völlig egal.

Auch wenn der Begriff der „Verlierer“ voller Widersprüche steckt.
Der amerikanische Bestsellerautor Jeremy Rifkin hat einmal festgehalten, dass die Dampfmaschine mehr für die Befreiung der Sklaven in den Baumwollfeldern getan habe als alle Sklavenbefreier der Nordstaaten zusammen. Denn im amerikanischen Bürgerkrieg siegte vor allem auch der fortschrittliche Industriekapitalismus des Nordens über die rückständige Agrargesellschaft des Südens. Aber war der Sieg der Yankees wirklich auch die glänzende Befreiung der schwarzen Sklaven? Mangels Alternativen blieben die meisten Afroamerikaner dort, wo sie waren, auf den Gutshöfen ihrer einstigen Herren, die sich kaum besser benahmen als zuvor. Die Ketten hatten nur ihre Form getauscht – aus Eisen wurde der Sachzwang der Lohnarbeit.

Das änderte sich im großen Stil erst mit der Automatisierung der Erntearbeit im Süden. Die gering qualifizierten Baumwollpflücker verloren massenhaft ihre Arbeit und drängten in die Städte. Damit waren ohne Zweifel furchtbare Schicksale verbunden, gleichzeitig aber auch die Chance auf mehr Bildung, sozialen Aufstieg und Emanzipation. Ganz ähnlich verlief, der Soziologe Max Weber hat das zum Ende des 19. Jahrhunderts eindrucksvoll dokumentiert, auch die Transformation von der Agrar- zur Industriegesellschaft bei uns. Es geht immer darum, dass die Gewinne die Verluste wettmachen – wir also das, was verlorengeht, auch vergessen können.

Der Autor Rudi Palla zählt in seinem Buch „Verschwundene Arbeit“ auf mehr als 270 Seiten Hunderte vorwiegend durch die Industrialisierung „untergegangene Berufe“ kursorisch auf: „Die meisten unserer Vorfahren haben ihr Leben lang Tätigkeiten ausgeübt, von denen wir nichts mehr wissen“, schreibt er. Viele der genannten Berufe sind erst seit wenigen Jahrzehnten vergessen. Was tat ein Reepschläger, ein Fallmeister, ein Pechsieder, um sein Auskommen zu sichern?

Was früher Allgemeinwissen war, ist heute die Nische von Fachhistorikern. Man kann das durchaus weiterspinnen. Was wird man in 20, 30 Jahren von Erwachsenen als Antwort bekommen, wenn man sie bittet, die Tätigkeit eines Automechanikers zu beschreiben? Ach so, das war der Vorgänger eines Mechatronikers, des Experten, der das Herzstück von Fahrzeugen – die Software, die Assistenz- und Komfortsysteme und die Steuerungs-Hardware – auf Funktionstüchtigkeit prüft und gegebenenfalls korrigierend eingreift.

Fortschritt heißt so, weil er fortschreitet. Die Automatisierung schiebt Entwicklungsprozesse an. Sie fordert die Qualifizierung geradezu heraus. Sie zwingt uns zum Lernen und zur Förderung individueller Fähigkeiten.

Das weiß auch einer der Vordenker der Industrie-gewerkschaft (IG) Metall, Ulrich Klotz, der die Vorzüge der Automatisierung hervorhebt. Gleichsam fordert er aber auch eine Leitkultur, in der „so viele Menschen wie nur möglich auf die Seite der Modernisierungsgewinner gebracht werden. Das ist das einzige Konzept, das nachweislich funktioniert. Wissen bleibt das Mittel gegen Ohnmacht“ (siehe brand eins 07/2013: „Volles Programm“) . Mehr Automatisierung, nicht weniger. Und mehr Ehrlichkeit, ein Ende der Selbsttäuschung.

7. Horror

Wo der Sprung zur wissensbasierten Ökonomie und zu mehr Wissen und Selbstständigkeit nicht gelingt, wird es ungemütlich. Wer an der alten Industriegesellschaft und ihrem auf Vollerwerb ausgerichteten Sozialstaat festhält und Kontinuität vortäuscht, gefährdet alles.

Vor vier Jahren, als das Industrie-4.0-Programm in Deutschland startete, machte eine Studie der US-Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson von sich reden. Die Kernthese: Zum ersten Mal in der Geschichte wird die Bilanz von Automatisierungsgewinnen und -verlusten aus dem Lot geraten. Die Kluft zwischen Gering- und Hochqualifizierten nimmt dramatisch zu.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch die Studie des Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael A. Osborne aus dem Jahr 2013. Die Wissenschaftler schätzten das Automatisierungspotenzial in den USA in den kommenden 10 bis 20 Jahren auf 47 Prozent aller heute vorhandenen Arbeitsplätze. Deutschland, so kommt eine aktuelle Adaption der Frey-Osborne-Studie durch die Volkswirte der ING-Diba zu dem Schluss, ist noch schlimmer dran: Hier stehen 59 Prozent aller Jobs zur Disposition (siehe auch Interview mit dem Verdi-Vorstand Lothar Schröder, Seite 116).

Das ist hochgerechnet, aber die Basis ist bereits enorm: 30,8 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland wurden nach der Methodik von Frey und Osborne analysiert, 18 Millionen Jobs gerieten bei den Computermodellen dabei in den roten Bereich. Sie können bereits jetzt durch Automaten, Software, Prozesse und Roboter ersetzt werden.

Der Kuchener Robotikspezialist Christian Abt, Chef von Erhardt und Abt, beziffert den Preis einer „Zelle“, wie eine Fertigungsrobotereinheit genannt wird, auf 150 000 Euro. „Das rechnet sich je nach Einsatzgebiet in zwei, drei Jahren, je nachdem, wie viele Schichten Sie damit fahren.“ Jede dirigistische Maßnahme am Arbeitsmarkt wie der Mindestlohn, „bringt uns weiter nach vorn“ (siehe auch „Schluss mit der Käfighaltung“, über die neue Robotergeneration, Seite 54). An der Spitze der Überflüssigen stehen Büro- und Hilfsarbeitskräfte (mit jeweils 85,7 Prozent Einsparpotenzial), dann Anlagen- und Maschinenbediener sowie Montageberufe (69,2 Prozent), Dienstleistungs- und Verkaufsberufe (68 Prozent). Und auch dort, wo der gesunde Menschenverstand scheinbar sichere, weil handfeste Tätigkeiten vermutet, passiert den Autoren der Studie zufolge Dramatisches: Im Handwerk soll die Automatisierung bis zu 63 Prozent der Jobs vernichten, unter gelernten Technikern 51 Prozent. Vergleichsweise sicher sind nur Akademiker (mit 11,8 Prozent) und Führungskräfte, die mit einem Totalverlust an Jobs von „nur“ 11,4 Prozent noch Glück haben. Aber wirklich ungeschoren kommt keine Gruppe davon. Die Nachricht ist eindeutig: Automatisieren kann man zwar nur normierte, routinierte Tätigkeiten. Aber die sind, sagen die Autoren, im industriellen Deutschland weit ausgeprägter als in den USA.

Das ist nicht neu, nur kaum bewusst.
Bereits vor 22 Jahren errechneten der frühere McKinsey-Manager Herbert A. Henzler und der Manager und Ex-Politiker Lothar Späth eine Arbeitslosenquote von 38 Prozent, falls man unverzüglich alle realisierbaren Automatisierungspotenziale in der Bundesrepublik ausschöpfte.

Darin stecken zwei Botschaften: Das Ausmaß an – politisch gewollter – Beschäftigungstherapie ist enorm. Jobs werden zur Aufrechterhaltung der alten Vollbeschäftigungsillusion geschaffen, was natürlich nur auf Kosten all derjenigen geht, die in ihren Bereichen umso produktiver sein müssen – was nur mit mehr Automatisierung gelingt. In manchen Branchen sind diese Mitnahmeeffekte enorm. Eine Studie der Universität Würzburg aus dem Jahr 1998 errechnete allein in der deutschen Finanzbranche ein Einsparpotenzial von 60 Prozent, für den Handel immerhin noch die Hälfte aller Arbeitsplätze. Die Vollbeschäftigung und die Erwerbsgesellschaft entpuppen sich als eine grandiose Täuschung – ein gewaltiger Schachtürke, der Zug um Zug in die Defensive gerät.

8. Das Zubehör

Professor Lars Windelband von der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd ist einer der wenigen Fachleute, die sich den Kopf darüber zerbrechen sollen, was mit den Leuten geschieht, die jetzt noch an alten Maschinen arbeiten. Der Technikdidaktiker erklärt die grundlegenden zwei Möglichkeiten: „Man gehört zu denen, die mit Assistenzsystemen arbeiten – also Menschen, die so qualifiziert sind, dass die Technik sie bedient und umsetzt, was sie sich einfallen lassen.“ Das wäre der neue Normalfall, und es liegt auf der Hand, dass Bildung und Wissen dabei die wichtigste Grundlage sind.

Wer zur zweiten Gruppe gehört, also zu jenen, die die Maschine bedienen, hat hingegen genauso verloren wie in der ersten industriellen Revolution. Es sind die Leute, die von Marx und Engels im Jahr 1848 als „bloßes Zubehör der Maschine“ bezeichnet werden, von denen „nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird“ und deren Arbeit „jeden selbstständigen Charakter und damit Reiz (…) verloren hat“.

Das neue Proletariat ist nicht mehr in stickigen, lebensgefährlichen Fabriken, sondern in grell erleuchteten Lagerhallen zu finden, wo sie zum Beispiel die Anweisungen, die ein System auf die Displays ihrer 3-D-Brillen schreibt, abspulen. Aber selbst diese Arbeit machen sie nur, bis man Automaten erfunden hat, die das besser und billiger können.

9. Kopfsachen

Die alles entscheidende Frage, sagt Windelband, laute daher: „Wie kann man die Leute dazu befähigen, immer einen Schritt über dem Automaten zu stehen?“ Also: Was heißt digitale Kompetenz? Wie definiert man Erwerb und Tätigkeit in der Wissensgesellschaft? Wer sich nicht selbst täuschen will, muss an heilige Kühe ran – etwa den hierzulande sakrosankten Begriff der „Ausbildung“. Gegen eine solide Vermittlung von reproduzierbarem Wissen ist nichts einzuwenden – außer dass das Ergebnis in der industrialistisch geprägten Kultur maßlos überschätzt wird.

Eine Ausbildung ist aber bloß eine Chance, ein Zugang zur Entwicklung persönlichen Könnens. Sie wird aber regelmäßig – und von der Arbeitskultur gedeckt – als Privileg verstanden, als Berufsausübungsberechtigung. Das sichert Hierarchien, macht aber das System auch undurchlässig. In den Niederlanden wird etwa auch die persönliche Erfahrung, die ein ungelernter Arbeiter nach Jahren an einer Maschine sammelt, als Teil seiner beruflichen Qualifikation anerkannt.

Durchlässigkeit, Kommunikation, das Auflösen alter Grenzen sind die wichtigsten Maßnahmen, um die Stolperfallen rund um die digitale Automatisierung zu beseitigen.

Oliver Kelkar von MHP weiß das gut: „Das beginnt und endet im Kopf. Der ganze Erfolg hängt von einer intellektuellen Leistung ab: Können wir uns vorstellen, dass es auch anders geht? Und sind wir bereit, die bestehenden Grenzen, die Schubladen, die Abteilungen und Sicherheiten zu überwinden? Hier dreht sich alles um Integration. Vernetzung funktioniert nicht, wenn man sich abschottet.“

Die wahre Automatisierung ist eine tiefe Strukturreform der alten Arbeitskultur, längst nicht allein in der Industrie. Dort ist man sich der nötigen Veränderungen noch am klarsten bewusst, wie Kelkar weiß: „Es bringt nichts, über Roboter zu reden, wenn man nicht über Selbstverantwortung, Individualisierung, Autonomie und flexible Projektkultur redet.“ Also die ganze, weitgehend unerledigte Hausaufgabenliste einer Wissensgesellschaft, in der es nicht mehr darum geht, wie verrückt – man könnte auch sagen: fleißig – am Rad zu drehen, sondern darüber nachzudenken, wohin das führt. Und wie man das besser machen kann.

Mehr mechanistische Modelle helfen da nicht, sondern nur Kreativität, ein Wort, das in der deutschen Kultur seit je unter Spaßverdacht stand. Bald lacht darüber keiner mehr. In einer aktuellen Studie des britischen Nesta Instituts haben die Automatisierungsforscher Frey und Osborne festgestellt, dass kreative Wissensberufe „nur sehr geringe oder keine Automatisierungsrisiken“ haben. Dass die USA mit ihren digitalen Giganten und Großbritannien mit seiner Softwareentwickler-Szene Deutschland voraus seien, so die Autoren, liege an der höheren Akzeptanz kreativer Arbeit in diesen Ländern.

Das ist nicht wirklich überraschend. So wenig wie die Tatsache, dass nun zur Bewältigung von Industrie 4.0 und Automatisierung bei uns noch mehr mechanistische Methoden angepriesen werden. Aber das kann nicht funktionieren.

Lassen wir uns nicht täuschen. Gegen die negativen Nebenwirkungen von Automatisierung hilft nur das, was Menschen ausmacht: kreatives Denken – immer wieder was Neues. Wir sind eben der Geist in der Maschine. ---

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