Ausgabe 07/2015 - Schwerpunkt Maschinen

Besser als Maschinen: Rückepferd, Drogenhund, Honigbiene

Die Unentbehrlichen

• Wer will heute noch sein Bettlaken auf dem Waschbrett schrubben und im Flusslauf spülen? Wer will wochenlang auf den Brief seiner Liebsten warten, weil die Postkutsche nun mal nicht schneller ist? Und wer möchte drei Jahrzehnte auf den neuen Schwedenkrimi warten, weil jedes Exemplar von Hand im Kloster vervielfältigt wird? Unbestritten: Die Technik hat uns eine Menge Bequemlichkeiten verschafft. Doch es gibt immer noch Aufgaben, bei denen sie dem Menschen unterlegen ist – wenn er ein Tier an seiner Seite hat.

Das Rückepferd

Kay Stolzenberg und Liberté sind gute Kollegen. Seit 13 Jahren arbeiten der Waldarbeiter und die Stute Seite an Seite im Unterholz. Während er einen Eschenstamm herbeiwuchtet, rupft sie Gräser aus dem Waldboden und dreht ihrem Kollegen das Hinterteil zu. Sie kennt die Arbeitsschritte und postiert sich ungefragt. Zu den trötenden Rufen eines Kranichpaars schlingt Stolzenberg die Eisenketten von Libertés Geschirr um den Stamm, fasst die rote Stoßleine und gibt das Kommando „Zieh!“. Liberté zerrt kräftig an der Esche und schleift sie über den nassen Waldboden. Stolzenberg manövriert sie durch den dichten Bewuchs, ständig den Radius der sperrigen Fracht im Blick. Wenn sich der Stamm zu verkeilen droht, treibt er sie an; seine Befehle sind weniger Worte als Waldlaute, deren immergleiche hohe Intonation wie die Triolen eines zu großen Waldvogels klingen. Mit „hott“ und „wiest“, den Richtungsangaben der Holzrücker, leitet er die Stute um einige Haarnadelkurven zur Rückegasse, eine jener schnurgeraden Schneisen, die alle 40 Meter den Wald teilen. Hier endet Libertés Einsatz für gewöhnlich, und die schweren Waldfahrzeuge übernehmen die Arbeit mit viel Getöse.

Das archaische Treiben von Stolzenberg und Liberté im Blütlinger Holz, an der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen- Anhalt, mutet an wie zu Urgroßvaters Zeiten. Das hört der Holzrücker allerdings gar nicht gern. Vergleiche mit der guten alten Zeit vor Lkw und Traktor bringen den 41-Jährigen ebenso auf die Palme wie Mädchen, die immerzu wissen wollen, wie seine Stute heiße und ob man auf ihr reiten könne und so weiter.

Stolzenberg ist kein Fortschrittsfeind, er ist Pragmatiker. Klar, er mag Pferde – aber deshalb müsse man nicht so ein Gewese um die Tiere machen, findet er. Es sei einfach so, dass der Waldboden in diesem Forst so nass sei, dass die schweren Maschinen nicht vorwärts kämen. Außerdem sei der Bewuchs so eng, dass man die Stämme nur mit der Seilwinde von der Gasse her aus dem Unterholz ziehen könne. Mann und Pferd erledigen diesen Job doppelt so schnell wie die Winde und für den halben Preis. Ganz abgesehen davon, dass – wie man hören könne – unweit der Kranich brüte und laute Waldmaschinen deshalb gerade Forstverbot hätten.

Er sei kein Romantiker, sagt Stolzenberg über sich. Aber als er nach getaner Arbeit mit seinem Schäferhund Timber, ohne den er keine hundert Meter geht, über die Lichtung schaut, sagt er: „Das ist doch wohl der schönste Arbeitsplatz der Welt hier.“ Seine Hände sind grob und schrundig, die Nägel bald so verhornt und dunkel wie die Hufe Libertés. Unter den sonnenblonden Augenbrauen blitzen wache Augen, und an seinem Hals schwillt ein frischer Mückenstich, den er nicht bemerkt.

Schließlich wendet er sich zu Timber und sagt beiläufig: „Geh schon mal ins Auto“, woraufhin der Hund ohne zu zögern zum Transporter rennt und sich ins Innere zwischen das Werkzeug legt. „Wenn ich mit meinen Tieren kein Geld verdienen würde“, sagt Stolzenberg, „würde ich sie mir nicht halten.“ Mittlerweile verdient er gut mit ihnen. In manchen Jahren ziehen sie zusammen bis zu 10 000 Festmeter Holz aus dem Wald, wofür er je Festmeter zwischen sechs und zehn Euro brutto bekommt.

Zum Holzrücker haben ihn der Zufall und sein Freiheitsdrang geführt. In Hamburg, seiner Heimat, hat er das Schreinerhandwerk gelernt, das ihn mit jedem Monat des Türen-, Fenster- und Treppenbauens weniger interessierte. Sein Hang zur Natur, den er spätestens während seines Wehrdienstes als Gebirgsjäger in Mittenwald entdeckte, wuchs stetig. Als er im Jahr 1998 im Finnland-Urlaub einen Schlittenhundeführer kennenlernte, der ihm sympathisch war und einen Sommerjob anbot, kündigte er in Hamburg, löste seine Wohnung auf und jagte 28 Monate lang mit Huskys durch den Norden. „Damit war das Thema Großstadt für mich durch“, sagt er. Zurück in Deutschland heuerte er bei einer Hofgemeinschaft südlich von Hamburg an, deren Privatforst er betreuen sollte. Mit Holz kannte er sich als Tischler aus, der Rest käme mit der Zeit, dachte er sich.

Zur Seite stand ihm ein pensionierter Förster, der in Stolzenberg seinen Schüler gefunden hatte. „In diesen Jahren haben wir jeden Baum vermessen.“ Sein Mentor war eine fachliche Bereicherung. Stolzenberg lernte, und als er wieder allein im Wald war, kaufte er sich ein Pferd. Allerdings wusste er nicht viel von der Arbeit mit Pferden im Gehölz; sein Großvater war zwar Pferdezüchter in Ostpreußen gewesen, aber mit dem Schleppen schwerer Stämme hatte das nichts zu tun. „Am Anfang war das schon eine Schinderei – für beide Seiten.“ Doch Mensch und Tier lernten voneinander. Seine heutige Kollegin, Liberté, könnte die Arbeit fast ohne ihn machen. Es gibt zwar feste Kommandos, doch im Grunde könnte er rufen, was er wollte, Liberté wisse genau, was zu tun sei, sagt er.

Dass ihm die Arbeit einmal ausgehen werde, glaubt er nicht. In den vergangenen Jahrzehnten sei der Preis für Industrieholz von neun auf 35 Euro pro Festmeter gestiegen. Früher, als Holz wenig wert war, ließ man schwer zugängliche Stämme einfach liegen. Heute sind sie dafür zu wertvoll, und weil ein großes Fahrzeug nicht zwischen die Bäume passt und die Seilwinde zu umständlich ist, kommen die alten Rückepferde weiterhin zum Einsatz. Sie sind wendiger und klüger als jede Waldmaschine.

Ökologischer sind sie obendrein. Wer einmal mit dem Laster über Waldboden fahre, verdichte diesen um 90 Prozent, erklärt Stolzenberg, damit verliert der Boden seine Fähigkeit, Wasser zu speichern. Diese Wunde heilt auch die Zeit nicht. „Wenn man sucht, kann man noch die Spuren der römischen Kreuzzüge finden“, sagt Stolzenberg, „deren Metallräder haben bis heute Spuren hinterlassen.“ Einzig Permafrost könne den Boden wieder lockern, doch dieser sei alsbald nicht zu erwarten. „Das einzig Nachhaltige, das die konventionelle Forstarbeit schafft, ist die Zerstörung des Bodens“, resümiert Stolzenberg.

Auf die Frage, wie es seinem ersten Arbeitspferd heute gehe, wird er nachdenklich. Kiri, sein Wallach der ersten Stunde, hat Probleme mit dem Huf. Doch Stolzenberg brachte es nicht übers Herz, ihn zum Schlachter zu fahren. Und so steht Kiri als Kurgast bei einem befreundeten Hufschmied in Berlin und wird nicht als Salami im Feinkosthandel enden.

Der Drogenhund 

Jürgen Liebermann war 14 Jahre Fallschirmjäger bei der Bundeswehr. Die Unterarme sind in Frakturschrift tätowiert, und sein Haar ist kürzer als das des belgischen Schäferhundes neben ihm. Sein Handgelenk ziert ein metallener Reif mit Totenkopf auf gekreuztem Gebein. Die gepanzerte Zollmontur lässt ihn noch breiter aussehen, als er ohnehin schon ist – seine Erscheinung erinnert eher an ein Räumfahrzeug als an einen Zollbeamten. Ihm ist das recht, schließlich hat der 47-Jährige täglich mit schweren Jungs zu tun. Wenn er mit seinem Diensthund Ares – benannt nach dem griechischen Gott des Krieges – an einer Straßensperre Verdächtige kontrolliert, stößt er selten auf Sympathie. Dann ist er froh, mit Ares unterwegs zu sein, der nicht nur Spürnase, sondern auch Schutzhund ist, und der sein Herrchen wohl bis in den Tod verteidigen würde.

Wenn Liebermann in Singen, nahe der Schweizer Grenze, am Kreisverkehr steht und einen bärtigen Rocker mit Kutte rauswinkt, in dessen Stiefelschaft ein Springmesser blitzt, öffnet er einfach den Kofferraum. Dort liegt Ares. „Eskalationsstufe eins heißt: Ich lege den Hund an der Leine neben mir ab“, erklärt der Zöllner ruhig, „das reicht in 90 Prozent der Fälle.“ Das Gros der Kontrollierten kooperiert angesichts des wachsamen Tiers, das jeder Bewegung mit der Schnauze folgt. „Wenn das nicht reicht, lasse ich ihn bellen“, sagt Liebermann und gibt Ares einen knappen Befehl. Was er dann sagt, geht im hohen, aggressiven Stakkato des Hundes unter, der sich jetzt mit seinen Hinterläufen in den Boden stemmt und kräftig an der Leine zerrt. Nach einem Kommando Liebermanns legt sich Ares sofort wieder stumm ab. „Die dritte und letzte Eskalationsstufe heißt: Leine los – dann wird’s schwierig.“ Dann muss der Hund selbst einschätzen, wann die Situation eskaliert, und da reicht manchmal ein hastiges Kopfkratzen. Er kann Ares zwar zurückpfeifen, doch zwischen Sprung und Biss liegt keine Sekunde; für ein „Aus!“ ist das meist zu knapp. Liebermann erläutert das nicht ohne Stolz.

„Der Diensthund schließt die logische Lücke zwischen Reizstoffsprühgerät und Schusswaffe“, Liebermann kann fließend vom Jargon des Hundenarren ins Beamtendeutsch wechseln. Während er spricht, lässt Ares ihn nicht aus den Augen. Das Tier weiß, dass es im Dienst ist und jederzeit gebraucht werden könnte. Neben seinen Zähnen arbeitet Ares vor allem mit der Nase, „dem Auge des Hundes“. Mit 220 Millionen Riechzellen ist er seinen menschlichen Kollegen (fünf Millionen Riechzellen) weit überlegen. Im Gegensatz zu ihnen riecht er selektiv und blendet unwichtige Gerüche aus. Mit seinem Stereo-Geruchssinn kann er außerdem ausmachen, aus welcher Richtung ihm die Düfte zufliegen, und ihre Fährte aufnehmen. Das spart Zeit beim Suchen.

Ein Hund arbeitet feiner als eine Maschine und schneller als ein Beamter. Wenn Liebermann schüchterne Jungs mit roten Augen hinter der Schweizer Grenze anhält, genügt meist schon der Hinweis auf den Suchhund, und die Delinquenten geben das Cannabis-Versteck preis. Bei Zigarettenschmugglern muss Ares indes häufiger ran. Haben die Kollegen beim Durchleuchten eines Lastwagens mit der stationären Röntgenanlage eine verdächtige Stelle gefunden, schicken sie das Tier in die Ladung. Im Gegensatz zu einer Maschine sucht der Hund initiativ und geht gezielt verdächtigen Gerüchen nach.

Die 30 000 Euro, die seine Ausbildung mit Blockunterricht in einer der zwei deutschen Zollhundeschulen im Schnitt kostet, machen sich schnell bezahlt, wenn dank seiner Nase nicht der ganze Lkw auf den Kopf gestellt, sondern nur eine Kiste geöffnet werden muss. Einen vollen Kühllaster zu entladen und die verderbliche Fracht ordnungsgemäß zu lagern kostet den Zoll rund 1000 Euro. Wenn Ares das verhindert, spart er seinem Arbeitgeber eine Menge Geld. Jeder Sucheinsatz ist für ihn Schwerstarbeit. Rund 300-mal atmet er beim Schnüffeln ein und dazwischen nur selten aus. Nach 20 Minuten intensiven Schnüffelns steigt seine Körpertemperatur auf 40 Grad. Dann braucht auch der stärkste Hund eine Verschnaufpause.

Wie ein Dienstfahrzeug muss das Tier einmal im Jahr zur Inspektion. Liebermann, der auch Hundetrainer ist, überprüft dann die acht Spürhunde des Hauptzollamtes Ulm. Abseits der Prüfung trainiert er sie regelmäßig. „Das ist wie beim Kampfsport“, sagt er, „wir haben zwar nur hochbegabte Hunde, aber auch die müssen in Übung bleiben.“

Offiziell ist Ares – wie alle rund 400 deutschen Zollhunde – ein Arbeitsmittel und bleibt wie der Bürostuhl und die Aktenordner im Eigentum des Arbeitgebers. Doch der Hund wird zur Pflege in die Hände des Beamten gegeben, zu dem er gehört, und dies geht ein Hundeleben lang. „Ares ist ein optimales Detektionsmittel“, sagt Liebermann, „aber vor allem ist er ein liebes Familienmitglied.“

Jeder Spürhund ist untrennbar mit dem Beamten verbunden, der ihn führt. Ist der Kollege krank, ist der Hund krank. Ares akzeptiert nur Jürgen Liebermann als Rudelführer. Dieses Verhältnis muss klar sein. „Der Schlüssel dazu ist Vertrauen“, sagt Liebermann, „mit Unterwerfung hat das nichts zu tun – Gewalt zerstört Vertrauen.“ Natürlich geht man unter Rüden ruppig miteinander um, und als Trainer erwischt ihn ab und zu ein Hund. Liebermann zeigt die blutigen Bisspuren auf seinem Oberschenkel, die nur langsam heilen, weil sie so tief und zerklüftet sind. „Ich bin das mittlerweile gewöhnt“, sagt er, „unser Umgang ist grob, aber nie gewalttätig.“ Ungeübte Opfer fallen indes häufig in Ohnmacht, wenn sie von einem Schutzhund gebissen werden. Deshalb gilt ein Hund, der seine Schule beim Zollamt durchlaufen hat, als „gefährlich“ und darf nur in den eigenen vier Wänden frei laufen.

Wenn ein Tier den jährlichen Eignungstest nicht mehr besteht, wird er pensioniert und kann seine letzten Jahre beim Zöllner zu Hause dösen. Ares’ Vorgänger bewacht heute noch Liebermanns Couch. Wenn der über die Beziehung zu seinen Hunden spricht, zeigt er seine weiche Seite: „Ares ist mein Kollege auf vier Pfoten und mir der Allerliebste von allen.“ Mit ihm verbringe er die meiste Zeit des Tages, sagt er. Deshalb hat er sich auf seinen rechten Unterarm in großen Fraktur-Lettern eine Liebeserklärung an seinen Hund Ares stechen lassen.

Die Honigbiene 

Wenn Marcus Bradtke-Hellthaler seine mehrstöckigen braunen Bienenkästen ins Hamburger Umland karrt und zwischen die Obstbäume stellt, ist das für ihn die effizienteste Art des Umweltschutzes. Kommt eine Biene während ihres Flugs in Kontakt mit Pestiziden, so bleibt sie entweder gleich dort oder wird am Eingang des Stocks von den Wächtern abgewiesen. So filtert sie Schadstoffe mit ihrem Körper und hält den Honig rein. Bradtke-Hellthaler sieht ein Bienenvolk als einen Superorganismus, dessen Zellen die einzelnen Bienen sind (siehe auch brand eins 08/2010 „Der Superorganismus”) . Jede von ihnen kennt 170 000 Blütendüfte auswendig, bei einem Gehirn von der Größe einer Stecknadel.

Das Summen seiner bis zu sechs Millionen Bienen ist für den 42-Jährigen mehr als der Arbeitslärm seiner Honigerzeuger. Bevor er das Imkern zum Beruf machte, promovierte er in Sozialökonomie. Das steckt noch in ihm: „In Bezug auf den Wert der Biene für das Bruttoinlandsprodukt ist die Honigproduktion zu vernachlässigen – 80 Prozent unserer Kulturpflanzen sind auf die Bestäubung durch Bienen angewiesen.“ Im Jahr 2009 errechneten deutsche Forscher, dass der gesamtwirtschaftliche Wert der weltweiten Bienenbestäubung bei 260 Milliarden Euro gelegen habe.

Trotzdem verlangt hierzulande kaum einer der ohnehin seltenen Berufsimker Geld für die Bestäubungsleistung seiner fliegenden Mitarbeiter. Dabei haben auch heimische Obstbauern erkannt, dass mit dem Fortbleiben der Biene ihr Ertrag schrumpft. Die Bestäubungsprämie, mit der sie etwa im Alten Land, südlich der Elbe, Imker auf ihre Wiesen zu locken versuchen, liegt nur bei rund 40 Euro pro Volk. Ein Mandelbauer in den USA, dessen Ernte maßgeblich von der Biene abhängt, zahlt schon 130 Euro.

Doch die deutschen Imker sind ein eigener Schlag. Auch für Bradtke-Hellthaler ist es vorerst keine Option, Geld für die Bestäubung zu nehmen. Dem altgedienten Greenpeace-Aktivisten mit der lachenden Anti-Atom-Sonne am Bürofenster geht es um die Umwelt. Und ums Prinzip. Wie bei den Bio-Richtlinien. „Ich halte viel von Bio, aber bei der Imkerei stößt das an seine Grenzen“, sagt er. Er könnte spielend die Auflagen erfüllen – will er aber nicht. Denn die Zertifizierer schreiben vor, dass ein Bienenvolk im Holzkasten zu wohnen habe. Bradtke-Hellthaler hält das für Unsinn. Seine Erfahrung zeige, dass Bienen in Kunststoffbauten weitaus vitaler sind. Zudem seien die Hartschaumkästen langlebiger. Doch die Richtlinien verlangen Holz. „Ob das dann Raubbau- oder Tropenholz ist, interessiert keinen mehr.“

Noch heute verwendet er Kästen, die er im Alter von zwölf Jahren geschenkt bekommen hat, als er das Imkern begann. Der Umgang mit den Bienen gefiel ihm, doch die Menschen, mit denen er sein Hobby teilte, waren bärtige Männer jenseits der 60. Mit der Pubertät verlor er deshalb das Interesse und gab auf. Jahre später, als ihn die Promotion zum „Einfluss interner Kommunikation auf die Arbeitsrechtspraxis in der Personalarbeit“ an den Schreibtisch band, suchte er nach einem Ausgleich für das viele Sitzen und kaufte sich vier Bienenvölker. Er schwor sich, dass es dabei bleiben sollte. Noch im selben Jahr stieg die Zahl auf 14 Völker, dann 60. Als ihn der Ruf zu einer Vertretungsprofessur erreichte, sah er sich in einem Hörsaal vor gelangweilten Studenten die Zeit zur Pension ersehnen und lehnte ab.

Wenn er heute im Morgengrauen seine Völker besucht, durch das taufrische Gras streift und dem alten, tauben Fuchs wiederbegegnet, der unweit wohnt, dann ist er glücklich mit seiner Entscheidung und sagt: „Was für ein gesegneter Arbeitsplatz.“ Wenn er im wabengelben Hemd und Jeans zwischen seinen Bienen steht und ihrem Summen lauscht, scheint es, als wolle er am liebsten unter ihnen leben. Er ist fasziniert von ihrer Effizienz, ihrem fließenden Zusammenspiel und ihrer kompromisslosen Mitarbeiterführung. Noch kennt er jedes seiner Völker persönlich, weiß um ihre Eigenheiten, ihren Charakter. Doch weil er auch im kommenden Jahr seinen Bestand vergrößern will, wird er bald Buch führen und Helfer einstellen müssen. Die regelmäßigen Kontrollfahrten im Sommer kosten Zeit.

Der Aufwand ist die einzige Wachstumsgrenze. Ein Durchschnittsdeutscher schmiert sich jedes Jahr anderthalb Kilo Honig aufs Brot. Gerade mal 20 Prozent davon stammen aus Deutschland. Der Rest wird importiert. „Unter uns Imkern gibt es deshalb keine Konkurrenz“, sagt Bradtke-Hellthaler, „wir helfen uns gegenseitig.“ Dem zaghaft erblühenden Imker-Revival der Urban-Gardening- und Landlust-Szene steht er kritisch gegenüber. Zwar ist er um jeden neuen Imker und jedes neue Bienenvolk froh, andererseits hat er ein Problem mit der Bienenkiste. Die sei wegen ihrer geschlossenen Bauweise und dem Fehlen herausnehmbarer Rähmchen nicht zu verantworten; wenn es dem Volk schlecht geht, kann der Imker nicht eingreifen. An „emotional bewegte Bienenfreunde mit Bienenkiste“ gibt er deshalb keine Völker ab. Egal wie nett er darum gebeten wird. Ordentlicher Bienenkasten oder gar nichts. Wie viele Imker hat er sich sein Wissen selbst erarbeitet – und eine klare Meinung zu Wohl und Wehe der Biene.

Was wirklich geschehe, stürbe die Honigbiene nach mindestens 30 Millionen Jahren auf der Erde aus, kann keiner sagen. Zwar ist das Zitat, dass der Mensch vier Jahre nach der Biene sterben müsse, weder von Albert Einstein noch korrekt, wie die Autorinnen des Büchleins „Die Biene. Eine Liebeserklärung“ zeigen, doch viele lieb gewonnene Lebensmittel würden durch ihr Verschwinden seltener und teurer werden.

Das Bienensterben ist kein neues Phänomen, doch einen adäquaten Ersatz für die Bestäuber hat bis heute niemand gefunden. An der Harvard University wird zurzeit an der RoboBee geforscht, einem fliegenden Bestäubungsroboter. Doch selbst die verantwortlichen Forscher sprechen von einer Notlösung, die den Schaden allenfalls temporär lindern könne. China hat das Problem schon länger: Verkürzt wiedergegeben, hatte Mao zum Schutze des Getreides die Spatzen töten lassen, was eine Insektenplage nach sich zog, die er mit Insektiziden bekämpfen ließ, welche wiederum die Bienen tötete. Seitdem werden die Obstbäume einiger entlegener Regionen von Hand bestäubt: Arbeiter betupfen dafür die Blütenkelche mit einem Wattebausch voll Pollen. Kelch für Kelch. Marcus Bradtke-Hellthaler hält davon nichts – dieses Feld gehöre der Biene. ---

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