Ausgabe 07/2015 - Schwerpunkt Maschinen

Age of Artists

Der Da-Vinci-Code

• Einen Plan B darf man nicht haben. Das hatte der Maler Norbert Bisky gesagt, einer von mehr als 40 Künstlern, die Dirk Dobiéy zu ihrer Arbeit befragte. Der langjährige Manager beim Software-Konzern SAP sucht in der Kunst nach Antworten auf drängende Fragen der Wirtschaft. Zunächst aber wurde Biskys Mantra zum Leitmotiv für ihn selbst: Seinen Job hat er zu Jahresbeginn gekündigt, den schicken Dienstwagen gibt er Ende des Jahres ab. Plan A heißt jetzt: Age of Artists. Statt Weltunternehmen nun eine gemeinnützige GmbH mit Sitz im sächsischen Nossen für den Transfer von Kompetenzen und Praktiken aus der Kunst in die Wirtschaft und andere Bereiche der Gesellschaft.
Es ist nicht so, dass er nie zweifeln würde.

1. Suche

Dirk Dobiéy, 44, ist ein groß gewachsener, schlanker Mann. Die Kleidung leger. Die Haare kurz. Sein Blick fällt auf: zwei Augen, die immer suchen. Ihn interessieren nicht Werk oder Meister, sondern Struktur und Prozess. „Wenn ein Geiger übers Geigespielen spricht, ist das nicht unbedingt unser Thema, berichtet er von Krisen und wie er aus diesen wieder herausfindet, wird es spannend.“ Dobiéy agiert wie ein Restaurant-Tester, der beim Menü nicht auf Geschmack und Zutaten achtet, sondern auf die Genese der Rezeptur und die Organisation in der Küche.

Heute besucht er den Musiker Tex Drieschner in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Berlin. Dort herrscht ein ebenso famoses wie weitläufiges Durcheinander aus Couchs, Sesseln, Instrumenten, Technik und Zeugs. „Ich musste dafür sorgen, dass sich work so weit wie möglich wie life anfühlt“, sagt Drieschner zur Begrüßung. Der Mann mit den Strubbelhaaren und der dicken schwarzen Brille produziert eine erfolgreiche Musik- und Talkshow namens TV Noir, ausgestrahlt auf ZDF Kultur und im Internet. Er fläzt mit drei Mitarbeiterinnen auf einer Couch, sie starren auf einen Bildschirm, basteln am Laptop „noch schnell ein paar Songs“. Dirk Dobiéy legt erst mal ab.

Mehr als ein Jahrzehnt arbeitete er in unterschiedlichen Führungspositionen bei SAP. „Ein tolles Unternehmen, in dem ich viele inspirierende Menschen kennenlernte.“ Dennoch spürte er, wie ihn die Neugier und die Begeisterung verließen, und fragte sich, was man verändern könnte, damit das nicht so bleibt. Mehr als 100 Mitarbeiter hatte Dobiéy unter sich. Zu seinen Aufgaben zählten unter anderem der Aufbau eines hauseigenen Intranets für die 70 000 Mitarbeiter, die Einführung von Plattformen zur Arbeit an gemeinsamen Projekten. Außerdem half er bei der Etablierung von Geschäftsprozessen für das sogenannte Volumengeschäft.

Sein ehemaliger Arbeitgeber arbeitet maßgeblich an einer Welt mit, die nach Dobiéys Ansicht den Input der Kunst benötigt: „Die fortschreitende Automatisierung auch wissensintensiver Prozesse verändert ganze Berufsbilder oder lässt sie aussterben. Gleichzeitig entstehen neue Freiflächen, für die wir neue Ideen von Beschäftigung finden müssen.“ Die Fähigkeit, Probleme zu lösen, und Kreativität zählt er zu jenen Kompetenzen, die den Menschen ausmachen und nicht automatisierbar sind. Problemlöser und Kreative, sind das nicht Künstler?

Davon ist Dobiéy überzeugt. Der englische Maler Anthony Lowe, der mittlerweile in der Nähe von Leipzig lebt und arbeitet, sagte ihm: „Niemand hat mir jemals einen wirklichen Job gegeben.“ Künstler sein heißt, sich seine Arbeit zu suchen. Ein Feld zu erobern, sich neue Kompetenzen anzueignen, sie in andere Anwendungen zu überführen. Also das, was künftige Wissensarbeit ausmachen wird – und den Erfolg von Unternehmen. Das vermutet der Musiker, Sachbuchautor und Innovationsexperte Tim Leberecht, der bereits Samsung, General Electric und Disney beriet: „Big Data und die ausgeklügelten analytischen Werkzeuge erlauben es uns, nahezu sämtliche Prozesse effizienter zu gestalten. Intuition und Kreativität werden bald die einzigen Unterscheidungsmerkmale unter den Wettbewerbern sein.“

Leberecht, heute Marketingchef der Design- und Architekturfirma NBBJ, schrieb schon vor einigen Jahren einen Aufsatz darüber, was Unternehmer von Künstlern lernen können. Mit ihm hat Dobiéy auch gesprochen. Über das Thema Zuhören, das lernte der Musiker auf der Bühne, und es hilft ihm nun als Manager und Berater. Den Wechsel zwischen ganz verschiedenen Aufgaben schlägt er als Mittel zur Kreativitätssteigerung in den Unternehmen vor. Er entwickelte dafür eine Übung namens LARP, Live Action Role Playing – dabei werden munter Posten und Hierarchien getauscht.

Das mag witzig klingen, aber Dobiéy ist es ernst mit diesen Dingen. Seit Jahren beschäftigt er sich beruflich mit der Zukunft der Arbeit. Vor 15 Jahren begann er mit Freunden erstmals darüber nachzudenken, ob Kunst und Wirtschaft nicht eine Verbindung eingehen könnten. Spricht man mit ihm über das Thema, hat er zu jedem Argument eine beeindruckende Literaturliste parat. Er erzählt auch von einer Langzeit-Studie der Yale University. Dortige Medizinstudenten, die in ihrer Ausbildung das Fach Kunstbetrachtung belegten, hätten später im Job deutlich bessere Ergebnisse in der Diagnostik erzielt. Heute gehört das Fach Kunstbetrachtung an mehr als 20 US-Universitäten zum Curriculum des Medizinstudiums. Dobiéy verordnete sich kürzlich Geige. „Ich wollte selbst spüren, was das mit einem macht.“ Noch leidet das Instrument. Aber der Eifer ist da. „Im Kopf hat sich durch das Musizieren schon allerhand verändert“, sagt er.

Verändert hat sich auch vieles andere. Füllte sich früher sein Terminkalender jeden Tag von ganz allein, muss er sich heute selbst organisieren. „Natürlich denke ich manchmal darüber nach, was ich alles aufgebe.“ Dobiéy hat mit seiner Frau zwei Kinder und ein schönes Haus. Nun verzichtet er auf die finanzielle Sicherheit seines bisherigen Jobs. „Weil die Leidenschaft einfach nicht mehr da war und weil ich glaube, dass wir etwas Großes starten. So wie es jetzt ist, geht es in den Unternehmen nicht mehr lange gut. Also fangen wir am besten jetzt an und entwickeln etwas Neues.“

Mit „nicht gut gehen“ meint er zum Beispiel eine weitverbreitete „Zielformulierungsschwäche“. Die Frage, warum man etwas macht, löst oft eine große Unsicherheit in den Organisationen aus. Und es herrscht Angst. Davor, das nächste Nokia zu werden, also wichtige Entwicklungen zu verpassen. Das Risiko ist größer denn je. „Das lässt die Chefs dieser Welt schlecht schlafen.“

Dobiéys Idee ist es nicht, dies mit den Mitteln der Kunst zu ändern. Moderne Angestellte sollen ein wenig künstlerischer arbeiten, Büros und Fabriken mehr wie Ateliers funktionieren.

2. Reflexion

Wie aber entschlüsselt man das Wesen der Kunst? Und wie kreiert man daraus ein Geschäftsmodell? Dobiéy beginnt mit der Aufbereitung der vielen Gespräche, die er führte. Ein Soziologe half beim Transkribieren, Verschlagworten, dem Suchen nach Strukturen und Überlegen der Anwendungen. „Kritik und Reflexion offenbarten sich zum Beispiel als elementare Begriffe“, sagt Dobiéy. Künstler treffen sich regelmäßig, um über die Arbeit der Kollegen zu sprechen. Dabei geht es darum, zu berichten, was man wahrnimmt und wie es auf einen wirkt. Für Dobiéy ein Unterschied zur Wirtschaft, in der Kritik meist Wertung und nicht selten das Herunterputzen neuer Ideen bedeutet.

Fünf Oberbegriffe für eine künstlerische Haltung extrahierte das Team von Age of Artists: unbändige Neugier, eine klare Position, große Leidenschaft, Widerstandsfähigkeit, Transzendenz im Sinne einer Unterordnung des eigenen Egos unter das Werk. „Welches Unternehmen würde diese Werte nicht gern in die eigenen Leitlinien schreiben?“, fragt er. Nur schlage Konformität noch immer Kreativität, sei Widerspruch nicht gewünscht. „Ich denke da an die üblichen Performance-Feedback-Gespräche, in denen nicht Teamziele formuliert werden, auch keine Veränderungen unterstützt werden, jeder Mitarbeiter aber im Januar ein Ziel für den Dezember definiert. Ob dieses Ziel am Ende noch Sinn ergibt, wird nicht gefragt, nur, ob es erreicht wurde.“

Besonders beeindruckt zeigte sich Dobiéy von der Fähigkeit der Künstler, das eigene Können stetig zu verbessern. „Das gelingt durch permanente Iteration. Ein Maler malt permanent, beginnt immer wieder von Neuem, auch in der Krise.“ Diese Erkenntnis von der Kraft der Wiederholungen und des Lernens sind für Dobiéy heute oft ein Trost, wenn etwas nicht wie erhofft gelingt. „Dann weiß ich, dass ich es am nächsten Tag einfach wieder versuchen muss, so oft, bis es klappt.“ Diesem Ausbau der Kernkompetenz stellen Künstler eine große Offenheit für Neues zur Seite, sie probieren immer wieder Dinge aus, eignen sich Fähigkeiten an, benutzen neue Materialien, entdecken andere Themen.

Im Gespräch mit Tex Drieschner fällt oft das Schlagwort Kreation. Es gehört zum Dreiklang Suche, Reflexion und Kreation, den Dobiéy mit seinem Team als Säulen des künstlerischen Prozesses definierte und in die Unternehmensstrukturen zu übertragen gedenkt. So erzählt er es dem Musiker Drieschner. Der nickt. Er denkt ähnlich. „Wir machen das hier nicht über die pure Effizienz, sondern über Entspanntheit.“ Das aber durchaus mit Ernst. „Ein Fehler bei einer Show ist okay, zwei sind total schlecht. Und wenn wir Fehler machen, dann müssen wir daraus lernen.“ Der Musiker führt jeden Fehler in einer Excel-Tabelle.

Die beiden verstehen sich. Was Drieschner, der lange als Programmierer gearbeitet hat, das emotionale Erlebnis nennt, das, woran er und sein Publikum den Erfolg seiner Arbeit messen, ist nichts anderes als das, was in Unternehmen Customer Experience genannt wird, die sie heute mit ihren Produkten und Dienstleistungen erreichen wollen. Und die sie oft nicht schaffen. „Für uns zählen nicht zuerst die Zuschauerzahlen oder Einnahmen“, sagt Drieschner. Die stimmen von allein, wenn die Leute die Show mit dem richtigen Gefühl verlassen.

Den Weg zum Ziel beschreibt er als „small circling“. Wenn andere noch träumen, fängt er schon mal an. „Alle Musiker wollen ein Album machen, ich sage, lass uns einen Song versuchen. Mit etwas Glück werden es dann drei. Gefällt das den Leuten, produzieren wir irgendwann noch etwas dazu, eines Tages entsteht so auch ein Album.“ In der Softwarebranche wird dieses Vorgehen unter dem Namen Scrum erfolgreich adaptiert.

Drieschner spielt noch schnell was auf der Gitarre, singt dazu – dann hastet Dobiéy die Treppen hinunter. Zwei Stufen gleichzeitig, das nächste Gespräch wartet schon. Ein junger Maler, mit dem er in einer WG-Küche Tee trinken wird.

3. Kreation

Die meisten finden es toll, wenn er von seinem Vorhaben erzählt. Die meisten verstehen aber auch nicht ganz, was genau er da vorhat. Laut Businessplan wollen Age of Artists bis Anfang 2016 den ersten Kunden haben. Sie sind bei badischen Softwareentwicklern vorstellig geworden, auch bei größeren Unternehmen, Verbänden und Stiftungen.

Dobiéy trifft auf Freundlichkeit, aber vor allem auf Skepsis: „Viele Gesprächspartner wollen genau wissen, was geliefert oder im Detail das Ergebnis sein wird. Diese Erwartungshaltung deckt sich aber nicht mit der ergebnisoffenen künstlerischen Herangehensweise.“ Ein erster Kunde würde daher zur wichtigen Wegmarke. „Jetzt sind wir auch so weit, mit potenziellen Kunden in Kontakt zu treten, da eine breite Basis an Wissen und Ansätzen recherchiert und konzipiert ist.“

Das Headquarter von Age of Artists ist der Wohnsitz von Dobiéy in Nossen. Ein ausgebautes Gutshaus, in dem man ihn oft Geige üben hört. Zum Arbeiten verschwindet er mitunter in den uralten Wohnwagen auf dem Gehöft. Der Schritt weg vom lukrativen Managerposten hin zum Alles oder Nichts ist mit der Familie abgestimmt. Alle stehen dahinter. Noch bezieht er ein Gehalt aus seinem angesparten Arbeitszeitkonto bei SAP. Die bisherigen Investitionen in die Website von Age of Artists und die vielen Reisen finanzierte er aus eigenen Mitteln. Der Bruder seiner Frau ist Mitgründer, er arbeitet nebenberuflich für Age of Artists. „Mein Onkel war Arzt und Maler“, sagt Thomas Köplin. „Meine ersten Kindheitserinnerungen an ihn sind Momente bei ihm im Atelier. Ich war ganz fasziniert davon, dass auch ein Erwachsener malte, vor allem mit einer solchen Ernsthaftigkeit.“

Der erste Auftrag für das Projekt Age of Artists ist auch wichtig, um den losen Verbund von Enthusiasten in aller Welt zu festigen. Hinter Age of Artists steht längst nicht mehr nur Dirk Dobiéy, sondern ein Team aus Psychologen, Anthropologen, Informatikern, Unternehmensberatern, Designern, Architekten – Künstler im weitesten Sinne. Sie arbeiten ehrenamtlich. Allen täte ein Zeichen gut, dass der Plan A Erfolg haben kann.

Die Kontakte reichen europaweit, in die USA und den Mittleren Osten. Die Mitstreiter entscheiden selbst über ihren Einsatz. Es sind Leute, die Lust auf das Thema haben, häufig ergänzende Qualifikationen mitbringen. „Manche sind dauerhaft dabei, andere rücken eine Zeit lang ganz eng an uns heran, und eines Tages sind manche auch wieder verschwunden, andere stoßen wieder hinzu“, sagt Dobiéy. Alle zwei Wochen versammelt sich das weltweite Team in einer Audiokonferenz.

Bleibt die Frage: Was genau will Age of Artists verkaufen? Dobiéy tut sich mit der Antwort schwer. Vor seiner Zeit bei SAP arbeitete er als Berater für Unternehmen wie Volkswagen, Audi oder HP. Sein Job beim Softwareentwickler war im Grunde ähnlich. Die Leistung von Age of Artists bewegt sich daher auch in die Richtung Beratung und Coaching, obwohl er diese Begriffe nicht mag. Er sucht noch nach der richtigen Formulierung: „Am ehesten trifft es der Begriff ,embedded partnership‘.“ Man wolle Teil der Organisation werden, nichts vorgeben, sondern gemeinsam an der Sache, „an dem Kunstwerk“, arbeiten. Leitfragen sollten sein: Wie künstlerisch handelt das Unternehmen? Wie viel Reflexions- und Gestaltungsspielraum erlaubt es? Was behindert die Kreativität?

Es gibt nur diesen Plan A. Ob er funktioniert, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Wenn Dirk Dobiéy an seinem Vorhaben zweifelt, schnappt er sich eines der vielen Zitate aus den Gesprächen mit den Künstlern, die seien ja auch Krisenbewältiger. „Für diese Gespräche bin ich unendlich dankbar“, sagt er. Allein dafür hätte sich das alles gelohnt. „Wenn man bedenkt, wen ich alles sprechen durfte. Wäre ich noch SAP-Manager, hätten die vielleicht nicht die Tür geöffnet.“ ---

Mehr aus diesem Heft

Maschinen 

„What about machines worries you?“

Eliza is a mock Rogerian psychotherapist. The original program was described by Joseph Weizenbaum in 1966. This implementation by Norbert Landsteiner 2005

Lesen

Maschinen 

Die Unentbehrlichen

Manche Tiere sind so gut in ihrem Metier, dass keine Maschine mit ihnen mitkommt. Drei