Ausgabe 02/2015 - Was Menschen bewegt

Kevin Briggs California Highway Patrol

Der traurige Held von der Golden Gate Bridge

• Wenn er springt, dauert es vier, fünf Sekunden, bis der Mann auf der Wasseroberfläche aufprallt. Kevin Briggs weiß das. Er hat schon zwei Männer springen und aufprallen sehen. Viele andere hat er davon abhalten können. Das will er auch dieses Mal. Knapp 500 Meter liegen zwischen ihm und dem Mann. Briggs rennt.

Der Mann klammert sich bei Lampe 69 am Geländer fest, in der Mitte der Brücke, mit dem Rücken zum Abgrund. Von hier springen fast alle, die extra zum Sterben hergekommen sind, zu einem der weltweit beliebtesten Orte für Selbstmörder, der Golden Gate Bridge am Eingang zur Bucht von San Francisco. Seit ihrer Eröffnung 1937 haben sich mehr als 1600 Menschen hier heruntergestürzt.

Briggs rennt und rennt, dann bahnt er sich einen Weg durch die Menschentraube. Er ist jetzt nur noch drei Schritte von dem Mann entfernt, der sprungbereit auf der etwas tiefer gelegenenBalustrade steht. Briggs geht in die Hocke, um mit ihm auf einer Höhe sein zu sein. Er sagt: „Ich bin Highway Patrol Officer Kevin Briggs. Ich habe viele andere Menschen in Ihrer Situation erlebt. Sie dachten an Selbstmord. Haben Sie schon mal daran gedacht?“

Tränenüberströmt starrt der Mann, von dem Briggs später erfahren wird, dass er Kevin Berthia heißt, auf seine Füße. Dann beginnt er stockend zu erzählen, dass er täglich mit seiner Freundin streitet. Dass er bis zu 18 Stunden als Regal-Einräumer schuftet und das Geld trotzdem nicht reicht. Dass er unter der Scheidung seiner Adoptiveltern vor zehn Jahren leidet. Und dass er sich schon einmal umbringen wollte, vor drei Jahren. Doch leider hätten die Ärzte ihm zu schnell die Pulsadern verbunden.

92 Minuten später hievt Briggs mit zwei Kollegen Berthia über das Brückengeländer. Schaulustige machen Fotos, ein Polizist hängt dem Geretteten eine Decke über Kopf und Schultern. Der Notarzt fährt ihn ins Krankenhaus.

Unbemerkt von den Umstehenden geht Briggs zurück in sein Büro am Nordende der Brücke. Ein fensterloses Häuschen. Er tauscht das verschwitzte Hemd gegen ein frisches, schreibt einen Bericht für die Akten und trinkt einen Tee.

Das war am 11. März 2005. Kevin Briggs hatte zu diesem Zeitpunkt schon elf Jahre auf der Golden Gate Bridge gearbeitet. Die Highway Patrol ist eine Art Autobahnpolizei, die sich in den USA um Verkehrssicherheit kümmert und Unfallhilfe leistet. Menschen vom Selbstmord abzuhalten gehört auf der Golden Gate Bridge zu den wichtigsten Aufgaben der Officer. Briggs allein ist schon mehr als 200-mal in diese Situationen gekommen. Häufiger als jeder seiner Kollegen hat er Verzweifelte vor dem Sprung in den Tod bewahrt.

Warum weiß er, was in solchen Ausnahmesituationen zu tun ist? Vielleicht, weil ihm der Tod in seinem Leben immer wieder begegnet, fast zu einem ständigen Begleiter geworden ist.

Briggs wächst in Novato auf, nördlich von San Francisco. Im Winter fährt er oft mit seinen Freunden Ski am Lake Taho, 300 Kilometer nordöstlich. Im Sommer angeln sie im See, schießen im Wald Hirsche, Hasen und Enten, nehmen die Tiere aus und machen daraus ein leckeres Mahl. „Das war eine gute Kindheit“, sagt Briggs heute.

Sein Vater bedruckt in seinem eigenen Geschäft 30 Jahre Briefpapier und Visitenkarten. Als der Computer in die Haushalte einzieht, bleibt die Kundschaft weg, der Vater verkauft den Laden und heuert als Manager bei der Bekleidungskette Nordström an, wo er trotz seiner 76 Jahre bis heute tätig ist. Über alles kann Briggs mit ihm sprechen. Über die Schule, seine Freunde und sogar über Mädchen. Nur der Selbstmord des Großvaters, wenige Jahre vor Briggs’ Geburt, bleibt ein Tabu.

Zwei Monate nach dem Highschool-Abschluss geht er zur Armee. Er will einen Macho-Job. Und er will die Welt sehen. Er heuert bei einer Spezialeinheit an, lernt Fallschirmspringen, wie man im Dschungel überlebt und Menschen tötet.

Obwohl es nie zum Ernstfall kommt, schreckt er in dieser Zeit manchmal aus einem Albtraum hoch, in dem er gerade jemanden erschossen hat. Auch das Jagen macht ihm keine Freude mehr. Wenn seine Freunde losziehen, bleibt er zu Hause.

Die Armee schickt ihn zum Training nach Deutschland, Gelnhausen bei Frankfurt am Main, Briggs ist damals 21. Ein Jahr später findet ein Militärarzt 45 Knoten in seinem Oberkörper, 37 sind bösartig. Briggs fliegt nach Hause. Die Ärzte operieren, er macht eine Chemotherapie, verliert alle Haare und 20 Kilo in drei Monaten. Die Ärzte sagen: „Wenn du Krebs bekommst, ist das die beste Sorte.“ Es habe niemanden gegeben, der seine Todesangst verstand, sagt Briggs rückblickend. Die Angst betäubt er damals mit Antidepressiva. Er kapselt sich zunehmend ab, sein Freundeskreis schrumpft.

Als er Mitte 20 ist, stirbt seine Mutter an Krebs. Bis heute spricht er mit niemandem darüber, auch mit seiner Freundin nicht. Als Polizist in Uniform fand er den richtigen Ton, war er der erfolgreichste Selbstmord-Verhinderer Kaliforniens. Im Privatleben fehlen ihm beim Thema Tod die Worte.

Nachdem Briggs die eigene Krankheit besiegt hat, hat er keine Kraft, zur Armee zurückzukehren. Er kündigt und heuert Ende der Achtzigerjahre als Gefängniswärter im San Quentin State Prison an. Wieder ein Macho-Job. Wieder einer, der ihn mit dem Tod konfrontiert. San Quentin, das älteste Gefängnis Kaliforniens, ist für seine zahlreichen Hinrichtungen bekannt.

Er ist ein Befürworter der Todesstrafe. Er sagt: „Wer dazu verurteilt wird, hat es verdient.“ Er könne damit umgehen, dass sie in seiner unmittelbaren Nähe praktiziert wird. Aber: „Niemals will ich derjenige sein, der den Knopf für die Giftspritze drückt.“

Im Gefängnis beaufsichtigt Briggs allein bis zu 100 Insassen. Den Job hatte er sich anders vorgestellt. Er sieht, wie Kollegen von den Häftlingen überfallen und geschlagen werden. Er fühlt sich der potenziellen Gewalt, der er permanent ausgesetzt ist, nicht gewachsen. Wieder bekommt er Albträume. Wieder wirft er das Handtuch. Dann fängt er bei der California Highway Patrol an – nicht ahnend, dass ihn dieser Job mehr belasten wird als alles, was er je zuvor gemacht hat.

Anfangs, im Jahr 1990, dient er auf der Oakland Bay Bridge, jener Brücke, die ein paar Meilen südwestlich der Golden Gate die Industriestadt Oakland mit San Francisco verbindet. Auf die GGB, wie die Polizisten sie nennen, lässt er sich vier Jahre später versetzen, weil sie näher an seinem Zuhause liegt. Für Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen, scheint sie ein magischer Ort zu sein. Einige reisen quer durch die USA oder kommen von einem anderen Kontinent, um hier Selbstmord zu begehen. Dabei erinnern hier nicht einmal Blumen oder Kerzen an die, die sich hinabstürzten.

Dutzende Kollegen sieht Briggs in seinen 19 Jahren auf der Brücke kommen und gehen. Viele werden nicht damit fertig jederzeit einem potenziellen Selbstmörder gegenüberstehen zu können. „Wie viele hast du verloren?“, fragen sie sich gegenseitig. Briggs hasst diese Frage.

Die Konfrontation mit dem Tod, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht, hat ihn sensibel gemacht und verwundbar. Darum gelingt es ihm, lebensmüde Menschen zu retten. „Ich habe mich bei ihm sofort geborgen gefühlt“, sagt Kevin Berthia, der Mann, den Briggs am 11. März 2005 rettete. „Man darf niemandem da draußen vorheucheln, man wisse, wie er sich fühle“, sagt Briggs.

Immer wenn er auf der Bücke stand, vis-à-vis mit einem zum Selbstmord Entschlossenen, dann wollte er, dass der sich im Klaren darüber wird, was er vorhat. Berthia erzählt er am 11. März, dass er gern angelt und am Wochenende seinen zwei Jungs beim Fußball zuschaut. Dann fragt er, ob Berthia auch Kinder hat. Was er morgen tue, wenn er dann noch lebe. Mit wem er den Tag verbringe.

Berthia erinnert sich heute an kein einziges Wort mehr, das Briggs zu ihm gesagt hat. Aber er weiß noch: „Der Tonfall und seine warme Stimme haben mich beruhigt.“

Briggs vermittelt den Menschen auf der Brücke nur einen Gedanken: „Wenn dein Leben ein Buch ist, erlebst du heute vielleicht das dunkelste Kapitel. Schlägst du es jetzt zu, wirst du nie herausfinden, ob es nicht doch ein gutes Ende nimmt.“ Gelernt hat Briggs das nicht. Niemand hat ihm erklärt, wie man Menschen vom Selbstmord abhält, als er auf der Brücke anfängt. Damals ist das Thema ein Tabu.

An das erste Mal erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. „Nachmittags stand eine Frau, Mitte dreißig, auf der Balustrade. Drei Wochen nach meinem ersten Arbeitstag war das. Ich dachte, mein Herz bleibt stehen. Dann bin ich zu ihr – was blieb mir übrig?“ Er spricht die Frau an, hört zu, als sie zu erzählen beginnt. „Sie war depressiv“, sagt Briggs. Er überzeugt sie, dem nächsten Tag eine Chance zu geben. In der Nacht hat er Albträume.

Jedes Jahr rettet er Dutzenden Menschen das Leben. Nach 23 Jahren sind es mehr als 200. Die Albträume werden seltener mit jedem Einzelnen, den er rettet. Die Erfolgserlebnisse geben ihm Kraft. Doch dann kommt der Tag im Jahr 2007. Ein Mann, Mitte 20, sitzt auf der Balustrade. Er trägt Jeans und ein Poloshirt, ist frisch rasiert. Er sagt, seine Großmutter sei gestorben, er müsse hinterher. Fast 40 Minuten redet Briggs mit ihm. Dreimal schüttelt der Mann Briggs die Hand und bedankt sich fürs Zuhören. Dann springt er. Unten fischt später die Küstenwache seine Leiche aus dem Wasser.

Wenige Monate später bekommt Briggs einen Herzinfarkt.

Der Zweite, den er nicht vom Springen abhalten kann, ist ein 32-Jähriger aus New Jersey. Er ist am 22. Juli 2013 nicht zum ersten Mal auf der Brücke. Zweimal schon ist er von seiner Heimat an der Ostküste nach San Francisco geflogen. Beide Male hat er sich nicht über die Balustrade getraut. Seit Jahren leidet er unter Depressionen. Eine Stunde redet Briggs mit ihm, dann lässt er sich ins Wasser fallen. In Briggs Kopf dreht sich seitdem eine Endlosschleife: Ich habe einen Fehler gemacht. Hätte ich doch … Was wäre gewesen, wenn …?

„Wie soll ich das je vergessen?“, fragt Briggs.

Obwohl kaum jemand besser weiß als er, dass Reden Men-schen retten kann, lässt er sich weder von seiner Freundin noch von einem Arzt überzeugen, eine Gesprächstherapie zu beginnen. Stattdessen nimmt er weiter Antidepressiva.

Ein paar Monate danach verlässt Briggs die California Highway Patrol und macht sich selbstständig. Er nennt sein Einmannunternehmen Pivotal Points – Wendepunkte. Er will der Selbstmordgefahr nicht erst begegnen, wenn es schon fast zu spät ist, sondern ihr bei den ersten Anzeichen etwas entgegensetzen. Dafür reist er als Redner durch die USA. Stiftungen für Selbstmordprävention und Krankenhäuser buchen ihn für Konferenzen. Er spricht in Militärakademien darüber, dass es normal ist, sich nach einem Einsatz in Afghanistan schlecht zu fühlen. Er will, dass sich künftig weniger traumatisierte Kriegsveteranen umbringen.

Er versucht Managern und Studenten unter Leistungsdruck klarzumachen, dass sie mehr auf sich selbst achten müssen. Er erklärt, dass stark zunehmender Alkoholkonsum, schlechte Noten oder ungewöhnliche Appetitlosigkeit erste Anzeichen für Selbstmordgefahr sein können. Er will Menschen eintrichtern, dass sie Freunde, Verwandte und Kollegen fragen sollen, ob sie Hilfe brauchen, statt die Signale zu ignorieren, bis es zu spät ist.

„Ich will, dass wir dieses Ding künftig nicht mehr brauchen“, sagt Briggs und zeigt auf eines der Notruf-Telefone an einem Brückenpfeiler der Golden Gate Bridge. Passanten erreichen auf Knopfdruck die California Highway Patrol, wenn jemand zu springen droht.

Briggs kämpft. Es geht ihm um die Hilfe für Verzweifelte. Vor allem aber richtet sich sein Kampf gegen ein Tabu, unter dem er selbst sein ganzes Leben gelitten hat. ---

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