Ausgabe 10/2015 - Gute Frage

Wie geht es dem deutschen Wald?

• Auf vielen Hängen des Schwarzwaldes, des Erzgebirges, des Bayerischen Waldes und entlang der Alpen sah es trostlos aus in den Achtzigerjahren. Alte Nadelbäume verkümmerten in ungekanntem Ausmaß, der dunkle Tann war vielerorts ein Schatten seiner selbst. In Großstädten welkten Kastanien, Linden und Ahorne schon vor dem Herbst. Bald fürchtete das ganze Land um das Überleben der Bäume, die Bundespost gab 1985 eine Sonderbriefmarke „Rettet den Wald“ heraus. 1990 erreichte die Katastrophenstimmung ihren Gipfel. In der Nacht zum 1. März legte der Orkan Wiebke an den Hängen deutscher Mittelgebirge ganze Fichten- und Douglasienplantagen flach. „The“ oder „Le“ Waldsterben brachte es in jener Zeit zum international gebräuchlichen Lehnwort, gern zitiert im Zusammenhang mit „German Angst“. Im Schlepptau machte der saure Regen als Hauptschuldiger Karriere in den Medien, und die Politik verbesserte den Umweltschutz.

Heute scheint sich der deutsche Wald erholt zu haben. Dies liest zumindest die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) aus der Bundeswaldinventur (BWI) des Jahres 2014 heraus. Den Mitgliedern dieses Dachverbands gehört vom bewaldeten Drittel der Republik etwa die Hälfte, der Rest ist in öffentlicher Hand. Stolz ließ der Waldeigentümer-Präsident Philipp zu Guttenberg verbreiten, „kein Land Europas“ verfüge über größere Holzvorräte. Die Bestandsaufnahme widerlege die Vorwürfe der Naturschützer, der Wald schrumpfe, sei übernutzt und krank. Tatsächlich dehne sich die Waldfläche aus, der Laubholzanteil steige, und ein Drittel der Fläche befinde sich in „naturnahem“ Zustand. Das heißt: Dort stehen Bäume mit „ökologisch bedeutsamen Merkmalen“ wie Spechthöhlen. Von diesen Exemplaren gibt es etwa 93 Millionen.

Nun wachsen im Land aber fast tausendmal so viele Bäume – 90 Milliarden. Dass bei denen keineswegs alles im grünen Bereich ist, verrät der jährliche Waldschadensbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums (inzwischen zur harmloser klingenden „Waldzustandserhebung“ umgetauft). Sein Fazit: Immer mehr Bäume stehen unter Stress, ihr Laub- oder Nadelkleid wird schütterer.

Bereits im Jahr 2013 warnte Deutschlands oberster Baumzähler, Heino Polley vom Eberswalder Johann Heinrich von Thünen-Institut, die Baumkronen seien in „weiten Gebieten erheblich verlichtet“. Nur noch jede siebte Buche habe eine Krone mit vollständigem Blattwerk. Nun bedeutet das noch nicht, dass in Kürze der Baum stirbt – oder gar der ganze Wald. Die Verlichtung der Krone ist eine natürliche Reaktion auf erschwerte Umweltbedingungen wie trockenere Sommer oder übersäuerte Böden. „Unsere Wälder sind nach wie vor hohen Stickstoffeinträgen ausgesetzt“, warnt Franz Brosinger, Referatsleiter im bayerischen Landwirtschaftsministerium. „Dies führt zu weiterer Versauerung, außerdem steigt der Nitratgehalt des Sickerwassers im Waldboden.“ Das senkt die Leistungsfähigkeit der Wälder als botanische Klimaanlagen mit integrierten Luftbefeuchtern.

Abwarten, ob sich die Probleme mit der Zeit von selbst erledigen, können die Forstleute nicht. „Wir brauchen 40 Jahre, um versauerte Böden wieder voll funktionsfähig zu machen“, sagt Ludwig Pertl. Der Förster aus Kaufering in Oberbayern plädiert für das Konzept der „Ökosystemleistungen“, das versucht, die Beiträge eines intakten Waldes zum Gemeinwohl zu würdigen und ihren Wert zu berechnen. Kurz: Waldbesitzer sollen für den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Forste entlohnt werden und nicht nur für den Holzverkauf.

Der Wald ist mehr als die Summe seiner Hölzer

Pertl interessiert die Bedeutung der Waldfläche für das Mikroklima, den regionalen Wasserhaushalt samt Hochwasserschutz, die Artenvielfalt, den Schutz vor Erosion und die CO2-Bilanz. Fichtenreinbestände sind ihm dabei ein Dorn im Auge. „Darunter bilden sich dicke Nadelpakete, die keinen funktionsfähigen Humus hergeben“, erklärt Pertl. Ein „lebendiger Boden“ sei locker, saugfähig – und der Schlüssel zu einem gesunden Wald. Um die Bodenqualität zu verbessern, müssten mehr Ahorne, Linden oder Eschen gepflanzt werden. Mit dem abgeworfenen Laub dieser Bäume kämen heimische Bakterien, Pilze und Würmer am besten zurecht.

Ihren Status als deutscher „Brotbaum“ hat die Fichte fast verloren. Seit der Orkan Kyrill im Jahr 2007 die Hänge entwaldete, die Wiebke verschont hatte, sucht die Branche „klimatoleranten“ Ersatz für die Konifere. Der ideale Baum muss den Worst Case aushalten: mehr als zwei Grad Erwärmung, extreme Wetterereignisse und Niederschlag, der zunehmend außerhalb der jährlichen Vegetationszeit fällt. Viele Forstwirte setzen auf die schnell wachsende und widerstandsfähige Douglasie, deren Holz sich gut verkauft. Naturschützer sehen das nordamerikanische Gewächs indes kritisch, weil es aus einem fremden Ökosystem stammt. Ihnen wären heimische Laubhölzer lieber.

Obwohl keiner der Beteiligten beim Waldumbau persönlich etwas zu verlieren hat (heute gesetzte Bäume werden frühestens 2075 hiebreif) bekriegen sich die Waldeigentümer und -schützer. Der Streit eskalierte im Jahr 2012, als Greenpeace-Aktivisten 1600 Douglasien-Setzlinge in einem Naturschutzgebiet im Spessart ausrissen und durch Buchen ersetzten. Die entwurzelten Sprösslinge stellten sie vor dem bayerischen Landwirtschaftsministerium ab. Dass der Tatort im Staatsforst lag, hielt AGDW-Präsident zu Guttenberg nicht davon ab, sich über die „Ökoterroristen“ zu beschweren. „Es ist ausschließlich Angelegenheit eines jeden Grundstückseigentümers, wie er innerhalb der Rechtsordnung sein Eigentum nutzt“, mahnte der Chef des Bayerischen Bauernverbands Gerd Sonnleitner. Doch diese Entscheidung hat weitreichende Folgen: Ob ein Wald 2050 die Auswirkungen des Klimawandels abfedern kann oder nicht, hängt maßgeblich davon ab, ob der Besitzer heute die richtigen Baumarten pflanzt.

Ludwig Pertl setzt sich beharrlich dafür ein, alle Interessengruppen in seine Waldverbesserungspläne einzubinden: Bürgermeister, Bauern, Jäger und Wissenschaftler. Nebenbei hat er einen „Energiewald“ aufgebaut. Auf einem einstigen Grünland zwischen Hochwaldparzellen stehen lange Spaliere dünner Pappeln. Die schnell wachsenden Bäume können schon nach acht Jahren erstmals geerntet werden: Stämme und Äste landen als Hackschnitzel im örtlichen Biowärme-Kraftwerk, und die Stöcke treiben wieder neu aus. Im Laufe der Jahre liefern sie so mehr Energie als Mais – und benötigen dafür weder Stickstoffdünger noch Chemie. Rechtlich zählen solche Kurzumtriebsplantagen (KUP) zur Landwirtschaft, doch ihr Ökosystem ist das eines Waldes.

Pertl sieht in den monotonen KUPs eine sinnvolle Ergänzung zu Mischwäldern und einen Ausweg aus der Vermaisung der Landschaft. Während Maisfelder Überdüngung und Bodenerosion begünstigen, verrottet das Laub einer KUP zu wertvollem Humus. Zu den wichtigsten Bewohnern dieses Biotops zählen verschiedene Arten von Regenwürmern, die den Boden metertief auflockern. Von den Forschern, die das Projekt begleiten, weiß Pertl, dass die Pappeln mehr Regenwürmer anlocken als alle anderen Bäume in seinem Wald: „Der Regenwurm ist unser Joker, der alle Bodenprobleme löst.“ ---

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