Ausgabe 04/2015 - Schwerpunkt Handel

Spottster

Künstliche Panikmomente

brand eins: Das Netz, heißt es, bietet Preistransparenz. Stimmt das?

Freya Oehle: Es bietet immer nur eine Momentaufnahme. Für einen Augenblick hat man Preistransparenz. 20 Minuten später sieht alles schon ganz anders aus. Als wir anfingen, Preise systematisch zu vergleichen, waren wir erschrocken. Ein Produkt kann an einem Tag 30 Euro billiger sein und am folgenden Tag 50 Euro teurer. Gerade bei Amazon sind extreme Schwankungen normal, weil die Händler dort Tools benutzen, die den Preis ihrer Produkte automatisch senken, wenn dies die Konkurrenz tut. Geht einer mit dem Preis runter, ziehen alle anderen nach.

Warum agiert der Onlinehandel so?

Vor allem, weil er es kann. Gegenfrage: Wie viele Onlineshops kennen Sie? Die meisten Menschen erinnern sich an maximal zehn Shops. Den Rest vergisst man wieder. Anders beim stationären Handel. Finde ich einen Laden cool, dann merke ich ihn mir, weiß, welche Produkte er hat und welche Preise. Würde dieser Händler täglich seine Preise ändern, bekäme er wahrscheinlich bald Beschwerden von seinen Kunden. Bei einem Onlinehändler fällt das gar nicht auf. Die schiere Masse an Shops und Produkten erdrückt die Transparenz.

Bei welchen Produkten variieren die Preise besonders stark?

Je emotionsloser und standardisierter die Ware ist, desto mehr verkauft sie sich über den Preis. Elektronikartikel zum Beispiel.

Gibt es, bei aller Unübersichtlichkeit, bestimmte Regelmäßigkeiten?

Tatsächlich sind bestimmte Produkte an manchen Wochentagen billiger als an anderen. Elektronikhändler sind mittwochs am günstigsten, Möbel und Einrichtungsgegenstände am Dienstag und Mittwoch, Schuhe am Donnerstag, Beautyprodukte freitags.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Bislang nicht. Wir sehen nur, dass die meisten Preisänderungen tatsächlich von Amazon ausgehen und die anderen Händler dann mitziehen. Am Wochenende haben die Kunden Zeit zum Shoppen: Da sind Kaufanreize kaum nötig, und die Preise bleiben stabil. Mitte der Woche braucht es dann externe Anreize, um zum Kauf zu motivieren.

Stimmt es, dass vor Weihnachten alles teurer wird?

Das ist ein Mythos. Es ist umgekehrt: Vor Weihnachten geht die Kurve runter, danach wieder rauf. Die Händler versuchen vor den Feiertagen möglichst viel loszuwerden. Es geht nur um Masse. Ganz extrem im Bereich Beauty und Parfüms. Im November sind die Preise niedrig, aber kurz vor Heiligabend ziehen sie wieder an.

Auf welche Weise taktieren Händler noch mit Preisen?

Große E-Commerce-Händler und viele Fluglinien nehmen es wahr, wenn jemand eine Flugverbindung oder ein Produkt mehrmals aufruft. Dann hat er offenbar starkes Interesse. Die Software erzeugt dann eine Art Panikmoment, indem sie den Preis weiter erhöht oder die verfügbare Stückzahl verringert. Der Interessent soll denken, dass er sich jetzt sofort entscheiden muss. Ruft er die Flugverbindung von einem anderen Computer aus auf, kann es durchaus sein, dass er wieder den ursprünglichen Preis sieht.

Manche Händler geben Rabatte, andere verteilen Gutscheine. Worin besteht der Unterschied?

Teure Designer-Marken möchten nicht, dass ihre Produkte im Ausverkauf angeboten werden. Dann steuert der Händler den Preis über Gutscheine. Nach außen hin bleibt der Preis stabil, in Wahrheit aber gibt er Rabatt. Die meisten Gutscheine gibt es für Modeartikel.

Manche Shops werben mit Anzeigenbannern für Produkte. Beim Klick auf das Banner kann man sie günstig kaufen. Schaut man aber direkt in den Shop, sind die Produkte gar nicht gelistet.

Sie wurden dann wahrscheinlich aus dem Shop herausgenommen, weil die Marke offiziell keinen Ausverkauf möchte. Tatsächlich wird die Ware dann aber rabattiert ganz gezielt potenziellen Interessenten über Anzeigen angeboten.

Bei Spottster können sich Kunden informieren lassen, wenn ein gesuchtes Produkt im Preis fällt. Setzen Sie damit die Händler nicht noch mehr unter Druck?

Nein, wir können ihm sagen, hier sind 50 Leute, die haben Interesse an bestimmten Schuhen, warten aber auf einen niedrigeren Preis. Mach denen doch mal ein Angebot. Der Händler kann dann diesen 50 Leuten gezielt ein günstiges Angebot machen, ohne nach außen hin den Preis zu senken. Eine Art geschlossener Abverkauf.

Der stationäre Handel kann bei diesem Preiskampf nicht mithalten.

Offline und Online werden weiter verschmelzen. Ein Mode-Label hat gerade einen Katalog veröffentlicht, aus dem man Kleidungsstücke abfotografieren kann, die dann automatisch im Warenkorb des Onlineshops liegen. Bald soll das auch mit Kleidungsstücken im Geschäft möglich sein. Mit diesem Service will man verhindern, dass der Interessent erst mal woanders nach einem billigeren Angebot sucht. In England testet man gerade digitale Preisschilder im Laden, die sich permanent mit dem Internet abgleichen und den günstigsten Preis anzeigen. Die Preise passen sich dann ständig an. ---

Preisnachlässe in bestimmten Monaten und an bestimmten Wochentagen

Apotheke: März; Dienstag und Freitag

Beauty und Parfüm: November; Freitag

Bücher: August und Oktober bis Dezember

Einrichtung und Möbel: März; Dienstag und Mittwoch

Elektronik: Februar; Mittwoch

Mode: Juni und Juli; Donnerstag

Schuhe: Februar und März; Donnerstag

Sport und Fitness: Februar, März und Dezember; Donnerstag

Spottster

vergleicht täglich Preise von 3000 Onlineshops in Deutschland, Frankreich und Großbritannien mit insgesamt rund 120 Millionen Produkten. Kunden können einen Wunschpreis für Produkte hinterlegen und werden informiert, wenn die Ware günstiger wird oder in den Ausverkauf geht. Dabei berücksichtigt Spottster auch Gutschein-Aktionen.

spottster.com

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