Ausgabe 12/2015 - Schwerpunkt Geschwindigkeit

Carlo Rovelli im Interview

Wer sagt, dass alles schneller wird?

brand eins: Herr Rovelli, was ist Geschwindigkeit?

Carlo Rovelli: Geschwindigkeit scheint etwas sehr Einfaches zu sein. Schließlich können wir alle sehen, dass zum Beispiel ein Fahrrad schneller ist als ein Fußgänger. Tatsächlich ist es komplizierter: Die Geschwindigkeit eines Gegenstandes messen wir immer in Bezug zu etwas anderem, auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wird. Ich sitze gerade in einem Zug, während ich Ihre Fragen beantworte, und im Vergleich zum Zug bewegen sich meine Finger langsam. Sie sind aber extrem schnell, wenn ich sie in Beziehung zum Boden setze. Die Geschwindigkeit ist keine Eigenschaft eines Gegenstandes, sie bezeichnet eine Beziehung. Physiker sprechen von einem relativen Begriff.

Es wird gern behauptet, dass wir in einer Zeit besonderer Beschleunigung leben – wozu würden Sie das in Bezug setzen?

Meine Großmutter hat die Erfindungen von Telefon, Flugzeugen und Fernsehen miterlebt – die sind bedeutsamer als Facebook und Twitter. Wir leiden unter einer falschen Perspektive, die uns nähere Dinge größer erscheinen lässt, als sie eigentlich sind. Ich glaube, dass die sozialen Veränderungen beim Übergang von der Jagd zur Landwirtschaft oder bei der Entstehung der ersten großen Reiche bedeutend größer waren als das, was wir zurzeit erleben.

Die Zahl der Innovationen, die sich auf unseren Alltag auswirken und uns zur Veränderung zwingen, hat aber doch zugenommen?

Vermutlich reichen die Finger meiner Hände aus, um derartige Innovationen aufzuzählen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Denken Sie, das ist viel? Und was verstehen Sie überhaupt unter Innovationen? Ich bin in den Sechzigerjahren ein kleiner Junge gewesen. Damals haben wir uns vorgestellt, dass uns die Zukunft Raumfahrt, Teleportation, Flugmaschinen und Roboter bringen wird, die von den Menschen nicht zu unterscheiden sind. Und vor einigen Jahrzehnten hat Japan ein großes Forschungsprogramm zu künstlicher Intelligenz initiiert. Es sollte in kurzer Zeit Computer hervorbringen, die Ärzte, Anwälte und Ingenieure ersetzen können. Das hat ganz und gar nicht geklappt. Der technische Fortschritt hat sich meiner Meinung nach verlangsamt, im Vergleich zu den Erwartungen, die wir hatten. Auch in der Politik ist die noch im 20. Jahrhundert verbreitete Hoffnung verblasst, man könne rasch eine völlig neue Welt konstruieren. Da sehe ich eher Stillstand als Beschleunigung.

Die Menge an Informationen, die der Einzelne üblicherweise zu verarbeiten hat, ist größer geworden – vielleicht bringt uns das so in Atemnot?

Mag sein. Aber die Folge ist, dass die jungen Menschen heute viel mehr wissen als meine Generation damals. Sie überraschen mich mit ihren Kenntnissen, ihrem schnellen Denken, ihren Vorhaben und ihrer Offenheit. Sie haben mehr Mittel als wir damals, sie leben in einer größeren Welt. Das scheint mir sehr schön zu sein. Ich glaube auch nicht, dass das Internet die Fähigkeit vermindert, sich zu konzentrieren. Fernsehen und Zeitungen sind meiner Meinung nach schlimmer: Sie fördern eine passive Haltung – aber dafür ist der Mensch nicht gemacht, er will interagieren.

Sie denken also nicht, dass Twitter, Facebook und die anderen sozialen Netzwerke das Leben beschleunigen?

Das weiß ich nicht.

Wie lernen wir, mit veränderten Bedingungen umzugehen?

Ich glaube, das geschieht von allein, mit mehr oder weniger Zeit. Der Mensch ist ein neugieriges Wesen, das ständig lernt und seine Meinung ändert. Das ist unsere Stärke, die uns erlaubt hat, all das, was wir erreicht haben, zu verwirklichen. Unsere aktuelle Weltanschauung ist mit der unserer Vorfahren nicht zu vergleichen. Und wir lernen weiter und schauen weiter nach vorn.

Können Sie sich diesen Optimismus auch bewahren, wenn Sie sich im Internet bewegen? Manche Äußerungen dort lassen daran zweifeln, dass Menschen lernen oder sich weiterentwickeln.

Warum sagen Sie das? Ich glaube im Gegenteil, dass sich Menschen sehr wohl von dem beeinflussen lassen, was sie lesen, und auch ihre Meinung ändern. Ein Nationalsozialist wird nicht gleich zum Kommunisten, das ist klar – aber das ist auch vor den sozialen Netzwerken selten geschehen.

Wie kann es uns gelingen, die Widerstände gegenüber neuen Ideen zu überwinden?

Widerstände sind in Ordnung – sonst wären wir wie Fahnen im Wind. Man muss bereit sein, seine Vorstellungen zu verändern, allerdings erst, wenn man alles sorgfältig durchdacht und Belege gesammelt hat. In der Physik erlauben uns Experimente, die guten von den schlechten Ideen zu unterscheiden – aber nur, wenn wir sie unter unterschiedlichen Bedingungen geprüft und die Experimente immer wieder wiederholt haben. Schwierig wird es bei Theorien, die unserer Intuition widersprechen, wie der Allgemeinen Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik. Inzwischen haben sie aber mehrfach ihre Bedeutung bewiesen, und wir können sie akzeptieren. Physik ist oft spekulativ, und das ist nützlich, weil die Spekulation hilft, mehr zu sehen und zu verstehen. Aber man darf neue Ideen nicht voreilig akzeptieren.

In Ihren Büchern schreiben Sie, dass Zeit nicht existiere. Sie sei für den Menschen nützlich, für die Physik aber nicht erforderlich. Wie meinen Sie das?

Für die Erklärung müssen wir eine kurze Exkursion in die theoretische Physik machen. Raum ist keine ununterbrochene Einheit, sondern besteht aus sehr kleinen Raum-Atomen, den Loops, also Ringen. So heißen sie, weil jeder Loop mit den anderen verbunden ist und ein Netz von Relationen bildet, das Raumgewebe. Die Loops sind nicht in einem Raum – sie sind der Raum, er wird von der Interaktion der einzelnen Quantenschwerkräfte geschaffen. Und der Loop-Theorie zufolge ist in den Gleichungen, die die Raumkörnchen und die Materie beschreiben, Zeit als Variable nicht mehr vorhanden. Die elementaren Prozesse können nicht in einer linearen Reihenfolge geordnet werden, die Veränderungen sind allgegenwärtig: Jeder elementare Prozess ist unabhängig und tanzt mit den anderen nach einem eigenen Rhythmus.

Hat diese Erkenntnis Einfluss auf Ihr eigenes Zeitgefühl?

Nicht viel. Ich denke zwar, dass die Zeit auf grundlegender Ebene nicht existiert, aber das bedeutet nicht, dass sich meine Beziehung zur Tageszeit ändert. Das ist wie mit den Newtonschen Gesetzen: Auch wenn sie uns sagen, dass es keine grundlegende Idee von „oben“ und „unten“ gibt, glauben wir deshalb nicht, dass wir an der Decke spazieren gehen könnten.

Auch ohne theoretisches Konzept kommt einem die Zeit schon lange nicht mehr als etwas Einheitliches und Lineares vor: Vieles scheint gleichzeitig zu passieren, jeder ist jederzeit und überall erreichbar, Raum und Zeit scheinen zu verschwimmen – vielleicht nähert sich der Alltag der Loop-Theorie an?

Diese sozialen Phänomene, die Sie beschreiben, sind wahrscheinlich real. Aber ich glaube nicht, dass sie viel mit dem zu tun haben, was die Physik gerade entdeckt. Das kulturelle Klima einer Epoche und die Wissenschaft beeinflussen sich zwar gegenseitig – aber man darf das nicht übertreiben. Analogien findet man überall, wenn man sie nur sucht.

Vielleicht sind wir aber heute offener dafür, die Zeit als von Menschen erdachtes Konstrukt zu sehen, als unsere Vorfahren, die sich nach dem Stand der Sonne richteten?

Im Gegenteil. Die Zeit der Newtonschen Physik ist die der Uhren: regelmäßig und unabhängig von allem, was geschieht. Wenn aber die Sonne den Takt vorgibt, verändern sich die Dinge mit der Bewegung, genau wie in der gegenwärtigen Physik: Im Mittelalter war eine Stunde im Sommer länger als im Winter, weil sie ein Teil der Zeit zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang war. Vielleicht war es damals sogar einfacher zu verstehen, dass es eine absolute Zeit nicht gibt.

Ist die menschliche Gesellschaft offen für eine neue Zeit- und Raumvorstellung, die der wissenschaftlichen Theorie entspricht?

Früher oder später wird sich die Gesellschaft mit unseren Erkenntnissen über Zeit und Raum auseinandersetzen und vielleicht auch erkennen, was es bedeutet, Zeit als nützliches Konstrukt, nicht als gegeben anzusehen. Aber das wird nicht schnell gehen, und es wird nicht einfach sein. Als wir verstanden haben, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, hat es lange gedauert, bis wir begriffen haben, wie weitreichend diese Erkenntnis ist. Und denken Sie nur, dass es noch heute Menschen gibt, die an Darwins Entdeckungen zweifeln!

„Die Welt scheint Relation, vor Gegenständlichkeit, zu sein“, haben Sie geschrieben.

Ja, ich denke, dass alles, was Gegenstände beschreibt, wie eben die Geschwindigkeit, relative Mengen sind oder Relationen. Sie sind keine Eigenschaft eines Objektes, sondern beschreiben die Art und Weise, wie sich das Objekt zu den anderen verhält.

Und so betrachtet ist das Leben nicht schneller geworden?

Im Gegenteil. Es gibt viele Leute, die eine Unmenge Zeit auf Facebook verbringen: Es gibt nichts Verlangsamenderes! ---

Carlo Rovelli, 59,

hat einen Lehrstuhl für theoretische Physik an der Universität Aix-Marseille. Der Italiener gehört zu den Entwicklern der Schleifenquantengravitationstheorie, die versucht, die Quantenphysik mit der Allgemeinen Relativi-tätstheorie zu vereinigen. Neben der wissenschaftlichen Arbeit bemüht er sich, seine Erkenntnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit durch Artikel und Bücher nahezubringen. Seine „Sieben kurze Lektionen über Physik“ sind im August bei Rowohlt erschienen.

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