Ausgabe 03/2015 - Das geht

Pensaki

Der scheinbar persönliche Touch

• Vor zwei Jahren fand der Betriebswirt Antonio Brissa in einem Londoner Hotel eine Begrüßungskarte des Hoteldirektors auf seinem Zimmer vor: „Dear Mr. Brissa, welcome back, it’s a pleasure having you stay again. Regards, Simon.“ Brissa kannte den Verfasser nicht, aber ihn berührte, dass der Satz von Hand geschrieben war. „So etwas schmeißt man nicht weg.“ Der weiße Karton mit der handgeschriebenen Zeile begleitete ihn monatelang als Lesezeichen.

Brissa, 44, hatte viele Jahre bei Crossgate gearbeitet, ein Unternehmen für elektronische Datenintegration, das 2011 von SAP übernommen wurde. Alles drehte sich für Brissa um die Optimierung digitaler Prozesse. Womöglich lag es daran, dass die analoge, echte Handschrift ihn so beeindruckte. Als er vor einem Jahr bei SAP ausstieg, begann er, die handgeschriebene Begrüßungskarte zur Geschäftsidee auszubauen.

Sein Unternehmen heißt Pensaki (der japanische Ausdruck für Füller) und ist eine Art digitaler Privatsekretär. Man kann Postkarten und Briefe bestellen, die mit Füller und Tinte geschrieben werden, Umschlag, Briefmarke und der Gang zur Post sind im Preis inbegriffen. Man bestellt auf der Website, auf der man ein PDF des Briefes zur Vorschau laden kann, aber noch nicht das endgültige Schriftbild sieht. „Das würde den Eindruck schmälern“, ist Brissa überzeugt. „Viele Kunden würden denken: Ach, die drucken doch nur.“ Er weiß: „Der Aha-Effekt tritt erst dann ein, wenn man das beschriebene Papier in der Hand hält.“

Tatsächlich vermittelt die Originalschrift Echtheit: Schaut man ganz genau hin, sieht man die unregelmäßig verteilte Tinte, den minimalen Abdruck des Füllers im Papier, die nicht exakt parallelen Briefzeilen. Wer es nicht weiß, kommt nicht auf die Idee, dass der Brief von einer Maschine, die einen Füller führt, geschrieben wurde.

Mit einem Robotikhersteller hat Pensaki Unterschriftenmaschinen so verfeinert, dass sie ganze Handschriften nachahmen können, die zuvor in einem aufwendigen Prozess eingelesen wurden. Kunden können das mit ihrer Handschrift machen lassen. Wer dieses Extra nicht bezahlen möchte, wählt aus den vorgegebenen Mustern eine Schrift aus. Brissa will die Auswahl noch vergrößern.

Derzeit sammelt er Argumente für sein Geschäft. So soll die dänische Hypothekenbank BRFkredit mit handschriftlich adressierten Briefen an solche Kunden, die in finanziellen Schwierigkeiten steckten und deshalb die üblichen Bankbriefe oft gar nicht mehr öffneten, die erstaunliche Rücklaufquote von 90 Prozent erreicht haben. Englische Finanzbehörden erzielten angeblich höhere Steuereinnahmen, als sie die Leute mit einer handgeschriebenen Adresse und einem handgeschriebenen Satz auf der Steuererklärung ansprachen: „This message is important.“ Brissa erzählt, wie eine Frau hinter einem Postschalter so angetan war von seinem Kuvert-Stapel, dass sie sich vor der Entgegennahme erst die Hände wusch: „Sie haben sich doch so viel Mühe mit den Briefen gegeben.“

Der Gründer zielt mit seinen derzeit acht freien Mitarbeitern mehr auf den Geschäftskunden als auf den Privatmann, der Hochzeitskarten verschicken will. Er ist überzeugt, dass (roboter)handgeschriebene Zeilen aus der wachsenden Flut von E-Mails, SMS, Chats, Tweets und digitalen Werbewurfsendungen herausragen und neue Kundenbindungen ermöglichen.

Für 1000 Euro bekommt der Kunde bei ihm zwischen 200 und 300 Briefe und Karten (inklusive Porto und Versand). „Wir machen hochwertige handschriftliche Dokumente, gleichsam eine Verpackung, die dem Empfänger signalisiert, dass man der Beziehung einen besonderen Wert beimisst. Der Inhalt der Botschaft, das Produkt, das Event müssen natürlich entsprechend hochwertig sein.“

Zu seiner Argumentesammlung gehören ein Artikel aus der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, in dem große Sätze stehen wie „Das sorgfältige Schreiben von Hand wird zum Abbild des sorgfältigen Denkens“, sowie ein Beitrag aus der »New York Times«, der von einem Comeback der Handschrift spricht. Brissa ist realistisch: „Je jünger die Leute sind, desto versierter sind sie im Umgang mit digitalen Technologien. Die Handschrift hat unverändert einen hohen Stellenwert, aber viele können sie kaum noch.“

So gesehen sind die Aussichten für Pensaki nicht schlecht, der wohl der erste Anbieter in Deutschland ist. Andererseits: Je verbreiteter das Schreibenlassen durch den digitalen Privatsekretär wird, desto mehr könnte darunter der Nimbus von Handschriftlichem leiden. Aber bis dahin lassen sich damit noch gute Geschäfte machen. ---

Kontakt: www.pensaki.com /de

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