Ausgabe 03/2015 - Blick in die Bilanz

Alibaba Geschäftsbericht

Märchenstunde

Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse von Alibaba, das im Herbst 2014 an der New York Stock Exchange (NYSE) beim größten Börsengang aller Zeiten mit dem Verkauf seiner Aktien 25 Milliarden Dollar erlöste, beeindruckend. 26 Milliarden Renminbi (4,2 Milliarden Dollar) erwirtschaftete das Unternehmen im letzten Quartal des Jahres 2014, ein Plus von 40 Prozent zum Vorjahr. Dabei sprang ein Gewinn von knapp einer Milliarde Dollar heraus, was einer Nettomarge (Gewinn im Verhältnis zum Umsatz) von 22,8 Prozent entspricht. Davon ist der US-Riese Amazon weit entfernt: Seine Erlöse stiegen im selben Zeitraum nur um 9,6 Prozent auf 23,1 Milliarden Dollar; unterm Strich blieb nicht einmal 1 Prozent davon übrig – 214 Millionen Dollar. Es scheint, als sei Alibaba auf der Überholspur. Allerdings nur auf den ersten Blick.

Die Wachstumsraten der Chinesen beim Umsatz sind rückläufig (Vorjahr: plus 52,1 Prozent) und nicht so einzigartig, wie viele glauben. Als Amazons Jahresumsatz sich noch in der aktuellen Größenordnung von Alibaba bewegte, wuchsen auch die Amerikaner rasant, um mehr als 38 Prozent in 2007. Auch mit der Profitabilität ist es so eine Sache. Die Chinesen sind reine Plattformbetreiber, unterhalten keine teuren Lager, bieten keinerlei Kundenservice, kümmern sich nicht um die Verschiffung. Die allein kostet Amazon netto rund eine Milliarde Dollar pro Quartal und drückt die Bruttomarge (Bruttogewinn, also Umsatz minus Umsatzkosten im Verhältnis zum Umsatz) auf knapp 30 Prozent. Bei Alibaba beträgt sie 71 Prozent – vergleicht man die Chinesen mit anderen Plattformbetreibern ist das trotzdem kein Spitzenwert. Bei Ebay etwa bleiben im Marktplatzgeschäft (also ohne Paypal) vom Umsatz sogar mehr als 80,5 Prozent als Bruttogewinn übrig.

Amazons Geschäftsmodell mag weniger lukrativ sein, dafür bietet es große Vorteile bei der Internationalisierung. Die Amerikaner sind nah am Kunden, wissen, welche Produkte in welchem Land wie präsentiert werden müssen. 40 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften sie international. Bei den Chinesen sind es 7 Prozent – Tendenz fallend. Im Juni 2014 waren es noch 9,3 Prozent, ein Jahr zuvor 10,4 Prozent der Erlöse. Ein Blick auf die deutsche Website liefert eine mögliche Erklärung: Die Texte der Anbieter sind ein wilder Mix aus Deutsch und Englisch, die Preise vielfach „FOB“, was Free on Board heißt und bedeutet, dass oft der Kunde selbst sich um die Anlieferung kümmern muss; Mindestabnahmen von oft 500 oder 1000 Stück sind erforderlich. Zwar ist das Angebot für Händler gedacht, nicht für Konsumenten, eine Art Online-Metro. Doch die gibt’s hierzulande schon lange.

Auch in China wird das Geschäft schwieriger. Ärger mit den Behörden wegen gefälschter Produkte auf den hauseigenen Marktplätzen haben den Ruf geschädigt. Die heimische Konkurrenz nimmt zu: Sowohl die Suchmaschine Baidu als auch der Instant-Messaging-Anbieter Tenecent drängen ins E-Commerce-Geschäft. Sie sind ebenbürtige Gegner: börsennotiert, ähnlich umsatz- und wachstumsstark, hochprofitabel. Derweil steht Alibabas Gewinnmarge unter Druck. Das zeigt eine wichtige Kennzahl, die Monetization Rate. Sie gibt an, wie viel Prozent von den Umsätzen auf den Plattformen (Gross Merchandise Volume, GMV) als Erlös übrig bleibt. Mit 1,96 Prozent ist sie bei Konsumenten, die von ihren Mobiltelefonen aus handeln, viel geringer als bei PC-Nutzern (2,7 Prozent). Das mobile Geschäft ist aber der Wachstumsmotor, macht bereits 42 Prozent des gesamten GMV aus.

Der Börsengang hat viel Geld eingebracht. Der Großteil ging an die Ursprungs-Investoren, gut acht Milliarden Dollar flossen Alibaba zu, das nun auf 17 Milliarden Dollar in bar sitzt – eine Kriegskasse, die Amazon gefährlich werden könnte? Es sieht nicht danach aus. Schon in den vergangenen Jahren kauften die Chinesen viele Firmen (Investment in Equity Investees), vom Evergrande Football Club, durch den sie Fußballfans ansprechen wollen, über eine Warenhauskette bis hin zum Navigationsanbieter Autonavi und einem Filmstudio. Bislang gelang mit keiner der Beteiligungen der große Wurf. Das Portfolio macht Verluste. Und keines der Unternehmen befindet sich außerhalb Chinas. ---

Alibaba wurde 1999 von dem Englischlehrer Jack Ma in der südchinesischen Metropole Hangzhou gegründet. Seine Ursprungsidee war, kleinen Firmen über eine Internet-Plattform den Zugang zu internationalen Märkten zu erleichtern. Heute stammen Alibabas Erlöse zu knapp 8 Prozent aus B2B-Geschäften, 83 Prozent des Umsatzes liefern Retail-Plattformen wie Taobao und Tmall. Seit dem Börsengang im September 2014 hält Gründer Ma noch gut 7 Prozent der Anteile, weitere Großaktionäre sind Yahoo und Softbank. Alibaba beschäftigt an mehr als 100 Standorten – 90 davon in China – gut 34.000 Mitarbeiter.

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