Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

The Little Lebowskis

„ Die Menschen vergessen, dass das Gehirn die größte erogene Zone ist.“
Der Dude

• Gary Silvia hat sein Seelenheil in einer Filmfigur gefunden. Er nennt sich Dudeist Priest, einen Priester des Dudeismus. Dahinter verbirgt sich eine Pseudoreligion, benannt nach Jeffrey Lebowski in „The Big Lebowski“. Der Dude, wie Lebowski sich in dem Film nennt, ist ein mittelalter Aussteiger, der zufrieden ist mit seinem Leben, das nahezu ausschließlich aus Bowling, Kiffen und Drinks (White Russians) besteht.

Silvia ist ein schmaler Mann mit langen Haaren und grauen Bartstoppeln. Er steht in kariertem Bademantel, den er wie Jeffrey Lebowski lässig zu T-Shirt und Hose trägt, in seiner Garage in Waterville, Maine, einem kleinen Ort im äußersten Nordosten der USA. Er betreibt hier den Dudeismus Store einer Organisation, die sich „Church of the Latter-Day Dude“ nennt. Ihr Oberhaupt heißt Dudley Lama, es gibt ein Take-it-easy-Manifest, und einer der wichtigsten Feiertage ist Kerabotsmas – in Erinnerung an Donny Kerabatsos, einer Nebenfigur im Film, die an einem Herzinfarkt stirbt, als sie und der Dude von einer Gruppe Nihilisten angegriffen werden, den Bösewichten im Film.

Das klingt alles absurd. Aber die Dudeisten meinen es ernst. „Ich will den Dudeismus in der Welt verbreiten“, sagt Silvia. Der Gründer der Organisation ist der amerikanische Journalist Oliver Benjamin. Er habe verschiedene Philosophien studiert, aber sie seien entweder zu streng, zu irrational oder zu demütig gewesen, sagt er. Als er „The Big Lebowski“ sah, habe er eine Art Offenbarung gehabt und erkannt, wie die ideale Weltanschauung aussehen müsste.

Seit 2005 arbeitet er nun mit ein paar Gleichgesinnten daran: eine moderne Version des chinesischen Taoismus, gemixt mit einer Prise Epikur, dem Philosophen des persönlichen Glücks. Kernbotschaft: Das Leben ist kurz und kompliziert, und keiner weiß, was man dagegen tun kann. Just take it easy, man. Weltweit gibt es mittlerweile mehr als 270 000 selbst ernannte Dudeisten. Sie lassen das Phänomen Big Lebowski erahnen.

Der Film aus dem Jahr 1998 mit Jeff Bridges und John Goodman in den Hauptrollen stammt von den Coen-Brüdern, die Kultfilme wie „Fargo“ und „No Country for Old Men“ geschaffen haben. Doch keines ihrer Werke hat eine so riesige und aktive Fangemeinde hervorgebracht wie die Geschichte vom Dude, der eigentlich nur eine Entschädigung für seinen ruinierten Teppich will und dabei in einen haarsträubenden Entführungsplot gerät.

Es gibt inzwischen neben der eigenen Religion ein jährliches Lebowski-Fest, einen Dokumentarfilm und mehrere wissenschaftliche Arbeiten über das Phänomen sowie eine ganze Armada an Merchandise-Artikeln, von Weihnachtsbaumkugeln über Schnapsgläser bis zu Unterhosen.

Die einen lieben einfach den Film: die absurde Story und die irren Charaktere, die wahnwitzigen Dialoge, die sich in vielen Lebenslagen zitieren lassen – kurz das Genie der Coens. Die anderen sehen darin einen Gegenentwurf zur Leistungsgesellschaft.

„Der Dude ist authentisch und zufrieden mit einem bequemen Leben abseits von Konsum, Besitz und Status“, sagt Peter Fosl, Professor für Philosophie an der Transylvania University in Kentucky und Herausgeber des Buches „The Big Lebowski and Philosophy“. „Er bowlt, hängt mit seinen Freunden rum, vergibt ihnen ihre Fehler und begegnet jeder Situation, in die er geworfen wird, ehrlich und mit wachem Verstand. In unserer komplizierten Welt spricht das viele Leute an.“

Das leichte Leben des Dudes ist für die meisten Menschen jedoch nur schwer erreichbar. Auch Gary Silvia ringt damit. Der 46-Jährige war lange auf der Suche nach Orientierung, sein Leben schwankte zwischen Höhen und Tiefen: Er hat die High School abgebrochen, im zweiten Golfkrieg sechs Monate lang Straßen für die amerikanischen Truppen im Irak gebaut, war Glas-Graveur, Trinker, wandelte sich schließlich vom katholischen Gotteskrieger zum Gras rauchenden Hippie, wie er sich heute selbst nennt.

Zuletzt war er Miteigentümer einer Recyclingfirma, verdiente vernünftig, fuhr einen Chevy Avalanche, einen riesigen SUV. Dann kam 2008 die Wirtschaftskrise, der Schrott auf dem Hof war auf einmal nur noch einen Bruchteil wert. Silvia stieg aus, weil sein Unternehmen nicht mehr lief. Und weil er nicht mehr jeden Tag von Schlamm und Öl bedeckt sein wollte.

Er hatte jetzt Zeit, las viel im Internet, beschäftigte sich mit Buddhismus, den er mochte, aber der ihm zu altmodisch vorkam. Schließlich stieß er auf den Dudeismus, kontaktierte den Ober-Dudeisten Oliver Benjamin, die beiden freundeten sich an.

Für 10 beziehungsweise 15 Dollar kann man bei Gary Silvia ein Zertifikat oder eine ID bestellen, die den Besitzer als Priester ausweisen. Silva macht dann an einem sehr langsamen Rechner eine Datei fertig, legt die Formulare in den Drucker, den ihm Benjamin dafür gekauft hat, und klebt zum Schluss kleine Siegel darauf. Wer 35 Dollar zahlt, bekommt noch Aufkleber und Aufnäher dazu, von Silvia per Hand in Tütchen verpackt.

Er erhält dafür eine kleine monatliche Pauschale, zusammen mit den gravierten Gläsern mit Dude-Motiven, die er nebenbei herstellt und verkauft, verdient er etwa 1800 Dollar im Monat. Über die Runden kommen er, seine Frau Heather und ihr 16-jähriger Sohn nur, weil sie einen Job als Hausmeisterin im Privat-College im Ort hat. Und weil sie sich einschränken.

Sie sind von Massachusetts in ihren ursprünglich als Ferienhaus gedachten Trailer in Waterville gezogen. Sie verzichten auf Urlaub und auf ein zweites Auto, obwohl man ohne das hier draußen aufgeschmissen ist. Das Haus müsste dringend renoviert werden, im Badezimmer schält sich die Blümchentapete von den Wänden. Sie gehen selten aus und wenn, dann in die Bar, wo es die Buffalo Chicken Wings für 25 Cent das Stück gibt. „Es fehlt noch etwas Geld, um glücklich zu sein“, gibt Silvia zu.

Roy Preston dagegen sieht aus, als hätte er es geschafft. Der 48-Jährige ist Inhaber des Ladens „The Little Lebowski Shop“ in New York. Er verkauft T-Shirts, Sticker, Poster und Figuren rund um den Film. Mit dicken Brillengläsern und rundem Bauch sitzt er hinter der Kasse. Er trägt den obligatorischen Bademantel zur Jogginghose und mixt seinen Gästen den Lieblingsdrink des Dude: White Russian, Wodka mit Kaffeelikör und Milch. Mit den Kunden zitiert er Lieblingsszenen. Ein Dude in seinem Element, denkt man, wenn man ihn so dasitzen sieht. Hinter der Fassade steckt aber auch hier ein Kampf um die Existenz.

„Ich tue den ganzen Tag so, als sei ich faul“, sagt Roy Preston. „Dabei arbeite ich 60 Stunden die Woche.“ Nur Weihnachten bleibt sein Laden zu. Angestellte kann er sich nicht leisten, er hat einen Geschäftspartner, der ihn an zwei Tagen die Woche vertritt. Der Partner ist sein Mitbewohner. Eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten, schon gar nicht in New York, darum wohnt er jenseits des Hudson River in Jersey City.

Nacheinander kommen an einem Samstagmittag im Juni ein Paar aus Österreich, eines aus Baltimore, eine Familie aus Colorado, eine aus Belgien, ein Teenager aus Italien und drei Collegekids aus Chicago in den Laden. Etwa 900 Euro nimmt Preston an diesem Tag ein. Das Wetter und die Wirtschaftslage machten ihm zu schaffen, sagt er. Weil es ein langer, verschneiter Winter war, seien viele Kunden weggeblieben. Einige Regale im Laden sind leer. Er hatte nicht genug Geld für den Wareneinkauf, was nicht zuletzt an den Wahnsinnsmieten liegt. Der wohnzimmergroße Lebowski-Shop befindet sich im Szeneviertel Greenwich Village und kostet jeden Monat 4200 Dollar Miete. Vor ein paar Jahren waren es noch 700 Dollar weniger.

Das Geld ist eben ein Problem, wenn man der Dude sein will. In Waterville plant Gary Silvia, das Glasgeschäft auszubauen. Mehr Arbeit also. Für die Dudeisten kein Widerspruch. Für sie geht es nicht darum, faul zu sein. Es geht darum, das zu machen, wozu man Lust hat. „Du kannst auch als Workaholic ein Dudeist sein“, sagt Oliver Benjamin. „Solange du es für dich tust, nicht auf Geheiß oder für die Anerkennung anderer.“

Es ist hart, wie der Dude zu sein

Der Verehrte macht, was er will, er bleibt sich treu. Für seine Nacheiferer ist das eine Herausforderung. „Es ist nicht leicht, so locker wie der Dude zu bleiben“, sagt Benjamin. „Es braucht oft viel Arbeit und innere Stärke, um ein Leben frei von Verpflichtungen oder Sorgen zu führen.“ Er selbst lebt in Thailand, wo das Leben billig ist und er mit dem Geld auskommt, das er inzwischen vor allem mit Büchern über den Dudeismus verdient.

Wenn Kunden Roy Preston fragen, wie er auf die Idee mit dem Laden gekommen ist, sagt er: weil ich den ganzen Tag im Bademantel herumlaufen wollte. In Wahrheit will er Schriftsteller sein, wie er zugibt, wenn man lange genug mit ihm spricht. Preston hatte den Laden 2007 als Kinderbuchhandlung eröffnet, nicht zuletzt um seine eigenen Bücher zu vertreiben. Doch wenige Monate nach der Eröffnung schlug die Krise zu. Er stand kurz vor dem Aus, als er ein paar Lebowski-Shirts ins Schaufenster hängte. „Ich wollte wenigstens noch ein wenig Spaß haben, bevor ich untergehe“, sagt er. Die Shirts wurden zum Verkaufsschlager.

Heute kann er zwar von seinem Laden leben, aber er träumt noch immer von der Schriftstellerei. Nach Feierabend schreibt er Drehbücher und Romane. Gerade arbeitet er an einer Geschichte über einen Drachen in der Midlife-Krise. Den Laden aufzugeben kommt für ihn nicht infrage. „Ich schlage mich durch“, sagt er. „Der Shop ist meine Bühne, das ist meine Show.“ Er macht das Beste daraus – ganz im Sinne des Dude. The Dude abides – der Dude packt das, wie es in der deutschen Version des Films „The Big Lebowski“ etwas lieblos übersetzt heißt. Denn „to abide“ bedeutet viel mehr: aushalten, ertragen, durchstehen – das, was den Dude für seine Millionen Fans weltweit ausmacht.

In Maine lässt sich auch Gary Silvia nicht so leicht unterkriegen. Seit vergangenem Jahr nimmt er Unterricht am Community College. Für die Glaubwürdigkeit, wie er sagt. Wenn er seine Weltanschauung erklärt, lässt er Thomas Piketty einfließen, John Maynard Keynes, die Entwertung von Arbeit. Ein erstes Ziel sei, überall durchzusetzen, dass dudeistische Priester Leute verheiraten können. In einigen Staaten der USA dürften sie das bereits. Silvia selbst würde gern dudeistische Camps zur Verbreitung des Glaubens anbieten.

Gemeinsam bowlen in Kentucky

Für August plant er ein Dudeisten-Treffen. Es droht jedoch zu scheitern, weil sich viele Anhänger die Anreise nicht leisten können. Auch die Organisation selbst ist knapp bei Kasse. Damit sich das ändert, lagern in Silvias Garage neuerdings Kisten voller Dude-Püppchen namens „Doodoo-Doll“ und Lederbändchen mit den Initialen WWDD, „What would Dude do?“. Sie sollen bald verkauft werden.

Jeden Monat bekomme er etwa 200 Bestellungen, sagt Silvia. Dass der Kult keineswegs abebbt, zeigt auch das Lebowski Fest, das sich seit 2002 von einer Party zweier Freunde zum jährlichen Treffen Tausender Fans entwickelt hat. Einmal im Jahr strömen sie nach Louisville, Kentucky, um gemeinsam zu bowlen, zu trinken und den Film zu schauen. Dazu kommen weitere Feste an wechselnden Orten. Auch europäische Städte wie London und Edinburgh waren schon dabei. „Diese Feste sind Orte, an denen die Fans eine aktive Gemeinschaft ausleben und erweitern können“, sagt der Philosophie-Professor Peter Fosl. „Sie kreieren eine kulturelle Energie, die dazu beiträgt, dass der Film auch heute noch weltweit an Universitäten gezeigt wird.“

Die Coen-Brüder haben bislang jede Einladung ausgeschlagen. Obwohl sie in der Nachbarschaft wohnen, waren sie auch noch nie im Little Lebowski Shop. Sie halten sich fern von dem Kult um ihren Film. Als er in die Kinos kam, hatten sie für „Fargo“ gerade den Oscar für das beste Drehbuch bekommen. Die Erwartungen waren hoch, doch „The Big Lebowski“ floppte in den USA. 17,5 Millionen Dollar hat er eingespielt, ein Zehntel dessen, was der Coen-Western „True Grit“ einbrachte.

Vielleicht liegt der Grund für den Flop darin, dass die Story so voll von Anspielungen ist, dass viele sagen, den Film erst nach mehrmaligem Sehen schätzen gelernt zu haben. Eigentlich sollte der Film die Geschichte von ein paar Exzentrikern erzählen. Für die Hauptfiguren standen zwei Bekannte der Coens Pate. „Die Brüder haben etwas Größeres geschaffen, als sie jemals beabsichtigt hatten“, sagt Gary Silvia.

Eine interessante Frage, ob es den Kult auch gäbe, wenn die Coens nicht noch das Drehbuch geändert hätten. Eine frühere Fassung soll verraten haben, wovon der Dude lebt: als Nachkomme des Erfinders des Rubik’s Cube, diesem bunten Würfel, bei dem man alle Seiten auf die gleiche Farbe drehen muss. Der Dude, ein Erbe.
Der Zauber wäre wohl dahin gewesen. ---

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