Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Sunball

Von wegen ruhige Kugel

• Am Anfang stand die Erinnerung. An die Spaziergänge mit den Eltern, als der Junge mit ihnen durch Häver bei Bünde streifte und dieses Ding aus einem der üppigen Vorgärten hervorleuchtete. „Es sah aus wie von einem anderen Stern“, sagt Olaf Bollmann. „Schon damals wollte ich es haben.“ Knapp 40 Jahre später fährt er erneut an jenem Garten vorbei, und noch immer steht da diese Kugel. Zitronengelb, 1,60 Meter Durchmesser, an die 200 Kilogramm schwer. „Ich mag einfach schöne Dinge“, sagt der 44-Jährige. „Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich auf dieses Wagnis eingelassen habe.“

Dieses Wagnis hat Bollmann sechs Jahre seines Lebens und einen sechsstelligen Geldbetrag gekostet. Ob er seine Investitionen je wieder hereinholen wird, ist fraglich. Er schließt die Tür einer Produktionshalle auf, und darin steht eine Kugel wie die aus seiner Kindheit, nur strahlend weiß. Er schiebt eine 30 Kilogramm schwere Halbschale nach oben, packt die hellgrauen Liegepolster hinein, auf denen zwei Personen Platz finden. Dann dreht er die Kugel nach rechts um ihre eigene Achse. „Vielleicht bin ich ja naiv“, sagt er schließlich, „aber wenn ein Produkt so einzigartig ist wie der Sunball, dann wird es seinen Markt finden.“ Auch 40 Jahre nachdem die letzten Exemplare des Designklassikers produziert wurden. „Ja“, sagt er, „ich bin besessen von dem Ding.“

Coole Alternative zum Strandkorb

Der Sunball stammt aus der ersten Einrichtungskollektion des Geschirrherstellers Rosenthal und hat es bis in die Neue Sammlung München in der Pinakothek der Moderne gebracht. Manche Exemplare erzielen bei Auktionen fünfstellige Preise. Ursprünglich wollten seine Schöpfer, der Bildhauer Günter Ferdinand Ris und der Architekt Herbert Selldorf, mit dem Möbel lediglich den Strandkorb ablösen. Doch schnell stattete Rosenthal es mit Beleuchtung aus, installierte Stereoanlagen und machte aus dem spartanischen Rundling eine „Sonnenkugel für das komfortable Freiluftwohnen“. Sie kostete rund 4000 D-Mark, nicht mal 50 Stück wurden verkauft.

Für Josef Straßer, Oberkurator der Münchener Neuen Sammlung, verkörpert der Sunball ein Lebensgefühl „aus Zukunftsoptimismus, Technikgläubigkeit und der Gewissheit unendlicher Möglichkeiten“. Kurz zuvor war der erste Mensch auf dem Mond gelandet – und die Ölkrise noch weit weg.

Von diesem Hintergrund weiß Olaf Bollmann wenig, als er im Jahr 2009 erstmals mit dem Gedanken spielt, den Sunball neu aufzulegen. „Ich hatte nicht wirklich eine Krise, aber ich wusste nicht, was aus mir werden würde“, beschreibt er seine damalige Situation. Er hatte sich in der Autoindustrie stetig emporgearbeitet, von der Schlosserlehre bis ins höhere Management. Dann aber gerät sein Arbeitgeber in Turbulenzen, und ob man Bollmann an dieser Position auch künftig brauchen wird, ist nicht wirklich klar. Da erzählt ihm ein Kollege von einer befreundeten Künstlerin, die mit glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) arbeitet. Und fragt ihn, ob er nicht eine Idee habe, um nebenberuflich etwas mit dem Material zu machen. Bollmann erinnert sich an den Sunball. Und daran, dass er schon lange die Selbstständigkeit ausprobieren wollte.

Schon der Anfang ist schwer

Nun treibt Bollmann sein Projekt voran, mitunter gegen jede Vernunft. Zwar behält er seinen Job, steigt sogar in der Hierarchie weiter auf, doch die gewohnten Regeln aus einem Konzern nützen ihm nichts beim Unternehmen Sunball. Er hat lediglich eine Idee. Keine Rechte, keine Produktionsanlagen, kein Vertriebsnetz. Auf Marktforschung verzichtet er, schließlich ist er überzeugt von seinem Produkt. Dass er heute ein ausgereiftes Modell vorweisen kann, verdankt er auch glücklichen Zufällen und selbstlosen Helfern.

Dass Enthusiasmus allein nicht reicht, muss er schon beim Rechteerwerb feststellen. Zu jener Zeit ist Rosenthal zwar gerade insolvent – eigentlich eine gute Voraussetzung für Bollmanns Ansinnen, doch er beißt sich monatelang die Zähne aus an der Assistentin des Insolvenzverwalters. Erst als er im Familienkreis einen Anwalt findet, der wiederum den Insolvenzverwalter kennt, kann er die Lizenz für den Sunball erwerben.

Doch „um die Sache wasserdicht zu machen“, braucht er auch die Urheberrechte der Designer – die er mit einer Charme-Offensive gewinnt. Zu Weihnachten 2010 setzt er einen handschriftlichen Brief an den über 80-jährigen Herbert Selldorf auf, ruft zwei Wochen später höflich an. Zwei Stunden sitzt er Selldorf schließlich gegenüber, erzählt ihm von sich und seiner Begeisterung. Am Ende gibt der seine Zustimmung. Und auch die Familie des 2005 verstorbenen Günter Ferdinand Ris zieht dank Selldorfs Vermittlung mit.

Ein schöner Plan. Aber sehr gewagt

Es lässt sich alles gut an, und Bollmann sucht einen GFK-Verarbeiter, der den Sunball nach dem historischen Vorbild produzieren soll. Nach zwei Jahren stellt sich allerdings heraus, dass das nicht funktioniert. Denn weder der ehemalige Hersteller noch die Designer verfügen über Baupläne und Konstruktionsanleitungen. Selldorf berichtet stattdessen von diversen Macken der Kugel. Von knarrenden Schalen und Gelenkproblemen. Von ständigen Veränderungen. „Im Grunde waren das alles Prototypen“, lernt Bollmann, „kein Sunball glich in den Details dem anderen. Wie aber soll man dann wissen, wie man ihn richtig baut?“

Zunächst setzt der Unternehmer auf die Kompetenz der GFK-Spezialisten. Er kauft einen gebrauchten Sunball und lässt ihn von einem Verarbeiter analysieren. Doch der ist bald überfordert mit dem komplizierten Zusammenspiel von Kunststoff, Metall und Holz, außerdem verlangt er für die Produktionswerkzeuge doppelt so viel Geld wie von Bollmann angenommen. Der versucht es bei anderen GFK-Betrieben. Überall dasselbe: „Alles wurde immer komplizierter und teurer.“

Trotzdem bemüht Bollmann sich erst gar nicht um Fremdkapital. Denn er will sich nicht hineinreden lassen, „dafür hätte ich gar keine Zeit“. Schließlich arbeitet er Vollzeit in der Autobranche und hat nicht vor, sich dort weniger zu engagieren.

Auch sein Businessplan ist ambitioniert. Bollmann kalkuliert mit einem Preis von 17 500 Euro: „Und selbst dann habe ich meine Kosten erst wieder drin, wenn ich 30 Stück davon verkaufe.“ Angesichts des Marktes für hochwertige Outdoormöbel erscheint das gewagt. So sind ausgedehnte Liegelandschaften des belgischen Hersteller Manutti für rund 20 000 Euro zu haben und Qualitäts-Strandkörbe bereits für einige Tausend Euro. Das einzige mit dem Sunball vergleichbare Produkt, der „Orbit XXL“ von Dedon, kostet nur etwa 8000 Euro.

Der Münchener Kurator Josef Straßer sieht trotzdem eine Chance für den Sunball – weil er den heutigen Designtrends so gar nicht entspricht. In einer Welt aus offenen Küchen, Wohnlandschaften und einer steten Vernetzung könne der Sunball „eine Möglichkeit des Rückzugs“ schaffen.

Der Teufel steckt in der Technik

Bollmann dämmert irgendwann, dass das Möbel zu großen Teilen neu konstruiert werden muss. Eine Aufgabe, die ihn selbst überfordert – und die er nur meistert, weil der Bekannte eines Bekannten einen fähigen Konstrukteur kennt.

Eckhard Lühmann, 47, gelernter Werkzeugmacher, wohnhaft in Hüllhorst auf dem Hof seines Bruders „mit 200 Schweinen im Stall“, konstruiert hauptsächlich für eine Maschinenbaufirma: Baustahlmatten, Rundräumer für Klärwerke, Tiefziehwerkzeuge. Doch er ist auch an anderen Aufgaben interessiert. „Ich will immer etwas Neues, und wenn ich mal was auf der Leier habe, soll es auch fertig werden. Aber als ich den Sunball gesehen habe, habe ich mich schon gefragt: Hat das Ding jemals funktioniert?“

Er und Bollmann tun sich 2013 zusammen, um den Sunball funktionstüchtig zu machen. Liefen die Schalen des ursprünglichen Modells über einen Ring aus Holz, bauen sie nun einen aus Edelstahl. An einem neuen Zentralscharnier sind sie ein Dreivierteljahr zugange. Beim Klemmgriff bauen sie Teflonscheiben ein und konstruieren zudem ein neues Federwerk. Viele Versuche, viele Irrtümer – das Original liefert ihnen wenig Antworten. Und so ist es kein Wunder, dass ihnen im April 2014 beim ersten Prototypen die schweren Schalen zusammenklappen und die Spaltmaße so groß sind, dass man sich die Finger klemmt.

Aber Bollmann lässt nicht locker, denn mittlerweile hat er einen GFK-Verarbeiter gefunden, der den Sunball produzieren würde. Also bauen sie bis Herbst 2014 einen besseren Prototypen. Bollmann will nun raus aus der Bastelecke und auf den Markt. Da er keinen Etat für Möbelmessen hat, sucht er den idealen Ort, um sein Baby zu präsentieren. Einen, wo sich solvente Menschen treffen, die exklusive Produkte schätzen. „Und das“, denkt sich Bollmann, „ist Sylt.“ Genauer: der Möbelhändler Frank-Michael Voelmy.

Den besucht er auf der Insel, zeigt ihm Fotos seines Sunballs, die Liegepolster in dessen Firmenfarbe. Seine Story überzeugt: Der Sunball schafft es in den Showroom und auf die Titelseite des 2015er-Katalogs, was Bollmann „ein unbeschreibliches Glücksgefühl“ beschert.

Kein Weg zurück

Zu diesem Zeitpunkt beschließt Bollmann, richtig ins Risiko zu gehen. Obwohl er genau weiß, dass die eigene Begeisterung auch in die Irre führen kann. „Im Konzern“, sagt Bollmann, „hätte ich mit so etwas längst aufgehört.“ Nun aber spricht er lange mit seiner Frau, und dann entscheidet Bollmann, seine gesamten Ersparnisse in den Sunball zu stecken. Er investiert in Werkzeuge, kauft Einzelteile, meldet die Marke an. „Bis dahin“, sagt er heute, „hätte ich noch zurückgekonnt. Aber das wäre das Ende des Sunballs gewesen. Und das kam nicht infrage.“

Fraglich bleibt allerdings bis heute, ob der Sunball wirklich eine Zukunft hat. Zwar hat Bollmann mittlerweile einen dritten Prototypen gefertigt, so gut, dass er ihn besten Gewissens verkaufen kann. Aber noch immer feilt er mit Eckhard Lühmann an den perfekten Grundfunktionen, damit wirklich nichts schleift und hakt. Für eine Serienproduktion bräuchten sie exakte Montagepläne, die sie erst noch erstellen müssen. Trotz diverser Anfragen hat bis Juni 2015 erst ein Kunde verbindlich bestellt.

Aber in Wirklichkeit, sagt Bollmann, habe er sein Ziel schon erreicht. „Der Sunball ist wieder in der Welt, und darum geht es.“ Ob er wirklich mehr Kunden gewinnen wird, etwa in exklusiven Hotels in Dubai, Russland oder China – diese Frage bereite ihm keine schlaflosen Nächte. Um den Vertrieb mit externen Partnern will Bollmann sich erst kümmern, wenn die Serienfertigung funktioniert. Bauen aber kann er den Sunball schon heute.

Und wenn es nicht klappt? Dann hat Bollmann noch immer einen gut dotierten Managerjob, wenn auch einen Haufen Geld verbrannt. Trotzdem sitzt er im Juni 2015 entspannt in seinem Garten. „Aus Controllersicht“, gibt er zu, „habe ich wohl noch wenig geschafft.“ Aber dann berichtet er vom ehemaligen Betriebsleiter der Rosenthal-Fertigung, der ihm bestätigt hat, dass sein Sunball besser funktioniert als das Original; von einem früheren Sunball-Polsterer und seinen Hinweisen auf ein bestimmtes amerikanisches Schmierfett, um Knarrgeräusche endgültig auszumerzen. „Für andere mögen das nur neue Kontakte sein, die vor allem Zeit kosten“, sagt Bollmann, „für mich aber ist das eine wichtige Motivation.“

Schließlich erzählt er vom Hasen und dem, was ihn zum Laufen bringt: „Bei mir ist es genauso. Ich habe noch immer eine Möhre vor der Nase hängen. Und ich will sie haben.“ ---

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