Ausgabe 08/2015 - Was Wirtschaft treibt

Nicht jammern, machen!

• Wer junge Leute im Westjordanland nach ihren Träumen fragt, hört meist die gleiche Antwort: „Raus hier.“ Am besten in den Westen, nach Europa, nach Amerika, dorthin, wo es gute Jobs gibt, offene Grenzen und vor allem Zukunft. All die Dinge, an denen es im ewigen Nicht-Staat Palästina mangelt.

Peter Abualzolof, 27, hatte all das, wovon seine Landsleute träumen: Studium in den USA, Job im Silicon Valley, ein gutes Gehalt. Und doch ist er den umgekehrten Weg gegangen, vom glitzernden San Francisco nach Ramallah, die laute, staubige De-facto-Hauptstadt des Westjordanlandes.

In seinem alten, seinem früheren Leben reiste Peter Abualzolof durch die Welt. „Großbritannien, Spanien, Mexiko, Marokko, Südafrika, Indien, China, Japan“, zählt er auf, dann stutzt er, „hatte ich Guatemala schon?“ In seinem neuen Leben muss er sich vor Checkpoints anstellen, wenn er nur aus dem Westjordanland nach Israel reisen will, muss stählerne Drehtüren passieren und sein Gepäck von Soldaten durchsuchen lassen. Es gibt wohl wenige Orte, die gefühlt so weit weg liegen von der amerikanischen Westküste. „Ich weiß, mein Leben hier wird nicht so großartig sein wie in den USA“, sagt Abualzolof. Aber darum gehe es nicht. Er hat eine Mission, er will der palästinensischen Wirtschaft helfen.

Die hat Impulse bitter nötig. Seit Jahren verliert sie beständig an Wettbewerbsfähigkeit, warnte die Weltbank 2013 in einem Bericht. Gut jeder Vierte im Westjordanland ist arbeitslos, im isolierten Gazastreifen sogar fast jeder Zweite. Vor allem junge Palästinenser mit Universitätsabschluss haben es schwer, Stellen zu finden, die ihrer Qualifikation entsprechen. Der Exportanteil ist mit fünf Prozent einer der niedrigsten weltweit, verkauft werden überwiegend landwirtschaftliche, aber auch pharmazeutische Produkte sowie Möbel und Software.

Die Hauptschuld an der Malaise trägt laut Weltbank Israel. In den Oslo-Abkommen von 1993 und 1995 wurde zwar der Palästinensischen Autonomiebehörde die volle Verantwortung für die meisten palästinensischen Städte im Westjordanland übertragen. Doch bis heute kontrolliert Israel rund 60 Prozent des Gebiets. Darunter leidet vor allem die Landwirtschaft, heißt es in dem Weltbank-Bericht. Israels Siedlungsbau zerstückelt das Territorium; die Mauer, die Israel zum Schutz vor Attentätern errichtet hat, schneidet Bauern von ihrem Land ab; Checkpoints erschweren den Transport der Waren.

Doch neben dem politischen Konflikt gibt es ein weiteres Problem: die Entwicklungshilfe. Seit Jahrzehnten hängen die palästinensischen Gebiete am Tropf ausländischer Geldgeber. 1,2 Milliarden Dollar erhielt die palästinensische Regierung 2014 – bei einem Budget von 4,2 Milliarden Dollar. Am meisten gibt die EU, eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr; weitere Großspender sind die USA, Saudi-Arabien, einzelne europäische Staaten und die Vereinten Nationen. Ein Großteil dieser Hilfen – 60 Prozent, schätzt Transparency International – geht für Gehälter und Pensionen drauf, statt investiert zu werden. Das fördert die Korruption, es werden unnötige Posten geschaffen und nach Loyalität vergeben, öffentliche Ausgaben ohne parlamentarische Kontrolle getätigt. Während der öffentliche Sektor wächst, schrumpft die Produktivität der Landwirtschaft und der verarbeitenden Industrie. Der Weltbank-Bericht kommt deshalb zu einem ernüchternden Urteil: Selbst wenn morgen ein palästinensischer Staat gegründet würde, wäre die Wirtschaft nicht stark genug, ihn zu tragen.

Ausgerechnet Ramallah

„Es gefällt uns Palästinensern nicht, wie sehr ausländische Spender jeden Aspekt unseres Lebens kontrollieren“, sagt Peter Abualzolof. Palästina gehöre daher auf Entzug. Zur Therapie seiner Heimat empfiehlt er das, was Silicon Valley zu einer Weltmarke gemacht hat: Start-ups.

Heute teilt er sich in Ramallah eine Wohnung mit einem Freund. Rund 50 Kilometer südlich von hier ist er aufgewachsen, in Bait Sahur, einem Dorf nahe Bethlehem. Vor allem arabische Christen leben dort, auch Abualzolof kommt aus einer christlichen Familie. Der Vater musste mit zwölf Jahren die Schule abbrechen, um Geld zu verdienen. Später wurde er Schneider, schuftete und sparte eisern, die Söhne sollten es einmal besser haben.

Die ersten Jahre seines Lebens wuchs Peter Abualzolof unter israelischer Militärbesatzung auf; er erinnert sich an die Soldaten in ihren Khaki-Uniformen, die durch die Straßen seines Dorfes zogen. Trotzdem sagt er, er habe eine glückliche Kindheit gehabt. Seinen Eltern sei es gelungen, Politik aus dem Familienleben herauszuhalten. Sie verboten ihm und seinen zwei Brüdern, Steine auf Soldaten zu werfen, so wie es andere Jungen im Viertel taten. Als er eines Morgens seine Großmutter besuchen wollte und ihre Wohnung wie ein Schlachtfeld aussah – Kleider auf dem Boden, Schubladen ausgeräumt –, sagten die Eltern, ein Erdbeben sei schuld. Jahre vergingen, bis er begriff, dass Soldaten die Wohnung durchsucht hatten.

Als er acht Jahre alt war, zog die Familie an die amerikanische Westküste, wo schon Verwandte lebten. In Kalifornien sollten die Söhne das Leben bekommen, für das der Vater so hart gearbeitet hatte. Für Abualzolof war der Umzug ein Schock. Er konnte kaum Englisch, in der Schule verstand er kein Wort. Der Förderunterricht, ein, zwei Stunden pro Woche, reichte nicht, um aufzuholen. Jahrelang schleppte er sich mühsam von Klasse zu Klasse. Bis ein Lehrer in der sechsten Klasse ihn und seine Mutter zum Krisengespräch lud, weil die Versetzung gefährdet war.

Ein Schock, aber ein heilsamer. Von diesem Tag an begann Peter Abualzolof, hart an sich zu arbeiten. Seine Noten verbesserten sich. Er schaffte einen guten Abschluss, studierte Business Finance in San Diego, bekam einen Job in einem großen Unternehmen. Heute beschreibt er das Gespräch mit dem Klassenlehrer als Schlüsselmoment. „Damals begriff ich: Niemand ist da, um mir zu helfen. Wenn ich etwas schaffen will, muss ich es selbst machen.“ Es ist dasselbe Prinzip, auf dass er nun in seiner alten Heimat setzt: nicht jammern, anpacken! Ein sehr amerikanisches Motto.

Abualzolof hängt zudem einer persönlichen Philosophie an: „Jeder hat einen bestimmten Pfad im Leben, und je weiter man sich von ihm entfernt, desto schlechter laufen die Dinge.“ Im Sommer 2013 beschloss er, dass sein Weg ins Land seiner Kindheit führt. Inzwischen arbeitete er im Vertrieb bei einem Start-up im Silicon Valley. Er war Amerikaner geworden, zumindest äußerlich. 13 Jahre lang hatte er seine Heimat nicht besucht, mehr als sein halbes Leben. Zeit, Geld, „immer gab es eine Ausrede“. Bis er ins Westjordanland reiste, ein kleiner Urlaub sollte es sein, zehn Tage nur. Doch die genügten, um seine Lebensplanung über den Haufen zu werfen.

„Es klingt wie ein Klischee“, sagt er, „aber erst in Palästina habe ich mich komplett gefühlt. Es war wie ein Ruf.“ Zurück in Kalifornien lag er nächtelang wach. Er googelte „Palästina“, „Entrepreneurship in Palästina“, „Start-ups in Palästina“, erstellte Listen mit Namen von Menschen und Organisationen, die in der palästinensischen Start-up-Szene eine Rolle spielten. Nach vier Wochen stand für ihn fest: Er würde seinen Job kündigen und Unternehmer in Palästina werden. „Unser ganzes Leben haben wir hart gearbeitet, damit dir alle Chancen offenstehen“, sagte sein Vater, „und du wirfst an einem einzigen Tag alles weg.“

Im Oktober 2013 zog Abualzolof nach Ramallah. Vom ersten Tag an stürzte er sich in die Gründerszene und knüpfte Kontakte. Er begann, als Projektmanager für Fastforward zu arbeiten, den ersten Start-up-Accelerator im Westjordanland, gegründet von der sogenannten Leaders Organization. Er rief zusam-men mit einer Unternehmerin den palästinensischen Ableger von Start-up Grind ins Leben, eine globale Plattform für Entrepreneure. Im vergangenen Oktober schließlich gründete er seine eigene Firma Mashvisor, eine Plattform, die Analysen und Investment-Beratung für den US-Immobilienmarkt bietet.

Bislang hat er alles aus Ersparnissen finanziert, nun sucht er Investoren, um den Service auszubauen. Die Geschäftsidee kam ihm, weil er selbst einmal überlegt hatte, in Immobilien in den USA zu investieren. „Damit kenne ich mich aus“, sagt er, „trotzdem war es schwer, herauszufinden, wo es sich zu investieren lohnt. Da dachte ich, das ist eine Herausforderung!“ Und damit eine unternehmerische Chance. Es ist dieser Optimismus, dieses bedingungslose Vertrauen in die Möglichkeiten der Technik und den menschlichen Einfallsreichtum, mit dem Peter Abualzolof auch auf die palästinensische Wirtschaft blickt. Vielleicht ist es genau das, was sie braucht.

Heimkehrer wie er bewegen etwas

Ramallah liegt nur 60 Kilometer von Tel Aviv entfernt, der israelischen Start-up-Metropole. Ein europäischer Besucher mag auf den ersten Blick Ähnlichkeiten zwischen beiden Städten finden: Hupen ist hüben wie drüben eher Kommunikationsform als ein Warnsignal, das orientalische Grundnahrungsmittel Hummus lässt sich an jeder Ecke kaufen, und auf beiden Seiten sind die Cafés mit jungen Menschen in Turnschuhen gefüllt, oft mit Laptop auf den Knien. Doch es liegen Welten zwischen den Nachbarn. Israel ist weltweit als Start-up-Nation bekannt. Kein anderes Industrieland gibt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, so viel Geld für Forschung und Entwicklung aus. Die unternehmerischen Aktivitäten im Westjordanland erscheinen dagegen bedeutungslos. Auf „500 bis 1000 Menschen“ schätzt Abualzolof den Kreis der Start-ups; die in Ramallah kenne er alle persönlich.

Und doch – etwas ist in Bewegung geraten, und Menschen wie Peter Abualzolof sind die Pioniere: Palästinenser, die im Ausland studiert und Karriere gemacht haben, bevor sie, ausgestattet mit Geld, Know-how und einem Schuss Idealismus, in ihre Heimat zurückkehrten. Auch Salah Amleh ist so jemand. Er studierte und arbeitete in Italien, heute leitet der 35-Jährige in Ramallah den Start-up-Inkubator Bader, dem das gut gekühlte Büro gehört, in dem Abualzolof an seiner Firma arbeitet. Bader plant einen größeren Inkubator in Rawabi, einer Stadt, die derzeit neu gebaut und komplett privat finanziert wird. Bashar Masri, der Initiator dieses Großprojektes, arbeitete bei Microsoft in den USA, bevor er nach Ramallah zurückkehrte. Die neue Stadt soll zum palästinensischen Technik-Zentrum werden und 1500 neue Jobs im IT-Sektor schaffen.

Ihr wichtigstes Mitbringsel: Hoffnung

Auch die inzwischen zurückgetretene palästinensische Einheitsregierung hat sich anstecken lassen: In ihrem „Nationalen Entwicklungsplan 2014 –2016“ erklärt sie die Förderung von Entrepreneurship zu einem ihrer wichtigsten Ziele. Ob die künftige Regierung dem Plan folgen wird, ist noch nicht klar. Selbst Gaza hat inzwischen einen Start-up-Accelerator. Mehrmals im Jahr gibt es in verschiedenen Städten Gründer-Treffen. Die Stimmung dort ist optimistisch, zuweilen enthusiastisch. Junge Menschen stellen mit leuchtenden Augen in holprigem Englisch ihre Geschäftsideen vor.

Auf die Gründer warten große Herausforderungen. Eine davon ist die Suche nach Personal. Peter Abualzolof brauchte zwei ­Monate, um einen Softwareentwickler für seine Firma zu finden. Beim Werben um Talente stehen Entrepreneuren mächtige Konkurrenten gegenüber: Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Mehr als 2000 davon gibt es in den palästinensischen Gebieten, schätzt der Portland Trust, selbst eine britische NGO. Der Großteil des Budgets dieser Organisationen kommt aus dem Ausland, vor allem aus der EU und den USA, deshalb zahlen sie oft bessere Gehälter als heimische Firmen. Und binden so Talente an sich, die der Privatsektor so dringend brauche, sagt Abualzolof.

Die meisten NGOs haben hehre Ziele, von Hilfe für taubstumme Kinder über Weiterbildung von Frauen bis zur Förderung lokaler Kunstprojekte. Aber ihre Arbeit ist oft nicht langfristig angelegt. Projekte werden abgeschlossen, die Förderung endet. „Was passiert mit den Angestellten, wenn ein Spender die Finanzierung einstellt?“, fragt Abualzolof. „Die Leute hören auf zu kaufen, die Wirtschaft stirbt. Wer dagegen bei einer Firma arbeitet, weiß, dass sein Gehalt sicher ist.“

Talent ist nicht die einzige knappe Ressource im Westjordanland. Israel erlaubt es palästinensischen Firmen nicht, die dritte Generation des Mobilfunkstandards (3G-Internet) anzubieten. „Die Verhandlungen über das Thema sind noch nicht abgeschlossen“, lautet die offizielle Begründung. Doch Abualzolof sieht darin kein größeres Hindernis „Die Beschränkung ist unethisch und falsch. Aber ich glaube nicht, dass sie Innovation stoppt. Alles, was man braucht, ist ein Laptop und WLAN.“ Gerade für Palästinenser sieht er in der Webwirtschaft eine große Chance – denn im Internet seien sie frei, keine Checkpoints, Mauern und Grenzkontrollen könnten sie aufhalten. Vielleicht erklärt das auch die Begeisterung, mit der sich junge Entrepreneure in das Wagnis einer Firmengründung stürzen.

Peter Abualzolof erzählt, dass seine Freunde in Kalifornien ihn fragen: „Wie kannst du nur dort leben? Es muss doch so viel schwerer sein!“ Aber im Alltag unterscheide sich sein neues Leben gar nicht so sehr von seinem alten. „Du stehst morgens auf, du fährst zur Arbeit, du gehst heim.“ Der für ihn entscheidende Unterschied: In Ramallah könne er etwas bewegen mit seinem Know-how und seinem Engagement. „Ich will hier wirklich etwas aufbauen“, sagt er. Jobs, Investitionen, eine stärkere Privatwirtschaft, all das verspricht er sich. Am wichtigsten für die Zukunft Palästinas aber sei, dass Heimkehrer wie er die Hoffnung zurückbrächten, die verloren gegangen sei. „Viele junge Palästinenser verlassen das Land, weil sie hier keine Zukunft für sich sehen“, sagt er. „Das ist menschlich. Ich verurteile das nicht. Aber dank dieser neuen Firmen, die wir hier aufbauen, werden sie sehen: Ich kann hier bleiben. Ich kann mich weiterentwickeln und Palästina zu einem besseren Ort machen. Und ich bin sicher, das hilft Palästina mehr als alle ausländischen Spenden.“ ---

Mehr aus diesem Heft

Faulheit 

Aufwachen!

Die südkoreanische Arbeitskultur ist geprägt von Hierarchie, Überstunden und Alkohol. Aber nun regt sich Widerstand – von unten und von oben.

Lesen

Faulheit 

Das Gesetz des Dschungels

Unberührte Natur finden alle schön – nur nicht vor der eigenen Haustür. Ein Besuch im Nationalpark Schwarzwald.

Lesen

Idea
Read