Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Johnny Haeusler

Kleine Fluchten

• Dreimal im Jahr schauen die Eltern meiner Frau bei uns in Berlin vorbei und benehmen sich, wie sich Eltern erwachsener Menschen eben benehmen: Sie bringen Massen an Lebensmitteln mit, sie freuen sich über die großen Enkelkinder, und sie erzählen Geschichten aus ihrer Heimatstadt von Menschen, die wir nicht kennen. Es ist nett, wenn sie kommen. Aber mein Schwiegervater wird nach wenigen Stunden unruhig.

Denn bei uns läuft der Fernseher nicht. Wir schalten ihn nur an, wenn wir eine Serie oder einen Spielfilm sehen wollen, und meistens zeigt er dann nicht einmal ein TV-Programm, sondern fungiert als Monitor für einen Download oder Stream.

Wenn mein Schwiegervater unruhig wird, tun wir ihm den Gefallen und schalten den Fernseher an, denn dann kann man sich besser unterhalten, findet er. Und redet folgerichtig die ganze Zeit, während der Rest der Familie auf den Bildschirm starrt: der Fernseher als sprichwörtlicher Lagerfeuerersatz.

Interessanterweise wirft nun aber genau diese Generation, die das Sitzen vor der Flimmerkiste, die längst keine mehr ist, als Kommunikationszentrum liebt und lebt, den Jüngeren gern vor, dass man sich mit ihnen gar nicht mehr unterhalten könne. Weil sie zu beschäftigt mit ihren Smartphones seien und dauernd am Arbeiten.

Damit sitzen die Älteren einem Taschenspielertrick auf, den auch viele Chefs und sogar Kollegen noch nicht durchschaut haben. Denn wir nutzen unsere mobilen Computer (oder „Glastelefone“, wie sie mein Schwiegervater neulich liebevoll nannte) in Wirklichkeit gar nicht, um unsere Produktivität zu steigern, den Bürotag zu verlängern oder briefmarkengroße Excel-Tabellen zu bearbeiten. Sondern wir nutzen sie in erster Linie, um möglichst unerkannt: nichts zu tun.

Die unzähligen Apps auf unseren Smartphones – Casual Games, To-do-Listen, Fotobearbeitungswerkzeuge, News-Reader, Notizen-Tools, Messenger – sie sind in Wirklichkeit Spielzeuge, Zeitvertreib, Meditationsersatz.

Denn Nichtstun, Blödsinnmachen, tagsüber abschalten, alles das ist eigentlich verboten im Zeitalter der Selbstoptimierung, in dem einen immer noch Menschen anrufen, um zu fragen, ob die Mail auch angekommen ist. Wir haben keine Zeit für Pausen. Wir sind effizient, und ein Termin jagt den nächsten. Die Präsentation muss noch fertig werden, wir brauchen die Zahlen, kannst du das mal schnell machen, ich melde mich gleich.

Man stelle sich vor, der Schreibtischnachbar legte gegen 15 Uhr ein Nickerchen ein. Starrte nur in die Luft. Läse ein Buch. Blätterte in einem Comic. Oder löste ein Kreuzworträtsel. Seiner Arbeit könnte ein wenig Faulheit, Abschalten oder „Leisure time“ ganz sicher guttun – aber wie sähe das denn aus? Eben nicht nach Arbeit.

Und deshalb tun wir so, als arbeiteten wir. Und sortieren stattdessen bunte Kügelchen und schalten dabei ab, denken für ein paar Minuten an gar nichts, lassen uns fallen, sind anwesend, aber nicht da.

Wir sind faul, weil wir Faulheit brauchen. Das Korsett der neuen Techniken, das uns immer enger einschnürt, konstant ansprechbar, erreichbar und auch kontrollierbar macht, hat uns die Freiheit zum Müßiggang genommen, die Freiheit, im wahrsten Sinne des Wortes abzuschalten. Dabei sind es doch genau die Pausen, in denen Ideen entstehen.

Ob es ein wirklich kluger Weg ist, auf dieses Dilemma mit weiterer Technik zu antworten, wird die Zukunft zeigen. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass die wenigen positiven Kritiken über die Apple Watch die Tatsache feiern, dass man angeblich seltener aufs Smartphone schaut. Mehr Technik, um Technik zu meiden. Ein Konzept, das sich seiner Absurdität bewusst sein muss, immerhin aber erkannt hat, dass Smartphones vielleicht doch nicht die Produktivitätssteigerer sind, für die wir sie ausgeben. Sondern kleine Lagerfeuer in unserer Hand.

Nächste Woche fahren wir übrigens auf einen Besuch zu den Schwiegereltern, und unsere Smartphones haben wir dabei. Damit wir nicht unruhig werden. ---

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