Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Christian Stoll

„Du, Baby, Hochzeitsreise ist nicht“

brand eins: Herr Stoll, wer Ihren Lebenslauf liest, könnte leicht kurzatmig werden – haben Sie nicht gemerkt, dass sich da etwas zusammenbraut?

Christian Stoll: Wieso? Ich hatte doch Spaß daran, habe gutes Geld verdient, hatte Verantwortung und durfte wunderbare Sachen machen.

Aber Sie hatten auch schon einen Warnschuss bekommen – 2006 sind Sie zum ersten Mal zusammengebrochen.

Man hatte festgestellt, dass mir das Gewebshormon Serotonin fehlte. Ich bekam Medikamente, und ich dachte, alles sei gut.

Fünf Jahre lang war es das auch. Was ist dann passiert?

Im Mai 2011 habe ich geheiratet und hatte wie üblich wahnsinnig viel zu tun. „Du, Baby“, habe ich zu meiner Frau gesagt, „Hochzeitsreise ist nicht“ – ich wollte erst noch die beiden Sechstagerennen auf die Bahn bringen. Im Juli hatte ich dann ein erstes freies Wochenende, wir sind nach Amrum gefahren. Und am Montagmorgen, es war der 17. Juli 2011, bin ich aufgewacht, und alles war anders.

Wie war es?

Ich konnte das nicht quantifizieren, nicht qualifizieren, ich wusste nur, irgendwas ist mit dir. Ich fühlte mich wie auf einer schiefen Ebene, die mit Butter bestrichen ist – ich rutschte immer tiefer, aber nur zentimeter- oder millimeterweise, immer tiefer und tiefer. Ich wusste, ich müsste jetzt eigentlich Hilfe suchen, aber ich dachte: Da kommst du schon allein wieder raus.

Sie sind nicht zum Arzt gegangen?

Ich hatte doch mein Projekt. Und ich bin ein Kämpfer – ich sagte mir, ich ziehe mich da schon selbst wieder raus. Aber am 2. November hatte ich dann in der Agentur einen Zusammenbruch mit allem, was dazugehört.

Was gehört dazu?

Du hast das schreckliche Gefühl, vernichtet zu werden. Du kannst nicht differenzieren, woher das kommt und wer dich vernichten will – du hast nur dieses unfassbare Vernichtungsgefühl. Du bist nervös, suchst nach irgendeinem Grund und findest ihn nicht. Winston Churchill, der Leidensgenosse aller Depressiven, hat das den schwarzen Hund genannt. Ich finde, das beschreibt es ganz gut.

Ihre Frau hat es geschafft, Sie relativ schnell in einer psychosomatischen Klinik unterzubringen. Haben Sie sich gewehrt, oder waren Sie nun bereit für eine Pause?

Ich hätte mich gar nicht mehr wehren können. Ich war kraft- und willenlos, habe mich in die Klinik bringen lassen, mein Handy abgegeben. Und dann hat mein Leben wirklich neu angefangen.

Sie sind immer noch mit Ihrer Frau verheiratet, immer noch Stadionsprecher und haben 2012 wieder eine Firma gegründet – so neu klingt das nicht.

Ich habe gelernt, dass ich nicht so stark bin, wie das vielleicht nach außen hin wirkt. Dass meine Kräfte endlich sind. Dass ich mir ganz viel Zeit auch für mich selber geben muss. Und ich habe mir – gar nicht so sehr meinen Arbeit- und Geldgebern gegenüber, für die ich jetzt frei arbeite, sondern mir selbst gegenüber – das Recht auf Faulheit genommen.

Wie sieht das aus?

Heute spüre ich, wenn ich wieder in eine kritische Phase komme. Und das schiebe ich dann nicht mehr wie früher zur Seite, sondern sage meine Termine ab, fahre Rad oder gehe in die Sauna. Wer darauf keine Rücksicht nehmen kann oder will – dem kann ich es sowieso nicht recht machen, der versteht mich nicht.

Das ist fast schon eine Persönlichkeitsveränderung. Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Meine Ärztin hatte mir gesagt: „Sie werden sicherlich ein Jahr brauchen, bis Sie Ihr neues Leben so einigermaßen eingerichtet haben.“ Und dass es sie nicht wundern würde, wenn es drei Jahre dauert. Ich habe die Klinik trotzdem nach drei Monaten gegen ihren Rat verlassen, zu früh. Ich musste die Therapie in einer Tagesklinik fortsetzen.

Und wie lange hat es am Ende gedauert?

Ziemlich genau ein Jahr, bis ich wieder einigermaßen in der Bahn war. Bis ich mir mein neues Leben organisiert und eingerichtet hatte, hat es wirklich drei Jahre gebraucht. Und diese Neuausrichtung wird letztendlich nie abgeschlossen sein, weil es immer wieder diese Phasen gibt, in denen mich der schwarze Hund besucht.

Was machen Sie heute anders als früher?

Ich achte mehr auf mich. Ich war auch vorher durchaus auf mich fixiert, aber anders – ich habe mich selbst verschwendet. Heute gehe ich behutsamer mit mir um. Das Zweite: Ich habe gelernt, wie wichtig bestimmte Menschen in meinem Leben sind. In kritischen Situationen trennt sich die Spreu vom Weizen – da merkst du schnell, wer dich einfach nur auf deinem Lebensweg begleitet hat, weil du erfolgreich warst. Und schließlich sorgt so ein Warnschuss dafür, dass man sich bewusster mit seinem Alter und der vor einem liegenden Wegstrecke auseinandersetzt. Ich war immer auf Tour, mir war egal, ob ich im Hotel, meiner Wohnung oder auf einem Campingplatz schlafe – heute denke ich mit meiner Frau über unseren Lebensabend nach und darüber, irgendwann im eigenen Garten zu sitzen.

Sie sind damals sehr offen mit Ihrem Zusammenbruch umgegangen. War das die richtige Entscheidung?

Für mich gab es keine Alternative. Ich war plötzlich weg, und natürlich haben die Leute bei Werder Bremen und anderswo gefragt: Wo ist Stolli? Es ging für mich einfach nicht, mich mit einer Grippe oder Rückenschmerzen zu entschuldigen, dazu bin ich nicht der Typ. Ich habe gesagt: Entweder ihr tragt das, dann könnt ihr das genauso schreiben, wie es war – oder wir bekommen ein Problem miteinander.

Die Presse hat verständnisvoll reagiert. Hatte das auch mit Robert Enke zu tun, dem Nationaltorwart, der sich zwei Jahre vorher umgebracht hatte?

Gut möglich. Vor allem hat mir das Buch, das Ronald Reng über ihn geschrieben hat, sehr geholfen. Ich kannte Enke, sein Tod hat mich wie alle betroffen gemacht. Als ich nach ein paar Wochen komplettem Medienentzug bat, wenigstens ein Buch lesen zu dürfen, war es das Erste, was ich gelesen habe. Ich war in einer Nacht durch.

Weil Sie so viele Parallelen gesehen haben?

Ich habe das Buch in einer Phase gelesen, in der ich noch nicht sicher war, ob und wie es weitergeht. Ich war ja nicht nur innerlich zerrüttet – ich hatte auch mein ganzes Geld in die geplanten Sechstagerennen investiert, die dann wegen meiner Erkrankung nicht stattfinden konnten. Ich hatte einen solchen Berg von Problemen, dass ich mich fragte: Was willst du eigentlich? Willst du mit 51 wirklich noch mal von vorn anfangen? Es gab Tage, da wollte ich das nicht.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Die Jungs von Werder und der Nationalmannschaft waren großartig, Willi Lemke und Oliver Bierhoff haben mir Briefe geschrieben. Aber es gab auch andere, die sagten: Okay, der ist nun nicht mehr leistungsfähig, den nehmen wir nicht mehr. Das geht ganz fix. Am Ende habe ich die Jobs behalten, die mir wirklich am Herzen lagen. Also Werder Bremen und einiges andere – aber es ist auch viel weg. Früher hätte ich darum gekämpft, aber heute habe ich so ein Rutsch-mir-den-Buckel-runter-Gefühl. Das hilft mir sehr.

Hat Ihre Frau mit Ihnen gelernt, ein wenig vom Gas zu gehen?

Das musste sie nicht, meine Frau hatte nie diesen durch die Erziehung eingeimpften Imperativ: Du musst! Du musst jetzt! Du musst jetzt noch mehr! Sie ist ohne Eltern aufgewachsen, hat in Berlin Häuser besetzt, Musik gemacht und ist über diesen Weg ins Radio und zum Fernsehen gekommen. Sie hat immer gemacht, was sie will, nicht, was von ihr erwartet wird. Sie ist auch die Erste, die merkt, wenn wieder mal so ein Tag ist – und dann sagt sie: „Sag alle Termine ab!“ Oder: „Fahr nicht mit dem Auto, fahr Zug.“

Ist das für Sie die Ursache für den Zusammenbruch, dieses ständige „Du musst“?

Ganz sicher. Dazu kommt, dass sich unsere Arbeitswelt stark verändert hat. Das Tempo ist höher, in vielen Branchen herrscht eine Konkurrenz, bei der viel früher die Ellbogen ausgefahren werden, freie Wochenenden sind zumindest in meinem Metier die absolute Ausnahme. Als ich angefangen habe, war die Arbeitswelt noch gemütlicher, man hat auch mal mittags mit Kollegen zusammengesessen und ein Bier getrunken. Das ist heute nahezu nicht mehr vorstellbar. Und weil zudem die gesellschaftliche Bereitschaft gestiegen ist, sich mit Krankheiten zu beschäftigen, die aus der Seele kommen, ist Burnout zu einer Modekrankheit geworden.

Fühlt es sich für Sie heute gut an, faul zu sein?

Es hat gedauert. Aber heute ist Faulheit für mich etwas, das ich früher anders beurteilt habe und das für mich jetzt ein elementarer Bestandteil eines ausgeglichenen Lebens ist. ---

Christian Stoll, 55,hat Geschichte, Journalistik und Literaturwissenschaft studiert, als Reporter gearbeitet, war in leitender Position bei Radiosendern in München, Berlin und Hannover, ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen und seit 2006 auch des DFB, unter anderem beim WM-Finale 2006 in Berlin, hat die Sechstagerennen in Bremen, Berlin, Stuttgart und Zürich als Hallensprecher begleitet und wollte mit einem niederländischen Partner gerade als Unternehmer zwei Sechstagerennen in Hannover und Köln wiederbeleben – als er 2011 zusammenbrach.

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