Ausgabe 08/2015 - Editorial

Liegen lernen

• Ein Leser hatte uns auf die Idee gebracht, und zunächst schien sie allen zu gefallen. Aber dann, als die Faulheit als Thema in die Redaktionskonferenz kam, war die Diskussion unerwartet heftig. Ja, ja, schönes Wort. Aber ein Thema? Für ein ganzes Heft? In dem die Faulheit dann womöglich auch noch gefeiert werden soll?

„Faulheit ist im deutschen Wertekanon so eindeutig negativ belegt, dass Widerspruch geradezu Pflicht ist“, hatte der Leser Jan-Klaus Beckmann geschrieben. Die Diskussion zeigte: Er hat recht. Die Frage ist: warum?

Wieso ist es geradezu Bürgerpflicht, für Work-Life-Balance zu sorgen, aber nicht erlaubt, faul zu sein? Weshalb assoziieren so viele mit dem Wort: ungewaschen, nutzt andere aus, pennt nur und bringt nichts zustande? Und denken nicht an jenen köstlichen Moment, in dem es erlaubt ist, nichts zu tun – und an die vielen Erfindungen, die wir der Sehnsucht danach verdanken?

Die Antwort ist weit vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Das Christentum sitzt uns da ganz sicher im Genick, das Bosheit und Faulheit sorgsam verknüpfte (S. 36). Der Philosoph Ralf Konersmann hat zudem eine in den vergangenen Jahrhunderten immer stärker gewordene Passion für die Unruhe ausgemacht (S. 62). Der Publizist Guillaume Paoli nennt das schlicht Sucht und beruft sich auf Karl Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue, der das „Recht auf Faulheit“ forderte: „Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse, die Arbeitssucht.“ Und die, sagt Paoli im Streitgespräch mit dem Gewerkschafter Hans-Jürgen Urban, sei in den vergangenen hundert Jahren immer schlimmer geworden (S. 114).

Die Folgen lassen sich besonders gut in Südkorea betrachten. Dort ist der Fleiß erste Bürgerpflicht, bis zu 800 Stunden im Jahr arbeitet ein Angestellter mehr als hier. Das macht müde – und erstaunlich unproduktiv (S. 80). Kein Paradox, wie der Berater und Technik-Experte Ben Hammersley weiß, der gern am Strand von Marina del Rey in Kalifornien herumlungert: „Menschen sollten mehr Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, was genau ihre Arbeit ist. Und viel weniger Zeit mit der eigentlichen Arbeit“ (S. 46). Christian Stoll würde dem heute zustimmen. Der Stadionsprecher von Werder Bremen hat es lange Zeit eher auf die südkoreanische Art versucht, seit einem Zusammenbruch lernt er, faul zu sein (S. 120).

Das klingt noch immer ein wenig provokant. Er lernt Müßiggang, sich zu entspannen, Pause zu machen – alles gut. Aber faul sein? Ist das nicht ganz und gar ohne Sinn? Ausgerechnet Organisationspsychologen widersprechen da: Faulheit hat im Unternehmen durchaus eine Funktion (S. 74). Und auch die Entwickler der Gartengeräte von Gardena können das hohe Lied der Faulheit singen (S. 100). Ganz und gar Lebensinhalt aber ist sie in einem kleinen Geschäft in New York, in dem ein Mann im Bademantel empfängt: The Little Lebowski Shop heißt der Laden, Dude nennt sich der Besitzer, Dudismus die Bewegung, die nach dem Film „The Big Lebowski“ der Coen-Brüder entstand (S. 130). Dort strengt Faulheit allerdings auch am meisten an.

In kleineren Dosen ist sie dagegen Entspannung pur und nicht nur zur Urlaubszeit zu genießen: „Entscheidend ist“, sagt Konersmann, „dass wir Ruhe und Unruhe als Kontinuum betrachten.“ Sie gehören zusammen, im Urlaub und am Arbeitsplatz. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

Titelbild: Getty Images

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