Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Die Wehmütigen

• Wer schon mal eine singende Säge gehört hat, weiß, wie Melancholie in Reinform klingt. Aller Schmerz der Welt liegt darin, eine Sehnsucht, die irgendwo aus den tiefsten Schichten der Erde stammt. Unendlich traurig und wunderschön.

Kein Wunder, dass die Finnen, berühmt für ihre Melancholie, Säge und Geigenbogen als Erste zusammenbrachten und so die natürliche Stille in den Wäldern übertönten: Es waren die Waldarbeiter, die nach getaner Arbeit in Einsamkeit und Dunkelheit auf die Nacht warteten, auf den folgenden Tag und dabei über Leben und Tod sinnierten.

Womöglich ist dieser Gründungsmythos wissenschaftlich nicht einwandfrei belegt – weit hergeholt ist er nicht. Vier Fünftel von Finnland sind von Wald bedeckt, womit auf jeden Einwohner durchschnittlich fünf Hektar kommen. Finnland ist etwa so groß wie Deutschland, hat aber nur gut fünf Millionen Einwohner. Vielleicht halten es wegen dieser Einsamkeit hier oben viel mehr Menschen einfach nicht aus. Oder wegen der durchdringenden Stille; der rauen Natur, die das Thermometer im Winter auf unter minus 50 Grad Celsius drückt und auch nicht einen Lichtstrahl hergibt, wochenlang.

Zum Problem wurde die finnische Melancholie mit dem Ende des Agrarstaates. Und das ist gar nicht lange her. Verglichen mit seinen nordischen Nachbarn war Finnland ein Spätzünder: Die Industrialisierung kam Mitte des 20. Jahrhunderts ebenso schleppend in Gang wie das Wirtschaftswachstum und der Aufbau eines Wohlfahrtsstaates. Die allgemeine Schulpflicht wurde – wie in Thailand – erst 1921 eingeführt, noch 1945 waren drei Viertel der Bevölkerung Bauern, und die lebten und arbeiteten im Takt der Natur. Im Winter, wenn sich Dunkelheit und Kälte breitmachten, zogen sich die Menschen zurück, verlangsamten ihr Tempo. Aber die ökonomische Entwicklung erlaubte das irgendwann nicht mehr. Schließlich musste man auch im Winter mit Frankreich oder Deutschland konkurrieren können. Seither fehlt den Finnen die natürliche Winterpause – womöglich mit ein Grund, warum sie so schwermütig sind.

Die Melancholie ist überall. Da hilft es auch nicht, dass die Finnen an Spielautomaten, die auch noch im letzten Provinzsupermarkt aufgestellt sind, ihr Glück versuchen oder ihre Kinder Onni (Glück) nennen. Der melancholisch-süße Schmerz der Vergänglichkeit ist sogar in der Sprache präsent: Ein Futur kennen die Finnen nicht. Im Radio seufzen sich die Moderatoren durch die Sendungen. Und auch die Musik spricht für sich: Tatsächlich machte sich ein Musikwissenschaftler in seiner Dissertation einmal die Mühe, Hunderte einheimische Hits auf ihre archetypischen musikalischen Eigenschaften hin zu untersuchen. Das Resultat: 80 Prozent von ihnen sind in Moll geschrieben.

Savoir vivre, Lebenskunst? Fehlanzeige. Dafür sind die Finnen wahre Meister darin, ihr Los mit stoischer Würde zu tragen – und zu pflegen. Und das aus gutem Grund: Wer schwermütig und pessimistisch ist, ist besser vor bösen Überraschungen geschützt oder davor, naiv auf andere hereinzufallen. Wem es schlecht geht, der wird nicht beneidet. Wer hart ist im Nehmen, den kann so leicht nichts umhauen.

Wer viel grübelt, macht weniger Fehler

Warum also hat die Melancholie so einen schlechten Ruf? Es dürfte auch daran liegen, dass sie oft mit der Depression verwechselt wird. Diese erstickt die Seele, während die Melancholie sie weitet, Platz schafft für Gedanken und Fantasie. Ursprünglich verpasste aber die Kirche der Melancholie ihr schlechtes Image: Schon an der Schwelle zur Moderne galt sie als Versuchung des Teufels, der seine Opfer durch endlose Debatten mit sich selbst in den Wahnsinn treiben wollte. Zu viel Denken und Grübeln über alles, was ist, woran alle glauben, galt als Übel vor Gott und den Menschen. Das sah in der Antike noch ganz anders aus.

Die Philosophen befanden, das menschliche Leben sei eine traurige Angelegenheit, schließlich sei alles, was wir tun, vergänglich und vergeblich. Weshalb Aristoteles auch vermutete, dass jeder redlich denkende Mensch Melancholiker sein müsse. Melancholie war gesellschaftlich anerkannt, auch weil ein produktives Dasein nicht nur an Umsatz und Leistungstempo gemessen wurde. Und es war kein Zufall, dass Saturn als Gott der Melancholiker gleichzeitig der Gott der Aussaat und der Fruchtbarkeit war. Beide Pole gehörten auch noch in der Renaissance oder Romantik zur Lebenskunst, und nicht nur Albrecht Dürer setzte der Melancholie mit seinem berühmten Kupferstich „Melencolia I“ ein Denkmal.

Heute unterläuft die Melancholie das ständige Immer-Weiter unserer Gesellschaft, das Sinngerüst aus Religion, Politik und Wirtschaft. Gutgläubige und Zweckoptimisten sind bequemer als Melancholiker, die als Querulanten gelten, als Mahner und Bremser. Rechtskonservative Ordnungsdenker dürften sie als Nonkonformisten ablehnen, während linke Moralisten ihnen eher vorwerfen würden, sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu stehlen. So haben es Melancholiker unter lauter Selbstoptimierern und Berufsoptimisten schwer. Dabei kann ein bisschen Melancholie ein gutes Korrektiv sein: Sie steht für Vorsicht, Überlegtheit, Zweifel. Dafür, auch mal innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und dem Treiben da draußen skeptisch zu begegnen. Wer viel grübelt, wird wohl seltener kopflose (Fehl-)Entscheidungen treffen.

Nur: Diese Haltung macht sich eben nicht gut in den Teppichetagen großer Konzerne oder auf dem Börsenparkett. Umso weiter verbreitet ist sie in der Kunst – bis heute. Ob ein Anselm Kiefer in der Malerei oder die Doors, die ihren „Road House Blues“ selbst noch mit „Riders On The Storm“ toppten.

Doch während die Doors am kalifornischen Sandstrand womöglich ein wenig Melancholie herbeifantasieren mussten, steht finnischen Musikern ein unendlicher Fundus an Stille, Einsamkeit und Dunkelheit zur Verfügung. Schon der Nationalkomponist Jean Sibelius tauchte in seinen düster-melancholischen Klangdichtungen in die Natur ein – ebenso wie heute die Heavy-Metal-Szene: Eine der weltweit erfolgreichsten finnischen Bands Nightwish nennt ihre Musik Landschafts-Metal. Die Gruppe Amorphis lässt sich von der wehmütigen bis schicksalhaften Kalevala-Mythologie inspirieren. Und alle beschwören sie gewaltige, tiefe und oft traurige Stimmungsbilder, zu denen, natürlich, auch der finnische Tango gehört.

„Satumaa“ heißt die inoffizielle Nationalhymne und der wohl berühmteste Tango der Finnen: „Märchenland“ erzählt von einem wundersamen Land irgendwo jenseits des großen Ozeans, von Blumen übersät, ein Land, wo in den Armen der Liebsten alle Sorgen im Winde verwehn. Und es ist unsagbar fern: „Ich bin ein Gefangener der Erde /Nur in Gedanken gelange ich dorthin.“

Das Lied plätschert zwischen russischen Schlagern regelmäßig auch aus den lädierten Boxen im „Café Moskva“, einer der Bars in Helsinki, die die filmschaffenden Brüder Kaurismäki betreiben. Im herben Charme der Breschnew-Ära kippt hier die lokale Boheme ihren schwarzen Salmiakschnaps.

Auch in den Filmen von Aki Kaurismäki spielen fast immer Menschen, die im Alkohol einen letzten treuen Freund finden, eine tragende – und tragische – Rolle. Wobei die Geschichten zwar düster sind, melancholisch. Aber immer auch von einer feinen Ironie durchzogen – und von Tangomusik. Immerhin haben die Finnen den Tango erfunden. Behauptet zumindest Kaurismäki. Die Argentinier hätten ihn dann kopiert und als Eigentum deklariert. Wie auch immer: Der Finntango ist jedenfalls keine bloße Kopie, die man in eine wundersame Sprache mit vielen offenen Vokalen übersetzt hätte, sondern Spiegelbild der finnischen Seele.

Der Finne seufzt schicksalsergeben: Du hast mir meine Liebste genommen, so muss ich vor Kummer sterben. Aber: Der finnische Tango darf durchaus auch unterhalten.

Sagt M. A. Numminen, gern als „finnischer Helge Schneider“ titulierter Dadaist, der von Tango-Songs über windschiefe Verdi-Arien und Punkrock bis zu neorustikalem Jazz und Techno in krächzendem Falsett so ziemlich alles interpretiert hat, was die Musikgeschichte kennt und fürchtet, immer wieder auch den Tango – der für die Finnen buchstäblich existenziell sei: „Anfang der Vierzigerjahre gab es drei Millionen Finnen. Heute sind wir über fünf Millionen. Das haben wir auch dem Tango zu verdanken“, ist Numminen überzeugt. Schließlich sind Tanzabende eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich die weit verstreuten Finnen einmal näherkommen.

Aus der Not wird eine Tugend

Die Finnen lebten jahrhundertelang unter dem Joch von Russen oder Schweden, erst 1917 wurde das Land unabhängig. Und bis dahin hatten sie Leidensfähigkeit gelernt, Ausdauer, Bescheidenheit und: sich nicht zu beklagen. So gewappnet schafften sie es auch, sich aus eigener Kraft aus der großen Wirtschaftskrise der Achtzigerjahre zu kämpfen – vor allem mit Nokia. Das Telekommunikationsunternehmen, das mit Gummistiefeln die ersten Finnmark verdiente, wurde nicht nur zum Weltkonzern, sondern auch zum Sinnbild des Nationalstolzes, zur „Seele“ Finnlands. Und selbst jetzt, mit Nokias Niedergang, lassen sich die Finnen nicht hängen. Zumindest legt das die schiere Zahl der Start-ups nahe, die von Ex-Nokianern gegründet wurden und werden.

Zu verdanken hat Finnland seiner Leidensgeschichte auch „sisu“, einer Eigenschaft, die sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt und Namensgeber ist für Salmiakpastillen, einen Eisbrecher und einen Nutzfahrzeugkonzern. Hinter sisu steht: zäh sein, widerstandsfähig, effizient. Eine geheimnisvolle Kraft, die eng mit der Melancholie verwandt ist. Sie hilft, nur mit dem Nötigsten auszukommen, und stählt. Die Finnen sagen auch gern: „Ab 30 Grad unter null wird es beim Joggen etwas unangenehm mit dem Atmen.“

Ähnlich ist es mit dem Fleiß. „Wir Finnen leben eher, um zu arbeiten als umgekehrt“, findet M. A. Numminen, mittlerweile 75 Jahre alt: „Ich erinnere mich an meine Jugend, als ich in Schweden einen Sommerjob machte, und wir Finnen waren so beliebt, weil wir so fleißig arbeiteten. Ich habe große Schwierigkeiten, faul zu sein. Das versuche ich manchmal im Urlaub, aber dann merke ich, dass ich aus Versehen wieder gearbeitet habe.“

So fleißig die Finnen bei der Arbeit sind, so maulfaul sind sie auch. Einmal im Jahr besuche ich meine Verwandten in Finnland. Wenn ich ins Haus komme, liegt mein Onkel vor dem Fernseher auf dem Sofa, dreht langsam den Kopf, grummelt „Hei“, und dreht den Kopf wieder zurück. Willkommen in Finnland.

Roman Schatz, ein deutscher Autor, der seit 30 Jahren in Finnland lebt, sagt: „Am wohlsten fühlt sich ein Finne, wenn er allein in der dunklen Sauna sitzt und über den Tod nachdenkt.“ Um danach mit umso mehr Lebensenergie wieder anpacken zu können.

Denn auch die Finnen wissen, dass Melancholie allein nicht weit führt – allen voran M. A. Numminen. „Ich bin ein Dur-Mensch: Auch wenn ich Moll-Lieder komponiert habe – die Texte sind doch meistens lustig“, sagt er. Der Musiker ist bestimmt nicht der Einzige, der mit dem Klischee des Melancholikers zumindest in Teilen bricht. Das finnische Design etwa ist licht, leicht, hell. „Und wenn wir nur melancholisch wären, hätten wir ja keine lustigen Schauspiele, humorvollen Filme und Krimis“, sagt Numminen. Wie verbohrt die Deutschen im Vergleich sein können, habe sich spätestens bei der 68er-Revolution gezeigt: „Die haben ja einen richtigen Kulturkrieg geführt! Bei uns war das längst nicht so ernst, wir hatten Spaß dabei!“

Lachen ist also durchaus erlaubt in Finnland. Aber es ist eben auch in Ordnung, sich grübelnd auszuklinken. Da haben die finnischen Melancholiker den Vorteil, einer anerkannten Mehrheit anzugehören.

Und selbst wenn die finnische Melancholie am Ende doch nur ein Klischee sein sollte, bleibt sie doch ein lukrativer Exportschlager: Fröhlich-laute Spanier und Griechen gibt es schließlich genug. Was Finnland-Fans schätzen, sind doch Kaurismäki, Düsterkeit, Einsamkeit – und alle skurrilen Auswüchse, die damit einhergehen. Melancholie ist also nicht per se schlecht. Sie kann schön sein und die Wirtschaft voranbringen. Man muss nur wissen, wie. Und wenn jemand ein Meister darin ist, Melancholie zum Markenzeichen zu machen, dann wohl die Finnen. ---

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