Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Ben Hammersley

Strategisch ausspannen

Ben Hammersley bei der Arbei

• Ben Hammersley steht am Strand von Marina del Rey in Los Angeles County. Seine sechs Monate alte Tochter hat er vor den Bauch geschnallt. Auf dem Fahrrad Einkäufe: Heute Abend wird gegrillt. Es ist Montagmittag, und Hammersley ist stolz darauf, nicht im Büro zu sitzen. Keinen Anzug zu tragen. Die Füße in den Sand stecken und das Gesicht in die Sonne halten zu können. Er ist mit Frau und Kind vor ein paar Wochen aus London hergezogen. Das Interview beginnt. 40 Minuten, wie abgemacht. Danach wird er für heute erst mal genug gearbeitet haben und nach Hause radeln.

Der 39-Jährige ist Autor, Berater, Technik-Experte – und bekennender Faulenzer. Dabei lässt seine Vita eher einen Workaholic vermuten: Der Mann hat als Journalist für die »Times« und den »Guardian« geschrieben, war stellvertretender Chefredakteur der britischen »Wired«. Gründete ein Magazin für Geopolitik, arbeitete in Internetfirmen, beriet das britische Außenministerium, schrieb fünf Bücher. Er ist Mitglied einer Expertenkommission der EU, Fellow verschiedener akademischer Institutionen und freier Reporter der BBC, für die er 2014 eine Dokumentationsreihe über Cyber-Verbrechen moderierte. Sein Geld verdient er hauptsächlich mit Vorträgen in aller Welt.

Hammersley ist eloquent und kompetent. Dass er einen Hipster-Schnauzer trägt und auf der Bühne gern die Ärmel seiner Holzfällerhemden hochkrempelt, um tätowierte Unterarme zu entblößen, schadet nicht. Seine Agentin ruft pro Termin 10 000 Euro auf, ein stattlicher Tagessatz. Und einer, der es Hammersley erlaubt, sein Leben so einzurichten, wie er es haben will, eine „Lifestyle-Entscheidung“, wie er sagt. Ein bis zwei Tage die Woche hart arbeiten – reisen, Reden halten, beraten –, das sei wirklich anstrengend. Den Rest seiner Zeit verbringt er nach seinen eigenen Regeln: ein bisschen arbeiten, vor allem aber mit der Tochter spielen, lesen, nachdenken.

„Faul zu sein ist harte Arbeit“

Hammersley liebt Produktivitäts- und Effizienztheorien. Was wie ein Widerspruch zu seiner erklärten Faulheit klingt, ist in Wahrheit die Voraussetzung dafür. „Es ist unmöglich, produktiv zu sein, ohne dass man gleichzeitig faul ist“, sagt er. „Faule Personen werden immer einen einfacheren Weg suchen, etwas zu erledigen, und in der Folge immer produktiver werden. Sie installieren Systeme, versuchen ständig, mehr Ergebnis mit weniger Aufwand zu schaffen.“ Hammersley verbessert nicht sein Einkommen, sondern seine Zeit. Er könnte an fünf Tagen pro Woche arbeiten und deutlich mehr verdienen, entscheidet sich aber dafür, nur an einem oder zwei Tagen tätig zu sein, und den Rest der Zeit nahezu frei zu haben. Klingt logisch, ist aber leichter gesagt als getan. „Faul zu sein ist harte Arbeit“, sagt er.

Sein entspannter Arbeitstag – wenn er nicht auf Vortragsreise ist – sieht so aus: Bis zum frühen Nachmittag kümmert er sich um das Baby, dann übernimmt seine Frau. Er sortiert seinen E-Mail-Eingang, bis dieser leer ist. „Inbox Zero“ nennen das Produktivitäts-Experten. Hat er seine Korrespondenz erledigt, verbringt er etwa eine halbe Stunde damit, über seine Arbeit nachzudenken. Was ist neu? Was ist dringend? Was hat sich verändert? Es gehe darum, sich die Gesamtheit aller Aufgaben anzuschauen und zu entscheiden: Was sollte ich als Nächstes sinnvollerweise tun? „Wer das nicht macht, ist permanent überwältigt von lauter Aufgaben, die gar nicht mehr relevant sind.“ Sein zentraler Tipp, um so zu leben wie er: „Menschen sollten mehr Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, was genau ihre Arbeit ist. Und viel weniger Zeit mit der eigentlichen Arbeit.“

Ben Hammersley

Er ist nicht der Einzige, der das Loblied des Müßiggangs singt. Ein Blick in die Geschichte der Arbeitsphilosophie lässt ahnen: Entspannt kommt man weiter. Für Aristoteles war die Faulheit die Schwester der Freiheit – er verstieg sich gar zu der Aussage: „Arbeit und Tugend schließen einander aus.“ Albert Einstein erlaubte sich täglich zwölf Stunden Schlaf. Friedrich Nietzsche fand: „Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens, wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.“ Und Goethe sah es aus der ökonomischen Perspektive: „Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankrott.“

Hammersley versucht, Faulheit durch erhöhte Effizienz zu ermöglichen. Er steht damit in der Tradition des Lifehacking, einem Begriff aus der amerikanischen Computerszene. Gemeint waren ursprünglich Tricks von Programmierern, um der täglichen Informationsflut Herr zu werden. Bald erweiterte sich die Bedeutung des Begriffs hin zu „eigentlich allem, das alltägliche Probleme auf clevere, nicht offensichtliche Art löst“, wie es bei Wikipedia heißt. Manche Experten, die zur Lifehacking-Bewegung gezählt werden, wie Timothy Ferriss oder David Allen, verkaufen ihre Ratgeber-Bücher millionenfach. Es entstand eine Bewegung, die Alltag und Beruf angenehmer machen will.

Die Arbeit hat ihre Stunde – keine Sekunde mehr

„Ich bin irrsinnig faul“, sagt Ben Hammersley nicht ohne Koketterie, und darum suche er ununterbrochen nach Wegen, eine Sache nur einmal tun zu müssen. Oder wiederkehrende Aufgaben in ein System zu übertragen, sodass er nicht mehr über sie nachdenken müsse. „Ich habe zum Beispiel für Lebensmittel und Babysachen, die wir immer wieder kaufen, Abonnements auf Amazon eingerichtet, sodass sie in regelmäßigen Intervallen nach Hause geliefert werden. Dadurch erspare ich mir zwei Dinge: Ich muss nicht mehr selber einkaufen gehen, vor allem aber muss ich nicht mehr daran denken, was wann eingekauft werden müsste.“

Und so analysiert er ununterbrochen alle Aspekte seines Lebens, vor allem seines Arbeitslebens. Sobald er merkt, dass er Handlungen wiederholt, versucht er sie zu automatisieren. Hammersley ist „ein riesiger Fan“ der Getting-Things-Done-Methode (GTD) des Produktivitäts-Gurus David Allen. Diese liefere ein System, um seine gesamte Kommunikation und alle Aufgaben so zu organisieren, dass er jede E-Mail und jedes Stück Papier nur einmal anfasse. Ergebnis: Inbox Zero, ein leerer Schreibtisch und das, was Allen „Mind like water“ nennt, ein Begriff, den er aus dem Karate übernommen hat und der absolute Entspannung beschreibt. Laut Allen der Zustand, wenn man nicht mehr nachts aufwacht, weil einem plötzlich einfällt, dass für die Präsentation am nächsten Tag eine wichtige Zahl fehlt.

„Man sollte über Dinge nicht öfter nachdenken als unbedingt nötig“, sagt Hammersley. „Das wende ich nicht nur auf meine E-Mail-Inbox an, sondern auch auf Menschen. Ich versuche in all meinen Aktivitäten so rationell wie möglich zu sein. Das erfordert Disziplin. Aber wenn man es einmal verstanden hat und konsequent einsetzt, befreit es einen von all den langweiligen Aspekten der Arbeit.“

Der Strand von Los Angeles: Wer hier arbeitet, ist selbst schuld

Wer einen Termin mit Ben Hammersley ausmacht, erlebt, wie sich sein System für die andere Seite anfühlt. Die E-Mail-Anfrage beantwortet er erst nach einer Woche. Das daraufhin vorgeschlagene Gespräch bestätigt er nach einer weiteren, dann aber muss der Termin sofort in den elektronischen Kalender. Seine Mails sind nur wenige Worte lang. Bis zum Interview gibt es keine weitere Kommunikation, kein „Ich freue mich auf …“, kein „… möchte ich hiermit noch einmal bestätigen“. Man zweifelt, ob er denn auch wirklich an den Termin denkt. Und dann ist er da, auf die Sekunde pünktlich. Entspannt, jovial. Plaudert, scherzt, nimmt sich die Zeit – aber eben nur die exakt verabredete. Die Arbeit hat ihre Stunde, danach ist Freizeit. Das ist effizient, wirkt aber auch leicht maschinell.

Für Hammersley funktioniert es. „GTD befreit einen von vielen langweiligen Routinen, und dann fragt man sich: Was mache ich mit der gewonnenen Zeit?“ Viele Menschen würden so mehr arbeiten. Sie seien produktiver, könnten mehr erledigen. Hammersleys Reaktion war: „Ich könnte die Zeit stattdessen nutzen, um mit meinem Hund spazieren zu gehen. In Cafés zu sitzen. Über Dinge nachzudenken. Das hatte einen absolut positiven Effekt auf die Qualität meiner Arbeit. Statt mehr zu schaffen, bin ich interessanter geworden.“

Ja, er könnte mehr Geld verdienen. Aber dafür müsste er einen Anzug anziehen und jeden Tag in ein Büro gehen. „Das ist es nicht wert. Ich habe das früher gemacht, aber ich habe mich dagegen entschieden. Man hat die Wahl.“ Über solche Dinge müsse man übrigens ziemlich intensiv nachdenken, sagt er, und dafür brauche man wiederum Muße. Die meisten Menschen hätten diese Zeit nicht, weil die Kultur ihrer Unternehmen oder auch ihrer Nationen es ihnen nicht erlaube, Faulsein als Wert zu begreifen.

Zeitdruck macht effizienter

Amerikanische Arbeitnehmer – darin sind sie den deutschen sicher ähnlich – verbringen laut einer Microsoft-Studie 45 Stunden pro Woche im Büro, aber bezeichnen 16 davon als unproduktiv. Die Befragten gaben an, 5,6 Stunden pro Woche in Meetings zu sitzen, die mehr als 70 Prozent für unproduktiv hielten. Einer Untersuchung zufolge arbeiten wir im Schnitt drei Tage wirklich und vergeuden zwei. „Wir vergeuden nicht Zeit, statt härter zu arbeiten, sondern wir vergeuden Zeit, weil wir härter arbeiten“, schreibt die »New York Times«, die diese Zahlen zusammentrug, und zitiert Bob Kustka, einen Berater für Produktivität und Zeitmanagement: „Je länger man arbeitet, desto weniger effizient wird man.“ Arbeitnehmer seien wie Sportler, so Kustka: Intellektuelle Energie werde ebenso wie physische am besten „in Spurts eingesetzt, während derer wir hart und konzentriert an wenigen Aufgaben arbeiten“.

Blauer Himmel statt Büro: Hammersley verzichtet dafür gern auf Geld

Diese Beobachtung deckt sich mit zwei populärwissenschaftlichen Phänomenen, die viele Menschen kennen, deren Konsequenzen aber kaum jemand umsetzt: die Pareto-Verteilung und die Parkinsonschen Gesetze. Der italienische Ingenieur, Soziologe und Ökonom Vilfredo Pareto untersuchte Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Verteilung des Volksvermögens in Italien und fand heraus, dass etwa 20 Prozent der Familien rund 80 Prozent des Vermögens besitzen. Banken sollten sich also vornehmlich um diese 20 Prozent der Menschen kümmern, und ein Großteil ihrer Auftragslage wäre gesichert. Daraus leitet sich die Pareto-Verteilung ab. Sie besagt, dass sich Aufgaben am besten erledigen lassen, indem man sich auf die wichtigsten 20 Prozent konzentriert und die übrigen 80 Prozent vernachlässigt.

Statt stundenlang nebensächliche E-Mails zu beantworten, nicht zeitkritische Routineaufgaben zu erledigen oder Unterlagen zu sortieren, müsste man den einen Anruf beim wichtigsten Kunden machen. Das eine Gespräch mit dem Chef führen. Sich zusammenreißen und das Konzept aufschreiben, das man so lange vor sich herschiebt.

Der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson stellte in den Fünfzigerjahren den Lehrsatz auf, der heute als Parkinsonsches Gesetz bekannt ist und den er aus einer augenzwinkernden Beobachtung abgeleitet hatte: Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht – unabhängig davon, wie umfangreich sie tatsächlich ist. Diese Erkenntnis hat in wohl fast jedem Büro dieser Welt Gültigkeit.

Die Kombination aus der Pareto-Verteilung und dem Parkinsonschen Gesetz ermöglicht es, Arbeit effektiver anzugehen. Konzentriert man sich auf die wirklich wichtigen 20 Prozent seiner Aufgaben und erledigt diese unter selbst gesetztem Zeitdruck, sollte eine erheblich Reduzierung der Arbeitsbelastung dabei herauskommen. Auch die Untersuchungen des Autors und Beraters Bill Jensen zeigen, wie man Erfolg und Faulheit klug kombiniert. Er fand heraus, dass die häufigste Tätigkeit in Büros das Abschieben von Arbeit auf andere ist. Jensens ebenso praktischer wie verblüffender Tipp: bis zu 50 Prozent aller Meetings schwänzen, 75 Prozent der E-Mails löschen, viel öfter Nein sagen.

Büroarbeit ist Bullshit

„Die Menschen verbringen viel mehr Zeit im Büro, als sie eigentlich müssten“, sagt Hammersley. „Die wenigsten Organisationen analysieren ihre Abläufe und fragen, was ich mich jeden Tag frage: Gibt es einen Weg, das einfacher und schneller zu erledigen? Kann ich das automatisieren, in ein System überführen? Müssen wir das überhaupt machen?“ Für ihn ist ein Großteil der Büroarbeit „kompletter Bullshit“. Die Menschen könnten Vier-Tage-Wochen haben, könnten das Büro um vier verlassen oder die meiste Zeit von zu Hause aus arbeiten. Stattdessen sei der typische Angestellte neun Stunden am Tag nicht sehr produktiv, obwohl er drei Stunden lang sehr produktiv sein und die restliche Zeit mit Kindern oder Hobbys verbringen könnte. Diese vergiftete Arbeitskultur gelte es zu bekämpfen: „Viele, wenn nicht alle Bürojobs sind auf eine merkwürdige Art formalisiert, um Arbeitsbedingungen durchzusetzen, die angesichts technischer und kultureller Entwicklungen gar nicht mehr angemessen sind. Es ist geradezu eine soziale Notwendigkeit, dass wir beginnen, aktiv und auf kluge Art fauler zu sein.“

„Hart zu arbeiten ist kein Wert an sich“: Hammersley am Strand

Früher, als noch nicht jede Minute des Tages digital durchgetaktet war, ging das leichter. In bestimmten Branchen wurde sogar fürs Nichtstun bezahlt. „Man muss Dinge auch mal weglegen, nicht versuchen, alles an einem Stück zu erledigen“, sagt Michael Conrad, einer der einflussreichsten Werber Deutschlands. Er war in den Achtzigerjahren internationaler Kreativchef von Leo Burnett, gründete 2006 die Berlin School of Creative Leadership, deren Präsident er bis heute ist – mit 71 Jahren. Conrad ist also ein Macher, den Begriff Faulheit mag er dementsprechend nicht, erzählt stattdessen erbauliche Geschichten von durchgearbeiteten Nächten. Das Wichtigste sei, dass man tue, was man liebe, dann sei auch der Stress kein Problem und überhaupt: „Ich habe noch keinen faulen Menschen gesehen, der glücklich ist.“

Er mag das Wort nicht, doch zugleich singt er das Loblied des produktiven Müßiggangs, um auf Ideen zu kommen: „Die Inkubationszeit ist wichtig. Wenn man gerade überhaupt nicht dran denkt, kommt wahrscheinlich die Lösung. Dazu brauche ich Abstand, muss relaxed sein.“ Genau das wurde in seiner Branche früher akzeptiert und vergütet.

Nein, in den Sechzigern saßen nicht alle Werber – wie in der TV-Serie „Mad Men“ – rauchend und trinkend herum und versuchten, die Sekretärin zu verführen. Aber: „Wenn ich nach Hause ging, mit meinen Kindern spielte und plötzlich die Idee hatte, dann wurde das früher bezahlt – die Werbeagentur bekam pauschal 15 Prozent des Mediabudgets.“ Heute zahlten die Kunden für Nachdenken und Muße nicht mehr, sagt er, dürften Agenturen nur noch die Zeit am Schreibtisch berechnen. „Das geht inzwischen ausschließlich nach Stunden. Wenn der Kunde aber nicht mehr die – in Anführungsstrichen – Faulheit zahlt, mindert er die Qualität der Leistung.“

Unstrittig ist, dass in einer immer hektischeren digitalen Welt mit immer höherer Arbeitsdichte, in der die Pflicht ins Privatleben sickert, die Lebensqualität Schaden nimmt. Der amerikanische Internet-Stratege Randy Komisar schrieb nach Jahren als Gründer, Geschäftsführer und Vorstand von Firmen wie Lucasart Entertainment und TiVo das Buch „Der Mönch und das Rätsel“, in dem er von Motorradfahrten durch Myanmar erzählt und den Leser ermahnt: „Anstatt auf Kosten aller anderen Lebensaspekte nur zu arbeiten, um unser Bankkonto zu füllen in der Hoffnung, dass wir später alles zurückkaufen können, was wir auf dem Weg dorthin verpasst haben, sollten wir unser Leben jetzt genießen, in vollem Bewusstsein seiner Zerbrechlichkeit.“

Ein Sack voll Geld vor 30, was bringt das?

Komisar prägte den Begriff des „Deferred-Life-Plan“, der aufgeschobenen Lebensplanung. Ein schönes Beispiel für diese verbreitete Angewohnheit, viel zu arbeiten, um sich später vermeintlich belohnen zu können, beschreibt der preisgekrönte Reiseschriftsteller Rolf Potts in seinem Buch „Vagabonding“. Potts erinnert sich, wie er den Film „Wall Street“ sah und den von Charlie Sheen gespielten Börsenmakler sagen hörte, wenn er es schaffe, einen Sack voll Geld zu machen, bevor er 30 sei, könne er aus dem Geschäft aussteigen und mit dem Motorrad durch China fahren. Potts kommentiert trocken: „Charlie Sheen und jeder andere könnte acht Monate als Toilettenputzer arbeiten und dabei genug Geld verdienen, um mit dem Motorrad durch China zu fahren.“ Dieser Fehlschluss ist, auf den Punkt gebracht, die Essenz der aufgeschobenen Lebensplanung.

Menschen, die hartes Arbeiten als Selbstzweck begreifen, bestrafen sich auf eine schwer verständliche Art selbst, findet Ben Hammersley: „Hart zu arbeiten ist kein Wert an sich, nicht ehrenhaft oder moralisch richtig – wenn man stattdessen die Aufgabe cleverer erledigen kann und dann frei hat. Genauso pervers ist es, unnötig hart zu arbeiten, obwohl man Dinge automatisieren kann.“

Die vorher vereinbarten 40 Gesprächsminuten sind vorbei, Hammersley schnallt das Baby wieder vor den Bauch, schwingt sich aufs Fahrrad. Der Mann ist kein Aussteiger, kein Maschinenstürmer – er liebt Technik, an seinem Handgelenk prangt eine Apple Watch. Nur hat er während des Gesprächs nicht einmal darauf geschaut. ---


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