Ausgabe 08/2015 - Schwerpunkt Faulheit

Aufwachen!

Sitzen bleiben, selbst wenn es nichts mehr zu tun gibt: Büro-Turm in Seoul an einem Montagabend
Beides ist harte Arbeit: Überstunden im Büro ...
... und Besäufnis mit dem Chef und Kollegen
Die Gesellschaft der Müden: Südkoreaner in Seoul holen Schlaf nach

• Bae Myeongji (Name geändert) sitzt seit neun Uhr morgens an ihrem Schreibtisch, Großraumbüro, 16. Stock, sie tippt. Sie kann sehr schnell tippen, einige sagen, sie sei die Schnellste auf der Etage. Sie arbeitet in der Verkaufsabteilung einer Tochterfirma von Samsung in Seoul. Sie ist für Südostasien zuständig, spricht fließend Tagalog, die meistverbreitete Sprache auf den Philippinen, und obwohl sie Ingenieurin ist, hat sie sich gut eingearbeitet in das Verkaufsgeschäft. Sie ist 36 Jahre alt, unverheiratet, kleidet sich modisch, und das ist noch wichtig: Ihr kann im Vorbeigehen niemand auf den Bildschirm gucken.

Auf ihrem Schirm unten ploppt rechts ein kleines Fenster auf:

— „Mann, siehst du zerstört aus!“
Es ist ihr Sitznachbar. Er lässt sich nichts anmerken. Myeongji versucht, ihr Lächeln zurückzuhalten und tippt:
— „Wirklich? Ich dachte, ich kann es gut verstecken.“
— „Wo wart ihr denn?“
— „Bis zwei Uhr in Gangnam, neuer Club.“
— „Wie heißt der?“
— „Pamgua Eumak Ssai (Zwischen Nacht und Musik).“
— „Hast du nach einem Freund gesucht? Du bist doch wieder Single.“
— „Nein, ich hab’ erst mal genug davon!“
— „Verstehe, ‚genug‘, kkkkkkkk …“

Das „k“ ersetzt in der koreanischen Chat-Sprache den Smiley. Es imitiert das Lach-Geräusch und im Laufe eines Arbeitstags drückt Myeongji oft das „k“ auf ihrer Tastatur. Sie hat kein schlechtes Gewissen, viel zu chatten, online zu shoppen, häufig auf die Toilette oder in den Ruheraum der Firma zu gehen. Sie weiß, dass sie nicht die Einzige ist, die so arbeitet. Rund 30 Mitarbeiter sitzen in ihrem Großraumbüro. Alle tippen fleißig.

Aber wenn sie nach diesem Arbeitstag, der heute mit einem Kater begonnen hat und pünktlich um 18 Uhr endet, erzählen soll, wie viele von ihren Kollegen wirklich immer etwas zu tun haben, muss sie eine Weile überlegen. Sie sagt: „Ich schätze mal zehn oder elf. Der Chef weiß oft nicht, wie lange diese Aufgaben normalerweise dauern.“ Sie könnte sie auch an einem Tag beenden und auf die nächste Aufgabe warten. „Ich entscheide mich lieber dafür, die Arbeit über Stunden und Tage aufzuteilen.“

Das klingt nach einer katastrophalen Verschwendung von Arbeitskraft, was nicht zu Südkorea passen will, einem Staat, der sich in 50 Jahren von einem Entwicklungsland in die asiatische Weltspitze hochgearbeitet hat. Aber das Land steckt voller Widersprüche. In den Wirtschafts-Ranglisten führt Korea entweder oder ist weit abgeschlagen: Innovations-Index von Bloomberg (Platz 1), Altersarmut im OECD-Vergleich (Platz 1), Durchschnittsgeschwindigkeit im Internet (Platz 1), Pisa-Ranking (Platz 1), OECD-Better-Life-Index (Platz 27 von 36 Ländern). Interessant ist zudem, dass Südkorea die zweitlängsten Arbeitszeiten aller OECD-Länder aufweist (hinter Mexiko), bei geringer Produktivität. Im Jahr 2012 arbeiteten die Koreaner im Durchschnitt 2163 Stunden, rund 800 Stunden mehr als die Deutschen. Dabei ist in beiden Ländern Fleiß eine wichtige Tugend, die schon Grundschülern beigebracht wird: „Yeolshimi“ ist das entsprechende Wort auf Koreanisch.
Wie passt das mit dem Alltag von Bae Myeongji zusammen?

Der Amerikaner Thomas L. Coyner lebt seit den Siebzigerjahren in Südkorea, er hat erst kürzlich die zweite Auflage seines Buches über die Arbeitsethik der dort lebenden Menschen veröffentlicht. Wenn er durch Seoul läuft, kennt er zu vielen Orten Geschichten. Er kennt die besten Orte zum Wandern, die besten Kneipen und die vielen Cafés der Hauptstadt. „Heute haben 88 Prozent eines Jahrgangs einen Universitätsabschluss“, sagt er, „hinter den Theken dieser Coffeeshops arbeiten die gebildetsten Menschen der Welt!“ Auch die seien fleißig, yeolshimi, aber es sei eine skandalöse Verschwendung von Humankapital.

Feierabend – nimmt man hier wörtlich

Dabei sei es in Südkorea zunächst normal, mit einer fachfremden Tätigkeit beauftragt zu werden. Die Ingenieurin Myeongji im Verkauf sei da keine Ausnahme. „Die meisten Angestellten fangen in einer Firma als Praktikanten an“, sagt Coyner, „und arbeiten sich langsam nach oben.“ In Südkorea ist es bis heute wichtig, in einer der großen sogenannten Chaebols, also Konzernen wie LG, Samsung oder Hyundai zu arbeiten.

Diese Riesen-Konglomerate sind in verschiedenen Branchen tätig, von Mikroelektronik über Lebensversicherungen, Hotels und Einkaufszentren bis hin zu Schwerindustrie und Chemiefabriken. Die zehn größten Chaebols zusammen stellen fast 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Südkoreas, trotzdem werden sie wie Familienfirmen geführt. Seitdem der Chef von Samsung 2008 wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde und vom Präsidenten amnestiert wurde, gelten sie als „too big to fail“.

„Gerade in den Großunternehmen ist es wichtig, eine persönliche Beziehung zu den Kollegen aufzubauen“, sagt Coyner und erzählt von den Ritualen wie gemeinsame Ausflüge und Trinkabende („Hui-Sik“). „Dabei werden vor allem die starren Hierarchien vorgelebt.“ Bezahlt werden diese Gelage meist vom Unternehmen – und sie dauern lange. Traditionell sind drei Runden vorgesehen: drei verschiedene Bars. Vor allem der 19-prozentige Soju, ein Branntwein aus Reis, wird dabei getrunken. Pro Kopf werden in Südkorea pro Jahr 12,3 Liter reinen Alkohols konsumiert. Wieder belegt das Land damit einen der vorderen Plätze weltweit. In Deutschland sind es 11,8 Liter pro Kopf.

Berufsanfänger werden langsam an dieses System herangeführt: Als Kim Yun-Seo noch neu in ihrer IT-Firma war, hat sie trotz abgeschlossenen Studiums ausschließlich Hilfsarbeiten erledigt. „Ich habe kopiert, Kaffee geholt, Akten sortiert und immer wieder Trinkabende organisiert.“ Hui-Sik, das wurde zwischenzeitlich zu ihrer Hauptbeschäftigung. „Ich habe mich manchmal wie im Entertainment-Business gefühlt.“ Das Restaurant musste stimmen, der Preis, die Entfernung zum Arbeitsplatz. „Gibt es dort auch den Soju mit dem roten Label?“ Wenn etwas nicht stimmte, dann war sie, die IT-Fachfrau, schuld. Während des Essens saß sie oft in der Nähe des Chefs und machte zustimmende Kommentare: „Ja, genau! Richtig!“

Für Thomas L. Coyner sind die Besäufnisse eines der Hauptprobleme des Landes. „Vor der Mittagszeit kann man mit Südkoreanern meist nichts anfangen“, sagt er. Die Häufigkeit dieser Abende schockt regelmäßig Neuankömmlinge, die er während der ersten Wochen betreut. Sie seien es gewohnt, am Abend ihre Freizeit zu genießen. In Südkorea aber sei die Idee von einer ausbalancierten Arbeits- und Erholungszeit etwas Westliches. „Das Büro ist zumindest im traditionellen Verständnis die Familie.“ Gerade momentan wachse eine Generation heran, die ihren Vater als Kind kaum gesehen habe. „In Südkorea hat das auch etwas mit einem patriotischen Einsatz für die Nation zu tun“, sagt Coyner.

Nationalstolz als Grund für lange Bürozeiten gepaart mit dem Gefühl, für einen Weltkonzern zu arbeiten, das kennt Bae Myeongji sehr gut. Ihre Eltern sind stolz auf die Tochter: Sie hat es nicht nur auf die bekannte Korea University geschafft, sondern dann auch noch zu Samsung.

Doch Myeongji kennt auch die Schattenseiten, unabhängig von den Trinkabenden. Sie spricht von einer „Kultur der Angst“, die sie erlebe. „Alle meine Kollegen fürchten sich davor, etwas falsch zu machen und dann vor allen im Großraumbüro angeschrien zu werden.“ Das sei Kollegen schon passiert. „Außerdem will Samsung alles über uns wissen, den Ruheraum können wir nur mit unserer ID-Karte betreten.“ Ende Juni erfuhr sie, dass die Sekretärin heimlich minutengenau protokollierte, wer wie lange Mittagspause machte. „Das führte zu einem Eklat bei uns im Team.“

Diese Kultur wird auch in einem Buch beschrieben, das der Franzose Eric Surdej in diesem Frühjahr veröffentlicht hat. In Erinnerung an Asterix’ Spruch „Die spinnen, die Römer“, hat er es „Ils sont fous, les Coréens“ genannt. Der ehemalige Chef des Elektronikkonzerns LG, der vorher 13 Jahre für japanische Firmen wie Sony und Toshiba in Frankreich gearbeitet hatte, schreibt über Kontrollzwang, schlechte Manieren, Alkoholismus und Respektlosigkeit des Managements den Angestellten gegenüber. So musste er persönlich dafür sorgen, dass Geschäfte, die in der Nähe des Hauptquartiers waren, nur LG-Telefone in der Auslage führten, sonst wären seine Chefs sehr ungehalten geworden. Was „ungehalten“ bedeutet, beschreibt er in einer Szene, in der ein Chef im Meeting einen Stuhl auf einen Mitarbeiter wirft. Der Untertitel des Buches lautet: „Zehn Jahre verrückter Effektivität“. LG sagt dazu nur, das sei alles übertrieben.

Laut Thomas L. Coyner dominiert Furcht die Arbeitswelt in Südkorea, was die Produktivität senke. „Es ist, wie in einem dunklen Raum zu stehen und nicht zu wissen, was passiert, wenn ich die Hand ausstrecke: Kriege ich einen Stromschlag, oder berühre ich nur eine Wand?“

Hinzu komme die verbreitete Ansicht, dass nur Druck helfe. „Koreaner“, sagt er, „sind sehr gut darin, in kurzer Zeit etwas fertigzustellen.“ Trotzdem könne es passieren, dass sehr lange Zeit ein bestehendes Problem nicht angesprochen werde, um kein schlechtes Gefühl – koreanisch „Kibun“ – beim Chef zu erzeugen. „Daher erzähle ich von dem drängenden Problem nichts oder lüge“, sagt Coyner. Irgendwann aber merkt es der Chef von selbst, und dann sei die Hölle los. „Das ist nicht besonders produktiv“, sagt er, „aber es ist schwer zu ändern. Die Qualität der Arbeit leidet darunter.“ Auch die Lebensqualität.

Das kann man überall in Seoul sehen. Menschen, denen man ihre Arbeitsbelastung anmerkt, hocken, die Aktentasche neben sich gelegt, auf dem Boden und warten auf den Bus, sie schlafen erschöpft in der U-Bahn ein und wachen bei dem Signal-Lied auf, das immer an Umsteigebahnhöfen erklingt. Sie schauen dann nicht irritiert, sondern laufen los. Linien auf dem Boden und Schilder an der Wand führen sie wie an einer Schnur Hunderte Meter den Schacht entlang zum Umsteigen. Eine Glocke klingelt, wenn die nächste U-Bahn kommt. Anders als in Großstädten wie London oder Hongkong bleiben in der 25-Millionen-Metropolregion Seoul auf der linken Seite der Rolltreppe wirklich noch viele Menschen stehen. Sie sind zu müde, um zu gehen.

Der gebürtige Südkoreaner Byung-Chul Han ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, und wer sein berühmtes Büchlein „Müdigkeitsgesellschaft“ in der Seouler U-Bahn liest, möchte die Sätze laut vor sich hinsprechen: „Die Leistungsgesellschaft bringt Depressive und Versager hervor“ oder „Das Leistungssubjekt befindet sich mit sich selbst im Krieg.“

Wer früher gehen will – schleicht sich 

Dazu hatte die IT-Fachfrau Kim Yun-Seo keine Lust mehr. „Ich habe während meines ersten Jahres noch Überstunden gemacht. Aber inzwischen schon lange nicht mehr“, sagt sie. Sie sehe es einfach nicht ein, so zu tun, als habe sie zu tun. Sie treibe Sport, sie habe Freunde, die sie treffen wolle. Doch so selbstsicher das klingt, so unsicher ist sie manchmal, wenn es 18 Uhr ist. „Ich kann nicht einfach meine Tasche nehmen, sie über die Schulter werfen und gehen“, sagt sie. Vielmehr müsse sie zeigen, dass sie sich schlecht fühle, als eine der Ersten das Büro zu verlassen. Sie macht es vor: Sie steht schüchtern auf, nimmt in der Verbeugung ihre Tasche und geht gebückt aus dem Büro. „Am besten mache ich das, wenn die Chefin gerade auf Toilette ist.“ So sei das akzeptiert, und niemand verliere sein Gesicht.

Dieser übertriebene Respekt vor Höhergestellten verhindert einerseits jegliche Kritik an deren Urteil und hemmt Kreativität. Dem Rat eines Älteren hat ein Jüngerer zu folgen, Widerspruch ist nicht erwünscht. Historiker sehen darin einerseits den Einfluss der konfuzianischen Ethik sowie die Folgen der japanischen Kolonialzeit und der Militärdiktatur nach dem Ende des Koreakrieges 1953. Noch heute gehen männliche Südkoreaner für zwei Jahre zum Militär, und der Spruch „Haben Sie das nicht in der Armee gelernt?“ begleitet sie dann durchs ganze Leben. Hinzu kommt, dass die koreanische Sprache sehr hierarchisch ist. Es gibt ein „Du“, ein „Sie“ und noch eine Stufe höher. Diese höchste Form der Höflichkeit gilt den Chefs.

Für die Ingenieurin Myeongji ist diese strenge Hierarchie der zweite Grund neben der geringen Arbeitsbelastung, warum sie sich so fleißig durch Webshops mit Handtaschen und Halstüchern klickt. „Ohne meinen Chef läuft bei uns nichts. Ich bin meist direkt von der Antwort meines Vorgesetzten abhängig“, sagt sie. „Er schaut sich meine Vorschläge an, und solange das nicht passiert, sitze ich eben an meinem Tisch und warte.“

Doch die starren Hierarchien werden seit einigen Jahren durchlässiger. Das glaubt zumindest der Amerikaner Thomas L. Coyner. Auf Anfrage schickt Samsungs Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit eine Reformliste. Demnach werden Modelle geprüft, die Mitarbeitern erlauben, ihre Zeit selbst einzuteilen: Sie müssen mindestens vier Stunden täglich im Büro sein – und insgesamt auf 40 Stunden in der Woche kommen. „Das ist nur ein Modell“, heißt es aus dem Konzern, „das wir gerade probieren.“ Auch die Saufabende sollen entschärft werden. „119“ heißt die Regel: eine Bar, eine Sorte Alkohol, bis spätestens neun Uhr abends, sonst bezahlt die Firma nicht. „Wir finden ohnehin kaum noch junges Personal, das diese Abende freiwillig mitmachen will“, teilt der Konzern mit.

Es ändert sich also langsam etwas, aber wer abends durch die Ausgehviertel der Hauptstadt zieht, sieht sie in großen Gruppen zusammensitzen, die Büroarbeiter aus den Hochhäusern. Es stehen dann viele Flaschen Soju auf den Tischen.

Die wirklich moderne Form von südkoreanischem Arbeitsethos entsteht nicht weit entfernt von einem der größten Ausgehviertel des Landes – in Gangnam, wo auch die Ingenieurin Myeongji gern ausgeht. In den dortigen Hinterhöfen und den kleinen engen Büros siedeln sich gerade junge südkoreanische Start-ups an. Seoul gilt in Asien als einer der wichtigsten Standorte für Gründer. Es ist auch die Chance für eine neue Form des Arbeitens.

Start-ups – arbeiten auch viel, aber anders 

Zikto heißt eines dieser jungen Unternehmen, die nicht einmal ein Jahr alt sind – und fast ausschließlich aus ehemaligen Mitarbeitern von großen Konzernen bestehen. Die beiden Gründer Brian Kim und Ted Kim haben ein Armband entwickelt, das dem Träger durch Vibration anzeigt, dass die Körperhaltung beim Gehen oder Stehen nicht optimal ist. Sie waren davor bei Samsung und bei LG. Von den Konzernen haben sie die langen Arbeitstage mitgebracht, beuten sich aber jetzt selbst aus, genau wie andere Gründer in Berlin, London oder San Francisco. „Wir arbeiten meist bis Mitternacht“, sagt Brian Kim. „Aber nicht, weil wir müssen.“ Sie haben schlicht tagsüber so viele Meetings und Termine, dass sie erst am Abend dazu kommen, die eigentliche Arbeit zu erledigen. Wenn sie eine Pause brauchen, nehmen sie sich eine. „Wenn wir einmal ins Kino wollen, können wir das“, sagt er.“

Ted Kim erinnert sich aus seiner LG-Zeit an viel Geschrei im Büro. „Das ist jetzt vorbei“, sagt er, „wir reden zwar koreanisch miteinander, aber sprechen uns nur mit Vornamen an.“ Das sei ungewöhnlich am Anfang, vermeide aber die Höflichkeitsfloskeln, die mit dem Alter zusammenhängen. „Und es war ungewohnt, plötzlich Entscheidungen nur noch im Team treffen zu können.“

Erst am Ende des lockeren Gesprächs in dem hellen Büro schränken sie die rosige Zukunft der eigenen Arbeit doch etwas ein: Es kann schon sein, dass sie eines Tages von einem Chaebol aufgekauft werden. Sie wären nicht die Ersten aus der jungen Start-up-Welt, die wieder im Schoß der großen Unternehmen landen. Dann gelten wieder die alten Regeln.

Wer genauer wissen will, was das derzeit bedeutet, der kann im Internet die Fernsehserie „Misaeng“ finden. Sie hat 2014 das Land erschüttert und ungewöhnlich hohe Einschaltquoten von fast neun Prozent erzielt. Und das bei einem Thema, von dem viele dachten, das wolle niemand sehen: das südkoreanische Büro. Es wird viel geschrien und getrunken, es gibt tägliche Überstunden, alte Männer begrapschen junge Frauen und behandeln Mitarbeiter schlecht. Hauptfigur ist der junge Jang Geu-Rae, der in 20 Episoden versucht, sich in einem Großraumbüro einzuleben. Gleich in der ersten Folge werden alle Anfänger vom Chef in die Fabrik geschickt. Sie alle stehen im Anzug vor Fässern und fischen mit den Händen nach Tintenfischen in trüber Brühe.

Geu-Rae ist ein melancholischer Einzelkämpfer, der von Kollegen gemieden wird. Sein Name bedeutet nicht zufällig „ja“ auf Koreanisch. Er tut alles, was Chefs und Kollegen von ihm verlangen, und erst mit der Zeit lernt er, dass es so nicht weitergehen kann. Er lernt, seine Gegner auszuschalten, mit Neid umzugehen und mit wenig Schlaf auszukommen. Seine Mutter taucht nur auf, wenn sie ihn zum Beispiel auffordert: „Du hast das ganze Wochenende nicht geschlafen, iss doch wenigstens etwas!“

Das rote, quaderförmige Bürohaus aus der Serie gibt es wirklich. Es steht direkt gegenüber dem Hauptbahnhof im Zentrum von Seoul. In einer Szene schreibt der geschlauchte Geu-Rae etwas auf einen kleinen Zettel und steckt ihn in eine Ritze der Mauer. Es soll ihn selbst motivieren, für einen besonders traurigen Moment. Nachdem die letzte Folge ausgelaufen ist, hängt ein großes Banner vor eben diesem roten Gebäude. Darauf steht genau derselbe Satz wie auf dem Zettel: „Du hast alles getan, was du konntest.“ Darunter hat jemand auf Englisch geschrieben: „Yes!“ In der letzten Folge kündigt Jang Geu-Rae. ---

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