Ausgabe 02/2014 - Gute Frage

Warum ist schnelles Lernen wieder out?

Alter beim Berufseinstieg

• „Das Alter“, sagt Markus Lecke, „spielt keine Rolle.“ Die Frage, ob ein frisch von der Uni kommender Bewerber für die Deutsche Telekom interessant ist, hängt von anderen Dingen ab. „Wichtig sind Auslands-, Praxis- und Lebenserfahrung.“ Lecke ist in dem Konzern Leiter der Bildungspolitik. Er sagt das ganz selbstverständlich, dabei ist es noch nicht lange her, dass aus seinem Haus völlig andere Töne kamen. Die Telekom war ein lautstarker Verfechter eines Studiums, das schneller auf den Beruf vorbereitet. 2006 noch hatte der Personalmanager Volker Hasewinkel zusammen mit 21 weiteren Unternehmensvertretern die sogenannte „Bachelor-Welcome“-Erklärung unterschrieben. Das Hochschulsystem, hieß es darin, müsse umgestellt werden, „mit dem Ziel, die Studienzeiten zu verkürzen und die Studienqualität zu steigern“. Nicht nur die Deutsche Telekom hat einen Sinneswandel vollzogen. Etliche Unternehmen und Politiker in Deutschland, die bis vor wenigen Jahren noch auf die Verkürzung der Ausbildung in Schule, Lehre und Studium gedrängt haben, rudern jetzt zurück. Warum?

In den Neunzigerjahren schien im schnelleren Lernen die Lösung vieler Probleme zu liegen. Mit Vorteilen für alle: Deutschland könnte dadurch seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und seine Sozialsysteme entlasten. Die Unternehmen könnten dadurch dem Mangel an Fachkräften entgegenwirken, die jungen Leute ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Die wirtschaftlich stärksten Nationen, argumentierten die Befürworter einer Bildungsreform, hätten gegenüber Deutschland den Vorteil, dass sie jüngere Berufseinsteiger hervorbrächten. Damit waren vor allem die USA gemeint, wo Schüler in der Regel mit 17 statt wie hierzulande erst mit 19 Jahren die Hochschulreife erreichten. Auch die Studenten kamen dort früher zum Abschluss – mit 24 Jahren statt mit 28.

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge errechnete im Jahr 2005, dass die öffentlichen Haushalte jährlich 22 Milliarden Euro mehr zur Verfügung hätten, vorausgesetzt, die Ausbildung von Akademikern würde um drei Jahre und die von Personen ohne Hochschulabschluss um zwei Jahre verkürzt.

Dass nicht nur der Staat von einem früheren Berufseinstieg profitieren würde, sondern auch der Einzelne, erklärte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Dessen Lebenseinkommen würde sich pro Jahr, das er früher in den Beruf einsteigt, um 25 000 Euro erhöhen. Zudem, so versicherten zahlreiche Unternehmen, würden jüngere Schul- und Universitätsabgänger bei ihnen mit offenen Armen begrüßt.

Alles gute Gründe für eine Bildungsreform. Schon 1997 hatte sie der damalige Bundespräsident Roman Herzog mit deutlichen Worten gefordert. In der »Zeit« schrieb er: „Die Ausbildungsdauer ist bei uns überall zu lang. Daher sind alle Seiten gefordert, mit der Zeitverschwendung Schluss zu machen.“

Die Landesregierungen zögerten nicht lange. An den Universitäten wurde ab 1999 peu à peu mit dem Bachelor ein Hochschulabschluss eingeführt, der bereits nach drei Jahren Studium zum Berufseinstieg qualifizieren sollte. Zusätzlich dampften 14 Bundesländer zwischen 2001 und 2009 die Ausbildungszeit am Gymnasium ein. G8 heißt die Reform, die dazu führen sollte, dass die Schüler nur noch acht statt bislang neun Schuljahre bis zum Abitur brauchen. In Thüringen und Sachsen war das schon seit Anfang der Neunzigerjahre Usus.

Heute zeigt sich, dass die Forderungen und Reformen von damals nicht durchdacht waren. Vielfach ging es schlicht darum, sich dem angelsächsischen Standard anzupassen. Was hingegen keine Rolle spielte, war die Frage, wie Bildung organisiert werden muss, damit junge Menschen bestmöglich gefördert und auf den Beruf vorbereitet werden.

Mit den Folgen der Bildungsreform sind selbst viele der ehemaligen Befürworter unzufrieden. Zum Sinneswandel zahlreicher Unternehmer haben offenbar schlechte Erfahrungen mit jüngeren Berufseinsteigern geführt. Eine Umfrage der Personalberatung Access KellyOCG aus dem Jahr 2010 ergab, dass 62 Prozent der befragten Personalmanager die Hochschulabsolventen für zu jung und unerfahren halten. Deren persönliche Reife bezeichneten viele als mangelhaft.

Der Jugendwahn war ein Irrtum, räumen zahlreiche Wirtschaftsvertreter ein. Der Hochschulexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Kevin Heidenreich, etwa sagt, dass die Relevanz des Alters von Berufseinsteigern „geringer als gemeinhin angenommen“ sei.

Das Hochschulinformationssystem HIS in Hannover widerlegt die früher gern angeführte These, dass Schnellstudierer bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. In einer Studie von 2010 wurde der Berufsstart von Absolventen der Jahrgänge 1997, 2001 und 2005 ausgewertet. Fazit: Die Studiendauer ist kein Erfolgskriterium. Die Studie zeigte sogar, dass Absolventen, die ihr Fach zum Beruf machten – etwa Mediziner, die Arzt wurden –, bessere Karten beim Berufseinstieg hatten, wenn sie zuvor nicht möglichst schnell das Examen angestrebt hatten.

Bei den Studenten insgesamt scheinen die angeblichen Vorteile eines kurzen Studiums ohnehin nicht zu verfangen. Rund 80 Prozent von ihnen hängen an den Bachelor ein Masterstudium dran.

Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Saarbrücken, überrascht es nicht, dass die Stimmung umgeschlagen ist. „Die Politiker sind zu schnell auf die Propaganda der Unternehmen hereingefallen“, sagt er. Die seien nur an der zügigen Verwertbarkeit von Humankapital interessiert gewesen. Dabei sei die Qualität der Ausbildung viel wichtiger. „Genau darin lag immer unser Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Nationen.“

Das Bildungssystem müsse darauf ausgerichtet sein, Kreativität und das Verstehen von Zusammenhängen zu fördern. Voraussetzung dafür seien Freiräume und Zeit, um immer wieder zu reflektieren, was man tut. „Deutschland will ein komplexes Projekt wie die Energiewende schaffen, dafür brauchen wir eine Lehre mit hoher Qualität und nicht mit hoher Geschwindigkeit.“

Ernüchterung an Schulen

Diese Einsicht haben auch immer mehr Kultusminister. Die Euphorie über G8 ist verflogen. Eltern und Lehrer kritisieren, dass der Leistungsdruck auf die Schüler zu hoch sei und es ihnen an Freizeit fehle. In vielen Bundesländern wird bereits diskutiert, ob man die Reform rückgängig machen sollte.

Hessen hat die Rolle rückwärts teilweise bereits vollzogen. Die Eltern können jetzt selbst entscheiden, ob sie ihr Kind auf ein Gymnasium mit acht oder neun Jahren Schulzeit schicken. Auch in Bayern wird das Thema diskutiert. Der bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband fordert, wieder mehr Wert auf die Formung von Persönlichkeiten zu legen. Sein Vorschlag: das Gymnasium von acht auf zehn Jahre zu verlängern. ---

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