Ausgabe 10/2014 - Markenkolumne

Emser Salz und Pastillen

Segensreicher Säuerling

• Der Rohstoff, von dem die Firma Siemens & Co lebt, schießt einfach so aus 73 Metern Tiefe mitten in Bad Ems. 57 Grad heißes Thermalwasser, 800 000 Liter am Tag. Ein alkalisch-muriatischer Säuerling, den es hierzulande nur in dem Kurort an der Lahn gibt. Die prächtigen Bauten erinnern an die goldenen Zeiten, als Monarchen sich hier zu erholen pflegten. Eva-Maria Karow, promovierte Medizinerin und eine der Geschäftsführerinnen von Siemens & Co, freut sich vor allem über die Verlässlichkeit der Natur: Der Sprudel enthält seit je circa 30 Mineralstoffe und Spurenelemente in gleicher Zusammensetzung. „Es ist das einzige Natursalz, das nach europäischem Standard als Arzneimittel anerkannt ist“, sagt sie über das Alleinstellungsmerkmal ihrer Firma.

Der Säuerling wird durch eine Pipeline zum Betrieb auf der anderen Seite der Lahn geleitet. In einem mehrstufigen Verdampfungs- und Konzentrationsprozess gewinnt man dort aus ihm zunächst 24-prozentige Rohsole. Die wird über eine beheizte Walze geleitet, sodass das Salz in einem Durchgang trocknet und alle Bestandteile zusammen ausfallen. Ein Liter Wasser ergibt lediglich 2,95 Gramm Salz. Das wird unter anderem zu Pastillen, Spray, Salbe sowie Zahnpasta weiterverarbeitet.

Karow betont, dass es sich vor allem wegen des hohen Anteils an Hydrogencarbonat um einen ganz besonderen Stoff handle, der nicht mit ordinärem Kochsalz zu vergleichen sei. Sie kann aus dem Effeff über die segensreiche Wirkung der Emser Produkte auf Mund-, Nasen- und Rachenschleimhäute referieren; sie werden exklusiv und zu entsprechenden Preisen in Apotheken vertrieben. Für Drogeriemärkte hat Siemens & Co die billigere Zweitmarke Emcur im Angebot – über die man in Bad Ems aber nicht so gern spricht.

Eva-Maria Karow und Olaf Hirsch, mit dem sie das Unternehmen führt, haben ein Händchen fürs Geschäft. Das Gros des Umsatzes machen sie nicht mehr mit den traditionsreichen Pastillen, sondern mit ihrer patentierten Nasendusche samt Salz. Das System wird geschickt bei Schnupfengeplagten beworben: „so wichtig wie Zähneputzen“. Der Erfolg der Firma führte bei ihrem bedeutendsten Kooperationspartner allerdings zu Säuernis. Siemens & Co ist Lizenznehmer der landeseigenen Staatsbad Bad Ems GmbH, dem Eigentümer der Quelle. Über die Konditionen wurde jahrelang gestritten, die staatliche Seite fühlte sich zu kurz gekommen. 2012 schlossen die Partner einen neuen Vertrag, und das klamme Staatsbad erhielt für vergangene Jahre Nachzahlungen.

Man liebt sich nicht, kann aber nicht ohne einander – keine schlechte Basis für eine Partnerschaft. Siemens & Co wirtschaftet clever mit dem Rohstoff, der aus der Tiefe kommt. Die Umsätze des Unternehmens steigen seit Jahren. Und dann gibt es noch unabsehbare Sonderkonjunkturen, die die Kasse in Bad Ems zum Klingeln bringen. „Erinnern Sie sich noch an die Grippewelle im Frühjahr 2013?“, fragt Karow. „Die hat mächtig bei uns eingeschlagen.“ ---

Im 19. Jahrhundert entwickelt sich Bad Ems – das Heilbad für Katarrhe und Asthma – zum Treffpunkt für Hochadel und Prominenz. Unter anderen kuren Kaiser Wilhelm I., Zar Alexander II. und Richard Wagner dort. Die Idee, das Kapital von Bad Ems für ein Massenprodukt zu nutzen, stammt von einem französischen Kurgast. Auf seine Anregung hin entwickeln ein Arzt, ein Apotheker und ein Hausverwalter ein Verfahren, um Thermalwasser zu verdampfen und aus dem gewonnenen Salz Pastillen herzustellen. Sie kommen 1858 erstmals auf den Markt und werden – nicht zuletzt dank des mondänen Absenders – zum Hit. Ab 1959 pachten Erben des Industriellen Friedrich Siemens die Solequellen. Bis in die Achtzigerjahre füllen sie auch noch Mineralwasser ab, dann konzentrieren sie sich auf die Pastillen und andere Produkte. 1997 kaufen die Hexal-Gründer Thomas und Andreas Strüngmann Siemens & Co. 2008 führen sie das Unternehmen mit dem kurz zuvor übernommenen Teehersteller Sidroga zusammen.

Siemens & Co (inkl. Sidroga)
Mitarbeiter: 200
Umsatz: rund 80 Millionen
Jahrespastillenproduktion: 60 Mio. Packungen

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