Ausgabe 08/2014 - Wirtschaftsgeschichte

Norman's Cay

Die Schatzinsel

• Norman’s Cay ist eine Insel der Bahamas. Sie ist sieben Kilometer lang, rund einen Kilometer breit und verfügt über eine Fläche von drei Quadratkilometern. Man muss schon lange auf der Karte suchen, ehe man das Eiland rund 350 Kilometer südlich von Florida findet. Die geografischen Daten lauten: 24º 37’ 26’’ N, 76º 49’ 1’’ W. Piloten, die Norman’s Cay anfliegen, sehen lange nur Ozean unter sich.

Norman’s Cay war einst ein ruhiges Plätzchen und ein beliebter Ankerplatz für Segler, die durch die Karibik tourten. Anfang der Siebzigerjahre wurden ein Clubhaus und ein Yachthafen gebaut.

Doch ab 1978 tat sich dort Erstaunliches. In jenem Jahr begann eine Firma mit Namen International Dutch Recources (IDR), Häuser und Ländereien auf der Insel zu kaufen. IDR wurde von einem Trust in Nassau verwaltet. Ihr tatsächlicher Eigentümer war: der Kolumbianer Carlos Lehder. Damals einer der meistgesuchten Drogenschmuggler der Welt, der sein Geld diskret über den Trust verwalten ließ.

Lehder gefiel Norman’s Cay. Und was noch wichtiger war, die Insel passte in seinen Plan, den Drogenhandel zu revolutionieren.

Zu jener Zeit war der Kokainschmuggel recht primitiv. Der Stoff wurde per Kurier von Kolumbien in die USA geliefert. Meist versteckten die Reisenden das Rauschgift in ihren Koffern. Das Risiko aufzufliegen war groß und die Gewinnmarge überschaubar.

Lehder hatte eine bessere Idee: gleich ein komplettes Flugzeug mit Kokain beladen, den Stoff über die Grenze fliegen und an einem sicheren Ort landen. Die Gefahr aufzufliegen war weitaus geringer. Auch würde sich eine Fuhre deutlich mehr lohnen, wenn man mehrere Tonnen, statt einiger Kilos liefern könnte.

Es gab nur ein Problem: Die Strecke von Kolumbien in die USA war zu weit, um sie mit einem Kleinflugzeug zurückzulegen. Irgendwo mussten die Piloten unentdeckt zwischenlanden und auftanken können. Das war die Funktion von Norman’s Cay.

Carlos Lehder wurde 1949 in Kolumbien geboren. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter Kolumbianerin, weshalb er einen deutschen und einen kolumbianischen Pass hat. Als junger Mann fing er an Autos zu stehlen, er dealte mit Marihuana. Später war er einer der Mitbegründer des Medellín-Kartels, Pablo Escobar soll ihm allerdings nie vertraut haben. Lehder nahm selbst Kokain, Escobar hielt ihn für ein Sicherheitsrisiko.

Auf der Insel wollte Lehder sich vom Medellín-Kartell unabhängig machen und sein eigenes Geschäft aufziehen. Dafür brauchte er das Eiland für sich. Wer sich ihm widersetzte, wurde aus dem Weg geräumt. Im Juli 1980 trieb die Yacht eines Rentnerehepaars vor der Küste, darin eine Leiche, das Deck war blutverschmiert. Bald waren die meisten Inselbewohner geflohen. Doch Lynden Pindling, der Premierminister der Bahamas, sah dem Treiben zu. Ermittler glauben, er habe sich bestechen lassen.

Lehder war der neue Herr auf der Insel – er konnte machen, was er wollte. Einer seiner Komplizen, Carlos Toro, berichtete später über die Zustände: „Norman’s Cay war ein Spielplatz. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich mit einem Geländewagen ohne Dach vom Flugzeug abgeholt wurde – von zwei nackten Frauen. Wir machten Partys, es war Sodom und Gomorra. Es gab Drogen, Sex, keine Polizei. Wir diktierten die Regeln. Es war ein Riesenspaß.“

Carlos Lehder fühlte sich sicher, er ging zu Werke, als ob er in einer ganz normalen Branche arbeitete. Damit bald nicht nur Kleinflugzeuge von den Bahamas abheben konnten, investierte er und ließ eine 1000 Meter lange Landebahn bauen. Er errichtete eine Radaranlage, baute einen Tower und bezahlte eine Privatarmee, die am Flughafen mit Kampfhunden für Sicherheit sorgte. In den Hangars wurden die Registriernummern der Flugzeuge übermalt.

Das Geschäft boomte. Mehrmals am Tag landeten Maschinen aus Kolumbien mit neuer Fracht. Die Droge wurde in kleinere Flugzeuge umgeladen und nach Florida, Georgia, North und South Carolina geflogen. Die »New York Times« schätzte damals, dass 80 Prozent des Kokains in den USA von Lehder geliefert wurden. Damit soll er jährlich bis zu 300 Millionen Dollar verdient haben.

All das wäre unmöglich gewesen, hätten die Banken auf den Bahamas nicht ihren Anteil vom großen Geld haben wollen – und den Kunden Carlos Lehder behandelt, als exportierte er Fischkonserven. In einem Untersuchungsbericht des Parlaments hieß es später: „Wir haben mit einiger Sorge festgestellt, wie Rechtsanwälte und die Finanzinstitute dabei geholfen haben.“

Der Drogenboss war unfassbar reich, er war mächtig, und er wurde übermütig. Zweimal nahm er Kontakt zur kolumbianischen Regierung auf und bot an, die Schulden des Landes aus eigener Tasche zu bezahlen. Als Gegenleistung schlug er vor, dass man ihn beim Geschäftemachen doch bitte in Ruhe lassen sollte. Ein andermal, dass er nicht an die USA ausgeliefert würde, sollte er festgenommen werden. Zu einem Deal kam es nie.

Dafür kam das Ende seiner Karriere recht schnell. Im Jahr 1983 musste Lehder Norman’s Cay aufgeben. Der US-Fernsehsender NBC enthüllte, dass ranghohe Regierungsmitglieder der Bahamas von kolumbianischen Drogenkartellen geschmiert wurden. Zunächst verklagten die Politiker und auch der Premierminister den Sender. Doch die später eingesetzte Untersuchungskommission bestätigte, was zuvor schon im Fernsehen gezeigt worden war.

Da war Lehder schon in Kolumbien – und musste bei Pablo Escobar untertauchen. Doch Lehder war kein reicher Mann mehr, nicht mehr mächtig, nicht mehr gefürchtet. Am 4. Februar 1987 wurde er um fünf Uhr morgens in der Kleinstadt Guarne von einer Sondereinheit der kolumbianischen Polizei und Agenten der US-amerikanischen Anti-Drogenbehörde (DEA) verhaftet. Möglicherweise hat Escobar ihn verraten. Noch am selben Tag wurde er an die USA ausgeliefert und zu lebenslanger Haft plus 135 Jahren verurteilt. Lehder ist inzwischen 64 Jahre alt. Der Drogenschmuggel geht weiter. Wobei die Ware inzwischen auch in U-Boote geladen wird oder getarnt als normale Fracht in Container. ---

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