Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Gar nicht komisch

Hugo Egon Balder
Hugo Egon Balder, 64, wurde als Fernsehmoderator der Unterhaltungsshows „Alles Nichts Oder?!“ und „Tutti Frutti“ bekannt. Zusammen mit Hella von Sinnen moderierte er die Show „Genial daneben“ (Sat 1), die ebenso wie das von Balder und Jacky Dreksler produzierte Format „RTL Samstag Nacht” mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde; er arbeitet derzeit überwiegend als Schauspieler.

„Wenn Sie jung und kreativ sind und Unterhaltung machen wollen, dann rate ich Ihnen, bloß nicht zum Fernsehen zu gehen. Wer den Schalk im Nacken hat, ist dort verraten und verkauft. Wenn Sie mich fragen, dann sprechen wir nicht von einer Krise des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Es ist eher eine Katastrophe.

Inzwischen gibt es mehr Kochsendungen als Kochrezepte. Die ARD reanimiert einen Ladenhüter wie ,Dalli Dalli‘, bei dem man sich die Frage stellt: Wer braucht denn das? RTL lebt zu gro- ßen Teilen von alten Formaten und vom Erfolg des ,Dschungel- camps‘. Sat 1 ist es offenbar egal, was sie machen. Pro Sieben ist fest in der Hand von Stefan Raab, der allerdings ein großer Entertainer ist. Und beim ZDF lehnen sie sich zufrieden zurück, weil sie die ,Heute-Show‘ haben.

Überhaupt, das ZDF. Da geben die Geld aus für ZDF Neo, das ist ja schon mal Bombe, so einen Kanal zu machen, dann fei- ern sie sich, dass sie es gemacht haben, und statt tolle Formate und Moderatoren wie Joko und Klaas ins Hauptprogramm zu übernehmen, lässt man sie ziehen. Bleibt allenfalls Tele 5, die leisten sich Oliver Kalkofe und ein paar weitere witzige Formate. Dass ein humoristisches Ausnahmetalent wie Harald Schmidt vom Bildschirm verschwunden ist, sagt eigentlich alles über den Zustand der deutschen Fernsehunterhaltung.

Leider besteht keine Aussicht auf Besserung. Das Problem ist, dass das Fernsehen nur noch um sich selbst kreist. Gute Unterhaltung geht aber nur, wenn man neugierig ist und rausgeht. Ich war neulich in der Türkei. Urlaub mit den Kindern. All inclusive. Allein die Leute beim Frühstück zu beobachten und in Gesprächen herauszufinden, wie die ticken, war zum Brüllen komisch.

Für jeden, der spaßiges Fernsehen machen will, ob als Produzent, Autor oder Moderator, gilt: Je ehrlicher man ist, umso besser wird’s. So entstanden auch die Sendungen bei ,RTL Samstag Nacht‘. Wir haben einfach Quatsch gemacht. Fairerweise muss man sagen, dass man auch Glück braucht. Wenn wir die Sendungen ein Jahr früher gemacht hätten, hätte es nicht funktioniert. Die Zeit muss reif sein. Gerade deswegen muss man rumspinnen, probieren, Mut haben.

In meinem Vertrag mit RTL stand, dass mir keiner reinreden kann. Das wäre heute nicht mehr möglich. Den Entscheidern fehlt es an Mut. Weshalb sich auch die Redakteure verstecken und neue Ideen blockieren. Sie wollen nicht die Arschkarte haben, wenn etwas schiefgeht. Und der Flop ist nun mal die Regel in diesem Geschäft. Stattdessen stundenlange Diskussionen, ob der Vorspann drei oder zehn Sekunden lang sein soll. Ich schätze, 70 Prozent der Fernsehschaffenden können Fernsehen nicht leiden. So muss man sich nicht wundern, dass unsere Fernsehlandschaft nicht anders aussieht als der Rest der Gesellschaft. Politik, Gesellschaft, sogar der Fußball: alles langweilig, Einheitsbrei, totale Grütze.“

Lutz Hachmeister
Lutz Hachmeister, 54, Publizist und Hochschullehrer für Journalistik, Filmregisseur und -produzent, ist Gründer und geschäftsführender Direktor des Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin; er war langjähriger Leiter des Grimme-Instituts.

„Ich denke, wenn die deutsche Fernsehproduktion irgendwo professionell weitergekommen ist, dann im Entertainment. Ausge- rechnet das ZDF liegt mit Polit-Comedy vorn, damit hätte vor 20 Jahren keiner gerechnet. Die Kabarettsendung ,Die Anstalt‘ ist noch um einiges schärfer und präziser als das Ursprungsformat ,Neues aus der Anstalt‘. ,Schlag den Raab‘, um ein Beispiel aus dem Privatfernsehen zu nehmen, ist sogar exportiert worden. Und Guido Maria Kretschmer bietet mit ,Shopping Queen‘ Fern- seh-Popcorn der angenehmeren Art.

Das Gewohnheitsfernsehen bekommt der deutsche Markt gut in den Griff. Am ehesten funktionieren immer noch auffällige Entertainer wie Hape Kerkeling und behutsam moderierte Formate im Stil von ,Wer wird Millionär?‘. Mein Lieblingsbeispiel für eine ideale Sendung bleibt Alfred Bioleks Kochsendung ,Alfredis- simo‘. Ein prominenter Plauderer, ein unverwüstliches Genre, Kochen und prominente Gäste – Triple Play.

In der Krise ist eher die große Show, belegt durch das Ende von ,Wetten, dass ..?‘. Es sind beim ZDF sicher Neuentwicklungen blockiert worden, um die alte Schindmähre langsam zu Tode zu reiten.

Im Verhältnis der öffentlich-rechtlichen Sender zu den privaten gibt es im Unterhaltungssegment kaum noch Unterschiede. Der neue Unterhaltungschef des ZDF kommt von einer privaten Produktionsfirma. Stefan Raab hätte mühelos ,Wetten, dass ..?‘ moderieren können, wenn er gewollt hätte. Im Übrigen durch- kämmen alle Sender und Produktionsfirmen heute systematisch die Formate im Ausland. Diese berechnende Kopiermaschinerie kann man kritisieren. Es fehlt etwas die anarchische Lust an Eigenentwicklungen, die verblüffend wären, ohne artifiziell zu wirken. Mit unerwarteten Happenings und Störungen.

Mit seinen neuen Formaten ist das deutsche Unterhaltungs- fernsehen sehr sophisticated, postmodern, aber auch kindischer geworden. Joko und Klaas oder Jan Böhmermann stehen dabei für eine Art Jungs-Humor, leicht hinterhältig, apolitisch und slackerhaft. Sie verkörpern den Kult des ewig Heranwachsenden in einer überkomplexen Welt. Es gibt ein schönes Buch zum Thema: ,Men to Boys‘.

Sollten sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse verschärfen, hätte das auch ein schärferes Entertainment zur Folge. Gewissermaßen im Sinne der Karikaturenwelt kurz vor dem Tod Marie Antoinettes. Es ist die Frage, ob wir uns das wünschen wollen.“

Ute Biernat
Ute Biernat, 54, ist Geschäftsführerin von Ufa Show & Ufa Factual und produziert Unterhaltungsformate für alle großen deutschen TV-Sender, darunter „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Supertalent“ (beide RTL), „Himmel oder Hölle“ (Pro Sieben) oder „Sag die Wahrheit“ (SWR).

„Fernsehen war und ist ein Massenmedium, das auch heute noch viele Menschen begeistert. Es kocht jedoch – wenn man ihm unbedingt etwas vorwerfen will – nach einer bewährten Rezeptur. Das allerdings ist nachvollziehbar. Es ist ein System entstanden, das sich über viele Jahre entwickelt hat, das erprobt, getestet, analysiert ist, mit Marktforschung arbeitet. Die Branche hat sich über die Jahre hinweg professionalisiert und steht jetzt – seit der Eta- blierung des Privatfernsehens – vor einem Wandel. Es gibt viele fähige Leute, die wissen, was sie tun.

 

Natürlich will niemand einen Fehler machen, das kostet alles eine Menge Geld – und das ist nicht so einfach da. Als Programmmacher muss ich mich fragen, was kann ich, und was will ich bieten? Wie fördere ich neue Talente, und wie nah dran bin ich eigentlich am Zuschauer? Gibt es den Audience Flow noch? Wenn sowieso jeder guckt, wann er will, mache ich dann jetzt nicht lieber mal was Neues?

Ob eine Sendung gute Unterhaltung ist, darüber lässt sich genau- so streiten wie über die Frage, ob das Essen gut war – das ist subjektiv. Menschen fühlen sich unterhalten, wenn sie einen bestimmten Gefühlszustand erreichen. Das kann eine Komödie oder Action genauso schaffen wie eine Romanze oder eine Castingshow, bei der sich die Zuschauer auf dem Sofa aufregen, Stellung beziehen können und somit quasi Teil der Jury werden.

Was mir persönlich allerdings fehlt, ist die leichte Muse. Sendungen, bei denen man nichts wissen muss, einfach einschaltet und Spaß hat. Ich glaube an leichte Unterhaltung.

Wir arbeiten jeden Tag leidenschaftlich daran, Menschen zu begeistern und mitzureißen. Ganz schnell ganz viele Leute erreichen, das schafft das Fernsehen.“

Christian Ulmen
Christian Ulmen, 38, begann als Radiomoderator und wurde 1996 für MTV Europe entdeckt. 2003 engagierte ihn Leander Haußmann als Hauptdarsteller für den Film „Herr Lehmann“, wofür er mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Er gilt seither als einer der talentiertesten deutschen Schauspieler, erhielt u. a. den Grimme-Preis („Dr. Psycho“) und den Bambi („Männerherzen“). Ulmen produziert Kinofilme, Fernsehformate („Stuckrad Late Night“, „Die Snobs“) und Web-TV-Serien („Uwe Wöllner“, „Who wants to fuck my girlfriend?“). 2013 gründete er zusammen mit der Axel Springer AG die Firma Mont Ventoux Media GmbH, die Formate für das Internet entwickelt und produziert („Stuckrad-Barre Wahlnacht“). Ab September ist er in der Serie "Mann/Frau" (im Internet und beim Bayerischen Fernsehen) zu sehen.

„Ist das deutsche Fernsehen so langweilig, dass man nur noch US-amerikanische Serien gucken kann? Ich würde sagen: Stimmt vollkommen und stimmt überhaupt nicht. Es gibt genügend Bei- spiele für gute Unterhaltung. Was die Bildundtonfabrik aus Köln macht, ist schlicht gut. Ich mag Sendungen wie ,Bambule‘ oder ,Circus Halligalli‘ und natürlich alles von Ulmen Television. Vieles, was auf ZDF Neo läuft, verdient mehr Publikum.

Ich finde es ohnehin extrem öde, sich immer wieder über unser Unterhaltungsfernsehen zu echauffieren. Ich frage mich, wie jemand wie Oliver Kalkofe sein gesamtes berufliches Schaffen darauf verwenden kann, sich an Volksmusik, Teleshopping oder Scripted Reality abzuarbeiten. Ein ganzes Fernsehleben lang als eine einzige Anklage, die nichts weiter bewirkt, außer die urdeutsche Lust am Meckern zu befriedigen. Davon kriegt man doch Magengeschwüre. Dass das eine Stumpfsinn und das andere menschenverachtend ist, wissen wir doch. Und wer es nicht weiß, lässt sich auch nicht eines Besseren belehren, wenn ein mittelbegabter Parodist mit Fäkalien-Vokabular Florian Silbereisen nachmacht.

Die wahre Kunst ist, es besser zu machen. Es gibt viele, die das können – auf die muss man hinweisen und nicht auf den Müll. Von Jan Böhmermann zu schwärmen statt über ,Bauer sucht Frau‘ zu schimpfen – das ist der richtige Weg zu besserem Fernsehen.

Mit unserem Web-TV-Unternehmen sind wir unter anderem in der freiheitsliebenden Absicht angetreten, Fernsehredakteure abzuschaffen. Warum etwas machen, das man dann komplett aus den Händen gibt? Mit dem andere nur Geschäfte machen wollen? Mit dem man abgesetzt werden kann oder auf einen späteren Sendeplatz verschoben. Als ich sah, dass meine Serie ,Mein neuer Freund‘ im Fernsehen wenig Quote, im Internet aber teilweise mehr als eine Million Klicks hatte, kam die Idee: Mach das doch einfach im Netz und verkaufe Free-TV-Lizenzen, damit du deine Projekte finanzieren kannst. Die Sender haben uns anfangs belächelt, weil sie das Internet nicht ernst genommen haben. Inzwischen wissen sie aber, dass sie sich online bewegen müssen, weil da die Leute gucken – auch Langformate, einen ganzen Jauch oder Serien.

Für mich ist Fernsehen noch lange nicht tot, aber es ist auch nicht mehr der Olymp. Samstagabendunterhaltung unterscheidet sich schon lange nicht mehr von Montagnachmittag- und Mittwochabendunterhaltung. Dass es ,Wetten, dass ..?‘ nicht mehr gibt, ist doch okay. Ich finde es beruhigend, dass Fernsehformate von derselben Endlichkeit sind wie alle anderen Dinge auf der Welt, auch wenn der Sendung kein besonders würdevoller Tod vergönnt war. ,Donnerlippchen‘ und ,Schmidteinander‘ gibt es ja auch nicht mehr. Wir sind noch mit dieser Samstagabendromantik aufgewachsen. Frisch geduscht auf dem Sofa. Die ganze Familie sitzt zusammen. Und dann kommt Frank Elstner oder ,Verstehen Sie Spaß?‘. Und am Donnerstagabend war es Wim Thoelke und ,Der Große Preis‘. Das ist halt vorbei. Meine Kinder wachsen heute nicht mehr so auf. Irgendwie finde ich das sogar ziemlich gut.

Ich habe neulich einen Workshop bei der Berlinale geleitet. Da waren jede Menge junger Menschen, die alle mit einem Schnittcomputer umgehen konnten, die alle wussten, wie man mit einer Digitalkamera Film-Look herstellt. Da ist so viel Talent unterwegs, der Umgang mit Bewegtbild wird nebenbei und spielerisch erlernt und perfektioniert. Und dieses Talent muss es auch nicht mehr ins Fernsehen schaffen. Muss ich um 22 Uhr in einem Nischensender laufen? Oder ist es viel mehr Auszeichnung, auf Youtube 1,5 Millionen Klicks zu schaffen?

Youtube ist heute das, was früher MTV war, das Fenster zu Jugendkultur, wo man sich austestet, seine Neigungen ausleben kann. Was dabei entsteht, ist kompakt, lässt sich gut verschicken, wird sofort kommentiert, kreiert unmittelbar Feedback, Interaktion. Und wenn ich damit 100.000 oder 150.000 Klicks produziere und weiß, dass meine Zuschauer meine Sachen wirklich angenommen haben und davon begeistert sind, macht mich das glücklicher als eine anonyme Quote im Fernsehen. Der Satz ,Ich bin im Fernsehen, ich habe es geschafft‘ gilt nicht mehr.“

Oliver Fuchs
Oliver Fuchs, 46, gebürtiger Schweizer, ehemaliger Geschäftsführer von Eyeworks Germany, war verantwortlich für Produktionen wie „Der große IQ-Test“, „Schwiegertochter gesucht“, „Wilsberg“, „Die Lottokönige“ oder „Rach, der Restauranttester“, die u. a. mit dem Bayerischen und dem Deutschen Fernsehpreis sowie der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurden; seit Oktober 2012 war er Leiter der Hauptredaktion Show des ZDF. Fuchs trat – kurz nach Redaktionsschluss – wegen der manipulierten Zuschauervoten bei der Show „Deutschlands Beste!“ zurück.

„Gute Unterhaltung im Fernsehen ist nicht so einfach zu definieren. Wenn ich eine pointierte Antwort auf eine komplexe Frage versuchen müsste, würde ich sagen: Gute Unterhaltung schafft es, eine kritische Masse an kritischen Menschen zu bewegen und lässt die Zeit schnell vorbeigehen.

Das zu produzieren ist schwieriger, als es klingt. Ich kam ja von Eyeworks zum ZDF. Eyeworks war damals in 17 Ländern tätig, und dort rechneten wir folgendermaßen: Wenn aus jedem Land jährlich durchschnittlich fünf bis sechs neue Ideen kommen, also insgesamt etwa 100, können wir davon ausgehen, dass es nur jedes zehnte Format auf den Schirm schafft, wovon wiederum eines von zehn zu einem langfristigen globalen Erfolg wird. Bei solchen Erfolgsaussichten brauchen Sie schon viel Leidenschaft, um diesen Job auszuhalten.

Fernsehen im Allgemeinen besteht heute zu 90 Prozent aus Unterhaltung. Wenn wir damit möglichst viele Zuschauer erreichen wollen, müssen wir einen fortwährenden Spagat machen. Zwischen ,Willkommen bei Carmen Nebel‘ und der ,Heute- Show‘ liegen inhaltlich und zielgruppenspezifisch Welten. Unser Vorteil ist, dass wir ein sehr treues, nicht immer das jüngste, dafür aber kritisches Publikum haben, weshalb wir auch nicht alles machen wollen, was wir könnten. Undefinierte, krawallige Inhalte würden uns nicht verziehen.

Jeder deutsche Haushalt kann heute im Schnitt 78 TV-Sender empfangen. Jeder ist zudem per Internet nur einen Klick von der großen weiten Welt entfernt. Damit Hollywood bei Ihnen zu Gast ist, brauchen Sie kein ZDF. Als ich meine 14-jährige Tochter fragte, ob sie ,Wetten, dass ..?‘ mit Miley Cyrus gucken würde, wo die doch einen neuen Hit hätte und sie mal sehen könne, „wie die in echt ist“, antwortete sie mir, der Hit sei schon 14 Tage alt und ein Interview mit Cyrus darüber in einer US-Talkshow habe sie schon auf Youtube gesehen. Die Exklusivität, die eine Sendung wie ,Wetten, dass ..?‘ früher transportierte, ist relativ geworden. Gehen Sie mal ins Netz, da finden Sie unzählige Film- chen darüber, was man Tolles mit Baggern machen kann.

Sie müssen heute – das gilt insbesondere für Einzelsendungen am Samstagabend – etwas sehr Besonderes liefern, damit die Leute den Fernseher einschalten. Wir haben uns daher neben dem Regelprogramm für die Eventisierung von Shows entschieden. Wie wir das bei Udo Jürgens’ 80. Geburtstag, der Helene- Fischer-Show im Dezember, dem einzigen Open-Air-Konzert von Andrea Berg oder ,Die große Grillshow‘ machen, an der die Zuschauer sich interaktiv beteiligen können. Interaktion, nicht zum Selbstzweck, wird in Zukunft ein wichtiger Aspekt von TV-Unterhaltung sein.

Ein großer nationaler Sender wie das ZDF muss Vorreiter sein und sollte sich nicht auf abgekupferte Formate verlassen. Wir werden die unterhaltende Information – etwa mit ,Rach tischt auf!‘ – sowie Comedy- und Kabarettformate nutzen, um auszugleichen, was die klassische Show nicht mehr immer liefern kann.“

Gerd Hallenberger
Gerd Hallenberger, 60, ist freiberuflicher Medienwissenschaftler und Professor an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fernsehunterhaltung, Geschichte und aktuelle Entwicklung von Medien- und Populärkultur; er gehörte mehrmals der Nominierungskommission sowie der Jury des Grimme-Preises an und hat zuletzt das Buch „Gute Unterhaltung?! – Qualität und Qualitäten der Fernsehunterhaltung“ veröffentlicht.

„Das erste Mal, dass nachweislich Klage geführt wurde über die Ideenlosigkeit des deutschen Fernsehens war 1959. Und zwar in einer Fernsehkritik der Zeitschrift »Hörzu«. Wenn man so will, ist die Krise ein Dauerzustand.

Die gegenwärtige Situation ist jedoch durchaus wenig erfreulich. Im Non-Fiction-Bereich dominieren Format-Adaptionen wie ,Deutschland sucht den Superstar‘, für jüngere Zuschauer spielen US-Serien eine zentrale Rolle, Neustarts deutscher Serien scheitern sehr oft. Die Sender sagen deshalb: „Lasst uns schauen, was woanders funktioniert, wir kaufen lieber was ein, bevor wir selbst etwas entwickeln.“ Der internationale Formathandel ist enorm wichtig geworden für die deutschen Sender, obwohl man feststellen muss, dass selbst Erfolgsformate (,The Weakest Link‘) oder gefeierte US-Serien (,Die Sopranos‘, ,Californication‘) in Deutschland scheitern können. Gleichzeitig verkaufen sich deut- sche Event-Produktionen, Krimis oder Serien wie ,Verliebt in Berlin‘ durchaus im Ausland.

Die Sender sehen das so: Gute Unterhaltung findet dann statt, wenn die Marktanteile stimmen. Doch die großen Quoten sind kaum noch zu erreichen, außer beim Fußball oder mit Abstrichen beim ,Tatort‘. Samstagabendshows wie im deutschen Fernsehen gibt es nur noch in Südamerika. In den USA schon lange nicht mehr. Wie Tom Hanks nach seinem Auftritt bei ,Wetten, dass ..?‘ über die Sendedauer gelästert hat, ist hinreichend dokumentiert. Unterhaltung für junge Menschen findet kaum noch statt. Die kennen nur ZDF Neo, aber nicht mehr das ZDF. Das Fernsehen ist ein relativ altes Medium, als Leitmedium gilt es nur noch für sein mit ihm älter gewordenes Publikum. Selbst der durchschnittliche RTL-Zuschauer ist 47 Jahre alt und wird nicht jünger.

Gleichzeitig ist die Welt heute, was Entertainment betrifft, extrem vielschichtig und speziell geworden. Ich erzähle meinen Studenten gern ein Beispiel aus der Musik. In den Sechzigerjahren gab es erst Beat, danach kam Rock, und daraus entwickelten sich Varianten wie Hard Rock, aus dem später Heavy Metal wurde. Heute gibt es gefühlte 85 Subvarianten von Heavy Metal. Das Fernsehen steht vor der Herausforderung, auf dramatische Veränderungen von Lebensstilen, Lebensläufen und Interessen reagieren zu müssen. Die Frage ist, ob es das überhaupt noch kann.“ ---

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