Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Spaß in der Schule

Kompetent statt komisch

Standardübungen aus einem Humor-Seminar für Lehrer:
1. Salsa tanzen mit Klobürste und Gießkanne in den Händen (paarweise)
2. Massage der eigenen Waden
3. Schattenboxen in Zeitlupe
4. lockeres Hängenlassen des Unterkiefers

• Spaß ist manchmal auch ein Zeichen dafür, dass die Lage ernst ist. Wie sonst sollte man es deuten, wenn Lehrer neuerdings Humor-Seminare besuchen? Wohl nie zuvor wurde in der Bildung so viel über Spaß geredet wie heute. Gleichzeitig scheint Schule aber immer weniger Freude zu machen: Jeder Dritte der circa 700 000 Lehrer im Land klagt über Burn-out-Symptome, das sind so viele wie in kaum einer anderen Berufsgruppe. Ebenso sinkt in Umfragen die Zahl derjenigen Schüler, die noch Spaß am Lernen bekunden. Mit jedem Schuljahr werden es weniger, wie auch Lehrer allerorts ein sinkendes Leistungsniveau beklagen. Die Pädagogen streiten nun, wie man dieser Situation begegnet: mit mehr Spaß? Oder mit weniger?

Slogans und Metaphern

Die Spaßpädagogik oder das, was mit diesem Begriff gemeinhin verbunden wird, also das Klischee vom an der Freude statt an der Leistung orientierten Lernen, ist dabei ernsthaft in Verruf geraten. Sigrid Löffler unkte bereits Mitte der Neunzigerjahre, dass die Spaßgesellschaft ermüde. In den USA schrieb eine aus China stammende sogenannte Tiger Mother einen Bestseller darüber, wie man mit eiserner Disziplin Elitekinder heranzieht. Auch in Deutschland mehren sich die Buchveröffentlichungen, in denen Disziplin und Leistung gegen die Kuschelromantik in Stellung gebracht werden. Pädagogen wie Albert Wunsch beklagen, dass alles, was keinen Spaß mache, kaum noch ankomme: „Diese Haltung hat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Pädagogik infiziert, in der Schule wie in der Familie. Aber dieser Spaßanspruch ist verheerend.“

Dass Lernen „Spaß machen“ soll, gilt als moderne Idee. Schule wurde lange mit einem Ethos des Bemühens und des Übens verbunden. Ihre Aura als einzigartige Bildungsstätte erodiert jedoch, wie auch die Autorität der Lehrpersonen. Der Lehrer ist angreifbar geworden, seit ihm ein einheitlicher Bildungskanon, traditionelle Rollenmodelle oder die Selbstverständlichkeit von Selbstdisziplin nicht mehr zur Verfügung stehen und Wissen in jedem Smartphone lauert – Ablenkung auch. Wer heute Schüler unterrichten will, der muss auch unterhalten.

An dieser Stelle beginnt, was Carmen Mendez als ein großes Missverständnis der heutigen Pädagogik bezeichnet: dass Lehrer versuchen, auch noch komisch zu werden, anstatt einfach kompetent zu sein. Spaß machen nicht witzige, sondern schlaue Lehrer. Aber der Reihe nach.

Spaß ist kein Thema

Carmen Mendez ist Leiterin des Max-Rill-Gymnasiums im bayerischen Reichersbeuern. Eine „leistungsbezogene Wissensvermittlung“ hat man sich dort auf die Website geschrieben. Die Debatte um die Spaßpädagogik bezeichnet die gebürtige Thüringerin in der täglichen Arbeit als „wenig bis gar nicht relevant“. Was nicht bedeuten soll, dass sie Humor für überflüssig hält. Wenn sie Schüler beim heimlichen Rauchen erwischt, müssen die mit ihr gemeinsam in der Mittagspause auf dem Schulhof „Kippen sammeln“. Statt um Spaß geht es Mendez darum, dass „die Kinder gern zur Schule kommen“.

„Die Idee von Spaß und freier Projektarbeit ist schön, sie bringt aber nichts, wenn man damit kaum etwas vermittelt.“ Für viele Kinder funktioniere der Ansatz einfach nicht. Carmen Mendez spricht diesbezüglich von einer eindeutigen Studien-lage. Sie begann als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Schulpädagogik und Schulentwicklung an der Universität Jena. Später war sie Fachleiterin der dortigen Jenaplan-Schule, die im Jahr 2006 den Deutschen Schulpreis gewann. „Wissenserwerb muss strukturiert erfolgen, es kommt dabei auf den Lehrer an, die Schüler anzuleiten und zu motivieren“, sagt sie. Schließlich gehe es nicht mehr nur um das Sammeln, sondern um das Vernetzen von Wissen.

Stattdessen aber beobachtet Mendez bei manchen Lehrern die Tendenz, fachliche und didaktische Mängel mit einer Portion Fun zu kaschieren. „Wer nicht strukturiert erklären kann, der flüchtet in die Unterhaltung oder die sogenannte freie Arbeit.“ Auf diese Weise kompensieren Lehrer fehlendes Wissen mit multimedialen Feuerwerken oder einer guten Beziehung zu den Schülern. Die Kumpelmasche ist nicht selten Eigennutz. „Wenn der Lehrer keine Bestätigung für fachliche Kompetenz erhält, dann eben durch die Sympathie der Schüler.“

Die aber wissen immer, bei wem sie wirklich etwas lernen. Meistens sind es genau diese Lehrer, bei denen sie Spaß haben. Mendez, die auch als Autorin und Herausgeberin für Fachliteratur zum Thema Didaktik arbeitet, schließt etwa Frontalunterricht nicht aus. „Es kommt immer auf den Kollegen an und was er kann.“ Wenn Frontalunterricht gut gemacht, genau geplant und als Zwiegespräch mit den Schülern angelegt ist, dann kann er den Schülern Spaß machen. Nur lernt diese Kompetenz kaum noch jemand an den Universitäten. Verstärkt wird dieses Defizit durch überfrachtete Lehrpläne, rigide Bewertungssysteme und einen Kulturwandel, der Leistung fälschlicherweise als ein Ausschlusskriterium für Spaß ansieht. Mendez spricht dagegen von der Freude an der Durchdringung der Welt. Gerade weil das mit Anstrengung verbunden sei. Schon das Auswendiglernen eines Gedichts könne diese Freude hervorrufen. „Das ist zuerst mühsam, aber am Ende bleibt das Gefühl: Ich kann etwas.“

Ein Problem sieht Mendez außerhalb der Schule. „Es gibt nicht die funktionierenden Kinder, wie sie die Eltern gern hätten.“ Die immer fleißig lernen, sich konzentrieren und Erwachsene fraglos respektieren. Normal sind lebendige, die Erwachsenen herausfordernde Kinder, Gott sei Dank – nur halten diesen Konflikt immer weniger Eltern aus.

Souverän peinlich

Wenn Kinder nicht nach Plan laufen, wird Schule schnell anstrengend. Das muss nicht schlimm sein. Die Hirnforschung hat nachgewiesen, dass das neuronale Belohnungssystem eine Phase der Anstrengung – wie etwa beim Auswendiglernen eines Gedichts – braucht, um Glückshormone wie Dopamin freizusetzen. Diese Ausschüttung fördert die Lernfähigkeit. Die Wissenschaftler sprechen vom Freude-Modus, in dem Lernen stattfindet. Wichtig sind dabei neben Anstrengung auch ein sozialer Austausch, Begeisterung, Sinn und Emotionen. Kommt all das zusammen, macht Schule nicht nur Spaß, sondern bringt auch etwas.

Die Realität in den Schulen allerdings regt oft keine Glückshormone an, nicht bei Schülern – und auch nicht bei Lehrern. Die Strukturen sind starr, die Arbeitsblätter freudlos, und statt Dopamin wird Adrenalin ausgeschüttet. Darunter leiden Schüler wie Lehrer. Um das zu ändern, tanzen Lehrer inzwischen mit Klobürsten – im Humor-Seminar von Katja Lechthaler:

Passen Humor und Lehrer zusammen, Frau Lechthaler?

Ich versuche zumindest dafür zu sorgen, dass beide zusammenfinden. Der Alltag in der Schule ist für Lehrer aber tatsächlich wenig spaßig.

Warum?

Humorfähigkeit passt nicht in eine Struktur, die oft nur richtig oder falsch kennt.

Deshalb lassen Sie Lehrer mit Klobürsten Salsa tanzen?

Es gibt keine Regeln oder Techniken für Humor. Er entsteht immer spontan und bei jedem individuell. Was ich üben kann, ist, auch in Stresssituationen eine souveräne Haltung zu bewahren. Das ist die Grundvoraussetzung für Spontaneität. Der Klobürstentanz funktioniert ganz gut, eine völlig zweckfreie und irgendwie peinliche Aktivität.

Ist das nicht ein Albtraum für jeden Lehrer?

Genau, viele Lehrer kämpfen um den Respekt der Schüler und Kollegen. Sie wollen souverän wirken, aber natürlich geraten sie auch mal in unverhoffte oder peinliche Situationen. Dazu kommt, dass sie den Kollegen gestehen müssen, eine Klasse nicht im Griff zu haben. In so einer Situation die körperliche Souveränität zu wahren ist eine fundamentale Technik im Schauspieltraining. Auflösen lässt sie sich mit geschickt eingesetztem Humor.

Warum ist Humor für Lehrer so wichtig?

Sie stehen jeden Tag unter Beobachtung. Es gibt wenige Berufe, die so viel Druck erzeugen. Schüler registrieren Schwächen, und Kollegen oder Eltern nutzen diese womöglich aus. Stärke zeigen zu müssen führt aber dazu, sich nur auf vertrautem Terrain zu bewegen, fachlich und auch emotional. Lehrer werden dann schnell rigide, verschließen sich, am Ende gelingt es ihnen überhaupt nicht mehr, sich menschlich zu zeigen. Dazu kommen der Lehrplan, nervende Eltern, die Kollegen – in der Summe sind das Anforderungen, denen man unmöglich entsprechen kann.

Also lacht man darüber, und wir landen bei der Spaßpädagogik?

Ich mag dieses Wort nicht. Spaß ist ein Begriff, der Oberflächlichkeit suggeriert. Ich sehe es auch kritisch, wenn Lehrer sich auf die Ebene der Schüler begeben und so tun, als wären sie eigentlich gar keine Lehrer, sondern Kumpels.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, solche Humor-Seminare anzubieten?

Ich arbeite seit fast 20 Jahren mit Lehrern. Das ist ein sehr eigenes Völkchen, das spätestens nach zehn Minuten im Seminar fragt, welches Unterrichtsmodell sich aus dem Gesagten ableiten ließe. Sie wollen für alles eine Erklärung und einen Sinn. Ich brauche daher selbst sehr viel Humor, um sie von dieser Kopflastigkeit wegzubewegen und zum Spielen zu bringen. Dann haben die Lehrer plötzlich richtig Spaß. Im vergangenen Jahr bot ich erstmals den Humor-Workshop an, das Interesse war überwältigend.

Alles machen können

Die Diskussion darüber, welcher Unterricht nun der richtige ist, der spaßbetonte oder der leistungsorientierte, erfuhr im vergangenen Jahr eine ganz unverhoffte Wendung. Ausgelöst hatte dies der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie. Seit dem Erscheinen der deutschen Übersetzung seines Buches „Lernen sichtbar machen“ kommt kein hiesiger Wissenschaftler mehr an Hattie vorbei. Der gelangte in einer 15 Jahre währenden Megastudie, für die er Daten von 50 000 weltweiten Studien an insgesamt mehr als 250 Millionen Schülern auswertete, zu der frappierenden Erkenntnis, dass der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Lehrform folgender ist: keiner.

Frontalunterricht funktioniert demnach nicht schlechter als solcher in Gruppen, große Klassen sind genauso gut oder schlecht wie kleine. Entscheidend sind die Lehrer. Die können machen, was sie wollen, wenn sie es nur können.

Hattie beschreibt seine Strategie des „sichtbaren Lernens“ als die Gestaltung von Unterricht aus Sicht der Schüler: Bevor Schüler kapieren, was der Lehrer ihnen sagt, müssen sie wissen, was er von ihnen will. Lernen muss den Schülern demnach nicht zuerst Spaß machen, sondern vor allem sinnvoll erscheinen. In Schweden bestätigte sich dies 2010 in einem Experiment eindrucksvoll. Die besten Lehrer des Landes schickte man immer wieder an die schlechtesten Schulen – die daraufhin bald zu den besten zählten.

Der Riesentanker

Was diese Lehrer auszeichnet, führt uns zurück zum Anfang. Carmen Mendez sprach von Kompetenz statt Komik. Eine herausragende fachliche und didaktische Qualität der Lehrer war in Schweden die Basis. Besondere Hilfsmittel oder Tricks hatten sie keine. Wo kriegt man solche Leute her?

Rostock, Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZLB) der örtlichen Universität. Über Spaß, Lernen und Schule zu reden ist in Deutschland auch deshalb schwer, weil jedes Land und jede Universität die Antworten darauf für sich allein sucht. Das ZLB ist für das gesamte Bundesland zuständig. „Lehrerbildung so zu gestalten, dass am Ende handlungsfähige und reflektierte Pädagogen herauskommen“, beschreibt Geschäftsführerin Katrin Bartel die Aufgabe des Instituts.

Wer in dieser Institution an Revolutionen denkt, sollte schnell anderswo nach Herausforderungen suchen. Mit kleinsten Manövern versuchen die Mitarbeiter, einen riesigen Tanker namens Schulsystem in andere Richtungen zu lenken. „Bis man in der Aus- und Weiterbildung eine kritische Masse von Lehrern erreicht, neue Erkenntnisse und Daten verbreitet hat, vergehen erfahrungsgemäß zwanzig Jahre. Mit unseren Aktionen zielen wir also auf kommende Generationen“, sagt Bartel.

Das Schlüsselwort hinter allen Aktivitäten am ZLB lautet „Berufsfähigkeit“. Spaß oder nicht ist dabei weniger relevant als beispielsweise die Frage, wie man vom sogenannten Bulimie-Lernen wegkommt. Dem zwanghaften Hineinstopfen und Auswerfen von Wissen für die nächste Klausur. „In einem guten Bildungssystem sollte jeder Schüler zählen“, sagt Katrin Bartel, die selbst zehn Jahre als Lehrerin gearbeitet hat. „Momentan verlassen aber immer noch zu viele Jugendliche die Schule, ohne überhaupt einen Abschluss erreicht zu haben oder adäquat lesen, rechnen oder schreiben zu können, selbst nach zehn Jahren Unterricht.“

Einige Bildungsforscher in Deutschland fragen daher, ob Schüler heute noch in der Lage sind, nur einer Person, also dem Lehrer, zu folgen, wenn sie den Rest des Tages mit vielen verschiedenen Personen gleichzeitig im Chat kommunizieren. „Lehrer berichten, dass Kinder in ihrer Konzentrationsfähigkeit heute durch ständige Reize viel stärker gefordert werden“, sagt Katrin Bartel. Unterricht müsse sich daher künftig noch viel mehr am außerschulischen Leben der Schüler orientieren. Außerdem seien fachliche Begeisterung und didaktische Kompetenz für den Lernerfolg ausschlaggebend.

Mehr und mehr setzt sich dabei die Erkenntnis durch, dass sich gute Lehrer nur bedingt ausbilden lassen. Sie müssen es in gewisser Weise einfach sein. Als Vorbild dafür, wie diese natürlichen Pädagogen effektiv zu finden sind, gilt die Wirtschaft. Wenn angehende Manager ein Assessment durchlaufen, also sich bei der Lösung typischer Aufgaben beobachten lassen, warum dann nicht auch künftige Lehrer? Nur, falls man das versuchen wollte: Welches Assessment bildet dann die hochkomplexe Persönlichkeit eines Lehrers ab?

Die Erziehungswissenschaft beißt sich an diesen Themen bislang die Zähne aus. Auch weil Studien immer wieder ernüchternde Ergebnisse liefern. So können sie vor allem nicht die Frage beantworten, ob ein guter Mathelehrer ein guter Mathematiker, ein guter Pädagoge oder ein guter Unterhalter sein sollte. Im Zweifelsfall, so möchte man meinen, vielleicht einfach alles zusammen. Was man aber sicher weiß: Wenn Lehrer selbst keinen Spaß in der Schule haben, haben auch die Schüler keinen.

Unterricht erinnert heute oft immer noch an Fließbandarbeit, an ein stupides Aneinanderschrauben von Einzelteilen. Katrin Bartel setzt sich dagegen für den ganzheitlichen Blick auf den Schüler und das Lernen ein. Dabei sollte man auch den Spaß nicht leichtfertig abtun. „Über den Begriff kann man streiten, vielleicht heißt es besser Freude oder Begeisterung, aber eines ist klar: Zwar lässt sich Leistung über einen gewissen Zeitraum auch nur mit Disziplin erreichen, langfristig stellt sich aber die Frage, wie viel von diesem ohne Freude und Begeisterung erlernten Wissen am Ende übrig bleibt. Dazu kommen negative Folgen, etwa für Psyche und Gesundheit.“ Ein Schulsystem, das Burn-out-Symptome schon bei Grundschülern auslöst oder Schlagzeilen wie „Schüler prügelt Lehrer“ produziert – soll es das sein?

Der falsche Begriff

Die Entwicklungspsychologin Susan Engel (siehe auch: „Mehr bunte Fische“, brand eins 01/2013) hat über mehrere Jahre die „Kein Kind wird zurückgelassen“-Politik von George W. Bush in den USA untersucht. „Diese an sich gut gemeinte Bildungsoffensive führte letztlich ins Desaster.“ Laut Engel vor allem deshalb, weil eine freudlose und öde Schullandschaft entstand. „Die Strategie war von nationalen Einheitstests geprägt, die jeder Lehrer und eben auch jeder Schüler absolvieren musste. Es ging nur noch um die nötigen Leistungen in diesen Fächern. Ungeprüfte Kompetenzen musischer oder künstlerischer Art sowie jegliche freie und freudebetonte Arbeit gerieten zur Nebensache.“ Ein Viertel der amerikanischen Schüler verlässt die Highschool ohne Abschluss.

Kann also das Bildungssystem die Arbeit der Lehrer zunichtemachen? Engel glaubt das, im Gegensatz zu Hattie, und erklärt den hohen Anteil von Schulabbrechern in den USA auch damit, dass der Fokus des Schulsystems einseitig ausgelegt sei: auf die spätere Karriere. So denken die Tigermütter. Die Studien zu deren vermeintlichen Vorzeigekindern seien allerdings eindeutig: „Diese Kinder leiden überdurchschnittlich häufig an Depressionen. Außerdem ist auch seit Langem belegt, dass Werte nicht indoktriniert, sondern nur verinnerlicht werden.“

Die Wissenschaftlerin schlägt in ihrem neuen Buch „The end of the rainbow“ daher vor, in Schulen wieder Freude einkehren zu lassen. „Spaß war für mich immer der falsche Begriff“, sagt Engel. „Es geht darum, die intrinsische Freude am Lernen zu stimulieren.“

Das gelang beispielsweise in Western Massachusetts, wo Lehrer Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren beim Aufbau einer Schule in der Schule begleiteten. Susan Engel erzählt von acht Jugendlichen, die einen eigenen Lehrplan entwickelten, der sich vorwiegend mit Fragen naturwissenschaftlicher und sozialer Art beschäftigte. Zusätzlich wählte jeder eine persönliche Herausforderung. Die Schüler lernten von- und miteinander, korrigierten ihre Arbeiten, und die Lehrer halfen, wenn die Schüler mal nicht weiterkamen. Zensuren gab es nicht. Alle Beteiligten sprachen davon, viel Spaß gehabt zu haben. Sie gaben an, sehr zufrieden zu sein – vor allem aber, das Gefühl zu haben, viel mehr gelernt zu haben als im normalen Schulalltag.

Ein schönes neues System. Aber auch ein Projekt, für das es geeignete Schüler und Pädagogen braucht – womit sich der Kreis zu John Hattie zumindest teilweise wieder schließt. Susan Engel weiß, dass die Idee genau aus diesem Grund kein Modell für die Masse ist, keines, das das ganze System wirklich verändern könnte. „In den USA gibt es zu viele Lehrer, die keine Freude am Lernen vorleben“, sagt die Autorin. „Sie begnügen sich mit Entertainment, weil sie gar nicht wissen, was Freude am Lernen bedeutet.“ ---

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