Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

FKP Scorpio: Folkert Koopmans

„Ohne eine gewisse Härte  geht es nicht“

Folkert Koopmans

We hate it when our friends become successful – Morrissey

• Donnerstagabend, kurz vor 22 Uhr bei dem Bravalla Festival im schwedischen Norköpping. Der nach Himbeer duftende Kunstnebel mischt sich mit dem Geruch von Grillfleisch. Tätowierte Männer mit freiem Oberkörper ziehen Frauen im Bikini-Top hinter sich her. Eben noch lag eine Horde kreischender Mädchen der Sängerin Lana Del Rey zu Füßen, gleich werden auf der Bühne nebenan die Metal-Rocker von Iron Maiden loslegen, und mit ihnen Tausende bierselige Luftgitarristen im Publikum.

Ein paar Steinwürfe entfernt steht Folkert Koopmans im Gang eines schmucklosen Gebäudes, an dessen Eingangstür ein knittriger Zettel mit der Aufschrift „Production Crew“ klebt. Koopmans sieht müde aus, die Augen sind gerötet, seine Stirn glänzt. Er ist Geschäftsführer von FKP Scorpio, dem Veranstalter des dreitägigen Festivals, das 60 000 Besucher anlockt. Eben ist er stundenlang über das riesige Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes gehastet, hat auf Menschen eingeredet und unentwegt telefoniert. Er hat heute alle Hände voll zu tun.

Das bargeldlose Bezahlsystem streikt (alle Festivalbesucher tragen einen aufladbaren Chip an ihrem Eintrittsbändchen). Und wenn das Zahlsystem nicht funktioniert, essen und trinken die Leute nichts. Dann sind sie hungrig und durstig und werden irgendwann sauer. Ebenso die Betreiber der Essensstände, die dann nichts verdienen. Klar, dass die das nicht einfach so hinnehmen. Es gab also viel Redebedarf. „Schlimmer Tag“, murmelt Koopmans.

Seit mehr als 30 Jahren veranstaltet er Konzerte und Festivals. Das erste in einem Jugendzentrum, da war er 17. Er liebte damals schon Independent-Rock und wollte etwas auf die Beine stellen. Es kamen 300 Leute, die jeweils drei Mark Eintritt zahlten. Für Koopmans und seine Mitstreiter blieben 250 Mark übrig. Zu jener Zeit wünschte er sich nichts mehr, als rauszukommen aus dem ostfriesischen Marienhafe, mit bekannten Musikern und Bands rund um die Welt auf Tour zu gehen.

Der Wunsch wurde zumindest teilweise erfüllt. Aus seiner Leidenschaft für Musik und seiner Freude am Organisieren ist ein ziemlich großes Geschäft geworden. Koopmans’ Unternehmen veranstaltet pro Jahr gut 1000 Club-Konzerte und 16 Open Airs in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Schweden und der Schweiz, darunter Großveranstaltungen wie das Hurricane Festival oder eben das Bravalla. Zudem organisiert es die Tourneen von Bands wie den Foo Fighters, Pixies oder Vampire Weekend und betreibt die Dinner-Show Palazzo. FKP Scorpio hat 100 Mitarbeiter und setzte zuletzt rund 100 Millionen Euro um.

Mehr ein Roadie als ein Geschäftsmann, schrieb mal jemand über ihn, und das passt ganz gut. Gerade schlendert Folkert Koopmans, ein freundlicher mittelgroßer Mann von 50 Jahren, Richtung Catering-Zelt. Er trägt Jeans und ein kariertes Hemd. In der gefütterten Arbeitsweste, die er im Arm hält, steckt ein Funkgerät. Sein Handy legt er nie aus der Hand. Menschen, die ihn gut kennen, sagen, er sei ein Workaholic, ein Abenteurer und Dickschädel, einer, der sparsam und zielstrebig ist und gern etwas riskiert.

Am Zelteingang fragt ihn der Ordner nach dem Promoter-Pass, den Koopmans an einem Tag wie diesem natürlich nicht findet. Er deutet mit einer knappen Handbewegung in den Raum, sagt: „You can ask anybody here who I am.“ Man spürt, dass er gewohnt ist, Anweisungen zu geben. Der Ordner lächelt verlegen und macht den Weg frei. Ein paar Minuten später sitzt Koopmans vor einem Teller mit Steak, Kartoffelpüree und gekochten Möhren. Dazu gibt es einen Becher Limonade. Andauernd klingelt sein Handy.

brand eins: Herr Koopmans, ist bei Ihrer Arbeit vom Spaß der frühen Jahre noch etwas übrig geblieben?

Folkert Koopmans: Durchaus. Ich besuche ja alle Open Airs, die wir veranstalten, und meistens laufen die recht reibungslos. Dann stehe ich eher entspannt in der Gegend herum und erfreue mich daran, dass ein Rädchen ins andere greift und alles reibungslos läuft.

Haben Sie heute schon die Herren von Iron Maiden begrüßt?

Hier auf dem Bravalla werde ich vermutlich gar keine Bands und Musiker treffen. Sehr guten persönlichen Kontakt habe ich zu rund zehn internationalen Künstlern, aber von denen ist keiner hier.

War der Kontakt mit den Bands nicht das, was Sie an diesem Metier so gereizt hat?

Früher war der Kontakt zu den Bands direkter. Fast jede hat inzwischen einen Tross aus Menschen um sich herum, die sie abschirmen. Das ist schon schade. Viele wollen ihre Ruhe haben, was ich gut verstehen kann, denn eine Tour schlaucht enorm.

Wie sieht Ihre Arbeit als Geschäftsführer aus?

Früher habe ich zum Beispiel das Booking immer selbst gemacht, aber irgendwann wird das ein bisschen langweilig. Heute plane ich viel: Welche Festival-Formate könnten wo klappen? Was kann man aus anderen Ländern übernehmen? Wie lässt es sich kalkulieren? Ich reise, knüpfe Kontakte, suche Partner, führe Verhandlungen. Das mache ich sehr gerne.

Was gefällt Ihnen daran?

Es entsteht Neues. Routinen sind gut und schön, aber oft auch öde.

Sie haben schon als Jugendlicher Konzerte organisiert. Wie sind Sie dann geworden, was Sie heute sind?

Nach meiner Lehre habe ich einige Monate als Disponent beim Kaffeehandelshaus Jacobs gearbeitet. Das war sterbenslangweilig. Ich habe mich auf meine alte Leidenschaft besonnen und bei einer Konzertagentur in Hamburg angefangen.

Und was trieb Sie ein paar Jahre später in die Selbstständigkeit?

Es ergab sich einfach so. Ich zerstritt mich mit meinem damaligen Chef. Danach bewarb ich mich bei anderen Veranstaltungsagenturen, aber daraus wurde nichts. Die ersten Jahre der Selbstständigkeit waren echt schwierig. Wir krebsten schon ziemlich herum, ich zahlte mir selbst kaum etwas aus. Wir machten das, was damals kaum einer machen wollte: vor allem Reggae- und Blues-Konzerte. Dann kam das Hurricane.

Koopmans hatte zufällig im niedersächsichen Scheeßel das Gelände einer Motorrad-Sandrennbahn entdeckt, als ihm die Idee zu dem Festival kam. Das Gelände erfüllte alle logistischen Voraussetzungen. Die finanziellen Vorleistungen aber würden erheblich sein. Mindestens 12 000 zahlende Besucher würde er brauchen, um die Kosten zu decken. Viele rieten ihm ab, doch er blieb stur.

Die Planung eines Festivals ist langwierig und kompliziert: Man muss mit Grundstücksbesitzern über die Pacht für das Zelt- und Festivalgelände verhandeln, mit Ordnungsämtern, Polizei und Rettungsdiensten tagen, Sanitäranlagen, Parkplätze, Licht, Ton- und Bühnentechnik mieten, Bands und Caterer engagieren, Sponsoren finden, die Auftritte planen, den reibungslosen Ablauf sicherstellen und den Müll beseitigen lassen. 1997, beim ersten Hurricane Festival, kamen statt der anvisierten 12 000 sogar rund 20 000 Besucher. Seitdem findet das Festival jedes Jahr statt. Inzwischen lockt es mehr als 70 000 Musikfans an. Koopmans’ Meisterstück. Es verschafft ihm Einnahmen, Anerkennung und finanziellen Spielraum für weitere Projekte. Nicht alle wurden ein Erfolg. Das verregnete Southside Festival etwa brachte ihm einen Verlust von anderthalb Millionen Mark ein, und das Area 4 Festival musste er wegen Besuchermangel beerdigen. Unterm Strich aber wuchs FKP Scorpio weiter.

Aus Matschwiesen werden Goldgruben

Das hat auch mit der Entwicklung von Open-Air-Festivals zu tun. Früher waren sie ziemlich chaotisch. Eine Wiese, eine Bühne, Verstärker – und die Bands schrammelten los. Sanitäranlagen? Unnötig, es gibt doch Büsche. Wetter? Vollkommen wurscht. Nahrung? Flüssig. Zäune und Absperrgitter? Überflüssig. So schleichen sich zwar einige Besucher an der Kasse vorbei, aber egal. Hauptsache: Rock ‘n’ Roll.

Diese Zeiten sind vorbei. Seit den Neunzigerjahren sind viele Festivals zu Freizeitparks mit Beschallung mutiert. Sie werden akribisch geplant und ziehen anspruchsvolle Gäste an, Stöckelschuh-Trägerinnen inklusive. Seit der Loveparade-Katastrophe wird stark auf Sicherheit geachtet, Toiletten gibt es reichlich, und auch Sushi-Stände, Riesenräder sowie Anbieter von Bungee- und Base-Jumping dürfen nicht fehlen. Nur um Musik geht es schon lange nicht mehr.

Folkert Koopmans hat diese Entwicklung erahnt und vorangetrieben. Er hat das Gespür dafür, dass sich immer mehr Menschen eben kein chaotisches Happening wünschen, sondern ein entspanntes und gepflegtes Erlebnis mit guter Musik, netten Leuten, Flirts, Essen, Trinken und ein bisschen Spaß. Inzwischen zieht sich dieses Bedürfnis quer durch alle Milieus, Einkommens- und Altersklassen. Allein in Deutschland gibt es inzwischen um die 700 Festivals, vom eher beschaulichen Appletreegarden in Diepholz bis zum Spektakel Rock am Ring.

FKP Scorpio mischt fleißig mit und bedient professionell die unterschiedlichen Geschmäcker mit eigenen Festivals, etwa mit dem M’era Luna für Gothic-Jünger oder dem Reggae auf dem Chiemsee Summer. Wodurch sich auch das Risiko reduziert: Wird mal das ein oder andere Festival ein Flop, haut das die Firma nicht um.

In Zeiten beliebig kopierbarer Musikdateien scheinen die Fans stärker den Wunsch nach Live-Erlebnissen zu verspüren, auch wenn ein Festival-Ticket mit bis zu 150 Euro rund zehnmal so teuer wie eine CD ist. Die Musikindustrie wiederum kompensiert mit dem florierenden Event-Geschäft ihre drastisch gesunkenen Tonträger-Einnahmen. Live-Auftritte sind mehr denn je das Mittel, das eine Band groß und erfolgreich macht.

Derweil reißen sich Veranstalter wie Folkert Koopmans um bekannte Künstler, die einem Festival den gewissen Glanz geben und Zuschauer mobilisieren. Die Bandpreise sind explodiert, die Verhandlungen hart. INXS trat 1997 auf dem Hurricane Festival für gut 130 000 D-Mark auf, Arcade Fire kassierte 2014 schätzungsweise das Zehnfache. Entsprechend stiegen die Eintrittspreise. 2004 kostete ein Hurricane-Ticket 84 Euro, in diesem Jahr rund 150 Euro.

brand eins: Herr Koopmans, Festivals sind zum Business geworden. Sehen Sie sich als Geschäftsmann?

Folkert Koopmans: Nee. Ich bin Unternehmer, klar, ich habe Mitarbeiter, für die ich verantwortlich bin, aber mein Antrieb ist: Ich will veranstalten, organisieren, Projekte machen. Bands, Mitarbeiter und Besucher sollen eine gute Zeit haben. Ich mache das, weil es mir Spaß macht und nicht primär, um Geld zu verdienen.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Ist aber so. Wir machen ja auch kleinere Sachen wie den Rolling-Stone-Weekender, eher ein Festival für Leute meines Alters, die offen für Neues sind. Da kann ich dann auch einen Musiker wie Jeff Tweedy von Wilco buchen, den ich auch sehr gerne privat höre. Aber natürlich müssen wir auch darauf reagieren, was die Leute hören wollen. Auf dem diesjährigen Hurricane zogen vor allem neue Künstler wie Casper und Kraftklub. Das muss nicht mein persönlicher Geschmack sein.

Haben Sie manchmal noch Existenzängste wie früher?

Ich mache mir heute viel weniger Sorgen – falls ich morgen nicht mehr einsatzfähig sein sollte, hat die Firma ein breites Portfolio und finanzielle Rücklagen.

Gibt es denn noch Mitstreiter der ersten Stunde?

Von den angestellten Mitarbeitern niemand.

Warum?

Wenn ein Unternehmen größer wird, muss es auch professioneller werden. Man muss sich dann auch von Mitarbeitern trennen, um die Firma nicht zu gefährden. Schön ist das nicht, aber ohne eine gewisse Härte geht es leider nicht.

Was blieb noch auf der Strecke in den vergangenen 30 Jahren?

Ich rauche keine drei Schachteln Zigaretten mehr am Tag und stehe nicht jeden Abend an der Bar eines Clubs. Aber beides vermisse ich nicht. Dafür genieße ich jetzt die Wochenenden mit meiner Familie auf dem Land. ---

Ein Festival in Zahlen
Das Budget eines größeren Festivals kann zehn Millionen Euro und mehr betragen. Einnahmen bringen Ticketverkäufe, Sponsorengelder und die Pacht für Gastronomie und Merchandising.

Dem gegenüber stehen die Kosten:
Bandgagen: 50 Prozent vom Budget
Gema: 7 Prozent
Personalkosten: 10 Prozent
Produktionskosten (Ton, Licht, Bühne, Strom): 20 Prozent
Marketing und Betriebskosten: 13 Prozent

Gewinn: Wenn es gut läuft, bleiben 7 Prozent vom Budget beim Veranstalter hängen.

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