Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Lachyoga: Ein Selbstversuch

Lachen ohne Grund

• Yoga und so etwas ist eigentlich nicht mein Ding. Ich spiele lieber Fußball. Aber ich habe mir vorgenommen, mein Bestes zu geben, egal, was hier auf mich zukommt. Der Auftrag, über ein Lachseminar zu schreiben, hat dazu geführt, dass ich mich in einem Stuhlkreis mit 40 Leuten wiederfinde. Zum Großteil Frauen jenseits der 50 sowie eine Handvoll Männer. Wir befinden uns in einem Münchner Gewerbehof. An den Wänden hängen weiße Zettel, bedruckt mit Sätzen wie „Laughter is my favourite exercise“ oder „Dein Lächeln steht dir gut“.

Jetzt ist erst mal Theorie dran. Unser Trainer ist extra aus Kalifornien angereist und heißt Sebastien (französisch ausgesprochen). Er spricht kurze Sätze, die wie unverrückbare Wahrheiten klingen. Mal deutsch, mal englisch. „Wir werden heute viel lachen“, sagt er. „But laughter is not the aim. Laughter is a tool. Choosing to laugh does not change the outer circumstances, but how we perceive them. Wir werden lachen, aber nicht, weil wir etwas komisch finden. Wir lachen ohne Grund.“

Sebastien, muss man wissen, ist nicht irgendwer. Er ist der Gründer der ältesten Lach-Yoga-Schule Nordamerikas sowie Vorstandsvorsitzender der Laughter Online University. Zudem gilt er als Erfinder von Laughter Wellness – laut Eigendefinition „eine in sich geschlossene und sorgfältig dokumentierte Methodologie für das Wohlbefinden durch Lachen“.

Cornelia Leisch, eine Lachtrainerin aus München und die Erste Vorsitzende des Europäischen Berufsverbands für Lach-Yoga und Humortraining e. V. hat Sebastien für ein ganzes Wochenende in die bayerische Hauptstadt geholt. „Den dürfen Sie sich nicht entgehen lassen“, hatte sie am Telefon gesagt und mir für den Einstieg die zweistündige Schnupper-Session für 20 Euro am Freitagabend empfohlen.

Der Meister deutet auf sein T-Shirt. Wellness steht da geschrieben. Ersetze man das „We“ durch ein „I“, erklärt er mit ernster Mine, werde Illness daraus. „Wir statt ich, das ist sehr wichtig“, sagt er, „being connected“ sei ein fundamentales Element von Laughter Wellness. Das Wichtigste aber sei das Lachen an sich. Es habe physiologische, mentale, emotionale, soziale und spirituelle Effekte. Es stimuliere die Reinigung des Lymphsystems, verhindere Stress, verbessere die Stimmung, stärke die Empathie und lehre, mit sich im Reinen zu sein, der Umgebung und der Situation. Sebastien hält inne, sein Blick wandert einmal den Stuhlkreis entlang. Stille.

Der Körper könne nicht unterscheiden zwischen simuliertem und spontanem Lachen, fährt er fort. Die positiven Effekte würden von der Dauer und Intensität des Lachens bestimmt – was uns dazu bringe, sei unwesentlich. Gerade weil es keinen Grund brauche, sei das simulierte Lachen dessen reinste Form. Es sei nachhaltig, weil unabhängig von äußeren Umständen. „We choose to laugh, because we can.“

Sebastien schließt die Augen und fordert uns auf, es ebenfalls zu tun, wir sollen uns eine Situation in Erinnerung rufen, in der wir heiter waren, und genauso lachen wie damals. Sogleich setzt Gelächter ein. Der Gruppenzwang bewirkt, dass auch ich zu lachen anfange, obwohl mir noch gar nichts Lustiges eingefallen ist. Bald ist der Raum von schallendem Gelächter erfüllt, eine Frau kriegt sich gar nicht mehr ein, sie kreischt regelrecht, während meine Nachbarin, ein zartes Wesen in Rock und Lackschühchen, leise vor sich hin kichert. Auch mich höre ich lachen, es hört sich furchtbar gekünstelt an. Nach wenigen Sekunden lasse ich es bleiben und öffne die Augen.

Das Kreischen, erkenne ich jetzt, kommt von einer jungen Frau mit einem rosafarbenen Smiley auf der Nasenspitze. Manche machen sich halt gern zum Affen, könnte man denken, doch zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass jeder hier so einen Aufkleber am Körper trägt. Das gehört zum Konzept. Auf meiner Stirn prangt ein gelber Smiley.

Die junge Frau scheint wirklich vergnügt zu sein und steckt mit ihrem Lachen viele andere in der Runde an. Nicht aber den glatzköpfigen Mann gegenüber. Er trägt eine Judohose und ist barfüßig, was darauf hindeutet, dass er sich für dieses Seminar viel vorgenommen hatte. Jetzt aber schaut er irritiert in die Runde. „Ich habe im Moment viel Trouble im Leben. Ich hatte gehofft, hier eine Art Ausgleich zu finden. Aber da ist irgendeine Blockade, die ich nicht überwinden konnte“, wird später sein Feedback sein. Eine ältere Dame – braun gebrannte Haut, blond gefärbte Haare, den roten Smiley ins tiefe Dekolleté geklebt – lacht so ausdauernd und monoton wie ein Lachautomat. Später wird sie mir verraten, dass sie selbst Lachtrainerin und hier auf Fortbildung ist. Eine andere Teilnehmerin wirkt beim Lachen leicht gequält. Sie hatte bei einer Freizeit-Community für Singles von dieser Veranstaltung gehört und wird hinterher enttäuscht von dannen ziehen.

Dabei hat Sebastien sich allerlei Gruppendynamisches einfallen lassen. Wir halten uns an den Händen und lachen. Wir laufen wild durcheinander, brüllen dabei rhythmisch „hoho, hahaha“ und klatschen bei „hahaha“ dem, der uns gerade am nächsten steht, in die Hände. Man darf auch jemanden gezielt zum Abklatschen einladen, indem man ihm von hinten – unaufdringlich! – auf die Schulter tippt. Dann guckt man sich in die Augen und ruft: „Hoho, hahaha.“ Wir geben uns wie bei einer Begrüßung die Hand und lachen uns laut an. Wir kitzeln uns, spielen eine Art „Blinde Kuh“ und führen – die Zunge so zwischen untere Zahnreihe und Unterlippe geklemmt, dass eine normale Aussprache unmöglich wird – kurze Dialoge. „Wö heißt do?“ – „Möscha.“ – „Kommst do aus Mönschen?“ – „Nö, Hamborch.“

„Legt euch jetzt, den Kopf der Mitte des Kreises zugewandt, auf den Boden, schließt die Augen und lacht. Lacht einfach und lasst euch überraschen, wohin das Lachen euch führt.“ Kurz darauf geht das Gelächter los, lauter noch als am Anfang. Sofort setzt das Kreischen wieder ein, und auch der Lachautomat springt wieder an. Mir fällt das Lachen jetzt leichter, plötzlich verführt mich sogar irgendwas dazu, für einen kurzen Moment schrill zu gackern.

Als ich die Augen öffne, sehe ich, dass eine grauhaarige Frau auf einem Stuhl sitzt und weint. Der Glatzkopf hat sich abseits des Stuhlkreises postiert. Regungslos starrt er auf die Lachenden.

Die Schnupper-Session neigt sich dem Ende zu. Für viele aber geht der Trip weiter, sie werden noch den ganzen Samstag und Sonntag zusammen Laughter Wellness treiben. Ich erspare mir diese Grenzerfahrung lieber. Sebastien lädt uns ein, unsere Wertschätzung füreinander auszudrücken. Einige nehmen sich in den Arm und bleiben lange und wortlos so stehen. Eine Frau, die ich bisher kaum wahrgenommen hatte, reicht mir die Hand und bedankt sich für den schönen Abend, zwei weitere verabschieden sich von mir mit einer zaghaften Umarmung.

Draußen, auf dem Weg zur S-Bahn, fühle ich mich tatsächlich gelöst und heiter. Das aber liegt weniger am grundlosen Lachen als an meiner Erleichterung darüber, dass es vorbei ist. ---

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