Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Unfreiwillige Komik in der Wirtschaft

Lachen? Oder weinen?

„Oh Happy Day – when Ernst & Young showed me a better way!“
Aus einem internen Motivationsvideo der Unternehmensberatung Ernst & Young

 

„Ja, zum Glück gibt’s die Packstation,
und sie hat immer für mich Zeit“

Aus einer Ode der Deutschen Post DHL

 

„Wir sind wir,
wir sind stark,
wir sind die Champions auf dem Modemarkt.
Einfach sensationell heißt im Volksmund K&L“

Aus der Firmenhymne der K&L Ruppert Stiftung & Co. Handels-KG in Weilheim

Wenn der Chef sich zu ernst nimmt

Er sollte trotz allem feierlich begangen werden, der 50. Geburtstag der Kölner Boulevardzeitung »Express«. Kurz vor dem Jubiläum hatte der Verlag M. Dumont Schauberg, in dem das Blatt erscheint, angekündigt, dass 84 Mitarbeiter ihren Job verlieren und etwa 90 Stellen verlagert werden. Zum Fest kurz vor Weihnachten luden die Verlagsoberen den ehemaligen Fußballmanager und Motivationskünstler Reiner Calmund ein. Er sollte in der Firmenkantine über die Geschichte des »Express« sprechen und die Mitarbeiter bespaßen. Der Ton, den die rheinische Frohnatur anschlug, erinnerte passagenweise allerdings eher an das, was Fußballer in der Halbzeitpause in der Kabine zu hören kriegen, wenn sie null zu drei zurückliegen. Man solle sich richtig reinhängen, redete „Calli“ dem Auditorium ins Gewissen, nicht nur Dienst nach Vorschrift leisten, sondern „mehr, mehr, mehr“ arbeiten. Wer heutzutage meine, nur noch seine Pflicht tun zu müssen, dem gehöre „eine Briefmarke auf den Hintern geklebt“. Die Kollegen habe das befremdet, sagte hinterher eine Mitarbeiterin: „Wir waren peinlich berührt, haben uns fremdgeschämt.“

So geht es vielen Angestellten, wenn sie mit ungefilterten Ideen aus der Chefetage konfrontiert werden. Da verweist der Schraubenkönig Reinhold Würth in einem Brandbrief an seine Vertriebler auf „unsere schönen Sprichwörter“ wie „Ohne Fleiß keinen Preis“ und „Morgenstund’ hat Gold im Mund“, die „auch in der Internetzeit unverändert Gültigkeit“ hätten. Die Spitze des Verlags Gruner + Jahr (G+J) verkündet den Umbau des Unternehmens in so verschwurbeltem Marketing-Denglisch, dass die Mitarbeiter sich an den Kopf fassen und ein Auszug aus der entsprechenden Pressemitteilung in der Rubrik „Hohlspiegel“ des »Spiegel« landet: „G+J will über seine Inhalte und Zusatzangebote – Commerce und Paid Services – im Kontext seiner Inhalte zum unverzichtbaren Teil der Lebenswelten der Nutzer in den definierten Communities of Interest werden.“ Und die Verantwortlichen der Sparkasse Schopfheim-Zell lassen einen Imagefilm produzieren, in dem ein Lehrling seinen Kumpel so hölzern von den Vorzügen des Geldinstituts zu überzeugen sucht, dass dies beim Zuschauer körperliche Pein auslöst („Bei der Bank – ist doch voll langweilig, oder?“ – „Ganz im Gegenteil, überzeug dich doch mal selbst!“)

Da hätte man vielleicht besser zuvor die Mitarbeiter fragen sollen. Denn die haben „ein sehr feines Gespür dafür, was authentisch, was real ist“, sagt Christian Scholz, Professor für Organisationsmanagement an der Universität des Saarlandes. „Managern fehlt dieses Gefühl. Sie nehmen sich so ernst, dass sie gar nicht merken, wie unfreiwillig komisch sie sind.“ Eine Déformation professionelle. „Unternehmen“, so Scholz, „ werden dominiert von Leuten, die digital denken, in Zahlen und pseudorationalen Entscheidungen. Und sie sind umgeben von Leuten, die ebenso ticken.“ Im Kontakt mit gewöhnlichem Volk entstehen dann leicht lustige Dissonanzen.

Ausweitung der Spaßzone

Eine interessante Theorie zur unfreiwilligen Humorproduktion der Wirtschaft vertritt der Sprachkritiker Roland Kaehlbrandt. Er greift dabei auf den Völkerkundler Claude Lévi-Strauss und dessen Konzept der „intentionalen Steigerung“ zurück. Damit ist die menschliche Neigung gemeint, Dinge zu überhöhen. Diese Neigung sei, so Kaehlbrandt, in der Wirtschaft besonders ausgeprägt – was häufig zu sprachlichen Unfällen führt, die er liebevoll dokumentiert. In jüngster Zeit hat er zum Beispiel den „multifunktionalen Servicemitarbeiter“ gefunden, außerdem „intermodulare Potenziale“ und „multifokussiert“. Begriffe, die eine besondere Bedeutsamkeit ausstrahlen sollen, aber leider keinen Sinn ergeben. Das gilt auch für die besonders in der Finanzbranche beliebten Anglizismen wie zum Beispiel „opportunistisches Investment“. Kaehlbrandt: „Auf Deutsch hat opportunistisch einen negativen Klang, ein Opportunist ist jemand, der ohne Rücksicht auf Verluste den eigenen Nutzen maximiert.“ Gemeint war etwas anderes, nämlich lediglich, Geld anzulegen, indem man Gelegenheiten nutzt – aber dieser Formulierung fehlt natürlich der Pfiff.

Außerdem beobachtet Kaehlbrandt eine „Allzuständigkeitstendenz“ von Unternehmen. „Vielen reicht es nicht mehr, ihren Teil zur Volkswirtschaft beizutragen, sondern sie wollen unter dem Druck von Markenstrategen ein allumfassendes Sinnangebot in die Waagschale werfen. Sie stehen für Tradition, für Fortschritt, für Nachhaltigkeit, sie entwerfen Unternehmens- und Produktphilosophien. Die reine Versorgungsleistung, um die es ja eigentlich geht, wird als zu profan empfunden.“

Mittlerweile setzen sich Unternehmen hohe Ziele, gerieren sich gar als Weltenretter. Manche Mittelständler schlagen einen Ton an wie schlechte Politiker. Und in Firmenpublikationen, sagt der Berliner Unternehmensberater Richard Häusler, „wimmelt es nur so von grotesk überdehnten Aussagen über das eigene Engagement – meist, ohne dabei konkret zu werden“.

Selbst bodenständige Unternehmen fühlen sich der sogenannten Corporate Social Responsibility verpflichtet. So heißt es in einem von der Führung abgesegneten, aber glücklicherweise unveröffentlicht gebliebenen Umwelt- und Sozialbericht eines Herstellers von Futtermitteln, vor allem für die Tiermast: „Wir sehen es als unsere gesellschaftliche Verantwortung an, die Landwirtschaft in unserem Vertriebsgebiet zukunftsfähig zu machen.“ Und so viel Gutes wird nicht nur der Kundschaft, sondern auch den Mitarbeitern angetan, glaubt man dem Bericht: „Wir fördern kreative Lösungen.“ Aha – und wie?

„Jeder Mitarbeiter wird ständig darin vorangebracht, täglich besser zu werden.“

Ankumpeln und falsche Filme

Es müsste allgemein bekannt sein, dass kaum etwas peinlicher ist als der Versuch, sich bei der Jugend anzubiedern beziehungsweise sie für eigene Zwecke einzuspannen. Namhafte Unternehmen machen es dennoch – trotz oder wegen riesiger Kommunikationsabteilungen, die solche Fehlleistungen eigentlich verhindern sollten. Wer im Internet nach „Arbeitgebervideos“ sucht, stößt auf etliche missratene Ankumpelungsversuche großer Marken, für immer im Netz archiviert. Zum Beispiel auf ein Video von BMW, in dem ein holprig rappender Praktikant ein schleimiges Loblied auf seinen Arbeitgeber zum Besten gibt: „Hinter BMW steckt ein Unternehmen mit viel Herz. Wir sind individuell und nicht Kommerz.“

Komik entsteht häufig durch Kontextverschiebungen: Was in einem bestimmten kulturellen Umfeld normal ist, erscheint in einem anderen unpassend. Diese Kontexte auseinanderzuhalten falle vielen Managern schwer, sagt der Organisationsforscher Scholz. Sie orientierten sich zum Beispiel an den USA. In der amerikanischen Arbeitswelt sind Morgenappelle und Firmenhymnen verbreitet. Hierzulande ist das anders, weshalb der Import von Managementmethoden aus den Vereinigten Staaten oder auch Japan häufig misslingt. Einen solchen Versuch hat Carmen Losmann in ihrem Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ bei der Deutschen Post gefilmt. Der Teamleiter lädt seine Leute in einem Großraumbüro zur Morgenbesprechung an das sogenannte Performance Board, wo die Tagesleistungen dokumentiert sind. Der Teamleiter versucht, gute Stimmung zu machen.

Teamleiter (TL): „Schönen guten Morgen!“
Die Leute gucken griesgrämig, einige wenige grüßen leise zurück.
TL: „Wie geht’s heute?“
Vereinzelt und leise hört man: „Gut.“
TL: „Wie ging’s gestern?“
Eine Mitarbeiterin: „Besser.“
TL: „Warum besser?“
Die Mitarbeiterin: „Weil ich nicht hier war.“

Aus Witzen lernen

Je humorloser die Führungsetage, desto mehr Witze gibt es in einem Unternehmen, denn Humor ist die Waffe des kleinen Mannes. Und eine mögliche Erkenntnisquelle. Christian Scholz rät dem Management, zu untersuchen, „welche Witze die Mitarbeiter über die Firma erzählen – daraus lässt sich viel über die Unternehmenskultur lernen. Witze zeigen das authentische Erleben und Verhalten der Mitarbeiter. Sie danach zu fragen, wie kundenorientiert sie sind, bringt demgegenüber weniger zutage.“

Eine gute Idee, die allerdings voraussetzt, dass die Entschei-dungsträger zumindest über einige Zentimeter Distanz zu sich selbst verfügen. Das ist aber in vielen Unternehmen nicht der Fall, wo nach wie vor gilt: Was lustig ist, entscheidet der Chef. So auch bei der Fluglinie Air Berlin, der die Welt unter anderem diesen schmissigen Firmen-Song verdankt (Auszug):

„Flugzeuge im Bauch
Im Blut Kerosin
Kein Sturm hält sie auf
Uns’re Air Berlin!“

Der fränkische Flugbegleiter Bernd Löwisch fühlte sich dadurch ermutigt, selbst kreativ zu werden und die obligatorische Sicherheitsansage vor dem Abflug – die normalerweise niemand beachtet – etwas freier zu gestalten, was ihm viele Lacher und die Aufmerksamkeit der Passagiere eintrug:

„Verehrte Fluggäste, schnallen Sie sich an, und achten Sie gleich auf die Tanzeinlage meiner Kollegin.“

Seine Chefs fanden das gar nicht gut und zitierten ihn zum Gespräch. Viele von Löwischs Fans empörten sich darüber in den sozialen Medien, woraufhin Air Berlin auf „sicherheitsrelevante Informationspflichten“ und „rechtlich geprüfte und standardisierte Ansagen“ verwies. Und die Anhänger des witzigen Stewards dahingehend beruhigte, „dass der Kollege in jedem Fall seinen Arbeitsplatz behalten und weiterhin für angenehme Aufenthalte an Bord sorgen wird“.
Immerhin. ---

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