Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Oliver Polak im Interview

„Ich darf das,  ich bin Jude“

Oliver Polack

brand eins: Herr Polak, was sind Ihre zwei politisch am wenigsten korrekten Witze?

Oliver Polak: Das weiß ich nicht. Politische Korrektheit ist etwas, das ich ignoriere. Das ist kein Maßstab, das ist eine Lüge. Political Correctness bedeutet, sich mit einem Missstand nicht auseinanderzusetzen. Die Forderung nach Verboten ändert nichts am eigentlichen Missstand. Hauptsache, der Vorgarten sieht ordentlich aus. Ich mache lieber Witze darüber, egal, wie die selbst ernannten Werte-Anwälte oder die Moral-Hygiene-Kontrolleure das finden. Sobald etwas unangenehm ist, wird es im Keim erstickt – das ist politische Korrektheit. Deshalb ist es auch die Frage, ob es in Deutschland überhaupt richtigen Stand-up gibt. Die deutsche Fernsehunterhaltung ist krank und anbiedernd. Den meisten Komikern hier ist es am wichtigsten, von den Leuten gemocht zu werden, statt sie zum Lachen zu bringen. Das ist mir zu wenig.

Am Anfang Ihres Programms beruhigen Sie Ihr Publikum: Es müsse nicht lachen, nur weil Sie Jude seien. „Wenn Sie die Show nicht komisch finden, sind Sie deshalb kein Antisemit. Sondern nur ein humorloses Arschloch. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich vergesse für heute Abend die Sache mit dem Holocaust – und Sie verzeihen uns Michel Friedman.“ Ist das eine gezielte Provokation?

Finde ich nicht. Darf man darüber Witze machen? Ob „man“ das darf, weiß ich nicht, ich mache Witze darüber. Es gibt Rassismus in meiner Show, weil es da draußen, in der Wirklichkeit, Rassismus gibt. Wie die US-Komikerin Sarah Silverman gesagt hat: Eine Vergewaltigung ist eine schlimme Sache, aber ein Witz darüber kann ganz lustig sein. Je größer ein Tabu ist, desto besser muss der Gag darüber sein. Was viele nicht verstehen: Comedy ist eine Kunstform, die mit Überspitzungen arbeitet. Der Schauspieler, der Mephisto spielt, ist nicht unbedingt der Teufel. Viele Leute hören nicht hin, sie hören nur ein Schlagwort: aha, Holocaust, alles klar, wie ein pawlowscher Reflex. Ich mache keine Witze über den Holocaust. Ich mache Witze über den Umgang der Deutschen mit dem Holocaust. Oliver Berben wollte das Leben der Anne Frank verfilmen und hat über die »Bild« die perfekte Hauptdarstellerin gesucht. Super, Hunderte junger Deutscher wären gerne Anne Frank. Vielleicht hätte ich mich bewerben sollen. Ich schreibe auch Tagebuch, trage gerne Frauenkleidung und halte mich gerne in dunklen Räumen auf. Viele Sachen sind viel krasser als die Witze, die man darüber machen kann. Wie muss man sich eigentlich so ein Anne-Frank-Casting vorstellen?

Ihr Vater ist Jude, 1925 geboren, und war Jahre in Konzentrationslagern. Ist der Unterschied zwischen Ihren Shows und den üblichen, dass Sie bei allem Sarkasmus sehr persönlich sind?

Natürlich ist das, was ich mache, persönlich. Das ist das, was mich interessiert. Es geht um so etwas wie Wahrhaftigkeit. Die Dauer-Ironie von Harald Schmidt ist einfach nur kalt, das interessiert mich nicht. Meine Biografie ist die Basis für meine Shows. Amerikanische Stand-up-Komiker wie Richard Pryor oder Louis C. K. nehmen auch ihr Leben als Grundlage für ihre Auftritte. Ich bin zu Hause im Holocaust-Museum aufgewachsen, im Emsland bei meinen Eltern. Diese Geschichten habe ich in meinem ersten Buch erzählt, auch auf der Bühne, zum Beispiel in meiner Show „Jud Süß Sauer“. 35 Jahre habe ich dumme Fragen gehört, jetzt gibt’s die Antworten.

Wie finden Ihre Eltern das?

Was soll ich sagen, ich habe nie etwas Negatives gehört. Sie waren in mehreren Shows, ich glaube, sie fanden das immer ganz gut. Wesentlich anstrengender als meine Eltern finde ich oft das deutsche Feuilleton. Plötzlich war ich der Holocaust-Clown. Der Reporter einer angeblich seriösen, liberalen Berliner Tageszeitung fängt ein Interview mit der Frage an: Weshalb suchen alle deutschen Juden als Opfer immer das Mitleid der Öffentlichkeit? Dieselbe Zeitung nennt mich in einer Rezension den „Berufsjuden“ und beschreibt meinen Humor als Gaskammerkalauer. Hinter der liberalen, politisch natürlich total korrekten Fassade liegt etwas sehr Unangenehmes. Und ab und zu wird es in solchen Formulierungen sichtbar. Oder: Ich trete bei einem Kabarett-Festival auf, vor einem Bildungsbürgerpublikum. Am Ende meines Auftritts haben Zuschauer den Saal verlassen. Wahrscheinlich hatten sie sich einen jüdischen Komiker anders vorgestellt und fühlen sich beleidigt, weil ich komme und nicht das liefere, was sie sich unter jüdischem Humor vorstellen. Einer beschimpft mich aus dem Publikum, ich würde den Antisemitismus in Deutschland fördern. Derselbe Typ fragt mich nach der Show an der Bar, ob ich mir einbilde, dass ich als Jude in Deutschland etwas Besonderes sei. Einerseits ist mir das egal. Andererseits erlebe ich so etwas dauernd. Das sind Begegnungen mit dem politisch korrekten Abschaum. Inzwischen bin ich ganz im Ernst an dem Punkt zu sagen: Fickt euch.

Ist Komik eine Art Notwehr, eine Möglichkeit, Dinge besser zu ertragen?

Ja, sicher. Es gibt das Klischee, dass Leute Komiker werden, die auf dem Schulhof die Außenseiter waren. Mit mir wollten die anderen in der Schule spielen, aber ich weiß gar nicht, ob ich mit denen spielen wollte. Hape Kerkeling kommt aus Recklinghausen, Helge Schneider aus Mülheim an der Ruhr, Otto Waalkes aus Emden, ich komme aus Papenburg im Emsland – ich glaube schon, dass das kein Zufall ist. Man hat einen anderen Blick auf die Dinge und wird in dem Dorf, in dem man lebt, schräg angeschaut.

Sie erzählen auf der Bühne in Ihrer Show „Krankes Schwein“, dass Sie Psychopharmaka nehmen. In Ihrem Buch „Der jüdische Patient“ geht es um Depressionen und einen Psychiatrie-Aufenthalt. Weshalb machen Sie so private Erfahrungen zum Stoff für Comedy?

Entweder richtig oder gar nicht. Wenn das der Preis ist, dann mache ich das gerne. Ich habe sicher exhibitionistische Züge. Mein neues Buch und die neue Show sind sehr autobiografisch, es war mir ein Bedürfnis, das so zu schreiben. Es gibt ja immer die schwer betroffene Frage, ob es eine Therapie ist, so ein Buch zu schreiben. Aber die Therapie habe ich vorher gemacht, als ich drei Monate in der Psychiatrie war. Ich war gestern bei meinem Therapeuten, nehme seit einem Jahr dieses Antidepressivum. Das einzige Problem ist, dass ich mich ab und zu schwer konzentrieren kann, ich vergesse so viel. Der Therapeut meinte, ich sollte wegen der Nebenwirkungen noch mal mit der Ärztin reden. Das mache ich, falls ich es nicht vergesse.

Peter Ustinov hat gesagt, viele Dinge im Leben sind so traurig, dass man sie nur mit Humor ertragen kann. Ich glaube, das stimmt. Wenn man schwere Depressionen hat, kann man manchmal tagelang einfach nicht aus dem Haus gehen. Es müsste eine Airline nur für Depressive geben: „Life Is Not Easy Jet“. Auch darüber spreche ich neben Pädophilie, Sodomie und anderen lustigen Dingen in meiner Show. Im Zweifel mache ich auf der Bühne aus meinen depressiven Zuständen einen Witz. Wenn man schwer depressiv ist, geht das nicht. Das ist ja das Problem des Depressiven: das Gefühl der Gefühllosigkeit. Der Schwerpunkt meiner neuen Show sind Depression und Einsamkeit. So fürchterlich das ist, es hat seine absurden, verdammt komischen Momente.

Gab es so etwas wie einen Auslöser oder eine Ursache für Ihre depressive Erkrankung?

Das weiß ich nicht. Viel hatte sicher mit der Arbeit zu tun, mit dem Wunsch, in Deutschland ein Stand-up-Comedian zu sein, mit der Haltung, wie ich mir das vorstelle. Ich hatte eine Tour, kurz nachdem mein bester Freund gestorben war. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie es mir in der Zeit ging. Aber ich bin Entertainer, das ist mein Beruf. Morgens in Berlin war die Beerdigung, abends bin ich in Linz vor 400 Leuten aufgetreten. Ich beschwere mich nicht, das ist Teil des Jobs. Früher habe ich Witze über Burnout gemacht: Burnout, darf man das überhaupt sagen, als Jude in Deutschland? Ein Problem war sicher auch das politisch korrekte Spießertum. In München sagte mir vor einem Auftritt eine Frau, ich glaube, es war die Abendspielleiterin, dass sonst ja keine Juden in ihrem Laden aufträten, der letzte Jude hätte ja auch im Restaurant seine Rechnung nicht bezahlt. Das sagt sie einfach so, in einem Kabarett-Zelt. Es gibt Dinge, die mich einfach müde machen, zum Bespiel wenn Oliver Pocher in der Talkshow „Hart aber fair“ sitzt, zum Thema „Darf man Witze über Hitler machen?“. Weshalb laden sie den dazu ein? Als Erstes fällt die Floskel, dass es irgendwann auch mal gut ist: „Was kann ich dafür, was meine Großeltern gemacht haben.“ Und alle klatschen. Ich würde mit meinem neuen Buch gerne auf das Cover des »Spiegel« kommen, ich habe mir sogar schon ein Hitlers-Uhr-Kostüm besorgt. Mit Hitlers Schäferhund und Hitlers Zahnarzt und Hitlers Frauen und Hitlers Internetanschluss beschäftigen sich die Deutschen liebend gerne, davon können sie gar nicht genug bekommen, um danach zu sagen: „Ich kann es nicht mehr hören.“ Als Antwort auf diese Hitler-Manie habe ich in einem Video der Rapper K. I. Z. Hitler als das gespielt, was er war, ein Asozialer, ein kompletter Loser.

Wenn wir gerade bei Burnout sind: Wie oft treten Sie auf?

Dieses Jahr zwischen 200- und 250-mal, mit der Solo-Show auf Tour sind es etwa 70 bis 100 Auftritte und etwa 100 bis 150 Kurzauftritte in Mix-Shows. Ich habe im Januar und Februar jeden Monat mindestens 20 Kurzauftritte gemacht, um neues Material auszuprobieren. Das ist okay, davon bekomme ich keinen Burnout, ich freue mich auf die Shows. Inzwischen habe ich auch das Publikum, das ich immer wollte, und nicht Leute, die bei einem jüdischen Komiker denken, dass jemand kommt, der Klezmer spielt oder Woody-Allen-Witze erzählt. Aber man muss ja neben den Auftritten auch noch leben, das ist manchmal anstrengender als die Shows. Inzwischen nehme ich mir Pausen zwischen den Tourneen, das habe ich in den vergangenen Jahren nicht gemacht. Auf meiner Lesetour im Herbst wird es nachts vereinzelt noch eine Extra-Show geben, damit man nicht die ganze Zeit das Gleiche macht. Es geht nicht immer nur um Geld, es geht mir um Kunst. Sarah Silverman hat das ja auch vor ein paar Wochen getwittert: „Yes, Comedy is Art, Fuckface.“ ---

Oliver Polack

Oliver Polak, 38,

wurde bekannt mit seinen Shows: „Ich darf das, ich bin Jude“, „Jud Süß Sauer“ und „Krankes Schwein“. Zusammen mit Dirk von Lotzow, dem Sänger der Band Tocotronic, hat er einen Tocotronic-Titel („Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“) neu interpretiert: „Ich möchte Teil einer Judenbewegung sein.“ Im Oktober erscheint sein Buch „Der jüdische Patient“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch), laut Polak ein „Frontbericht aus der Psychiatrie“. Ab Ende Oktober geht er damit auf Lesetour.

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