Ausgabe 08/2014 - Schwerpunkt Spaß

Wege in die Spaßgesellschaft

1. Lustige Autos

Im Jahr 2007 entwickelte die Berliner Werbeagentur DDB für ihren Kunden, die Volkswagen AG, eine interessante Kampagne. Im Mittelpunkt stehen Eigenschaften, die man auf der ganzen Welt für typisch deutsch hält. Deutsche sind nicht locker. Sie spielen guten, aber eckigen Fußball. Und: Sie haben keinen Humor.

Witzig. Das haben wir schon mal gehört.

Der Werbespot zur Kampagne hilft, sich daran zu erinnern, warum. Wir sehen ein paar Volkswagen-Ingenieure in weißen Arbeitskitteln, einige in Rollkragenpullover, andere mit Schlips und Kragen. Die steifen Techniker befinden sich in einem Humortraining. Da übt einer hölzern mit einer Bauchrednerpuppe das Jodeln. Ein anderer versucht krampfhaft, Luftballons zu lustigen Tieren zu knoten, doch in seinen Händen werden daraus immer streng geometrische Formen. Ein Dritter deklamiert lustlos Witze, deren Pointen versanden. Es ist bitter. Schnitt. Ein Text wird eingeblendet: „Wir Deutschen sind vielleicht nicht die Humorvollsten. Aber wer will schon ein lustiges Auto?“

Zugegeben: Es gibt viele Studien über den Begriff des Humors. Doch keine schafft es, die Unvereinbarkeit von Spaß und Ernst in der deutschen Kultur so einzufangen wie dieser Werbespot.

Ein lustiges Auto ist komisch. Es klappert und bleibt liegen. Ein ernsthaftes Auto hingegen tut seine Pflicht. Ein ernsthaftes Unternehmen baut also keine lustigen Autos. Qualität, Wertarbeit, Zuverlässigkeit – die heilige Dreifaltigkeit der deutschen Industrie – ist nicht komisch. Ihr Tagewerk besteht in heiligem Ernst – da kennen wir keinen Spaß. Ganz so, als ob das eine ein unauflösbarer Widerspruch zum anderen sein müsste.

Nein, niemand will ein lustiges Auto, stimmt schon, und wenn es um Maschinen, Produkte und Technik geht, ist die Pflege des nationalen Markenkerns – „Bei der Qualität verstehen wir keinen Spaß!“ – eine sehr gute Idee. Doch dabei übersehen viele den eigentlichen Witz: Spaß, Unterhaltung, Abwechslung, das sind seit Langem Wachstumsbranchen, die nach immer neuen Ideen und einem hohen Maß an Originalität verlangen. Wenn es um die erfolgreiche Teilnahme an der Wissensgesellschaft geht, dann wird der Titel eines alten Roberto-Blanco-Hits zum Programm: Ein bisschen Spaß muss sein.

Aber im beruflichen Alltag? Ist das nicht unseriös? Führt denn das nicht zu etwas, das seit den Neunzigerjahren als Feindbild einstudiert ist, zu der sehr gefährlichen Spaßgesellschaft?

Dänen, Finnen, Italiener, Briten, Inder und andere mögen sich staunend fragen, was an einer solchen Spaßgesellschaft denn so schlecht sein soll. Eine Gesellschaft, deren Ziel das Heitere, Leichte, Witzige ist, die Freude am Lustgewinn hat, wäre das nicht eigentlich ziemlich erstrebenswert? Die haben doch keine Ahnung.

2. Spaßgesellschaft

Die politisch korrekte Spaßbremse weiß: Spaßgesellschaft ist purer Egoismus und ein Angriff des Systems auf die Denkfähigkeit der Gemeinschaft. Wo bleiben die ganzen Probleme dieser Welt! Und ist es nicht selbstsüchtig und eitel, nur an das eigene Vergnügen zu denken?

Dahinter steckt der alte Kammerton der Kultur – genauer, des Kulturpessimismus. Es mag ja sein, dass kaum jemand die „Dialektik der Aufklärung“ des hessischen Duos Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gelesen hat, aber dessen steilste Thesen, die im Aufsatz „Aufklärung als Massenbetrug“ zusammengefasst sind, haben Karriere gemacht. Dabei geht es darum, dass eine im Konsumkapitalismus immer stärker werdende „Kulturindustrie“ zunehmend die Massen daran hindert, selbst zu denken – und mit billigen Juxartikeln wie Popmusik, Jazz, Filmen und anderem Krimskrams von der Revolution abhält. Man muss sich das vorstellen wie eine moderne Variante der altrömischen Brot-und-Spiele-Nummer. Solange die Leute billige Unterhaltung haben, geben sie Ruhe – und der Kapitalismus kann ungestört weitermachen. Spaß und Vergnügen stehen somit in Zeiten wie diesen stets im „Verblendungszusammenhang“, wie Adorno und Horkheimer das nennen. Kein Witz.

Das fällt bei Intellektuellen auf fruchtbaren Boden, Linke und Konservative sind sich da bis heute einig. Für die einen ist die Spaßgesellschaft eine kapitalistische Missgeburt, die als Antithese zum heiligen Kollektiv einen kalten Egoismus fördert. Die Revolution hingegen ist eine ernste Gruppenarbeit.

Konservative, wie etwa der Fernsehmoderator Peter Hahne, der sich im Kampf gegen die Spaßgesellschaft besonders hervorgetan hat („Wir bleiben fröhlich!“), erkennen in der zunehmenden Hinwendung zum Locker-Leichten als gesellschaftliches Leitbild und wirtschaftliches Handlungsfeld den realen Verfall von Sitte und Moral. Das Abendland geht bei ihm wie bei vielen seiner Gesinnungsgenossen in einer Flut von Funparks, Comedy-Serien und einem dichten Unterhaltungsangebot unter. Aus diesen Kreisen stammt auch die Theorie, dass die Spaßgesellschaft eine Erfindung der FDP ist. Sie soll, in den frühen Neunzigerjahren an dieser gesellschaftlichen Destabilisierungsmaßnahme gearbeitet haben.

Wozu das ganze Theater? Weil die Gegner der Spaßgesellschaft allesamt Modernisierungsverlierer sind. Die Leute, die Angst davor haben, dass eine offenere Gesellschaft auch eine lockerere Gesellschaft ist, eine mit weniger Hierarchien, eine, in der nicht einige wenige sagen dürfen, wo der Spaß anfängt und wo er aufhört, sondern wo das die Menschen selbst entscheiden. Historisch war das immer so: Erst wurden die Mächtigen ausgelacht, dann nicht mehr ernst genommen und schließlich abgesetzt. So gesehen haben die heute wieder so bierernst ideologisierenden und moralisierenden Deutungskrämer schlechte Karten.

Der Aufstieg der Unterhaltungsindustrie verläuft seit Langem parallel zum massenhaften Aufschwung der Konsumgesellschaft. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die durchschnittliche Arbeitszeit halbiert. Rechnet man Wochenenden, die gesetzlichen Feiertage und den (statistischen)Urlaubsanspruch der Deutschen zusammen, dann ergibt das 143 freie Tage pro Jahr. Somit stehen dem Bürger pro Tag für Hobbys und Freizeit mehr als neun Stunden zur Verfügung. Der Besuch einer Abflughalle eines beliebigen deutschen Flughafens liefert dazu reichlich Anschauungsmaterial. Die Spaßgesellschaft ist längst Realität.

3. Spaßfreie Zone

Das stellt vor allen Dingen das Bild von Macht, das seit Jahrtausenden gepflegt wurde, infrage, und die Wertvorstellungen, die wir nach wie vor damit verbinden. Wer Spaß hat, ist nicht ernst zu nehmen.

Seit der Antike legten Herrscher aller Art größten Wert darauf, ernst genommen zu werden – niemand wollte ein lustiger Herrscher sein. Was man ernst nimmt, fürchtet man auch. Besonders einflussreich in der Ethik des Ernsten war der Athener Philosoph Platon, dem der Hedonismus als Verirrung des menschlichen Geistes galt. Nur strenge Zucht und Selbstbeherrschung waren in diesem Leben als Mittel zum Zweck zugelassen – dem Erreichen von Zufriedenheit. Dieses Wort wurde schon damals gern mit der ihr verwandten Selbstgerechtigkeit verwechselt. Die Zufriedenheit lässt sich zudem, ein großer Vorteil, durch vorgegebene Regeln erreichen. Sie ist erlernbar.

Wer sich an die Gesetze hält, die Normen, kann sie erlangen – Spaß hingegen ist unkontrollierbar. Die großen Weltreligionen definieren ihren Wirkungskreis ohnehin gern als spaßfreie Zone: Nur Leidensfähigkeit im Hier und Jetzt macht den Weg ins Paradies frei, in dem ewige Zufriedenheit winkt – aber keine Mordsgaudi. Selbst das ewige Leben wirkt merkwürdig sediert, ganz im Sinne jener selbstbeherrschten „Fröhlichkeit“, die die Peter Hahnes dieser Welt beschwören. Man lacht nicht, man lächelt.

Diejenigen, die so etwas predigen, sind allerdings nicht selten zu Lebzeiten und hinter verschlossenen Türen kreuzfidel. Die Lust- und Spaßexzesse der katholischen Kurie, insbesondere deren Topmanagement im Vatikan, verbittern den jungen Martin Luther und seine Anhänger am stärksten. Wenn der Reformator gegen die sündhaften Römer wettert, hört man auch das Zetern heutiger Gegner der Spaßgesellschaft durch. Luther bringt dagegen maximalen Ernst in Anschlag.

Das streng nüchterne Denken des Protestantismus beherrscht bald das Denken der Neuzeit. Die „protestantische Ethik“, die Max Weber in seinem gleichnamigen Meisterwerk als „Geist des Kapitalismus“ identifiziert, ist die neue Leitmoral des Westens. Arbeiten, Leiden, Ertragen, in ernstem, gesetztem Habitus. Das Wesen einer Wirtschaft, die aus diesem Geist wächst, ist von Grund auf humorlos.

Es heißt Gottesfurcht. Im Gegensatz zu Heidenspaß.

Geschäfte sollen keinen Spaß machen, Profit nicht fröhlich. Man tut all das, um seine Pflicht zu tun. Wer lacht, geht ab nun in den Keller, ins Untergeschoss der abendländischen Kultur, dort, wo es Richtung Hölle geht. Dort sitzen der Spaß, die Spaßgesellschaft, der Witz, der Spott, die schwer zu fassende Ironie und all das Sündhafte, Zweideutige und nicht zu Kontrollierende, das jeder Macht zu jeder Zeit so auf die Nerven ging. Ein Werk des Satans.

Schon die Bedeutung des Wortes Spaß zeigt uns, wohin die Reise geht. Spasso bedeutet im Italienischen so viel wie Zerstreuung, was harmlos klingt, aber nicht ist. Denn Zerstreuung bedeutet im Wortsinn eben auch: unordentlich, unsicher, unkonzentriert. Spaß ist das Gegenteil von Pflicht und Ordnung, und er entzieht sich der Kontrolle von oben.

Mit dem starken Staat, der im 17. Jahrhundert entsteht, wird dieser Konflikt offensichtlich. Spott und bissige humorvolle Kritik an „denen da oben“ nehmen zu. In der Aufklärung ist der Humor schon zur politischen Waffe geworden. Vor der Französischen Revolution machen Witze und Comics, die auf „fliegenden Blättern“ unters Volk gebracht werden, das Ancien Régime lächerlich. In Deutschland philosophiert der Meisterdenker Immanuel Kant über den Humor und erklärt das Lachen gemeinsam mit dem Schlaf und der Hoffnung zu den wichtigsten Erleichterungen, die dem Menschen bei der Bewältigung eines schweren Lebens von der Natur zur Seite gestellt wurden.

Auf den „Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ baut auch Sigmund Freud eine tragende Säule seiner Psychoanalyse auf. Der Witz, der Humor entlastet demnach, er verhindert reale Konflikte, lenkt Aggressionen um, verhilft dem Menschen zu Lustgewinn und ist vor allen Dingen in finsteren Lagen der einzige Trost einer gequälten Seele.

Wer den Humor nicht verliert, hat es allerdings in den nächsten Jahren schwer. Einer der Lieblingsphrasen Adolf Hitlers wie auch seines Paladins Joseph Goebbels lautet sinngemäß: Euch wird das Lachen schon noch vergehen! Im Juli 1933 hält Hitler eine Rede über die Jahre vor seiner „Machtergreifung“ und die Auseinandersetzungen der NSDAP mit ihren politischen Gegnern: „Ich glaube nicht, dass die Gegner, die damals noch gelacht haben, heute auch noch lachen!“

Die Witzfigur, die zum „Führer“ geworden ist, versteht keinen Spaß. Was in Filmdokumenten aus dieser Zeit auffällt, ist, dass viele Angehörige des Regimes, Hitler zuoberst, kalt und hölzern wirken, also „komisch“ im Sinne von unnatürlich, hölzern. Das ist ein Hinweis auf eine soziale Störung, deren sichtbares Äußeres in der psychotherapeutischen Literatur als Pinocchio-Syndrom bekannt geworden ist.

Der deutsche Analytiker Michael Titze hat das in den vergangenen Jahrzehnten untersucht. Die Betroffenen wirken wie die Holzpuppen aus dem italienischen Märchen. Sie leiden unter der Angst, ausgelacht zu werden – sie sind gelotophob, vom griechischen gelos für Lachen und phobos für Furcht. Die öffentlichen – und auch inoffiziell beibehaltenen – Versteinerungen zahlreicher Machtmenschen werden so verständlich. Wer Angst vorm Auslachen hat, interpretiert jedes Lachen als Spott und Herabwürdigung. Dementsprechend düster geht es in der Umgebung solcher Menschen auch zu.

Heiterkeit ist versuchter Königsmord.

Auch unter Josef Stalin. In seinem Sowjetreich ist Spott am Regime Spott an ihm persönlich. Diese Tradition hält sich auch nach dem Tod des Diktators 1953, vor allen Dingen auch in der stocksteifen DDR der Vollholz-Ideologen Walter Ulbricht und Erich Honecker. Zuweilen nimmt der Kampf gegen den Witz bizarre Formen an. So berichtete der ehemalige Leiter der Rostocker Stasi-Unterlagen-Behörde, Christoph Kleemann, vor einigen Jahren über einen Fall, bei dem die Stasi in den Siebzigerjahren einen Brief abgefangen hatte, der ausschließlich politische Witze enthalten haben soll. Sofort wurde eine eigene Sonderkommission ins Leben gerufen, die sich acht Jahre lang nur mit diesem Fall beschäftigte – letztlich ergebnisfrei. Kleemann erzählte auch von einem Urteil, bei dem Opfer des Regimes für drei unliebsame Witze gegen Stalin noch Ende der Fünfzigerjahre – lange nach dem Tod des Diktators und dessen Entzauberung durch Nikita Chruschtschow 1956 – zu einer anderthalbjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurden.

Dennoch oder vielleicht gerade wegen der Repressalien blühte in der DDR, wie in ganz Osteuropa, der politische Witz. Er war, wie Kleemann es nennt, eine Art „Subdemokratie in der Diktatur“, eine Chance auf ein bisschen Freiheit und Selbstwertgefühl.

4. Ironie

„Die Witze in der DDR waren diffiziler und ironischer als im Westen“, sagt Eva Ullmann, die Chefin des Deutschen Instituts für Humor in Leipzig. Sie ist selbst in der SED-Diktatur aufgewachsen. Aber das befreiende Lachen verlangte oftmals einen hohen intellektuellen Einsatz: Es mussten Pointen gefunden werden, von denen man im Fall der Fälle behaupten konnte, dass das doch nicht politisch, sondern ganz anders gemeint war. Derart herausgefordert, entwickelte sich der politische Witz im Osten zu einem eigenen Genre, einer Bastion gegen den Unsinn – nach dem Vorbild des braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hašek, der, stets fidel, sich niemals einer gerichtlich gegen ihn verwertbaren Pointe bedient hätte. Nur die Schlauesten können sich so gut dumm stellen. Im Westen hatte man derlei nicht nötig. Es gab keine Lachhemmungen. Man konnte sich über alles und jeden lustig machen. Wenn es der Empfänger persönlich nahm, dann schadete ihm das auch noch – ein Spielverderber eben, der keinen Spaß versteht. Je öffentlicher die Person, desto mehr darf über sie ausgekübelt werden. Das halten Wessis für ein demokratisches Grundrecht.

Mit der nach oben offenen Hämeskala wurden Spaßvögel modern, die immer einen lustigen Spruch auf den Lippen haben. Es sind diese Art Leute, von denen man sagt, dass sie für einen guten Witz ihren besten Freund durch den Fleischwolf drehen. Vor ihnen gibt es kein Entrinnen. Wo der Humor keine Grenzen mehr kennt, kommt am Ende so etwas wie Mario Barth raus. Dem Berliner Komiker soll hier sein Erfolg beim Publikum nicht kleingeredet werden. Zur Freiheit gehört, dass man lachen kann, worüber man will. Aber Barth ist dauerwitzig und dabei völlig ironiefrei. Das ist der Zeitgeist. Alle haben ständig Spaß, aber diesem Spaß fehlt der Witz. Er ist eindeutig, brachial, vorlaut, übergriffig. Was, das erinnert uns nicht nur an Comedy? Sondern auch – ja richtig: das Web. Die Sozialen Netzwerke. Hat es dort schon mal jemand mit Ironie versucht, ja? Und, wie war das? Nicht so komisch, was?

Willibald Ruch ist Persönlichkeitspsychologe an der Universität Zürich und der renommierteste deutschsprachige Humorforscher. Das ist, trotz Freuds Vorarbeit vor mehr als hundert Jahren, eine junge Disziplin, die erst in den Siebzigerjahren in den USA langsam erwachte. Ist Mario Barth etwa typisch deutscher Humor?

Ruch holt ein wenig aus. „Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Stan Laurel und Oliver Hardy nur im deutschsprachigen Kulturkreis Dick und Doof heißen. Nein? Sollten Sie aber“, sagt er. „Es ist derselbe Grund, weshalb in dieser Kultur ständig abgegrenzt wird, zwischen E- und U-Kultur beispielsweise, zwischen leichter und ernster Unterhaltung. Etwas, das andere Kulturen nicht kennen. Der Deutsche trennt gern das Schwere vom Leichten. Die Sachen brauchen eine Kategorie. Einer ist dick. Der andere ist doof.“

Entweder. Oder. So oder so. Humor ist, wenn alles seine Ordnung hat.

Am Ende steht ein berechenbarer Spaß. Ironie, klärt uns Ruch auf, läuft anders, nämlich sowohl als auch. Ein ironischer Witz meint das Gegenteil von dem, was in ihm wortwörtlich gesagt wird. Ironie ist immer paradox, widersprüchlich, unentschieden. „Ironie macht auch die Kunst aus, zwischen ernst und unernst zu wechseln“, sagt Ruch. „Ironie ist die Fähigkeit, über den Tellerrand einer Aussage zu sehen. Und Ironie bedeutet auch immer Zweideutigkeit in einem klugen Sinne: Ich schaue mir immer beide Seiten an. Wer ironisch ist, der kann sich das Gegenteil von dem vorstellen, was er gerade sagt. Das ist ein Zeichen von Intelligenz, Kreativität und flexiblem Denken.“

Humor und Witz, erzählt Ruch weiter, sind in der menschlichen Evolution ein Fitnessindikator – mindestens gleichberechtigt mit Muskeln und schierer Kraft. Wer Spaß versteht und sich Ironie erlaubt, beweist, dass er über reichlich Geist verfügt – und das wiederum wäre ein Indikator für intelligenten Nachwuchs. Ironie ist intelligent – und sexy.

Das ist langfristig gesehen eine gute Nachricht – die man durchaus mit der Hoffnung verbinden kann, dass die Ironiefreien sich ganz von selbst aus der Evolution verabschieden. Zumal der Humorforscher Ruch diese Fähigkeit in der Wissensgesellschaft aufblühen sieht – dort sind die geistigen Voraussetzungen für Ironie auch die Vorbedingungen für ein erfülltes Berufsleben. Ruch ist da heiter, ganz optimistisch – zumal, wie er sagt, auch in seiner eigenen Disziplin die „kognitive Wende“ begonnen habe. „Die Psychologie hat sich in ihren ersten hundert Jahren immer mit todernsten Sachen beschäftigt. Das ist ein klassisches Verhalten von Gruppen und Menschen, die Angst haben, dass man sie nicht ernst nimmt.“

Humorlosigkeit ist also ein Anfängerproblem, von Einzelnen wie von Gruppen. Es sind bevorzugt „Leute, die an ihre Sache sehr glauben. Die vertragen keine Kritik, lassen keine Zweifel zu und haben meist keine Distanz zu dem, was sie tun“, weiß Ruch. Je mehr Ideologie, desto weniger Ironie. Und das bedeutet unterm Strich: sehr wenig Intelligenz.

5. Lachzwang

Klaus Kocks lächelt. Das könnte von ihm sein. Der PR-Experte, nach wie vor Enfant terrible der deutschen Unternehmenskommunikation und einst Sprecher bei dem Konzern, der „keine lustigen Autos baut“, findet die Gleichung grundsätzlich korrekt. „Angesichts der Freudlosigkeit in den deutschen Management-Etagen müsste man ja fast ironisch zurückfragen: Wirtschaften humorlose Menschen besser?“

Wirtschaft ist nicht witzig. Und der Leitsatz aller Controller „Wer lacht, hat noch Reserven“ ist gar nicht komisch gemeint, findet Kocks. „Sehen Sie, wenn Sie genügend Vorstände kennengelernt haben, dann wissen Sie einfach: Witz hängt mit Esprit zusammen. Das ist französisch und bedeutet so viel wie Geist. Und damit haben wir eine für viele Topmanager unüberwindliche kognitive Hürde.“

Dazu kommt das traditionell gestörte Verhältnis von Witz und Macht. Bei gut der Hälfte aller Kommunikation im gehobenen Management gehe es ohnehin nur um „Hackordnungs-Textbausteine, also um Sachen, mit denen der eine dem anderen klarmacht, dass er der Ober ist und der andere der Unter.“

Wenn in einer solchen Situation der Unter einen Witz erzählt, den der Ober nicht versteht, „dann überlebt das niemand“, sagt Kocks. Humor und Witz würden als Anschlag auf die Macht interpretiert. „Euch wird das Lachen schon noch vergehen.“

Umgekehrt, sagt Kocks, gilt aber auch, dass der Chef die immer gleichen, dummen, alten Witze erzählen darf – „ein Machtversicherungsritual mit Lachzwang“. Das mag lächerlich klingen, hat aber, wie Kocks weiß, einen ernsten Hintergrund: „Die Botschaft ist ganz klar: Was immer ich tue, es ist richtig. Und im Hinblick auf den schlechten Humor, den Manager ihren Untergebenen antun, gilt die Devise: Für die Spitze gibt es keinen Originalitätszwang.“

Solange die herrschende Führungskultur sich ungehindert reproduziere, gebe es keinen Grund zur Hoffnung, fürchtet Kocks: „Typische Manager sind nach wie vor Leute, deren wichtigstes Talent, das von der Ausbildung meistens noch verstärkt wird, in Wiederholungsgenauigkeit besteht, in Kontrolle, in Routinen. Der Witz, der Humor aber lebt von einem unerwarteten Unterschied, von einer Überraschung.“ Damit, sagt Kocks, könnten „diese Leute“ aber nichts anfangen: „Sie haben einfach keine Pointe.“

6. Spaß im Büro

Wer an Kocks’ Analyse zweifelt, kann sich an „The Office“ halten, das Fernsehserien-Meisterwerk des englischen Autorenduos Ricky Gervais (siehe Seite 52) und Stephen Merchant, die von der BBC zwischen 2001 und 2003 produziert wurde – und zahlreiche Nachahmer, etwa die deutsche Serie „Stromberg“, inspirierte. Dabei lernen wir nicht nur, dass der Ernst der Lage keineswegs ein deutsches Patent ist, zumindest nicht im Management, sondern zum ganz normalen Wahnsinn zählt. Es gibt wohl kaum jemand unter den Zuschauern, der so jemanden wie den Büroleiter David Brent, gespielt von Gervais, nicht schon mal im wirklichen Leben getroffen hat. Mister Brent hält sich für eine herausragende, humorvolle Führungskraft, die motiviert und immer für einen Spaß zu haben ist. Doch seine Witze sind boshaft, schadenfroh, rassistisch und geradezu zwanghaft. Er ist ein ganz normaler, bösartiger Spießer, der im launischen Universum der modernen Organisation zu einer tragenden Rolle gekommen ist, und seine Mitarbeiter müssen ihn nun ertragen wie eine Laune der Natur. Sie leiden an ihm, seinen schlechten Witzen, seiner falschen und verlogenen Lockerheit, seinen dummdreisten Management-Sprüchen.

Aber kaum jemand wehrt sich gegen die Übergriffe. Da macht man sich schon lieber ein bisschen über andere Kollegen lustig, baut ein wenig Stress ab, lässt ein wenig Dampf ab. Irgendwie muss man bei „The Office“ nun doch ein bisschen an das gute alte Spaßbremsenwort vom Verblendungszusammenhang denken – und zwar den, den wir uns selbst basteln. „The Office“ ist eine kleine DDR, das Fegefeuer der Angestelltenwelt.

Dort verkehrt auch Spaßdienstleisterin Eva Ullmann immer wieder, mit dem Auftrag, die Luft etwas rauszulassen. Rund 80 Prozent ihrer Zeit verbringt sie in Unternehmen, in denen ein wenig Stimmungsaufhellung nachgefragt wird. Wie geht man miteinander humorvoller um? Wie kann man einen verärgerten Kunden aufheitern, ohne dass der sich veräppelt fühlt? Gerade bei Veränderungsprozessen sind Ullmann und Kollegen gefragt – „die Konflikte und die Ängste, die es dabei überall gibt, kann man mit Humor ein wenig entspannen“, sagt sie. Natürlich kann man Spaß nicht verordnen – oder tragische Situationen ins Gegenteil verkehren. Auch das muss gelegentlich dem Kunden nahegebracht werden. „Wir vermitteln einen sozialen Humor, keinen aggressiven Witz, der sich an anderen vergreift. Unser Ziel im Unternehmen ist eine Form von heiterer Gelassenheit.“ Humor als Entspannungsübung in Zeiten großer Veränderungen. Keine schlechte Idee. Wer Spaß haben will, muss sich bekanntlich erst einmal locker machen.

Diese Einsicht ist ein großer Fortschritt. Die meisten Menschen heutzutage wollen kein lustiges Auto – sie wollen aber auch kein komisches Leben. Der Soziologe Dirk Baecker sieht darin den Weg in die wahre Spaßgesellschaft: „Man erkennt den Entwicklungsstand einer offenen Gesellschaft daran, über wen wie gelacht werden darf.“ Offenheit, echter Spaß also, ist nur möglich, wenn beide Seiten mitspielen – und Ironie und Selbstironie wieder zu Werten erklärt werden. Es geht schlicht um die Fähigkeit, das Ganze, einschließlich sich selbst, nicht so furchtbar ernst zu nehmen. Auf diesem Weg, weiß Baecker, geht es voran: „Arbeit wird heute von den meisten Menschen nur ernst genommen, wenn es eine Möglichkeit gibt, aus dieser Ernsthaftigkeit auch wieder auszusteigen.“ Das hat einen einfachen Grund: In einer komplexen Welt muss vieles versucht und etliches wieder verworfen werden. Denken und Arbeiten, findet Baecker, verlangen von uns, „mit einem Augenzwinkern ranzugehen“.

Ein bisschen Spaß muss sein. Auch sich selbst gegenüber. „Leute, die das nicht können, gelten als nicht mehr vertrauenswürdig. Wer nicht ein wenig lockere Distanz zu dem hat, was er tut, ist fanatisch. Das sind so Typen, die mit Überraschungen nicht klarkommen. Aber von denen wird es immer mehr geben“, glaubt Baecker. Überraschungen sind das, was beim Witz die Pointe ist: unkontrollierbare Wendungen.

In solch einer Welt wirken die Ernsten komisch, wie „eine Rakete, die man nach dem Abfeuern nicht mehr zurückholen kann“, wie Baecker sagt. „Lachen“, zitiert er Immanuel Kant, „ist ein Effekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung ins Nichts.“

Kurz: Wer Witz hat, kann auch mit Überraschungen umgehen. Die Pointe ist, dass es anders kommt, als man erwartet. „Der Spaß lacht den Ernst der Lage kaputt“, sagt Baecker, „das macht den Weg frei fürs Neue.“

Na also: Dem Lachen gehört die Zukunft. Und das meinen wir ganz ernst. ---

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