Ausgabe 08/2014 - Was Wirtschaft treibt

Amel Karboul

Geliebt und gehasst

• Auf der Insel Djerba geht Amel Karboul an der Spitze der Prozession zur Ghriba-Synagoge, der ältesten im Maghreb, angeblich erbaut auf den Steinen des zerstörten ersten Tempels von Jerusalem. Dieser Tag im Mai ist der Höhepunkt der jährlichen Wallfahrt. Offiziell findet das einwöchige Fest zu Ehren zweier weiser Rabbiner statt. Doch der Legende nach tat eine schöne, unbekannte Frau – „la Ghriba“, auf Arabisch „die Erstaunliche“ – hier Wunder. Zu ihr pilgern die Menschen bis heute mit ihren Wünschen für eine bessere Zukunft. Eine Rolle, die auch Amel Karboul gut ausfüllt.

Die 43-Jährige trägt eine traditionelle tunesische Tracht, strahlt, wird umjubelt von der Menge: Hunderte jüdischer Pilger aus der ganzen Welt, Touristen, Inselbewohner. Außer ihr sind vier Minister da, acht Botschafter, der Großrabbiner von Tunesien. Karboul geht auf die Menschen zu, schüttelt Hände, wird umarmt. Sie spricht, die Menge lauscht. Redet von der Convivencia, dem friedlichen Zusammenleben von Juden, Christen und Moslems im mittelalterlichen Spanien. Ein Vorbild für Tunesien. Jede und jeder, egal welcher Hautfarbe, Herkunft und Religion könne seinen Teil beitragen. So, wie sie es tut. „Ich glaube an Tunesien. Und deshalb gebe ich alles für mein Land. Ich werde niemals aufgeben.“ Rauschender Beifall.

Fast scheint der politische Streit über Visa für israelische Touristen vergessen. Erstmals in der Geschichte des Landes, das den Staat Israel nicht anerkennt, hatte Karboul diese offiziell erteilt. Ein Tabubruch. Fast die Hälfte aller Abgeordneten der Verfassunggebenden Versammlung forderte deshalb eine parlamentarische Anhörung und ihren Rücktritt. Selbstverständlich könnten jüdische Pilger zur Ghriba-Wallfahrt nach Tunesien kommen, hieß es in den Reihen der Kritiker. Aber bitte mit ihren zweiten französischen, italienischen oder amerikanischen Pässen, nicht als Bürger Israels. Der Ton war scharf und auch persönlich verletzend. „Sie missachtet ein Grundprinzip unserer Außenpolitik. Damit überschreitet sie ihr Mandat als Übergangsministerin“, sagte der Oppositionsführer Néjib Chebbi über Karboul.

Sie erklärte im Parlament, dass sie nur eine gängige Praxis transparent mache. Und rechnete nüchtern vor, was das Ausbleiben israelischer Touristen Tunesien kosten würde. Die Opposition gab klein bei. Aus der Rücktrittsforderung wurde eine Solidaritätsbekundung mit Palästina.

Karboul scheint, zumindest äußerlich, unbeeindruckt von dem politischen Gewitter. Für sie ist das erste Misstrauensvotum gegen einen Minister in der Geschichte des Landes eine „Übung in Demokratie“, undenkbar zu Zeiten des Diktators Ben Ali. „Früher war das Thema tabu. Jetzt können wir hier über alles reden“, sagt Karboul. Und mit jedem. Deshalb ist sie eigens nach Paris gereist, um die große jüdische Gemeinde dort persönlich nach Djerba einzuladen. Juden jeder Herkunft seien in Tunesien willkommen und sicher. Mehr französische Pilger als in den Jahren zuvor sind diesmal auf die Insel gekommen. Perez Trabelsi, Präsident der jüdischen Gemeinde von Djerba und Organisator der Wallfahrt, sagt: „Karboul ist die erste Ministerin, die direkt auf die Juden Frankreichs zugegangen ist. Sie hat Mut.“

Die Ministerin will eine Botschaft in die Welt senden: Tunesien ist anders, als man denkt. Weltoffen und tolerant. So wie sie selbst anders ist als alle ihre Vorgänger und Politiker überhaupt in Tunesien. Bürgernähe ist nicht gerade deren Markenzeichen. Karboul aber liebt das Bad in der Menge, das Gespräch mit Straßenverkäufern, Kinder, die um ein Foto mit ihr bitten. Sie redet mit Putzfrauen und Studenten einer Hotelfachschule mit der gleichen freundlichen Aufmerksamkeit wie mit Funktionären und Bürgermeistern. Ihre Botschaft: „Tunesien braucht jetzt jeden.“

Die Stunde der Expertin

Das Land kämpft auf seinem Weg in die Demokratie auch um seinen Ruf als Urlaubsziel. Und Kabouls Job besteht nicht zuletzt aus Marketing: Tunesien sei sicher und sauber, habe mehr zu bieten als schöne Strände, nämlich Natur und Kultur. Das Land sei sowohl traditionell-arabisch als auch westlich-modern.

Mit dem Sturz des Diktators Ben Ali am 14. Januar 2011 begann in Tunesien der Arabische Frühling. Nach den ersten freien Wahlen im Oktober jenes Jahres regiert die islamistische Bewegung Nahda gut zwei Jahre lang. Zwei politische Morde an Oppositionspolitikern, die dramatische Verschlechterung der Sicherheitslage, Übergriffe von Salafisten auf Künstler und Journalisten stürzen das Land dann in die Krise. Das Vertrauen der Bevölkerung in die politische Klasse ist erschüttert. Karboul will es zurückzugewinnen. „Diese Politikerin kommt aus dem normalen Leben. Sie ist offen, nahe bei den Menschen“, sagt Besma Mhamdi, Präsidentin der Jugendorganisation YouthCan. „Amel Karboul steht für eine neue Kultur, die anders ist, als wir es bisher kennen. Sie ist unbefangen, spontan. Das macht uns Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“

Im vergangenen Januar sind die Islamisten auf Druck von Opposition, Gewerkschaften und Bürgergesellschaft zurückgetreten. Nicht freiwillig, aber immerhin gewaltfrei. Erst kurz zuvor hatte die Verfassunggebende Versammlung, in der die Nahda nach wie vor die Mehrheit hat, nach zwei Jahren eine neue, demokratische Verfassung verabschiedet, die modernste in der arabischen Welt. Der Konsens über die Rolle der Religion im Staat und das Recht auf Gewissens- und Glaubensfreiheit konnte zum Schluss nur außerhalb der versteinerten Fronten zwischen Regierung und Opposition in einem nationalen Dialog gefunden werden.

Jetzt ist eine unabhängige Expertenregierung am Ruder. Ihre Mitglieder dürfen sich bei den für den 26. Oktober geplanten Wahlen nicht als Kandidaten aufstellen lassen. Amel Karboul gehört zu dieser Regierung, weil sie die drei von dem Premierminister Mehdi Jomâa dafür geforderten Kriterien erfüllt: Kompetenz, Integrität, Neutralität. Noch mehr als all dies verkörpert Karboul die Hoffnung auf ein weltoffenes Tunesien.

Karboul hat keine Erfahrungen auf dem politischen Parkett. Die Tochter eines Diplomaten aus Djerba hat in Karlsruhe Maschinenbau studiert und bei Mercedes-Benz gearbeitet. 2007 gründete sie ihr eigenes Beratungsunternehmen Change, Leadership & Partners mit Sitz in Tunis, Köln und London. Als Coach von Führungskräften war sie weltweit gefragt und ständig unterwegs (vgl. brand eins 11/2009, Amel Karboul: Die Herausragende).

Als im Januar der Premierminister Mehdi Jomâa bei ihr anrief, war sie gerade mit ihrem Mann und den beiden Töchtern im Urlaub in Kapstadt. Alle hätten ihr abgeraten, erzählt sie, Freunde, Geschäftspartner, Kollegen. Nur ihr Mann, Geschäftsführer ihrer Firma, habe sie bestärkt: „Mach das. Jetzt kannst du Tunesien zurückgeben, was es dir gegeben hat.“

Karboul traut sich was. Sie war eine Exotin in der von Männern dominierten Welt der Maschinenbauer, ebenso wie als arabische Muslimin unter westlichen Managern. Und auch jetzt, nach mehr als 20 Jahren wieder in ihrer Heimat, fällt sie aus dem Rahmen. Eine weltgewandte Unternehmensberaterin, die mit den Methoden des Change Management den Tourismus beleben will. Sie spricht fließend Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Sie ist selbstbewusst und nutzt die sozialen Medien so selbstverständlich, wie es die jungen Tunesier tun, die via Facebook und Twitter die Revolution organisiert haben. Das Land ist jung: Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30.

Nur reden reicht nicht

Karboul redet viel in diesen Zeiten des Umbruchs. Man könnte sagen, sie versucht, Tunesien schönzureden. Die Wirtschaft des Landes liegt mit einem Haushaltsdefizit von knapp sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes am Boden. Die Arbeitslosigkeit liegt aktuell bei 15,2 Prozent, auch weil der Tourismussektor nach der Revolution litt.

Und es gibt nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle Probleme: zu hohe Subventionen für Grundnahrungsmittel und Treibstoff, zu viel Konsum und zu wenig Investitionen aus dem In- und Ausland. Dazu kommen gravierende Sicherheitsprobleme an den Grenzen zu Algerien und Libyen. Ende Mai gab es einen Anschlag auf das Privathaus des Innenministers. Keine gute Imagewerbung für das Land.

Karbouls Strategie zur Wiederbelebung der Tourismusbranche ist nicht neu. Mehrere Studien liegen seit Jahren in den Schubladen ihres Ministeriums. Doch sie ist die Erste, die sich an die Umsetzung traut und dafür das anwendet, was sie in Europa gelernt hat. Mit den gleichen Instrumenten und in dem gleichen Jargon wie als Beraterin macht sie nun Politik. Und so spricht sie reichlich wolkig von „Qualitätssicherung“, „Branding der Marke Tunesien“ und „Diversifizierung“.

„Tourismus ist für Tunesien das, was für die Golfstaaten das Öl ist“, sagt Habib Bouslama, Vorsitzender der Hoteliers-Vereinigung der Touristenhochburg Hammamet. Das hätten die Politiker in der Vergangenheit nicht erkannt, hätten nur von einer Saison zur nächsten geplant, Innovationen nur gepredigt, aber nicht angepackt. „Der Tourismus ist eine Industrie, kein Kunsthandwerk. Karboul hat das verstanden“, sagt Bouslama.

Die Ministerin macht Lobbyarbeit für die Branche. Sie wirbt um Investitionen aus dem In- und Ausland, bislang allerdings noch nicht mit durchschlagendem Erfolg. Ein neues Investitionsgesetz ist in Arbeit und liegt wie fast hundert andere im Parlament auf Halde. Vor den Wahlen wird nur wenig vorangehen.

Tunesien hätte mehr zu bieten als All-inclusive-Strandurlaub, der bislang 80 Prozent aller Buchungen ausmacht. Natur- und Ökotourismus, Kulturreisen, Luxustourismus für Golfer und Thalasso-Fans – da will Karboul hin. „Wir müssen gute Geschichten von unserem Land erzählen: von den Bergen im Norden, der Wüste im Süden, von Karthago und dem Kolosseum in El Djem, von Berber-Traditionen und den Bergoasen.“ Storytelling nennt sie das. Nur wenige hier verstehen, was sie damit meint: „In Europa staunen Tausende Touristen über ein winziges Mosaik. Wir haben hier im Nationalmuseum von Bardo Hunderte der schönsten Mosaike der Welt.“

Sie schwärmt von der „Kommerzialisierung unserer Geschichte“. In den ersten Wochen ihrer Amtszeit reist sie selbst wie eine Touristin durchs Land auf der Suche nach diesen Geschichten. Hunderte von Selfies stellt sie ins Netz, wirbt mit ihrer stetig wachsenden Beliebtheit für das Land und den Neuanfang.

In einer von den vielen Arbeitssitzungen, zu denen sie in den Regionen einlädt, liest Karboul den versammelten Tourismusfunktionären, Reiseagenturen und Hoteliers die Leviten. Ihre Direktheit sieht sie selbst als Erbe der vielen Jahre in Deutschland. Sie spricht Klartext, wie sonst mit den Managern, die sie coacht: „Niemand hier macht wirklich Tourismuspolitik. Es gibt keine Strategie. Wir hangeln uns von Tag zu Tag. Wir sind zu reaktiv.“

Karboul will nicht an den kleinen Schräubchen drehen. Ihr geht es um das „big picture, die langfristige Strategieplanung“. Sie will tunesische Tourismusunternehmen an der Börse sehen, aktive Investitionspolitik betreiben. Und ärgert sich darüber, wenn ihre Gesprächspartner nicht ebenso euphorisch sind wie sie. Hinter der Branche liegen harte Zeiten. Amel Karboul will Aufbruchstimmung schaffen. Doch für die Hoteliers zählen auch in dieser Saison nur belegte Betten. Und die Zahl der Touristen, die nicht nur auf der Durchreise sind, liegt immer noch hinter den vorrevolutionären sieben Millionen.

Ihre Gegner haben zurzeit eine Beißhemmung

Dann ist da noch der Abfall, bergeweise überall im Land. Touristen finden das unschön. Daher hat Karboul dem Müll den „Krieg erklärt“. Zusammen mit dem Innenminister ruft sie einen „Monat der Sauberkeit“ aus. Alle sollen mitmachen. Sie sammelt in Jeans und T-Shirt auf Djerba alte Plastiktüten und Schraubverschlüsse von Flaschen am Strand auf, was auffällt in einem Land, in dem Bürgersinn noch wenig ausgeprägt ist.

Für Zyed Gaaloul, Touristenführer und Funktionär der linksliberalen Partei Al Joumhouri, ist Karboul die erste Politikerin, die die Mentalität seiner Landsleute verändern will. Jeder trage zum guten oder schlechten Ruf des Landes bei. Doch den konservativen Nahda-Wählern „sind mächtige Frauen in der Politik ebenso suspekt wie der Tourismus an sich. In der Öffnung zum unmoralischen Westen“, so Gaaloul, „sehen sie eine Bedrohung der islamischen Moral.“ Und dennoch unterstützt der mächtige Nahda-Chef Rachid Ghannouchi die populäre Karboul. Jetzt gegen sie zu sein könnte bedeuten, bei den Wahlen Stimmen zu verlieren.

Gaalouls Partei Al Joumhouri hat den Misstrauensantrag gegen Karboul wegen der Visa für Israelis unterschrieben. Gaaloul, der für die Jugendarbeit in seinem Bezirk verantwortlich ist, überlegt, deshalb auszutreten. Er hat eine Facebook-Unterstützer-Seite für sie ins Leben gerufen. Innerhalb weniger Tage hatte sie Tausende Fans. „Wer Amel Karboul jetzt nicht arbeiten lässt“, sagt Gaaloul, „schadet unserem Land.“

Bei der Fahrt über das Land ist von ihrer Aufräumaktion nichts zu sehen. Das nationale Müllproblem und mangelndes Umweltbewusstsein lassen sich nicht allein mit einer Kommunikationsstrategie bekämpfen. Seit Jahren beißen sich Experten auf regionaler und nationaler Ebene die Zähne an Abfallwirtschaftsplänen aus. Wie zäh wird es dann erst für Karboul sein, die Verantwortlichen vor Ort von der notwendigen Professionalisierung der Hotelfachschulen zu überzeugen, dem mühsamen Aufbau des Kulturtourismus, der angemessenen Pflege und Vermarktung der zahlreichen archäologischen Stätten wie Dougga, Sbeitla, Bulla Regia?

Sabri Oueslati, der den Verband Edhiafa zur Unterstützung von Betreibern kleiner Hotels und Pensionen gegründet hat, sieht es nüchtern: „Der größte Mehrwert, den Karboul dem Sektor bringt, ist ihr Mut, endlich Reformen umzusetzen. Und den Tourismus neu zu denken.“ Eine der ersten Amtshandlungen Karbouls war die Absetzung des mächtigen Präsidenten der Nationalen Tourismusbehörde, ein sichtbares Zeichen von Neuanfang.

Nach dem langen Stillstand der nachrevolutionären Jahre sehnen sich die Tunesier nach frischem Wind in der Politik. „Noch nie war ein Politiker so nahe an uns Jungen, an unserem Denken, unseren Erfahrungen, unserem Lifestyle wie sie“, sagt ein junger Radiojournalist. Karboul genießt die öffentliche Aufmerksamkeit und Begeisterung. Sie will sie in bare Münze verwandeln, für ihr Land. Sie weiß genau um ihre Wirkung, auch wenn sie sagt: „Ich versuche authentisch zu sein, einfach nur ich selbst.“

Vielen Konservativen ist sie ein Dorn im Auge

An der Frau scheiden sich die Geister. Ihre Unterstützer hoffen mit ihr auf den Wandel, Kritiker werfen ihr im besten Fall Schaumschlägerei, im schlimmsten Fall den Verrat islamischer Grundwerte vor. Von Egomanie ist die Rede, von würdelosem Verhalten im Ministeramt. Die Konservativen empören sich über ihre Selfies, barfuß am Strand bei der Besichtigung eines Umweltprojektes oder im Badezimmer des kleinen Hotels Dar Sabri in Nabeul. Sie können dem modernen Kommunikationsstil Karbouls nichts abgewinnen. Für den progressiven, eher säkularen Teil der Gesellschaft ist er der lang ersehnte Hoffnungsschimmer, Signal einer Annäherung zwischen politischer Klasse und Bürgern.

Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die keinem Lager zuzuordnen sind. Der Tourismus, heißt es in der Branche, sei mit Branding nicht zu retten. Viele Hoteliers sind verschuldet. Doch tunesische und ausländische Reiseagenturen wollen erst die Wahlen abwarten, bevor sie investieren. „Eine Imagekampagne allein bringt uns nicht weiter“, sagt der Tourismusexperte Lotfi Mansour. Wenn Reisebüros nicht mitmachen und Reiseveranstalter nicht ausreichend Flüge buchen, nützt auch das Storytelling nichts.

Zumindest hat Karboul es geschafft, das Thema Tourismus ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken. Eine Art Nebenwirkung des Hypes um ihre Person. Bei ihrem Auftritt Ende April in Tunis auf der TEDx Carthage zum Motto „The differences we make“ erzählt sie die Geschichte ihres Weges von der Wirtschaft in die Politik. Vom Ruf in die „Start-up-Demokratie Tunesien“, für die sie auf ihre Karriere und Privatleben verzichtet. Seitdem sie Ministerin ist, pendelt sie zwischen Tunis und London, wo ihre Familie lebt. Sie wirbt mit allen Mitteln für ihren Traum von kleinen Beiträgen zur großen Veränderung, auch, in dem sie vor fast tausend Zuhörern den Abschied von ihren weinenden Töchtern beschreibt.

Privates und Öffentlichkeit gehen für Karboul ebenso fließend ineinander über wie Arbeit und Leben. Und sie weiß natürlich, dass sie polarisiert: „Ich bin die beliebteste Politikerin. Und ich werde am meisten gehasst.“

Was sagt das über die tunesische Gesellschaft? Karboul überlegt lange, bevor sie antwortet: „Ich glaube, die Leute hassen nicht mich als Person. Sondern das, wofür ich stehe, die moderne, starke tunesische Frau.“ Vielen Konservativen sei das ein Dorn im Auge. „Es gibt Leute, die wollen nicht, dass diese Regierung Erfolg hat“, sagt Karboul. Das sei wohl so in der Politik. Es gibt immer noch radikale Islamisten, die an einen Gottesstaat Tunesien glauben. Und alte Seilschaften aus der Zeit des Diktators Ben Ali.

Karbouls Mandat endet mit den Parlamentswahlen im Herbst. Sie hat offensichtlich Freude an ihrer Rolle. Für die Zeit danach habe sie noch keine Pläne, sagt sie. Obwohl Planlosigkeit zu dieser ebenso zielstrebigen wie selbstbewussten Frau nicht passt.

In den jüngsten Meinungsumfragen lag die Zustimmung der Bevölkerung zur Expertenregierung von Jomâa bei 78,6 Prozent. Die großen Parteien diskutieren schon darüber, ob sie nach der Wahl Jomâa erneut mit der Bildung einer Expertenregierung beauftragen. Dann könnte Karboul wieder eine wichtige Rolle spielen. Viele Tunesier würden es bedauern, wenn sie ihr Land erneut verließe.

Wo immer sie unterwegs ist, kommen Frauen auf sie zu, junge, alte, mit und ohne Kopftuch: „Courage, Amel! Wir stehen hinter dir. Wir sind stolz auf dich!“ Sie selbst sagt: „Ich bin ein Symbol geworden, für Frauen in Tunesien. Und in der arabischen Welt.“

Manche Leute glauben, dass hinter ihr eine riesige PR-Maschine stehe. Doch sie macht das alles ganz allein. Mit ihr haben die Revolutionäre von 2011 eines ihrer Ziele erreicht: Tunesien für die Moderne zu öffnen. ---

Die tunesische Tourismusbranche

Der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt liegt bei sieben Prozent. Die Branche beschäftigt 400 000 Menschen. Etwa zwei Millionen Menschen, also ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, leben von ihr.

Im Jahr 2010, dem letzten Regierungsjahr von Diktator Ben Ali, reisten knapp sieben Millionen Touristen nach Tunesien. Nach der Revolution gingen die Zahlen stark zurück. In den vergangenen Jahren haben sie sich zwar erholt, doch sie liegen immer noch unter den Werten aus der Zeit der Diktatur.

Am größten ist der Rückgang unter französischen Touristen: Im Vergleich zu 2010 kamen nur noch halb so viele Reisende. Das Jahr 2014 gibt der Branche Hoffnung: In den ersten sechs Monaten reisten gut 2,4 Millionen Besucher nach Tunesien. Das sind 2,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Etwa 200.000 davon sind im Ausland lebende Tunesier. Nach den Libyern und Algeriern sind die Franzosen mit knapp 277.457 Touristen die größte Gruppe. Dann kommen die Briten und die Deutschen, mit jeweils etwa 150 000 Touristen. Im Schnitt bleiben deutsche Urlauber elf Tage in Tunesien, Franzosen lediglich sechs Tage.

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