Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Wird schon schiefgehen

Ein Schiff im Hafen ist sicher. 
Aber dafür ist ein Schiff nicht gemacht.

John Augustus Shedd

1. Das Waterloo-Paradox

Es geht im Leben manches daneben.
Etwa 15 Kilometer südlich von Brüssel liegt ein Ort, dessen Name untrennbar mit dieser Weisheit verbunden ist: Waterloo. Ins Deutsche übersetzt heißt das so viel wie „Wasserwald“. In diesen Feuchtgebieten beendete Napoleon Bonaparte am 18. Juni 1815 seine Tyrannenkarriere. Seither gilt: Waterloo ist Scheiterhausen.

Aber warum eigentlich? Weshalb steht ausgerechnet der Ort, an dem die fast 20-jährige Herrschaft des Feldherrn Napoleon Bonaparte gestoppt wurde, für das Scheitern und nicht für den Sieg?

Napoleons Kriege haben Millionen Menschen das Leben gekostet, seine Skrupellosigkeit beeinflusst bis heute politische Hasardeure in aller Welt. Und dennoch denken Menschen, die in friedliebenden bürgerlichen Demokratien aufgewachsen sind, ans Scheitern, wenn sie Waterloo hören. Das ist das Waterloo-Paradox, und es besteht darin, dass Napoleon die große Schlacht verloren hat, aber den Krieg um die Vorherrschaft des Denkens gewonnen. Der Kaiser war nicht nur Kriegsherr, sondern eben auch der Erbe und Sachwalter der Französischen Revolution, des bedeutendsten politischen Unternehmens seiner Zeit.

Mit dem damit verbundenen bürgerlichen Programm stand er zeitlebens – so auch in Waterloo – der alten Welt aus Adel und Fürstenhäusern gegenüber, dem Ancien Régime, das in Waterloo seinen letzten großen Sieg feierte. Von da an ging’s bergab. Denn die Bürger Europas wollten zwar keine französische Fremdherrschaft, aber erst recht nicht zurück zur absoluten Macht der alten Fürsten. Die Bourgeoisie setzte sich gegen den Widerstand der Waterloo-Gewinner durch, und Wissenschaft und Forschung waren dabei an ihrer Seite. Die bürgerlichen Aufsteiger wurden selbst Machthaber. Waterloo war der Wendepunkt.

Das Scheitern ist Teil des Neuanfangs. Das machen sich die bürgerlichen Demokratien, die Erben von Waterloo, nicht immer klar. Aber unsere Gesellschaften und Demokratien bauen auf den Geist des Code Civil, dem 1804 von Napoleon verlautbarten Zivilgesetzbuch. In ihm wird verkündet, was wir heute für ganz normal halten, die Gewerbefreiheit etwa oder die Gleichheit vor dem Gesetz, der Schutz des Privateigentums ebenso wie die grundlegende Ordnung der Marktwirtschaft.

Ganz offensichtlich ahnte Napoleon seinen späten Triumph. Sein Code Civil, sagte er im Exil auf St. Helena, entfalte eine größere Wirkung als alle „40 gewonnenen Schlachten“. Die Verbreitung bürgerlicher Rechte hingegen werde „durch nichts zu löschen sein“ und „ewig leben“. Seine Gegenspieler hassten den Code Civil so sehr, dass sie nach den Schlachten von Leipzig und Waterloo das Gesetzbuch auf großen Scheiterhaufen verbrannten. Teufelswerk. Es geht im Leben manches daneben. Doch diese Weisheit gilt nur in Verbindung mit der folgenden: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

2. Scheitern 

Angst macht immer das, was man nicht kennt, und je weniger man darüber wissen will, desto gruseliger wird es. Scheitern ist die Voraussetzung für künftige Erfolge. Wer es tabuisiert, steht sich beim Bessermachen und Gewinnen selbst im Weg. Ganz besonders in der Wissensgesellschaft, in der Versuch und Irrtum den Normalfall beschreiben.

Eine statische, wenig veränderbare Welt lässt natürlich auch reichlich Raum für Niederlagen aller Art, aber wo mit Ideen, Innovationen und Wissen gearbeitet wird, gehört das Irren und Fehlen zur Grundausstattung. In einer komplexen Welt muss man experimentieren, ausprobieren, den Versuch wagen. Nüchtern betrachtet, ist jeden Tag ein bisschen Waterloo: Wir scheitern uns voran.

Max Levchin, der Mitbegründer und ehemalige Cheftechnologe des Online-Bezahldienstes Paypal, hat das auf den Punkt gebracht: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite Unternehmen ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, aber immer noch gescheitert. Und wissen Sie, das dritte Unternehmen ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Es war keine großartige Geschichte, aber es funktionierte. Nummer fünf war dann Paypal.“

Zwei Jahre nach der Gründung verkaufte Levchin die Firma, die er gemeinsam mit seinen Kollegen Peter Thiel und Elon Musk im Jahr 2000 gegründet hatte, für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay. Aktuell gibt es 240 Millionen Konten registrierter Nutzer bei Paypal. Das Geschäftsmodell wirkt auf die Finanzindustrie ungefähr so wie einst der Code Civil auf Fürsten.

Das Scheitern ist das unverzichtbare Momentum für den Erfolg – und, so sagt es der Wirtschaftsweise und Freiburger Professor für Wirtschaftspolitik Lars P. Feld, „ein wesentlicher Bestandteil dessen, was wir Marktwirtschaft nennen. Die Erfolge dieses Systems beruhen geradezu auf den Lerneffekten, die das Scheitern liefert, auf dem Bemühen, das Scheitern nicht hinzunehmen. Risiko und Chancen versprechen einen Gewinn – und sie bedingen die Möglichkeit des Scheiterns.“

Auch das ist nun kein Geheimwissen, aber in unserer Welt so gut verdrängt, dass man es dafür halten könnte: Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht.

3. Gewinner und Verlierer

Die meisten Leute wollen davon nichts wissen. Und deshalb halten in Zeiten wie diesen viele „Waterloo“ und „The winner takes it all“ nicht nur für betagte Hits der alten Schweden von Abba, sondern für ein Weltbild. Entweder man gehört zu den Gewinnern oder zu den Verlierern. Abstufungen sind dabei nicht vorgesehen. In diesem holzschnittartigen Weltbild bieten Politiker und Medienleute gern das Bild von der neuen Spaltung der Gesellschaft an. Wenige gewinnen, viele verlieren, heißt es.

Doch scheitern heute nicht mehr Menschen als früher, und zwar nicht an ihren eigenen Ansprüchen, sondern an schlechten wirtschaftlichen Bedingungen, mehr Ungerechtigkeit und zunehmender materieller Not? Die Antwort darauf ist einfach: nein. Der Wohlstand hat in den vergangenen Jahrzehnten in allen Weltteilen zugenommen. Den meisten Menschen geht es besser als ihren Eltern und Großeltern. Aber im Westen herrscht das Selbstbild vom moralischen Niedergang. Die Angst vorm Scheitern geht um. Das beflügelt die Geschäfte von Demagogen und Apokalyptikern. Irgendjemand muss die Leute ja vor dem Untergang bewahren. Das kostet natürlich. So entsteht eine Schutzgeld-Demokratie.

All das zeigt, wie sehr unsere Vorstellungen von Erfolg und Scheitern noch an überkommenen Regeln hängen.

Historiker stehen dem Scheitern aufgeschlossen gegenüber. Die Niederlagen anderer Leute sind für die Forscher ein wertvoller Rohstoff. Der 50. Deutsche Historikertag in Göttingen, der Ende September dieses Jahres stattfand, hatte sich das Thema „Gewinner und Verlierer“ gewählt – und einen wertvollen Hinweis geliefert: Die strikte Unterscheidung in diese beiden Kategorien, so schrieben die Veranstalter, sind „seit der Antike Kernbestand der Deutung historischen Geschehens. Sowohl direkte und indirekte Auseinandersetzungen als auch historische Prozesse haben Gewinner und Verlierer, die gegebenenfalls erst in der historischen Untersuchung und im historischen Urteil als solche hervortreten.“ Damit ist „die Rede von Gewinnern und Verlierern (…) immer an bestimmte Perspektiven gebunden“.

Das ist ein Hinweis, der nicht nur Historiker interessieren sollte. Die Trennung in Gewinner und Verlierer ist ein Fundament unserer westlichen Kultur. Wir sind daran gewöhnt, im Rahmen dieser statischen Vorstellung zu denken. Die alte Welt kennt Helden und Verlierer. Sieger und Besiegte. Triumph oder Untergang. Leben oder Tod. Darunter machen wir es nicht. Diese Welt ist nicht sonderlich fehlertolerant, und ihre Lernkurve ist flach. Wer scheitert, hat keine zweite Chance. Schicksal.

Die Glücklichen haben mit den Gescheiterten nichts zu tun. Klassenunterschiede sind unüberwindlich. Die Welt ist statisch. Innovationen sind selten, und die Jobbeschreibung der Helden ist einfach: Sie haben dafür zu sorgen, dass Unruhestifter und Veränderer in ihre Schranken gewiesen werden. Auch beim Siegen gilt: alles oder nichts. Pardon wird nicht gegeben.

Dieses Muster ist alt, aber nach wie vor in unserer Welt. „Gewinnen ist alles!“ – „So sehen Sieger aus!“ – das ganze dumme Geschwafel, das nach wie vor überall zu hören ist, legt Zeugnis davon ab. Das hat auch nichts mit der Freude daran zu tun, Erfolg zu haben, sondern mit physischer Gewalt, mit Kampf, mit dem Erlegen und Erledigen eines Feindes. In der alten Welt bedeutet Gewinnen immer, dass der andere verlieren muss.

4. Das Experiment 

Das Wort „scheitern“ stammt aus dem Milieu der Kaufmänner, Seefahrer und Händler, der Leute also, die die Neuzeit und den Frühkapitalismus aufgebaut haben. Ihr Denken unterwirft sich nicht mehr dem unabänderlichen Schicksal, sondern dem Verhältnis zwischen Gewinn, Chance und Risiko – ein Wort, das ebenfalls zum Fachjargon der seefahrenden Händler gehört.

Doch noch bedeutet Scheitern den Totalverlust des Unternehmens. Ein Schiff, das „scheitert“, hinterlässt auf den Wellen Trümmer, Splitter, Holzscheite – davon leitet sich das Wort ab. Die vom Scheitern bedrohten Unternehmen leben in einer gefährlichen Welt. Sie reagieren darauf mit der Verteilung des Risikos auf viele Kaufleute, mit Nüchternheit, mit Pragmatismus, nicht Furcht, Angst und Schicksalsgläubigkeit. Die großen Ozeane wurden nicht von Helden erobert, sondern von Unternehmern.

Wer nicht scheitern will, muss rechnen, kalkulieren, die Wissenschaft nutzen. Das kalkulierte Risiko ist das, was man in der Wissenschaft das Experiment nennt.

Das Scheitern ist damit zunehmend keine Frage von Leben und Tod, von Sieg oder Niederlage, sondern eine Möglichkeit, aus Schaden klug zu werden. Das ist ein gewaltiger evolutionärer Schritt. Man kann sich dem Komplexen nähern, ohne dass man untergeht. Das wird bis heute unterschätzt.

Das Arbeitsethos dabei ist einfach: es immer wieder versuchen, bis es klappt. Das sind andere Typen als die Helden, die seit der Antike als Supermänner verkauft werden. Es gibt kein Experiment, das keine Erkenntnis mit sich bringt. Was herauskommt, ist immer „richtig“. Jeder Versuch bringt uns der Lösung näher. Auch das Wissen darüber, was nicht geht, ist wertvoll.

Der Wert des Scheiterns wurde auch in der Ökonomie selten gewürdigt. Die große Ausnahme ist das Werk Joseph A. Schumpeters, dessen Schlagwort von der „schöpferischen Zerstörung“ bis heute für Irritationen sorgt. Dabei heißt das nur: Das Bessere schlägt das Gute. Dazu braucht man jene „Revolutionäre der Wirtschaft“, die das Risiko des Scheiterns auf sich nehmen – Leute, die bereit sind, für ihre Fabrik zu kämpfen und, „wenn nötig, auf ihrer Schwelle zu sterben“. Das ist allerdings kein Heldentod, sondern eine nüchterne Betrachtung – denn der Unternehmer, den Schumpeter im Kopf hat, weiß, was er tut und wofür – und das macht ihn hartnäckig. Er tut alles dafür, dass sein Vorhaben gelingt. Rückschläge spornen ihn an.

Ist dieses Schumpeter’sche Ideal weltfremd? Nein, denn es gibt viele Unternehmer, die genau so ticken, und diese nüchternen Überzeugungstäter sorgen für Wohlstand und Fortschritt. Ihr Scheitern ist nichts weiter als eine Arbeitsvorbereitung für den nächsten Schritt. Sie sind, nach Levchin, immer unterwegs zu Nummer fünf.

Das braucht ein Milieu, in dem die Aufklärung was zu melden hat und in dem Aufstieg und Teilhabe möglich sind. Pluralistische Demokratien, die Vielfalt und Zugänge schaffen, sind die idealen Biotope dafür.

Das ist die Erkenntnis des vor zwei Jahren von zahlreichen Nobelpreisträgern und Forschern begeistert aufgenommenen Werkes „Why Nations Fail“ (Warum Nationen scheitern) des Ökonomen Daron Acemoğlu vom Massachusetts Institute of Technology und des Politologen James A. Robinson von der Harvard-Universität. Sie sagen: Länder gehen zugrunde, wenn eine autoritäre Führungsschicht die schöpferische Zerstörung unterdrückt, weil sie Angst haben, die eigene Machtbasis zu verlieren. Die Forscher zeigen an Beispielen wie den Diktaturen in Nordkorea und der Sowjetunion, wie das Versagen einer Elite, die stur ihr Machtsystem erhalten will, das Leben von Millionen zerstört. Dabei sind es immer die Veränderungen, die als besonders gefährlich gelten und verfolgt werden. Jeder kennt das, auch außerhalb politischer Tyranneien. Veränderung? Teufelswerk. Könnte ja schiefgehen.

Ob jemand das Scheitern als Teil der weltlichen Normalität versteht und nicht als Schicksalsschlag, zeigt sich im Umgang mit einer Krise. Das griechische Wort krisis bedeutet nichts weiter als die Zuspitzung einer Entscheidung, einen Wendepunkt also. Wo Krisen sind, verändert sich etwas. Das ist für viele die eigentliche Katastrophe.

Eine fundamentale und kluge Kritik dieser Fehlsichtigkeit kann man in dem Buch „Wirtschaftskrisen – Geschichte und Gegenwart“ nachlesen, das auf dem Höhepunkt des Krisengeredes im Jahr 2010 erschienen ist. Geschrieben hat es der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe.

Im Mittelpunkt seiner Kritik steht etwas, das in der Theorie als Idealzustand gilt: das Gleichgewicht. Diesen Gleichgewichtszuständen wird unendlich viel Energie und Geld, Zeit und Material gewidmet. Sie sind die heilige Kuh von Ökonomen wie Wirtschaftspolitikern.

5. Gleichgewichte 

Wirtschaftskrisen, die man als „Scheitern des Systems“ verstehen kann, gehören aber zum Wesen der Marktwirtschaft. Das alles kann man bereits bei Karl Marx nachlesen oder bei Joseph Schumpeter. Und wer es dann immer noch nicht glaubt, kann sich mit der Geschichte der bisherigen Wirtschaftskrisen beschäftigen und sich – ohne Vorurteile – die Frage stellen, ob sie tatsächlich jene vermeidbaren Betriebsunfälle sind, als die die politische Praxis sie gern hinstellt. Oder eben: ganz normale Erneuerungsprozesse, bei denen klar wird, dass es so nicht mehr weitergeht und etwas Neues an die Stelle der alten Verfahren, Ideen, Methoden und Systeme tritt.

Wer freilich dem Gleichgewichtsdogma anhängt, der schreit in solchen Fällen laut „Alarm!“ – und rückt an mit dem ganzen Arsenal an Krisenverhinderungs-Homöopathie, das heute an jeder Ecke angeboten wird. Denn nichts erscheint wichtiger, als das Gleichgewicht wiederherzustellen. Scheitern ist verboten. Wo Verluste anfallen, muss ausgeglichen werden. Diese Vorstellung, die von der Politik und den meisten Intellektuellen geteilt wird, war die Grundlage dafür, dass man nicht einmal erwogen hat, Banken, die sich verspekulierten, scheitern zu lassen. Aber darf man das? Ist nicht die ganze Welt voneinander so abhängig, dass alles sofort zusammenbrechen würde? Ist Zahlen nicht besser als eine globale Katastrophe?

Das Gleichgewichtsdogma wird heute gern mit dem Hinweis auf die Weltwirtschaftskrise 1929 begründet. Hätte man damals, so der Tenor, sofort und energisch von staatlicher Seite eingegriffen, dann wäre uns das politische und wirtschaftliche Elend der folgenden Jahre erspart geblieben. Im Grunde genommen sind nach dieser gängigen Interpretation der Aufstieg Hitlers und der gesamte Zweite Weltkrieg nur die Folge unterlassener Intervention. Insbesondere der New Deal der USA, die Interventionspolitik der Regierung Franklin D. Roosevelts, wird als Gegenbeispiel oft angeführt – doch dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. Dennoch wird diese Geschichte als Tatsachenbehauptung herumgereicht.

Mit solchen demagogischen Holzschnitten erspart man sich das differenzierte Nachdenken über die Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik. Der Aufstieg populistischer Parteien heute, mitten im Wohlstand und innerhalb einer auf Volltouren laufenden Gleichgewichts-Politik, lässt sich mit der These nicht erklären. Legitimieren hingegen kann man die eigene Bequemlichkeit. Wenn Banken geholfen wird, dann mir auch. Mehr Knete vom Staat, und alles wird gut. Damit die Welt nicht untergeht, halten uns „besonnene“ Politiker vom Scheitern ab und „retten“ mit unserem Geld alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. So erfinden sie „Arbeitsplatz‑garantien“ und „Stabilitätspakte“. Ein paar Schalter umlegen, ein paar Knöpfe drücken, und alles wird gut.

Bei dem ganzen faulen Zauber kann das Scheitern zwar nicht aufgehalten, aber, und das zählt für die heutigen Generationen, nach hinten verschoben werden. Man reicht nur seine unbezahlten Rechnungen an künftige Generationen weiter – um sich dem Lern- und Veränderungsprozess des Scheiterns zu entziehen.

6. Moral

„Natürlich wissen wir, dass das Scheitern eine anthropologische Konstante ist“, sagt Werner Plumpe – „aber in unserer Wirtschaftskultur wird das weitgehend ausgeblendet.“ In der gehe es nämlich um Moral. Und damit ist ökonomisches Scheitern immer auch moralisches Versagen.

Deshalb ist das mit der Normalität des Scheiterns nicht so einfach – das dringend nötige nüchterne Nachdenken über das Scheitern hat es schwer. Und wer mit seinem Unternehmen Schiffbruch erleidet, darf kaum mit Mitgefühl und Zuspruch rechnen. Eher schon gilt so jemand als „verantwortungsloser Arbeitsplatzvernichter“, als „Hasardeur“ und „Spekulant“ – ganz gleich, wie es zum Zusammenbruch gekommen ist. Das hat natürlich auch mit den von Kultur und Politik propagierten Lebensentwürfen zu tun: Ein anständiger Mensch lässt sich anstellen und kriegt einen ordentlichen Lohn.

Zwischen Gustav Freytags „Soll und Haben“ und Thomas Manns „Buddenbrooks“ ist für eine andere Sicht der Dinge nicht viel Platz. Wer ökonomisch handelt, ist immer der Dumme: Entweder er gewinnt – dann ist es Ausbeutung. Oder er verliert, dann ist er über seine Habgier gestolpert. Es herrsche, so der Historiker, die merkwürdige Vorstellung, dass „der, der handelt und entscheidet und damit ein Risiko eingeht, mit dem er auch scheitern kann, der Gewissenlose ist“. Dem stehe der Typus des scheinbar unbeteiligten „Betrachters“ gegenüber, der die ganze Moral gepachtet hat. Im „Tatort“ ist der Chef immer der Mörder – das gehört zum deutschen Kulturgut. Es gibt keine Wechselwirkungen: Es gibt nur den Bösen, der das Scheitern anzieht – und den Guten, der das scheinbar ohne Eigeninteresse moralisch beurteilt. Und man müsse schon wissen, dass man „in einer Betrachterwelt lebt, in der die das Sagen haben, die nicht handeln, sondern urteilen“.

Auch für den Ökonomen Lars P. Feld ist die Moral der springende Punkt: „Bei jedem Scheitern hier schwingt das Moralische eben doch mit.“ Und das sei ein Stigma, das den so wichtigen offenen Umgang mit dem Thema verhindere. Feld zeigt das am Beispiel des Insolvenzrechts: „In den USA zielt es darauf ab, nach dem Scheitern alle Weichen auf Neuanfang zu stellen. Es geht also darum, das Beste aus der Niederlage zu machen. In Deutschland löst das Wort Insolvenz etwas anderes aus: Da geht es um den Untergang eines Unternehmens.“

Das sind sie wieder, die unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema, die so viel ausmachen. Feld plädiert dafür, „logischer und rationaler mit dem Thema Scheitern umzugehen und die Moral außen vor zu lassen. Man muss weg von der alten Kultur, die behauptet, dass das Scheitern um jeden Preis verhindert werden muss.“

7. Too big to fail

Wer das Scheitern verhindert, verbaut den Neuanfang – und verlängert miserable Zustände. In den USA können sogar marode Kommunen das Gemeindeinsolvenzverfahren (Chapter 9) beantragen, um neu anzufangen. In Europa hingegen haben die Staaten immer schon von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, das Nichtscheitern – und damit auch Nichtverändern – ganzer Branchen anderen Leuten in Rechnung zu stellen. Darauf baut das gigantische Subventionsprogramm der Europäischen Union. Dieses Monumentalwerk ist das konsequente Resultat des Gleichgewichts-Fanatismus, der Scheitern verbietet.

Die EU hat das Problem zwar schon erkannt und versucht, die Erhaltungssubventionen zugunsten der Anschubsubventionen – die nur auf begrenzte Dauer und nur für den Markteinstieg gewährt werden sollen – zurückzufahren, doch der seit Jahrzehnten versuchte Rückbau ist ein gigantisches Vorhaben. 1986 bestand das Einkommen eines OECD-Landwirts bereits zu 37 Prozent aus Subventionen, mittlerweile ist der Anteil auf 22 Prozent zurückgegangen.

Das klingt gut, vorausgesetzt, man sieht nicht, wer sonst noch alles etwas abbekommt. Es geht längst auf keine Kuhhaut mehr, was alles nicht scheitern darf und über eine Anschubsubvention hinaus das Recht auf ewiges Leben beansprucht – von Solarbauern bis zu Energieriesen, Chipherstellern, maroden Industrien, Kulturbetrieben und – natürlich – vielen Medien und fast allen Banken.

Mit deren „Rettung“ hat sich eine Dimension des Problems aufgetan, sagt Lars P. Feld. „Too big to fail“, eine Einstellung, „der man heute ganz entschieden entgegentreten muss“, so der Ökonom. Zu groß, um zu scheitern – das ist bezeichnend für den Zustand, den wir zu Beginn der Wissensgesellschaft – und am Höhepunkt auch alter industriekapitalistischer Großmannssucht – vorfinden: ein Filz aus Politik und von ihr abhängiger Unternehmen, so eng miteinander verflochten, dass beim Versuch, diese Strukturen aufzulösen, alle anderen mit in den Abgrund gezogen werden.

Das ist die Paradoxie einer Welt, die sich so vor dem Scheitern fürchtet, dass sie billigend den eigenen Untergang – und den vieler anderer – in Kauf nimmt. „Von dieser Untergangskultur, die seit Beginn der Krisen immer wieder propagiert wurde“, sagt Feld, sollte man sich „ganz schnell abwenden“.

Der Leiter des Walter Eucken Instituts kann dabei mit der Unterstützung gestandener Praktiker rechnen, etwa mit der von Rolf Mathies. Der ist einer der Gründer und Partner der Venture-Capital-Gesellschaft Earlybird, die rund eine Milliarde US-Dollar an Risikokapital verwaltet. Es sind vorwiegend Hightech-Unternehmen, die aus Europa stammen und die sich global bewähren sollen. Wer ins Neue investiert, der kennt das Scheitern, dem ist das Experiment nicht fremd. Die Frage ist nur, ob auch die anderen das Neue verstehen wollen – und ihm eine Chance geben, anzukommen.

Es stimmt schon: Scheitern ist nicht verboten. Das heißt bekanntlich aber noch lange nicht, dass es akzeptiert wird.

8. Gewinnen lernen

Mathies’ Kollege Ciarán O’Leary kritisierte vor einem halben Jahr in dem Branchenblatt »Der Kontakter« heftig die Häme, die in weiten Teilen der alten Wirtschaft und ihrer Medien herrscht, wenn es um das Scheitern von neu gegründeten Firmen geht. Das zeige, so O’Leary, „dass manche Journalisten offenbar nur darauf warten, dass Start-ups scheitern“. Daraus folgert der Venture-Kapitalist aus Irland mit Wohnsitz in Berlin, „dass in Teilen der deutschen Wirtschaftspresse die absoluten Basics nicht verstanden werden“, und das wiederum sei kein Zufall, sondern „symptomatisch für das generelle Bild in Deutschland, wo das schnelle Scheitern und das Wiederaufstehen in der Start-up-Szene nur zögerlich akzeptiert wird“.

Das sieht auch Mathies so: Betrachte man die „ganz normale Denkweise in der deutschen Wirtschaft, dann stelle ich fest: Wir leben in zwei Welten. In einer ist man sich des Risikos bewusst und spielt nicht damit rum. In dieser Welt geht man mit der Möglichkeit des Scheiterns nüchtern um – und kalkuliert sein Risiko. Das ist die Unternehmerwelt.“ In der anderen Welt, sagt Rolf Mathies, der Welt der Manager und der leitenden Angestellten, müsse man das Wort Risiko nur aussprechen, und schon „gucken alle ängstlich“. In der Komfortzone ist Scheitern tabu.

Das ist ein seltsamer Widerspruch zur Wirklichkeit. Denn die Leute, die in den vergangenen Jahrzehnten die Glaubwürdigkeit der Marktwirtschaft aufs Spiel gesetzt haben, sind nur in Ausnahmefällen Unternehmer, sondern überwiegend Manager gewesen. Die „Zocker“ sind meist bestens abgesicherte, etablierte Manager, deren keineswegs nüchterne Kalkulation das Geld anderer Leute verspielt. Der „Kasinokapitalist“ ist ein biederer Angestellter in leitender Position, gut versichert gegen jede Form von Versagen und im Notfall ein Opfer „des Systems“. Gut kalkuliert ist nur der Ausschluss persönlichen Risikos und eigener Verantwortung. Solche Leute scheitern nicht. Sie verlieren.

Diesen Unterschied müsse man immer wieder klarmachen, sagt Mathies: „Wir sind keine Spieler, wir sind planvolle, bewusste Risikogänger. Ein echter Unternehmer zockt nicht“, sagt er. Ein Experiment ist kein Glücksspiel.

Dass der Unterschied nicht gleich ins Auge fällt, liegt daran, dass der Arbeitsalltag der meisten Menschen immer noch von Routinen und von oben vorgegebenen Abläufen bestimmt wird. Der Stellenwert des Experimentierens ist, bei allem Gerede, noch immer klein – aber er wächst, meint Mathies: „Die Ökonomie geht in allen Bereichen aufs Ausprobieren und auf das Versuchen hin – das kann man von der Sharing Economy bis hin zum Rapid Prototyping sehen, das die Industrie gerade verändert.“

Wo man mit einer Vielfalt an Wissen und einer hohen Komplexität zu tun hat, wird der Versuch normaler – und auch ein Scheitern, das nicht mehr den Untergang bedeutet, sondern einfach einen Lernschritt.

Das hat schon was:
Aus Losern werden Löser.
Bliebe allerdings eine Frage.

Braucht man, um das zu beschleunigen und zu vertiefen, eine „Kultur des Scheiterns“? Um Gottes willen nein – sagt Mathies. Damit das Scheitern keine Katastrophe mehr ist, sondern ganz normal, müsse die Gesellschaft und der Einzelne wieder lernen, gern zu gewinnen. „Man muss sich darauf freuen dürfen, dass man etwas gewinnen kann, dass man etwas Besonderes ist und etwas Außergewöhnliches leistet“, sagt Rolf Mathies. In der neuen Zeit herrscht dann immer ein wenig Sportsgeist. Der besteht, weiß Mathies, in der Einsicht: „Wer gewinnen lernt, lernt auch verlieren.“
Könnte man ja wenigstens mal versuchen.
Wird schon schiefgehen.

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