Ausgabe 11/2014 - Das geht

Swisswool

Kies mit Vlies

Die Brüder Christian und Friedrich Baur inmitten ihres liebsten Rohstoffs

• An der Wand des Besprechungsraums lehnen Papiersäcke, aus denen weiße Wolle quillt. Der Chef trägt ein schwarzes Shirt aus Wolle. Seine anthrazitfarbene Hose ist ebenfalls aus Schurwolle. Und an seiner dunklen Outdoor-Jacke aus matt glänzendem Nylongewebe fällt ein rotes Etikett auf: Swisswool inside.

Der Wollfan Friedrich Baur führt im fränkischen Dinkelsbühl die Firma Baur Vliesstoffe, ein Familienunternehmen in der vierten Generation. „From sheep to shop“ lautet sein Slogan. Auf das rote Swisswool-Label ist der 47-Jährige stolz. Es zeigt an, dass die Jacke mit einem Vlies aus Wolle von Schweizer Schafen gefüttert ist. Ein unternehmerisches Kunststück: Aus einem Rohstoff, der auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig war, hat er ein erfolgreiches Produkt entwickelt.

Jahrzehntelang mussten sich die Schweizer Bergbauern wenig Sorgen machen. Egal, an welch entlegenem Berg ihre Schafe weideten – zweimal jährlich ließen sie ihre Tiere scheren, stopften die Wolle ungewaschen in einen Sack und schickten ihn per Post zur Inlandswollzentrale. Doch dann strich der Staat diese verdeckte Subvention für die heimische Landwirtschaft. Nur wenn die Wolle im Land weiterverarbeitet wird, unterstützt dies der Staat weiterhin mit zwei Franken pro Kilo gewaschene und sortierte Wolle.

Gegen ihre Kollegen aus anderen Ländern, vor allem Neuseeland, hatten die Schweizer Schäfer fortan keine Chance. In ihrer Not wandten sie sich an Friedrich Baur. Der fand die Wolle der Eidgenossen trotz des hohen Preises interessant. Ein Naturmaterial, das aus Europa stammt, so sein Kalkül, ist angesichts des wachsenden Unbehagens gegenüber der globalen Textilproduktion ein Vorteil.

Für ein Kilo reinfarbig weiße Wolle zahlt Baur den Schweizer Schäfern einen Franken. Zu viel, um einfache Produkte zu produzieren. Der Rohstoff ist auf dem Weltmarkt schon für wenige US-Cent pro Kilo zu haben. Noch etwas war Baur klar: „Es reicht nicht, ein gutes Produkt zu haben. Es braucht auch ein attraktives Label.“ Deshalb sicherte er sich in den Verhandlungen mit der Inlandswollzentrale die Namensrechte an deren Internetadresse: www.swisswool.ch.

Baur leitet die Firma gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Christian. Der ist Textilingenieur und zeigt in der Fabrikhalle unter dem Besprechungsraum, wie die Wolle verarbeitet wird: Sie bekommt zwölf Prozent Stützfasern aus Maisstärke beigemischt, die verhindern sollen, dass die Wolle verfilzt. In einem großen Ofen werden die Materialien bei 130 Grad Celsius zu einem Vlies verschmolzen. Das fertige Produkt wiegt nur 60 Gramm pro Quadratmeter und lässt sich bei 60 Grad waschen.

Christian Baur stellt auch Vliesstoffe aus Kunstfasern her, die zum Beispiel für Matratzen verwendet werden. Wolle hält er aber für überlegen: „Die Naturfaser hat Eigenschaften, die der Mensch so nicht nachbauen kann. Das Feuchtigkeitsmanagement etwa ist besser als bei synthetischem Isoliermaterial.“ Er hat eine Studie in Auftrag gegeben: Die akkreditierte Prüfstelle Ecolabor aus Österreich bescheinigt der Swisswool, dass sie bei 80 Prozent Feuchtigkeit dieselbe Wärmeleitfähigkeit besitzt wie in trockenem Zustand. Heißt: Die Jacke mit dem Wollvlies wärmt den Bergsteiger oder Skifahrer also auch noch, wenn der verschwitzt ist. Das liegt daran, dass Wollfasern Feuchtigkeit aufnehmen. Die außen liegende Wasser abweisende Schuppenschicht bleibt trocken und kann weiter isolieren.

Eigenschaften, die Dominik Haas begeistern. Er ist Marketingmanager bei Ortovox, einem Hersteller von Outdoor-Textilien für Bergsteiger und Skifahrer. Jacken, Westen, Hemden und Hosen wattiert Ortovox mit dem Swisswool-Vlies. „Schafwolle hat sich früher schon als Überlebensbekleidung im Gebirge bewährt. Sie bietet Komfort und Schutz“, sagt Haas. „Aber wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten, um unseren Kunden klarzumachen: Wolle ist nicht mehr das kratzige Zeug, das ihr aus eurer Kindheit kennt.“

Ein weiterer Vorteil von Wollflies ist, dass er nicht so plustert wie Daunen. Ein Bergsteiger, der keinen Millimeter in seinem Rucksack zu vergeuden hat, weiß das zu schätzen. Die Jacke von Ortovox gibt es im Handel ab 130 Euro.

Friedrich Baur achtet streng darauf, dass nur solche Firmen das Label verwenden, die nachweisen können, dass sie ihre Kleidung in Europa produzieren. Die einzige Ausnahme macht er für Hestra. Er hat der schwedischen Firma drei Container Swisswool nach Asien geliefert, wo sie ihre Handschuhe fertigen lässt. „Das geht nicht anders“, sagt Baur, „weil in Europa niemand mehr hochwertige Fingerhandschuhe aus Leder für Skifahrer näht.“

Vergangenes Jahr hat Baur in der Schweiz gut 300 Tonnen Wolle gekauft. Dieses Jahr sollen es noch mehr werden. ---

Kontakt: www.swisswool.ch

 

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