Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Oje!

• Deutschland ist Recycling-Weltmeister. Hier wird alles wiederverwertet: Papier, Kunststoffe, Aluminium, Flaschen – auch Prominente. Gerade erst ging auf Sat 1 die Sendereihe „Promi Big Brother“ zu Ende. Die neunte Staffel des RTL-Dschungelcamps „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ steht kurz bevor. In beiden Formaten werden abgehalfterte Prominente mit bis zu sechsstelligen Honoraren und Preisgeldern geködert, unter Kamerabeobachtung interniert und der medialen Resteverwertung zugeführt.

Für „Big Brother“ schaffte die Produktionsfirma Endemol den ehemaligen Hamburger Innensenator Ronald Schill, 55, aus einer brasilianischen Elendssiedlung nach Deutschland und sperrte ihn zusammen mit einem minderbegabten Sänger, einer unbekannten Pornodarstellerin, einer Fußballer-Ex-Frau, einer Ex-Schauspielerin, einem Ex-Teppichluder und anderen Marginal-Performern in den Keller eines Hauses in Berlin. Dort erhoffte sich Schill neben dem Geld (angeblich 50 000 Euro) „ein bisschen Sex“ und Resozialisierung. Beides fand nicht statt.

Ist ja auch nicht die Aufgabe von Trash-TV. Das soll möglichst viele Menschen belustigen: Je mehr Zuschauer, desto teurer kann die Werbezeit verkauft werden. Beim Dschungelcamp 2014 schauten Abend für Abend sieben bis acht Millionen Menschen dabei zu, wie die elf Insassen der Show sich vorführen ließen, in Kakerlaken baden oder Straußen-Anus essen mussten. Eine Sekunde Werbung kostete zwischen 2500 und 3000 Euro. Bei „Promi Big Brother“ waren immerhin im Schnitt knapp drei Millionen daran interessiert, wie sich der kleine Trupp der Gescheiterten den Tag vertrieb. Die Werbesekunde der Rumsitz- und Laber-Show gab’s schon für knapp 800 Euro.

Mehr als 70 Kameras zeichneten rund um die Uhr auf, was geschah. Nur auf der Toilette waren Schill & Co allein. Die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 Media AG strahlte alles aus, besonders gern die Duschszenen. Deshalb kennt man nun fast alle beteiligten Brüste und natürlich auch den kleinen Schill. Leider auch den großen. Der bestätigte alle Vorurteile, die man gegen ihn hatte: ein größenwahnsinniger Sexist. Den Mitinsassen verkündete er zum Beispiel ungefragt, was für ihn eine perfekte Frau ausmache. Nein, nicht Äußerlichkeiten, sondern innere Werte: „Erstens: Sie hat immer Lust auf Sex. Zweitens: Sie kann und sie liebt Fellatio. Drittens: Sie kann ein Stöhnen oder Schreien beim Sex nicht unterdrücken. Viertens: Sie gibt dem Mann das Gefühl, dass sie gerade total auf ihn besonders abfährt.“ Er muss es wissen. Er habe schon etwa 1000 gehabt, sagt er. Fellatio kannten nicht alle. Schill musste es ihnen erklären: „Mundverkehr! Einen blasen.“ Da konnte dann auch der Sänger wieder mitreden.

Auf diesem Niveau blieb die Veranstaltung. Echten Sex gab es genauso wenig wie echte Resozialisierung. Nach der Show war Schill immer noch der gescheiterte Politiker, aber jetzt war er auch menschlich endgültig demontiert. In der »Zeit« ferndiagnostizierte der Hamburger Mediziner Professor Bernd Löwe einen narzisstischen Persönlichkeitsstil und empfahl: „Menschen sind nicht gefangen in ihrem Tun und Verhalten, in der Prägung ihrer Persönlichkeit. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu verändern. Manchmal geht das nicht allein, und ein professioneller Blick von außen ist hilfreich. Dafür gibt es in Deutschland viele offene Türen.“

Sat 1 allerdings war zufrieden. Die Sendung kam beim Publikum und den Werbekunden gut an. „Wir freuen uns in der Vermarktung sehr, dass (…) die Quoten signifikant gestiegen sind“, erklärte Thomas Wagner von Sevenone Media, das die Werbeslots von „Promi Big Brother“ an Kunden wie Ferrero, Danone oder Beiersdorf verkauft – Unternehmen, die nach Aussage von Wagner „an das Format geglaubt“ haben, obwohl es in den ersten Shows dieses Jahres nicht besonders gut gelaufen war.

Warum glauben Markenartikler an Programme, in denen keine Sieger auftreten, sondern Verlierer? Warum schauen Millionen zu, wenn Gescheiterte vorgeführt werden wie Zootiere?

Der Tübinger Medienprofessor Bernhard Pörksen vermutet, dass es um ein soziales Phänomen geht: die Gier nach Spektakel. „Es gibt zwei Großtrends in unserer Gesellschaft, die in ein Verhältnis symmetrischer Eskalation eingetreten sind. Auf der einen Seite der Exhibitionismus breiter Kreise, auf der anderen Seite die Lust am Voyeurismus, am Gratis-Spektakel und Sofort-Ekel. Der Loser ist die traurige Symbolfigur für diese Doppel-Tendenz: Er stilisiert sich selbst, um überhaupt noch einmal öffentlich vorzukommen, zum Trottel – und fällt einer Ad-hoc-Verachtung des Publikums anheim. Man kann sich ohne größere intellektuelle Unkosten über all die merkwürdigen Gestalten erheben, die einem da aus dem Fernsehen entgegentreten. Es ist eine sehr leichte Möglichkeit der Distinktion, die einem hier geboten wird – und das macht die Formate attraktiv.“ 

Anfangs glauben die Insassen der jeweiligen Show noch, sie hätten eine Chance. Aber es geht darum, das Scheitern der Gescheiterten zu inszenieren, nicht um deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Loser verkaufen sich besser als Sieger. Der Aufstieg mag nett sein, aber nett ist nur ein anderes Wort für langweilig. Spannend wird es erst, wenn es abwärtsgeht. Je rasanter, desto interessanter.

Wohl nie hatte die ehemalige Heidekönigin Jenny Elvers-Elbertzhagen so viele Schlagzeilen und so viele Kamerateams vor ihrer Wohnung wie nach ihrem Alkohol-Ausfall in einer Talkshow des NDR sowie während des darauffolgenden Entzugs und der Trennung von ihrem Mann und Manager. Und auch Christian Wulff wurde erst richtig zum Star, als alles schieflief und er nacheinander seine Ehre, seinen Job als Bundespräsident und seine Ehefrau verlor. Genüsslich zelebrierten die Medien sein Scheitern. Ganz vorn dabei die »Bild«-Zeitung, die Wulff jahrelang hochgeschrieben hatte. Jetzt, da es abwärtsging, übernahm sie wiederum die Führungsrolle. „Wer mit der »Bild« im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten“, hatte der Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner schon Jahre zuvor als Motto ausgegeben.

Die Logik der Medien ist simpel und brutal: Die Zeiten sind nicht leicht, was Geld bringt, wird vermarktet. Jenny Elvers-Elbertzhagen beispielsweise wurde nach ihrem Absturz zunächst von der Boulevardtagespresse detailfreudig durch die Mangel gedreht, dann von den Boulevardprogrammen des Fernsehens, später von den bunten Wochenblättern. Schließlich schaffte sie es sogar auf den Titel der »Gala« und erhielt eine Sondersendung bei RTL, in der jeder Absturz, jede Peinlichkeit und jeder Fehltritt noch einmal zusammen mit der Moderatorin Frauke Ludowig gezeigt und durchgekaut wurde. Und wer dachte, dass damit der letzte Rest an Selbstwert ausgesaugt und entsorgt worden wäre, hatte sich getäuscht. 2013 tauchte sie in der ersten Staffel von „Promi Big Brother“ auf wie eine unheimliche Wiedergängerin und wurde dort final verwertet. Seitdem jedenfalls ist es ruhiger um sie.

Der Mehrwert, den ihr Scheitern verursachte, ist schwer zu berechnen. Es wurden Zeitungen und Zeitschriften verkauft, Papier bedruckt, Sendezeit gefüllt, Kameramänner und andere Medienschaffende beschäftigt und auch Honorare in sechsstelliger Höhe ausbezahlt. Ihr Scheitern könnte der Volkswirtschaft geschätzte 10 bis 20 Millionen Euro gebracht haben.

So gesehen war es für alle ein Gewinn. Nur für Jenny Elvers-Elbertzhagen nicht. Die ist endgültig ruiniert. ---

Auf und ab

Christian Wulff, 55, Politiker, musste 2012 als Bundespräsident zurücktreten, nachdem die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Vorteilsannahme gegen ihn eingeleitet hatte. Danach trennte sich auch seine Frau von ihm. Unterdessen wurde Wulff freigesprochen. Politische Ämter übt er nicht mehr aus, aber der gut versorgte Pensionär arbeitet inzwischen als Rechtsanwalt und wird gern als Redner zum Thema Integration gebucht.

Klaus Zumwinkel, 70, Manager, war als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post AG einer der mächtigsten Manager in Deutschland. Dann wurde er 2008 bei seiner Festnahme wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gefilmt und später zu einer Millionenstrafe verurteilt. Zumwinkel verlor seinen Job und gab auch das Bundesverdienstkreuz zurück – hat aber nach eigenen Angaben seinen Sturz „gut überstanden“. Er wohnt und arbeitet heute als privater Investor in London und verbringt den Sommer im Castello die Tenno am Gardasee, einer Burg mit 16 Zimmern, Fitnessraum und Hallenbad, die er 1997 erworben hat.

Karl-Theodor zu Guttenberg, 42, Politiker, wurde 2011 der Doktortitel wegen Plagiats aberkannt. Daraufhin trat er als Verteidigungsminister zurück und legte alle politischen Ämter nieder. Der eloquente Adelssproß, der sich um seine Finanzen nicht sorgen musste, versuchte vor allem wieder Anschluss ans politische Geschäft zu finden. Als „distinguished statesman“ des Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat er zumindest wieder eine Funktion; zudem berät er die EU-Kommission in digitalen Fragen und neuerdings das Start-up Ripple Labs, das ein Onlinefinanzsystem entwickeln will.

Uli Hoeneß, 62, Fußballfunktionär, wurde im März 2014 zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe wegen Steuerhinterziehung verurteilt und sitzt seitdem im Gefängnis. Da er inzwischen seine Steuerschuld beglichen hat, gehen Beobachter von baldigem Freigang und einem vorzeitigen Ende seiner Haftstrafe aus – und auch davon, dass er danach wieder eine Rolle beim FC Bayern spielen wird.

Draußen

Franz-Peter Tebartz-van Elst, 54, Kirchenmann, trat im März 2014 als Bischof von Limburg zurück, nachdem ihm Luxussucht und Verschwendung vorgeworfen worden waren. Heute lebt er mit rund 71 Prozent seines Bischofsgehalts zurückgezogen in Regensburg.

Ganz unten

Ronald Barnabas Schill, 55, Richter, wurde 2003 als Innensenator von Hamburg vom Regierenden Bürgermeister gefeuert, weil er „charakterlich nicht geeignet ist, das Amt eines Senators weiterzuführen“. Später wurde er auch aus seiner Partei Rechtsstaatliche Offensive ausgeschlossen. Unterdessen lebt er in Rio de Janeiro, wo er beim Konsum von Kokain gefilmt wurde.

Trash-TV in Zahlen

• „Promi Big Brother“ hatte 2014 pro Folge durchschnittlich knapp drei Millionen Zuschauer und geschätzte Gesamtwerbeeinnahmen für die Staffel von 13 Millionen Euro.

• „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ hatte 2014 pro Folge zwischen 7,2 und 8,6 Millionen Zuschauer. 2500 bis 3000 Euro kostete eine Sekunde Werbung. Bis zu zwölf Minuten pro Stunde darf RTL mit Werbung füllen. Macht bei einer Zwei-Stunden-Sendung bis zu 4,2 Millionen Euro. Dazu kommen Einnahmen aus Sponsoren- und Product-Placement-Verträgen sowie vermutlich mehrere Hunderttausend Euro durch Telefonanrufe von Zuschauern. Insgesamt macht die Show pro Staffel geschätzt bis zu 60 Millionen Euro Umsatz (bei geschätzten Kosten von 30 Millionen Euro).

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