Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Monique R. Siegel im Interview

„Es geht nicht um dich!“

Monique R. Siegel, 75, hat sich für Karrierechancen von Frauen eingesetzt, als das noch eine neue Idee war – und streitet heute für eine Arbeitswelt, in der es das Wort Karriere nicht mehr gibt. Sie hat in den USA Germanistik studiert, war Rektorin der AKAD in Zürich und danach selbstständig.Ihre größte Leidenschaft: Lernen.

brand eins: „Frauen ins Management“ war eine der Forderungen auf dem Symposium von 1985 – besonders viel gebracht hat sie aber nicht, wenn man der Statistik zu Frauen in Führungspositionen glauben will. Ist die Bewegung gescheitert?

Monique R. Siegel: Die Statistik sagt nur die halbe Wahrheit, wahr ist auch, dass Frauen heute in nahezu allen Positionen denkbar und zum Teil auch angekommen sind. So ist eine Frau in den USA für die Air Force zuständig und verhandelt nun mit zwei weiblichen Vorstandsvorsitzenden bei Lockheed Martin und General Dynamics. An der Spitze von IBM steht seit Januar 2012 Virginia Rometty. Und wenn eine Frau das John F. Kennedy Center for the Performing Arts leitet, nachdem sie zuvor in zehn Jahren das Chicago Symphony Orchestra zu einem gewinnbringenden Unternehmen gemacht hat, sagt das mehr als ein paar Prozentzahlen.

Was sagt es?

Dass Frauen alles erreichen können – aber sie müssen es wollen.

Sie zweifeln?

Zumindest wundere ich mich: So viele hoch qualifizierte Frauen verlassen die Universitäten, Fachkräfte werden überall gesucht, und nie waren die Chancen besser – dennoch reden viele Frauen am liebsten über die Nachteile, die ihr Geschlecht mit sich bringt.

Haben Sie eine Erklärung?

Sagen wir mal eine Vermutung. Frauen müssen jetzt zeigen, was sie können. Wir haben immer den Männer vorgeworfen, dass sie nicht richtig führen, die falschen Entscheidungen treffen – nun müssen wir beweisen, dass wir es besser machen können.

Ich spüre geradezu den Proteststurm, der aufzieht.

Mag sein, aber es nützt doch nichts: Wir müssen uns mit der Realität auseinandersetzen. Und zu der gehört eben auch, dass es sich viele Frauen in der Mitte ganz schön gemütlich gemacht haben. Dort ist es leichter, sich den Herausforderungen eines anspruchsvollen Jobs nicht zu stellen oder sich hinter dem zu verstecken, was ich das „für alle“-Syndrom nenne.

Wie meinen Sie das?

Viele Frauen suchen Lösungen, die „für alle“ passen – aber damit blockieren sie nur sich und andere, denn man kann nahezu jede Lösung torpedieren, weil sie für irgendeine Gruppe nicht passt.

Sie sind eben sehr für Gerechtigkeit.

Sie wollen sich gut fühlen.

Ist das schlecht?

Was ich den Frauen verüble, ist, dass ihre Gedanken oft nur um den eigenen Bauchnabel kreisen. Ich komme gerade von einer Unternehmerinnen-Tagung – und worüber hat man dort geredet? Eine Teilnehmerin erzählte, bei allem, was schiefgegangen sei, habe es immer etwas gegeben – ob man es Schicksal nennen wolle oder Gott oder den Großen Geist – bei dem sie sich aufgehoben gefühlt habe. Eine andere fühlte sich berufen, in einem endlosen Monolog mitzuteilen, dass sie nun ihre Mitte gefunden habe.

Wie haben Sie reagiert?

Ich saß ja ganz vorn, habe wertneutral in die Gegend geschaut und versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Aber dann, in einem Arbeitskreis habe ich gefragt: Was sind Sie eigentlich – Unternehmerin oder in spirituellen Fragen unterwegs? Dem Kunden ist es nämlich egal, ob Sie Ihre Mitte gefunden haben, der will ein brauchbares Produkt oder eine brauchbare Dienstleistung.

Das Spirituelle ist so mancher Frau sehr nah.

Damit kann sich jede gern in ihrer Freizeit beschäftigen. Aber im Job geht es nicht um die Mitte und die ständige Frage, ob etwas gut oder schlecht für mich ist. Sheryl Sandberg hat das in ihrem Buch „Lean in“ sehr schön gesagt: „Schätzchen, es geht hier nicht um dich. Es geht darum, ob du zur Lösung der Probleme, die wir bei Facebook haben, etwas beitragen kannst.“ Wenn du hier arbeiten willst, bringe Lösungen – und rede nicht ständig von deiner Karriere, deinen Problemen, deiner Überlastung.

Wer berufstätige Mütter zwischen Job und Familie jonglieren sieht, kann allerdings schon verstehen, dass sie sich überlastet fühlen.

Weil sie alles perfekt machen wollen. Und weil viele noch immer an den Mythos glauben, sie müssten alles haben, alles stünde ihnen zu. Aber niemand kriegt alles, auch Männer müssen verzichten, wenn sie Spitzenjobs haben wollen.

Ein bisschen einfacher ist es für Männer schon, Job und Familie zu verbinden.

Warum ist die Familie eigentlich immer das beherrschende Thema, wenn es um Frauen und Arbeitswelt geht? Frauen haben heute eine Lebenserwartung von circa 90 Jahren – und die Zeit, in der die Familie sie über Gebühr beansprucht und eventuell daran hindert, einen guten Job zu machen, dauert gut 15 Jahre. Davor und danach könnten sie sich ihrer Arbeit widmen.

Danach sind die guten Jobs weg.

Hier zeichnet sich eine Veränderung ab: Qualifizierte Kräfte werden gesucht – und das wird in Zukunft noch mehr der Fall sein. Firmen sind heute eher zu Konzessionen gegenüber älteren Arbeitnehmern bereit, und die meisten erfolgreichen Frauen sind zwischen 50 und 60. Wir haben doch auch schon viel erreicht: Einfluss und Kompetenz verlagern sich immer stärker von den Männern auf die Frauen – in den USA werden inzwischen immer mehr Frauen sogar zum Haupternährer der Familie.

Die US-Autorin Hanna Rosin macht daraus in ihrem Buch „The End of Men“ gleich einen Abgesang.

Das Buch ist deutlich intelligenter als der Titel. Rosin beschreibt, wie Männer darunter leiden, dass ihnen mit der Ernährer-Rolle auch ihre ganze Autorität abhanden kommt. Sie beschreibt aber auch Männer, die sich mit der neuen Situation sehr gut arrangieren und keineswegs unglücklich sind.

Ich habe nie verstanden, warum sich Männer so lange mit der Rolle des Ernährers abgefunden haben.

Ja, es ist erstaunlich, wie lange das gut gegangen ist. Es ist ja eine ungeheure Verantwortung, die ihnen da aufgehalst wurde – und kaum jemand hat das hinterfragt. Im Gegenteil, Mütter haben ihren Töchtern gesagt: „Heirate! Dann hast du jemanden, der dich ernährt!“

Zurück zur Arbeit: Sie sprechen sich in Ihrem Buch für eine auf fünf Jahre begrenzte Quote aus, warum?

Ich war immer gegen eine Quote, aber inzwischen gibt es eine Menge Studien von McKinsey, Boston Consulting, Deutsche Bank, die alle zu dem Schluss kommen: Wenn Frauen und Männer ein Unternehmen gemeinsam führen, ist es profitabler. Das sind ja nun alles keine feministischen Organisationen, also geht es eher um Ökonomie als um Frauenförderung. Offenbar brauchen Männer einen gewissen Druck, um ihr Unternehmen profitabler zu machen.

Ist das der richtige Impuls? Organisationen verändern sich, Hierarchien werden flacher, und agile Organisationen experimentieren damit, den Chef per Wahl zu bestimmen – mit der Quote aber tun wir so, als wäre alles noch wie gestern.

Sie haben recht, die Veränderung, die auch ich anstrebe, ist viel weitreichender als die Quote. Ich möchte eine Arbeitswelt, in der Menschen gern arbeiten, in der nicht von ihnen verlangt wird, dass sie an sieben Tagen jeweils 24 Stunden verfügbar sind, in der es keine Teilzeitarbeit mehr gibt, weil jeder seine Arbeitszeiten individuell und je nach Projekt vereinbaren kann. Aber kommen wir dorthin, wenn Schlüsselpositionen mit Männern besetzt sind, die einen „war of talents“ ausrufen? Oder die nächste Finanzkrise heraufbeschwören?

Die Finanzkrise ist männergemacht?

Jedenfalls sind dieser Zynismus, diese absurden Wetten darauf, dass jemand verliert, diese Jagd nach immer höheren Boni Auswüchse einer Monokultur.

Sind Frauen die besseren Manager?

Diversity ist der bessere Manager – wir brauchen die Ergänzung, die Vielfalt. Es gibt gute und schlechte Manager in beiden Geschlechtern, es gibt Zicken und Despoten. Es gibt Frauen, die andere Frauen fördern, aber auch solche, die neidisch sind: Es gibt alles, und wir müssen lernen, damit zu leben.

Wie haben Sie es gelernt?

Ich habe mich immer neuen Situationen gestellt. Ich habe neun Jahre in New York gelebt, ganz unterschiedliche Jobs gemacht, musste Niederlagen einstecken und danach wieder neu anfangen. Ich habe am selben Tag wie Charles Darwin Geburtstag – und der hat ja nie behauptet, dass die Schnellen die Langsamen fräßen oder die Großen die Kleinen: Er hat gesagt, überleben werden die, die sich am besten veränderten Verhältnissen anpassen können. Das ist die Aufgabe, auch für Frauen.

Wie passen sich Frauen an die Arbeitswelt an?

Indem sie etwas unternehmen – und nicht immer nach einem rufen, der ihnen die Probleme abnimmt. Es fehlt eine Kita? Dann sucht euch Verbündete und gründet eine. Oder nehmen Sie das Thema Lohnungleichheit. Darüber wird immer wieder geklagt, es gibt einen Equal-pay-day, Frauen stellen Forderungen, wollen Gesetze. Warum nutzen sie nicht ihre gute Ausbildung und die Tatsache, dass sie auf dem Arbeitsmarkt begehrt sind, und fordern Lohntransparenz? Warum kämpfen sie nicht, gern gemeinsam mit Männern, für ein Ende der Geheimniskrämerei und stattdessen für eine Arbeitsplatzbewertung? Dieser Arbeitsplatz ist so und so viel Euro wert, egal, ob eine Hose darauf sitzt oder ein Rock.

Wird es die Frauenfrage in zehn Jahren noch geben?

Nein. Zum einen, weil die Generation Y dann ganz andere Probleme zu lösen hat – Umwelt, Flüchtlingsströme, politische Verwerfungen. Zum anderen, weil die neue Generation mit dem Thema entspannter umgeht und ähnliche Ziele hat. Auch junge Männer wollen Zeit für ihre Familie haben, die alten Konkurrenzspiele öden sie an, und mit den Statussymbolen ihrer Väter können sie wenig anfangen. Sie müssen nur wie die Frauen lernen, ihre Forderungen einzubringen und die Tatsache zu nutzen, dass sie in einer starken Position sind. ---

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