Ausgabe 11/2014 - Mikroökonomie

Mikroökonomie

Ein Kino-Betreiber im Tschad

Djasroal Ndadoumdjé, 51, hat fünf Kinder zwischen 11 und 29 Jahren und lebt in Doba, einer Stadt mit 56 000 Einwohnern im Süden des Landes, 80 Kilometer von der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Er studierte in der Hauptstadt N’Djamena Bauingenieurwesen, doch seine Hoffnung auf eine Arbeitsstelle beim Staat erfüllte sich nie. Stattdessen baut er Reis an, betreibt im Hof seines Hauses ein Kino und übernimmt ab und zu Bauaufträge.

Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Ndadoumdjé zeigt täglich um halb sieben und halb neun einen Film, außer bei Regen. Für eine Kinokarte verlangt er 16 Cent und verdient damit im Schnitt 600 Euro pro Monat. Er hat zwei Jugendliche angestellt, denen er im Monat je 90 Euro gibt, zudem zahlt er 80 Euro für Filmausleihe und Steuern sowie 30 Euro für Strom. So bleiben ihm monatlich 310 Euro. Eine Krankenversicherung hat er nicht. Für die Altersvorsorge überweist er mindestens einen Euro pro Monat auf ein Sparkonto.

Aus dem Reisanbau auf seinen vier Hektar Land, das er in erster Linie für den Eigengebrauch nutzt, erlöst er rund 1200 Euro im Jahr. Das meiste Geld verdient er als Bauingenieur, doch das Auftragsvolumen schwankt enorm. Mal bekommt er in einem Jahr drei Aufträge, mal nur einen. Sein größter Erfolg war ein Auftrag mit einem Volumen von 220 000 Euro. Er heuerte 40 Arbeiter dafür an. Nach Bezahlung von Material- und Lohnkosten sowie Steuern konnte er auf einen Schlag 6500 Euro zurücklegen.

Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Ohne Arbeit könnte ich nicht leben. Wer würde mir zu essen geben?

Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?

Bei guter Gesundheit zu sein. Bei uns ist Malaria sehr verbreitet, auch mich hat es schon einmal getroffen. Die Mittel, die ich dagegen bekomme, sind nicht verlässlich und verhindern nicht, dass die Malaria oftmals wiederkommt. Wenn ich gesund bin, ist dies für mich ein Geschenk.

Was möchten Sie an Ihrem Leben ändern?

Ich bin zufrieden, dass ich den Lebensunterhalt meiner Familie sichern kann. Gut wäre, wenn ich mit einer meiner Tätigkeiten mehr verdienen könnte.

Was sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Im Tschad sind die Bildungsangebote sehr beschränkt. Ich würde meine Kinder gerne ins Ausland schicken, doch das ist sehr teuer. Mein ältester Sohn studiert Jura in der Provinzhauptstadt Moundou, doch ich wünschte, er könnte in Kamerun studieren, denn dort ist die Universität wesentlich besser.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonderes gönnen wollen?

Dann verschenke ich etwas von meiner Reisernte an die Kirche, Nachbarn oder Witwen. Alles, was ich habe, verdanke ich Gott, darum gebe ich gerne etwas ab.

Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?

Ich würde gerne lange leben. Ich lege mir monatlich einen Euro für schlechte Zeiten zur Seite.

Erst vor wenigen Jahren kam der Tschad nach 40 Jahren Bürgerkrieg zur Ruhe. Die meisten Länder der Region sind heute Krisenherde. Was löst das bei Ihnen aus?

Es macht mir wirklich Angst. Schon jetzt erleben wir kleine Probleme mit Rückkehrern und Flüchtlingen aus diesen Ländern. In unserer früher so friedliebenden Stadt ist es in der Nacht jetzt unsicher. Die Zukunft ist ungewiss. ---

Tschad
Einwohner: 11,4 Millionen
Währung: CFA-Franc (XAF) (100 XAF = 0,15 Euro)
BIP pro Kopf: 917 Euro
Human Development Index: Platz 184 (Deutschland: Platz 6 von 187 Ländern)

Aktuelle Durchschnittskosten
1 Liter Milch: 0,45 Euro
1 Baguette: 0,20 Euro
1 Fischgericht mit Reis in einem guten Restaurant: 5,60 Euro
1 Dose Coca-Cola: 0,75 Euro
1 Packung Zigaretten: 0,75 Euro
Schulgeld für die private Sekundarschule: 53 Euro /Jahr

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