Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Lebensfreude Records

Party!
Welche Party?

• Es ist ein ständiger Überlebenskampf. Wer Musik abseits des Mainstreams herausbringt, kann nur selten davon leben. Das Berliner Label Lebensfreude begann als Techno- und House-Label, öffnete sich nach und nach auch für die Popmusik. Es ist Musik für DJs und Partygänger, für Eingeweihte, die nach neuen Klängen suchen.

Gunnar Lenke betrachtet Lebensfreude als Lebensaufgabe. Zu Beginn arbeitete er Vollzeit. Das bedeutete wirklich die volle Zeit – wenn er nicht schlief. Heute arbeitet er in der ambulanten Hilfe bei der Erziehung von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Das Label läuft nur noch nebenbei. Ein Rückschritt? Nicht für ihn.

Früher stand Lenke unter Druck, konnte seinen Lebensunterhalt nicht aufbringen, war auf Freundschaftsdienste angewiesen und musste ständig erwägen, die Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlern zu beenden, wenn sich deren Platten nicht verkauften. Das fiel ihm schwer, kam jedes Mal einer Kapitulation gleich. „Oft war ich dann auch nicht Businessmann genug“, sagt er.

Heute geht es ihm besser, der Brotjob gibt ihm Sicherheit. Die Musik ist wieder, was sie eigentlich sein sollte: Leidenschaft. Und er kann seine Mitarbeiter endlich bezahlen. „Es ist immer besser, wenn Geld fließt“, sagt er, „auch wenn es nur wenig ist.“

Die Arbeit mit dem Label hat ihm Türen geöffnet. Er wird als DJ gebucht in Paris oder in China. Die großen Ambitionen und Träume, mit denen er begann, sind aber verflogen. Fühlt er sich gescheitert? „Ich fühle mich jedes Mal gescheitert, wenn sich eine Platte nicht verkauft“, sagt er. „Aber ich empfinde das nicht mehr als großes Scheitern. Die Frage ist doch, woran messe ich Erfolg? Man darf das nicht nur materialistisch sehen. Schließlich ist Musik hauptsächlich Emotion.“

Zum zehnjährigen Geburtstag seiner Firma hat Gunnar Lenke nun einen Abgesang geschrieben auf all die unerfüllten Erwartungen und eine Abrechnung mit der Plattenindustrie abseits der großen Konzerne – von Pleiten geplagt, von Selbstausbeutung getrieben.

Keine Festschrift

Gunnar Lenke über Lebensfreude.

„Zehn Jahre Lebensfreude Records. Wir jubilieren, aber jubeln wir auch? Zumindest wischen wir uns mit dem Handrücken über die Stirn und wundern uns, dass dort immer noch Schweiß fließt. Eigentlich müsste man ob der schlaflosen Nächte, der endlosen Stunden am Rechner, den unzähligen Diskussionen mit Künstlern, Promotern, Journalisten, Presswerken, Vertrieben und dem Finanzamt ausgetrocknet sein, müde, kaputt, die Schnauze voll haben. Klingt heroisch? Ist es aber nicht.

Warum ich ein Label betreibe, ist mir bisweilen selbst ein Rätsel. Ich kann davon weder meine Miete bezahlen noch auf Bioprodukte umstellen. Na ja, immerhin kann ich die Mehrwertsteuer bei meinen Plattenkäufen absetzen.

Berlin im Sommer 2000: Der gemeinnützige Verein Lebensfreude e. V. gründet sich, um unkommerzielle Musik zu fördern. An mir geht dieser historische Moment komplett vorüber. Ich wohnte zu dem Zeitpunkt noch in Erfurt, und Berlin ist die große geheimnisvolle Stadt, die bei jedem Besuch rätselhafter wird. 2004 gründet Heiko Werner das Platten-Label Lebensfreude. Und irgendwann dazwischen lerne ich die Leute kennen. Wir lachen und trinken zusammen und schmieden Pläne. Berlin war plötzlich kein Rätsel mehr, es war die Antwort. Kurz darauf veröffentlichte ich meine erste Schallplatte auf Lebensfreude. Schlicht benannt nach meiner Heimatstadt. Es schien alles vorgezeichnet, eine leuchtende Zukunft vollgepackt mit ausverkauften Welttourneen, magischen Plattenverkäufen und Interviews in den angesagten Magazinen. Es war nur eine Frage der Zeit.

In Erfurt arbeitete ich für das Label einer Elektro-Rockband und bekam Einblick in das, was man gemeinhin Monkeybusiness nennt. Ich lernte, dass die nicht enden wollende Party immer das Produkt intensiver Arbeit ist, von Deals und Beziehungen, von Kalkulation und Umsatz, von Geld, das fließt und Geld, das ausbleibt.

Und so fühlte ich mich optimal gewappnet, als Heiko Werner mir anbot, das Label Lebensfreude zu übernehmen. Die Welt war nun zum Greifen nahe. Ich löste das sichere Angestelltenverhältnis und wurde Freiberufler, Label-Inhaber, DJ, Produzent und Veranstalter – eine sichere Sache, wie ich meinte. Ich steckte alle Energie in die Musik. Künstler treffen, Platten veröffentlichen, Partys veranstalten. Der Puls der Zeit – das war ich.
Es wurde ein Desaster.

Der Niedergang der Vinylverkäufe vollzog sich in rasender Geschwindigkeit. Der Vertrieb schickte mir plötzlich Platten zurück, um die Lager zu leeren. Wo die alle hin sollten in meinem 20 Quadratmeter-Zimmer in einer Neuköllner WG, war mir rätselhaft.

Die Krankenkasse meldete sich mehrmals besorgt. Nicht meiner Gesundheit wegen, sondern um sehr bestimmt auf fehlende Beiträge hinzuweisen. Das Label stand 2008/2009 mehrmals am Abgrund. Kaum wieder aufgebäumt, kam der nächste Schlag. Vom ersten Vertrieb fallen gelassen, folgte in relativ kurzen Anständen die Pleite zweier weiterer Vertriebspartner. Lebensfreude mittendrin. Vierstellige Geldbeträge verschwanden.

Das Klagen erlebte ich auf allen Seiten. Label-Chefs, die sich frustriert aus dem Geschäft zurückzogen, Künstler, die überzeugt werden mussten, dass Abrechnungen aus den Musikverkäufen nicht mehr zu erwarten sind. Es fühlte sich an wie eine Zäsur, ein Zeitenwechsel. Das Spiel hatte seinen letzten Glanz verloren. Willkommen im Jetzt. Und auch ich stellte mir erstmals die Frage, warum ich das alles weitermachen sollte. Den Stress, der Misserfolg, die ständige Kraft, die man braucht, um sich wieder aufzurichten, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Die Antwort steckt in einer Gegenfrage: Was wäre die Alternative?

2011 wird zum Wendepunkt. Zwei neue Platten rücken das Label wieder mehr in den Fokus. Die Vertriebspleiten sind verkraftet, Umstrukturierungen machen die Arbeit effizienter. Vinyl ist aller Liebe zum Trotz auf seine realen Verkaufsmöglichkeiten zurechtgestutzt. Das Label öffnet sich musikalisch. Der Dancefloor ist nicht mehr das alleinige Ziel. Was gefällt, wird gemacht. Die Miete wird wieder durch Lohnarbeit bezahlt, die restliche Zeit ist der Musik vorbehalten.

Berlin im Sommer 2014: Lebensfreude Records gehört zu den zählebigen Labels, die sich im Musikzirkus verankert haben. Wir können nicht anders. Vermutlich würde es keine großen Folgen für die Szene haben, sollte das Label eines Tages verschwinden. Lebensfreude war zu keinem Zeitpunkt eines der hippen, angesagten Labels. Aber darum geht es auch nicht. Für die Protagonisten, die Künstler, die Leute, die ihre Freizeit und Energie in das Label stecken, ist es Inhalt, Erfüllung, auf jeden Fall Freude, Lebensfreude. Und deshalb jubeln wir dann doch ein wenig.
Zehn Jahre Lebensfreude – warum denn nicht?“ ---

www.lebensfreuderecords.net

Lebensfreude zum Hören:
Stereofysh – The Race (bisher unveröffentlicht, exklusiv für brandeins-Leser)
Pentatones – The Devil’s Hand (Douglas Greed Remix)
Gunne & HD Substance – The Berlin Session

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