Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Kernkraftwerk Zwentendorf

Das Phantomkraftwerk

• Stefan Zach ist ein fröhlicher Mensch in einem roten Poloshirt. Aber vor der Sicherheitsschleuse wird er ernst. Er bückt sich und steigt durch den runden Eingang, der einem Riesenbullauge gleicht. Dahinter kommt ein schmaler Durchgang, der in Gelb gestrichen ist. Die Schleuse hat keine Tür, sondern zwei gepanzerte Luken. Mit diesen wird sie im Ernstfall hermetisch abgeriegelt. Zach zeigt auf die massiven Scharniere, die mit Graphit geschmiert sind, und warnt: „Diese Flecken kriegen Sie nie wieder aus der Kleidung. Da hilft nur noch die Gewandschere.“

Auf dem Poloshirt von Zach steht EVN – Energieversorgung Niederösterreich. Er ist der Sprecher dieses Unternehmens und führt heute 50 Rentner durch das einzige Atomkraftwerk (AKW)Österreichs. Aber die Leute nehmen seine Warnung nicht ernst. Ohne Rücksicht auf Janker und Jacken drängen sie durch die Schleuse in den Steuerstab-Antriebsraum.

Das merkwürdige AKW steht in Zwentendorf, 50 Kilometer nordwestlich von Wien. Es wurde von einem Siemens-AEG-Joint-Venture gebaut, 1978 war es fertig. 200 Mitarbeiter waren für den Betrieb geschult, die Brennelemente bestellt. Man hätte nur noch den Knopf drücken müssen. Aber der Reaktor ging nie in Betrieb, nichts ist verstrahlt, man kann ihn ohne Risiko besichtigen.

Das Phantomkraftwerk ragt als grauer Klotz über die Donau. Viereckig, mit Eternit verkleidet, 64 Meter hoch. In seinem Schatten flattert die rot-weiß-rote Fahne über einem Kinderspielplatz. Daneben steht eine Holzhütte, in der ein Winzer aus der Region eine Jausenstation betreibt. Sie ist ein beliebter Halt am Donauradweg. Unter der Wiese buddeln Maulwürfe, auf dem großen Parkplatz steht ein Reisebus.

Zu Beginn der Führung hat Stefan Zach die Besucher in einem niedrigen Nebengebäude empfangen. Und die Geschichte von Zwentendorf referiert. Während des Baus gab es kritische Stimmen gegen die Kernenergie, aber der Widerstand war schwach. Kanzler Bruno Kreisky ließ das Volk abstimmen, ob es ein Atomkraftwerk will. Er wähnte sich seiner Sache sicher und verknüpfte diese Frage mit seiner politischen Zukunft: Wer ihn wolle, müsse dafür sein.

Das war ein Fehler. Im Volk herrschte Fortschrittseuphorie, es gab noch keine grüne Bewegung. Aber die Rechte mochte den linken Kreisky nicht. So stimmte Österreich am 5. November 1978 mit 50,47 Prozent gegen sein betriebsbereites Kernkraftwerk, das umgerechnet eine Milliarde Euro gekostet hatte. „Das unterscheidet uns von vielen Ländern“, sagt Zach trocken: „Wir bauen erst und fragen dann, was mit dem Bau geschehen soll.“

Die Stimmung unter den Rentnern ist aufgekratzt, alle sind gespannt auf den Reaktor. Doch vor dem Rundgang macht Zach noch auf zwei Besonderheiten des Gebäudes aufmerksam. „Bleiben Sie bitte bei der Gruppe. Die Wände sind aus meterdickem Stahlbeton. Das Handy hat keinen Empfang, und wir kommen erst am Montag wieder.“ Außerdem bittet Zach seine Gäste, wenn nötig, noch hier im Nebengebäude schnell auf die Toilette zu gehen. Das Kraftwerk hat zwar 1050 Räume, aber kein Klo. Ein Reaktortechniker kann an seinem Arbeitsplatz nicht mal schnell pinkeln. Denn das, was dabei entsteht, ist verstrahlter Abfall, den man nicht einfach in die Kanalisation spülen darf. Fröhlich erklärt Zach: „Deshalb ist in einem Kernkraftwerk alles verboten, was Spaß macht: das Essen, das Trinken, das Rauchen.“

Der Sprecher des Energieversorgers betrachtet diese Anlage als Kommunikationsraum. Die Besucher sollen auch lachen, das ist ihm wichtig. „Wir präsentieren hier ein modernes Theaterstück, und die Gäste werden Teil der Aufführung.“ Dieses Stück behandelt ein Kapitel österreichischer Zeitgeschichte. Dank der Alpen hatte das Land genug Wasserkraft, es hatte genug thermische Kraftwerke, aber es wollte in den Siebzigerjahren halt auch ein Atomkraftwerk.

„Die Leute sollen sehen, dass wir über unsere Vergangenheit schmunzeln können“, sagt Zach. Jeden Freitag bietet die EVN Führungen an, sie sind auf Monate ausgebucht. Um die Warteliste zu verkürzen, gibt es mehrere Tage der offenen Tür im Jahr.

Mit den Führungen will das Unternehmen kein Geld verdienen. Sie sind gratis und dienen allein der Imagepflege. „Die Leute gehen als EVN-Kunden ins Kraftwerk hinein und kommen als EVN-Fans wieder heraus“, sagt Zach. Der Reaktor-Rundgang soll Kunden binden, die auf dem liberalisierten Strommarkt jederzeit den Anbieter wechseln können. „In Zwentendorf bietet ihnen die EVN ein einzigartiges Erlebnis“, sagt Zach, „und die Kunden sehen: Das sind sympathische, lustige und weltoffene Leute bei meinem Energieversorger.“

Hinter der Schleuse mit der gepanzerten Luke geht es zur Steuerstabwechselbühne. Sie sieht aus wie eine Kanzel mit einem Stahlgeländer, das in einem Orange aus den Siebzigern lackiert ist. Darüber tun sich an der Decke hundert kreisrunde Öffnungen auf, aus denen rätselhafte Stäbe ragen.

Auf dieser bizarren Kanzel steht ein Mönch. In seiner rand-losen Brille spiegeln sich Bündel von silbrig glänzenden Rohren. Mit staunenden Augen schaut er sich um und sagt: „Ich erwarte, dass gleich Captain Kirk auftaucht.“ Er steht nicht zum ersten Mal auf dieser Kanzel, schüttelt aber noch immer verwundert den Kopf und sagt: „So was wie hier gibt’s nur hier.“

Der Mönch heißt Karl Wallner und gehört zu den Zisterziensern der Abtei Heiligenkreuz im Wienerwald. Er ist Rektor der dortigen Hochschule und Vorstand des Instituts für Dogmatik und Fundamentaltheologie. Über Fachkreise hinaus bekannt geworden ist er jedoch durch eine CD mit gregorianischen Gesängen, die er mit seinen Ordensbrüdern aufgenommen hat. Die Mönche schafften es in der Hitparade nach ganz vorn. Als danach das öffentliche Interesse immer mehr stieg, holten sich die Geistlichen Rat bei dem PR-Profi Zach. „Seine Tipps waren rettend“, sagt Pater Karl. Bevor er Meldungen an die Presse verschickte, gab er sie Zach zum Gegenlesen. Der antwortete kurz und bündig, zum Beispiel mit einer SMS: „Pater Karl, deine Mitteilung könnte substanzieller sein.“

Irgendwann erzählte der Pater dem Pressesprecher, dass er in seiner Jugend gegen das Atomkraftwerk protestiert habe. „Dann schau’s dir doch mal an“, sagte Zach. Ob er auch ein paar Freunde mitbringen dürfe, fragte Wallner. Auch das war kein Problem, und so machte das Stift Heiligenkreuz einen Ausflug nach Zwentendorf. 120 Mönche und Studenten kamen, der Abt segnete die Anlage, und weil das Interesse so groß war, bietet die EVN seit diesem geistlichen Probelauf öffentliche Führungen an.

Österreich, du hast es besser

Diese finden überwiegend im Konjunktiv statt. „Hier hätte jeder Angestellte ein Dosimeter bekommen, das die Strahlung anzeigt“, erklärt Zach am Eingang. Im Nebenraum hätten die Angestellten sich umgezogen. Über nie benutzten Waschbecken hängt eine Garnitur Doppelripp-Unterwäsche in Knallgelb, Original Mäser aus den Siebzigern. Die Farbe war bewusst so auffällig gewählt. Sie sollte verhindern, dass ein Ingenieur vergessen könnte, die kontaminierte Unterhose nach der Arbeit auszuziehen. Denn alle verstrahlte Arbeitskleidung musste im Kraftwerk bleiben und wäre dort gewaschen worden.

Als es 1986 in Tschernobyl zu einer Nuklearkatastrophe kommt, „da sahen wir das als späte Bestätigung für unseren Volksentscheid“, sagt Zach. Er bekennt offen, dass er gegen Kernkraft ist. Als Aktivisten von Greenpeace gefragt haben, ob sie an der Fassade des Kraftwerks das Abseilen üben dürften, hat er Ja gesagt. „Bei den Führungen sind 95 Prozent unserer Gäste gegen Atomkraft“, sagt Zach, „aber wir wollen niemandem eine Meinung aufdrängen. Und wir werten nicht.“

An einer beigefarbenen Wand hängt ein Schild: „Strahlenbe-reich – Zutritt nur mit Strahlenschutzbelehrung.“ Die Flure, Aufzüge und Treppenhäuser sind zu eng für 50 Personen auf einen Schlag. Deshalb wird die Gruppe geteilt, Karl Sieberer führt die zweite Hälfte. Er ist Elektrotechniker, 1978 war er 22 Jahre alt und sehr stolz. Er hatte eine Stelle im Kernkraftwerk, dem die Zukunft zu gehören schien, und fühlte sich den Kollegen aus der Wasserkraft turmhoch überlegen. „Wir waren die Götter der E-Wirtschaft“, sagt er, und noch immer tue ihm das Herz weh, wenn er Gästen seinen Beinahe-Arbeitsplatz zeigt.

Aber Sieberer hadert nicht. Er hat seinen Frieden mit dem Thema gemacht. Der Techniker lässt keine glaubenskriegerhafte Verbissenheit erkennen. Aus deutscher Sicht ist es erstaunlich, wie Österreich den Konflikt um die Kernkraft gelöst hat. Statt sich über Castor-Transporte zu echauffieren oder geologische Details von undichten Endlagern zu diskutieren, schlendern in diesem atomar befriedeten Land Gegner und Befürworter der Kernspaltung nebeneinander her durch lange Flure. Schulter an Schulter passieren sie Stahlwände, die Flugrost angesetzt haben.„Wir waren eher dagegen“, sagt der Leiter der Seniorengruppe jovial. Eine weißhaarige Frau mit Krückstock sagt: „Jo, eh.“

Eine schöne Kulisse für Katastrophenfilme

Im Atomkraftwerk gibt’s keine Stockwerke. Im Aufzug werden Höhenmeter angezeigt. Bei 39,4 steigt die Gruppe aus und geht zur Brennelementwechselbühne. Von hier fällt der Blick in das Herz der Finsternis: in einen grauen Zylinder, 20 Meter tief, 6,5 Meter breit, oben offen. Dies ist der Reaktorkern, hier wären die Atomkerne gespalten worden. „Ich weiß nicht, ob er sicher ist“, sagt Zach, „aber er sieht faszinierend aus.“

Der Reaktordeckel steht daneben, auf drei Säulen aufgebockt. Er besteht aus geschmiedetem Stahl, hat einen Durchmesser von rund sieben Metern und setzt monströse Fantasien frei. Man kann sich drunterstellen und sich gruseln: Was wäre, wenn einer der drei schenkeldicken Stahlbolzen bräche? Dann wäre man unter einer 60 Tonnen schweren Kuppel lebendig begraben.

„Zwentendorf steht wie kein zweiter Ort in Österreich für ein permanentes Scheitern“, sagt Stefan Zach. Es gab Pläne, die Anlage zu einem Gaskraftwerk umzurüsten. Friedensreich Hundertwasser wollte ein Museum der fehlgeleiteten Techniken einrichten. Das graue Monument der Sinnlosigkeit zog auch Udo Proksch magisch an, das Enfant terrible der österreichischen Gesellschaft. Bevor der zwielichtige Unternehmer im Gefängnis starb, hatte er einen Verein der Senkrecht-Bestatteten gegründet. Das Freigelände um den Reaktor dünkte ihn als der rechte Ort, Verstorbene in durchsichtigen Behältern auszustellen. So sollten sie für ihre Angehörigen ewig sichtbar bleiben.

Hollywood wollte im leer stehenden Kraftwerk einen Film drehen, in dem Dolph Lundgren die Welt vor Atomterroristen rettet. Aber auch daraus wurde nichts.

Der Nationalrat in Wien verabschiedete 1999 das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich. Spätestens jetzt war klar, dass der Reaktor in Zwentendorf nie in Betrieb gehen würde. Trotzdem kaufte die EVN 2005 das sinnlose Kraftwerk für 2,5 Millionen Euro. „Derzeit wird es nicht benötigt“, sagt Zach, „aber ein Energieunternehmen denkt in Jahrzehnten.“ Für die EVN ist Zwentendorf ein wertvoller Reservestandort. Die Anlage hat alle Genehmigungen für den Betrieb eines thermischen Kraftwerks. Man könnte hier zum Beispiel eine Biomasseanlage mit Hackschnitzeln betreiben. Der Transport des Brennmaterials wäre denkbar einfach – die Schiffsanlegestelle am Donauufer gehört zu den Standortvorteilen von Zwentendorf.

Die Betriebskosten belaufen sich auf rund 250 000 Euro im Jahr. Die EVN kommt mit dem Kraftwerk a. D. auf eine schwarze Null. In der Vergangenheit hat sie Ersatzteile nach Deutschland verkauft, die Reaktoren in Brunsbüttel, Philippsburg und Krümmel sind ähnlich gebaut. Und die Betreiber von Atomkraftwerken in aller Welt schicken ihre Mitarbeiter zur Schulung nach Österreich.

Das Kraftwerk selbst gilt inzwischen als attraktive Location. Im Frühjahr findet hier das Musikfestival „Global 2000 Tomorrow“ statt. Auch als geheimnisvolle Kulisse ist Zwentendorf gefragt. Sat.1 drehte hier den Katastrophenfilm „Restrisiko“, mit Ulrike Folkerts und Kai Wiesinger.

An der Außenhaut des grauen Riesen hängen quadratmeter-weise blaue Zellen. Sie produzieren Solarenergie. Gemeinsam mit der TU Wien entwickelt die EVN in ihrem Atomkraftwerk die Fotovoltaikanlagen weiter. Einer der Rentner, offenkundig Hausbesitzer, zeigt Interesse: „Lässt sich schon sagen, welche Moduln die besseren san?“

Trotz großer Nachfrage gibt es im Winter keine Führungen. Dann kühlen die Räume zwischen den Stahlbetonmauern aus. Und das Kraftwerk, das gut 1,7 Millionen Haushalte mit Strom versorgen sollte, hat keine Heizung. Wenn der Reaktor im Betrieb wäre, würde die Anlage Dampf erzeugen, und es wäre warm genug.

Pater Karl kommt gern nach Zwentendorf. Der Ort erinnert ihn an den Protest seiner Jugend. „A bisserl blöd gelaufen ist das schon“, sagt er über das Stück österreichische Zeitgeschichte. „Aber wir müssen uns für diese Ruine nicht schämen.“ ---

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