Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Der amerikanische Traum

Am Afterfail-Stammtisch trösten sich Gescheiterte

• Man könnte sie für Brüder halten. Mittelgroß, schlank, brünetter Kurzhaarschnitt. Vom Charakter her sind sie sich auch nicht unähnlich. Macher, selbstbewusst. Beide sind Franzosen, der eine 40, der andere 42 Jahre alt. Der eine heißt Fabrice Grinda und ist erfolgreicher Internetunternehmer. Der andere heißt Bertrand Chastagner, und als wir ihn treffen, sitzt er vor einer Cola in einer Pariser Kneipe, „La Chope Champerret“. Um ihn herum am Tisch zwei Frauen und drei Männer. „Ich kann einfach meine Klappe nicht halten“, sagt Chastagner gerade. Der Job als IT-Berater in einem kleinen Unternehmen hatte vielversprechend geklungen. Doch nach wenigen Wochen musste er aufgeben. „Bei meinem Hintergrund sehe ich schon nach wenigen Tagen das große Ganze, wo es im Unternehmen hakt. Wenn ich eingestellt werde, fordern mich die Chefs sogar auf, meine Ideen einzubringen. Aber wenn ich es dann mache, nehmen sie das eher krumm.“

Drei Jahre ist es nun schon her, dass seine Firma Intranetwork Pleite machte. Ab der Jahrtausendwende, Chastagner war noch keine 30, da beriet er französische Mittelständler, Kommunen und Verbände. 2006 verbuchte er 150 000 Euro Gewinn, hatte fünf Mitarbeiter. Doch dann erkrankten Vater und Mutter an Krebs. Chastagner entschied sich, für sie da zu sein. Für die Zwischenzeit engagierte er einen Geschäftsführer und einen Projektleiter. Die falschen, wie er heute sagt. Zwei Jahre später, als die Eltern gestorben waren und er die Trauer einigermaßen überwunden hatte, war die Wirtschafts- und Finanzkrise in Frankreich angekommen. Potenzielle Neukunden hatten nicht das Geld, Verträge zu unterschreiben.

„Eine Zeitlang lebte ich noch mehr recht als schlecht von Vertragsverlängerungen einiger Stammkunden, schoss auch privates Geld nach.“ Aber 2011 führte am Insolvenzantrag kein Weg mehr vorbei. Seither sucht er wieder einen Job. Er hält sich mit zeitlich befristeten Projektarbeiten über Wasser. Nun erhofft er sich Unterstützung von dem Selbsthilfeverein „Second Souffle“ (auf Deutsch: zweites Atemholen), der diesen Abend organisiert hat. „Afterfail“ nennt sich die Runde gescheiterter Unternehmer trotzig. Wenn die anderen, die Arbeit haben, nach Feierabend bei Afterwork-Treffen Anekdoten aus dem Büroalltag austauschen, dann stärken sich die Geschlagenen beim Afterfail gegenseitig den Rücken. Die Teilnehmer haben derzeit weder das Geld noch die Energie, etwas Neues aufzubauen. Sie suchen eine Festanstellung. „Aber die Chefs haben Angst, dass wir eigentlich an ihren Schreibtisch wollen“, sagt Chastagner.

Fabrice Grinda sitzt derweil in T-Shirt und kurzen Hosen am Schreibtisch seines Hotelzimmers im Surfer-Mekka Cabarete an der Nordküste der Dominikanischen Republik. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren. Draußen sind fast 30 Grad, obwohl es noch früher Vormittag ist. Grinda schaut durch das Fenster zu den Kite-Surfern am Strand. In ein paar Stunden wird er sich zu ihnen gesellen. Grinda ist für ein paar Tage aus New York angereist, „drei Stunden Direktflug“, wie er sagt, „um ein bisschen auszuspannen“. Aber vorher steht noch ein wenig Arbeit an.

„Ich würde gern weniger arbeiten. 60 oder 65 Stunden pro Woche statt 80“, sagt er und lacht vergnügt. Im Herbst 2000 hatte ihn sein Mehrheitsaktionär Bernard Arnault, der Chef des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH, in Paris aus der von Grinda mit aufgebauten und schnell international erfolgreichen Ebay-Kopie Aucland geworfen. Der Geschasste ging in die USA zurück, wo er sein Studium an der Princeton-Universität mit Auszeichnung abgeschlossen und anschließend zwei Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet hatte. Er gründete den Klingeltonanbieter Zingy. „Wir schrieben das Jahr 2001, alle B2B-Unternehmen hatten gerade Pleite gemacht, es war unmöglich, einen Finanzier zu finden“, erinnert sich Grinda. Eine Wohnung konnte er sich nicht leisten, schlief im Büro. Aber auch das musste er mehrfach wechseln, weil er hohe Mietschulden hatte. 2003 dann endlich war Zingy profitabel, machte fünf Millionen Dollar Umsatz. Im Jahr darauf waren es schon 50 Millionen.

2004 verkaufte Grinda die Firma für 80 Millionen Dollar an das japanische Internetunternehmen For-Side. Er müsste eigentlich gar nicht mehr arbeiten. Aber materieller Besitz interessiere ihn nicht sonderlich. „Ich habe ungefähr 50 Kleidungsstücke, Socken und Unterhosen inbegriffen. Die passen alle in einen kleinen Trolley.“ Damit zieht er umher, von Hotel zu Hotel, von Airbnb-Unterkunft zu Airbnb-Unterkunft. „Ich reise so viel, dass ein eigenes Haus die meiste Zeit leer stünde. Und darum müsste man sich ja auch dauernd kümmern, um den Gärtner, die Putzfrau … Nein, in der Zeit schiebe ich lieber ein neues Unternehmen an.“

Das Augenmerk liegt auf den Fehlern

2006 entstand OLX, eine Website für kostenlose Kleinanzeigen, die nach wie vor in mehr als hundert Ländern präsent ist. 2010 übernahm der südafrikanische Medienkonzern Naspers OLX. Mehr als sieben Millionen Dollar hat Grinda inzwischen als Business Angel in andere Start-ups investiert. Der Franzose ist in den USA geblieben. „In Frankreich hängt einem eine Niederlage wie eine Fessel am Fuß. Hier ist der Neuanfang viel einfacher.“

Frankreich steckt in der Wirtschaftskrise. Das Wachstum ist gleich null, der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt auf elf Prozent abgestürzt. Selbst ehemalige nationale Vorzeigeunternehmen wie der Autokonzern PSA Peugeot Citroën oder der Siemens-Konkurrent Alstom brauchen zum Überleben ausländische Partner und Staatshilfe. Nach oben gehen nur die Zahlen der Arbeitslosenstatistik und die der Staatsverschuldung.

Es ist diese düstere Lage, die die USA plötzlich in einem so leuchtenden Licht erscheinen lässt. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich rümpft man an Seine, Loire und Rhone sonst gern die Nase über die amerikanische Lebensart. Bevor der Streaming-Dienst Netflix im September in Frankreich seinen Dienst aufnahm, fürchteten Kulturschaffende und Politiker nicht weniger als einen Angriff auf die Grundwerte der Grande Nation. Nirgendwo sonst werden mit ebenso großer Verve wie Erfolglosigkeit die Konzerne Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft als Steuertrickser gebrandmarkt. Sie werden „Gafam“ genannt, und das klingt nicht zufällig wie ein Schimpfwort. Um ein Haar hätte man in Paris auch die Aufnahme der Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA platzen lassen.

Nun sind im Wirtschaftsministerium ganze Stäbe von Beratern plötzlich wie elektrisiert vom Gründertum made in USA. Auch wir brauchen Studenten, die bereits an der Universität Firmen gründen, lautet die neue Losung. Ja doch, genau solche wie Sergey Brin und Larry Page, die Google-Gründer, die sich an der Stanford-Universität kennenlernten, und solche wie Mark Zuckerberg, der Facebook noch als Harvard-Student auf die Beine stellte. Und wir brauchen Hochschulen, die unsere Jugend nicht wie bisher auf Top-Jobs in öffentlicher Verwaltung und Großkonzernen vorbereiten, sondern das Rüstzeug für Firmengründungen an die Hand geben. Dem muss allerdings ein Mentalitätswandel vorausgehen. Denn das Risiko des Scheiterns wollen die wenigsten eingehen. Zu sehr hängt einem in Frankreich schnell der Makel des auf Dauer Erfolglosen an.

„In den USA zählt der Versuch, in Frankreich das Ergebnis“, erklärt der Soziologe Serge Guérin von der ESG Management School in Paris. „In den USA ist der Erfolg beinahe Nebensache. Wir hier dagegen tendieren zu der Annahme, dass jemand nach dem ersten Scheitern auch ein zweites Mal versagt.“

Diese Haltung werde schon Kindern vermittelt, sagt Philippe Laurent, Coach und Autor des Buches „Le Bonheur au Travail“ (Das Glück bei der Arbeit). „Wir konzentrieren unser Augenmerk auf das, was nicht funktioniert. Man sieht das schon daran, wie Prüfungen an der Schule korrigiert werden. Die Lehrer fokussieren sich auf die Fehler und schreiben unter die Arbeit ,Der Schüler könnte es besser‘. Wenn es doch einer wagt, ein Lob auszusprechen, schränkt er es gleich mit einem ,aber der Schüler muss da und dort mehr achtgeben‘ ein.“

Die Folgen: Laut einer Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2011 dauert es in Frankreich mit Abstand am längsten, neun Jahre, bis gescheiterte Ex-Unternehmer von ihren Altschulden befreit sind. Der sogenannte Indikator 040, eine Art schwarze Liste bei der Französischen Zentralbank, wo jeder Pleitier unabhängig vom Grund der Insolvenz drei Jahre lang eingetragen blieb, wurde zwar 2013 abgeschafft. Damit ist es theoretisch einfacher geworden, nach einer Insolvenz erneut an einen Kredit zu gelangen.

Doch diese Neuerung hat sich bisher kaum herumgesprochen. Kein Wunder also, dass von den rund 45 000 zu ihren Berufsabsichten befragten Absolventen französischer Hochschulen in einer aktuellen Studie lediglich 1,7 Prozent angaben, im eigenen Unternehmen arbeiten zu wollen. Bei den Ingenieuren war es gar nur ein Prozent. Sie gehen lieber auf Nummer sicher. Zu den Top Ten der begehrtesten Arbeitgeber zählen ausschließlich Großkonzerne.

„Wenn man ein Unternehmen aufbaut, muss man ganz klar bereit sein zu scheitern“, sagt Bertile Burel. Zusammen mit ihrem Mann James Blouzard (ehemals Jacques-Christophe) gründete sie 2004 den Erlebnisreisen-Anbieter Wonderbox. Das Romantik-Wochenende auf dem Land, die Weinverkostung an der Rhone oder auch der Fallschirmsprung kommen als kleine Geschenkbox ins Haus. Wonderbox ist heute Marktführer in Frankreich. Doch der Anfang war so zäh, dass das Paar 2006 kurz davor war, aufzugeben. Die großen französischen Supermärkte wie Carrefour oder Auchan, wo die beiden ihr Angebot platzieren wollten, verlangten viel Geld, das die Gründer nicht hatten. Burel bat, hochschwanger, vergeblich um einen Bankkredit. „Als der Berater mich ansah, war die Antwort auch schon klar.“ Ihr Mann unterschrieb einen Vertrag mit einem großen französischen Lebensmittelhersteller, um als Länderchef nach Indonesien zu gehen.

Doch dann kam die Wende. Weil DVDs sich in den Supermärkten immer schlechter verkauften und die Wonderboxen nahezu die gleiche Größe hatten, waren sie plötzlich gefragt – und das Weihnachtsgeschäft lief hervorragend. Voriges Jahr machte das Unternehmen 150 Millionen Euro Umsatz. „Niederlage und Erfolg liegen manchmal sehr nahe beieinander“, sagt Burel.

Beim zweiten Mal passt man besser auf

Marc Simoncini hat ein Buch geschrieben, um seine Landsleute aufzurütteln. „Grandeurs et Misères des stars du Net“ heißt es (auf Deutsch etwa: „Glanz und Elend der Internetstars“). Darin listet der Gründer der Singlebörse Meetic Beispiele einer ganzen Reihe französischer Internetunternehmer auf, die erst einmal eine Bauchlandung hinlegten, ehe sie im zweiten Anlauf Erfolg hatten.

Auch die eigene teure Blamage hat Simoncini nicht ausgelassen. Bevor er mit Meetic zum hundertfachen Millionär wurde, hatte der inzwischen 51-Jährige im Jahr 2000 beim Verkauf des von ihm gegründeten Portals iFrance an den französischen Medienkonzern Vivendi viele Millionen Euro einfach dadurch verloren, dass er sich nicht gegen den Absturz der Vivendi-Aktien abgesichert hatte.

„Ich hatte also“, sagt er heute kühl, „zunächst einen Erfolg, weil ich zu einem sehr guten Preis verkauft hatte, dann eine Niederlage, weil ich Geld verlor. Daraus resultierte aber wiederum ein super Erfolg, weil ich gezwungen war, etwas Neues auf die Beine zu stellen.“ Meetic nämlich. „Beim zweiten Mal passt man viel besser auf. Beim ersten Mal weiß man noch nicht, was einen erwartet.“ In den USA und selbst in Japan sei die Niederlage anerkannt und legitim, wirbt er für weniger Strenge im eigenen Land. „Ja, dort sind die Personalabteilungen sogar ganz wild auf Lebensläufe voller Niederlagen. Bill Gates sieht in Niederlagen eine Lektion, und der Chef von Procter & Gamble, Alan Lafley, nennt seine Fehler ein Geschenk. So etwas gibt es in Frankreich kaum. In Frankreich muss der Lebenslauf so geschmeidig wie möglich sein.“

Bevor Fabrice Grinda im Jahr 2000 nach dem Raus- wurf bei Aucland sein Pariser Büro verließ, schrieb er sich selbst eine lange E-Mail. „Ich mache das oft, wenn mich eine Sache beschäftigt. Es strukturiert meine Gedanken.“

Eine von Grindas wichtigsten Erkenntnissen: Er hatte bei Aucland zu viele Leute ins Boot geholt, die von großen Unternehmen kamen und zu lange für Entscheidungen brauchten. Aucland verlor nach seinem Rauswurf an Bedeutung und ist heute nur noch in ein paar europäischen Ländern als Website für kostenlose Kleinanzeigen aktiv. Die zweite Lehre, die er für sich zog: in künftigen Unternehmen unter allen Umständen das letzte Wort zu haben. „Ich bin Unternehmer geworden, weil ich nichts lieber mag, als Dinge aufzubauen. Nicht unbedingt, um Erfolg zu haben. Der Erfolg entstand immer als Nebeneffekt dessen, was ich liebe.“

Die anhaltende Wirtschaftskrise in Frankreich mit einer Arbeitslosenquote von mehr als zehn Prozent, Nullwachstum und entsprechend geringen Ambitionen der etablierten Unternehmer, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, hilft womöglich, den Mentalitätswandel zu beschleunigen. Scheitern könnte zur Normalität werden. Schon allein deshalb, weil ganz sicher nicht alle der rund 365 000 Firmen, die allein zwischen Januar und August dieses Jahres in Frankreich gegründet wurden, überleben werden.

Die meisten solcher Firmen beginnen als Ein-Mann-Betriebe. Diese sind seit dem Jahr 2009 steuerlich begünstigt – als Anreiz, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Mit der neuen Unternehmergeneration gerät also etwas in Bewegung. Catherine Barba zum Beispiel, eine ehemalige Weggefährtin von Marc Simoncini bei iFrance, die mit ihren Vivendi-Aktien ein glücklicheres Händchen hatte und inzwischen neun Start-ups als Business Angel unterstützt, wirbt in Schulen damit, dass Unternehmertum attraktiv und Scheitern keine Schande sei. Das sind völlig neue Töne, gerade in den verrufenen Vorstädten mit ihren sozial häufig benachteiligten Bewohnern und der hohen Quote an Schulabbrechern.

Alice Zagury geht noch einen Schritt weiter. Die Mitinitiatorin des Gründerzentrums The Family in Paris hat die französische Start-up-Szene sozusagen schon ein Stück weit amerikanisiert. Sie bevorzugt ausdrücklich Bewerbungen von Kandidaten, die mindestens eine Niederlage eingesteckt haben. „Die wenigen Glücklichen, die beim ersten Versuch Erfolg haben, denken, das sei ihr Verdienst“, sagt die 29-Jährige. „Der Erfolg einer Firma hängt aber von vielen Faktoren ab, unter anderem von einer guten Portion Glück. Die Chance, dass es schiefgeht, liegt bei 90 Prozent.“

Im Foyer von The Family in einem ehemaligen Waisenhaus im Pariser Stadtteil Marais hängt deshalb nicht zufällig ein Spruch des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill: „Success is not final. Failure is not fatal. It is the courage to continue that counts.“ Die Gründer des Start-ups Azendoo stellen gerade ihre Software vor, mit deren Hilfe sich eine Menge der täglichen zeitaufwendigen Kommunikation per E-Mail innerhalb eines Unternehmens oder zwischen Geschäftspartnern einfach dadurch erübrigt, dass Dokumente und Arbeitsschritte in einem sozialen Netzwerk geteilt werden. In einem langen Bücherregal an der Wand steht die Biografie von Steve Jobs. Daneben ein mehr als 1000 Seiten dicker Wälzer über die „Einführung in den Algorithmus“, das „Handbuch des Start-up-Gründers“ und eine Anleitung, wie man binnen eines Wochenendes ein Unternehmen aufbaut. Die Bob-Dylan-Platte „The Times They Are a-Changin“ lehnt neben einem alten Plattenspieler und einem Kaugummiautomaten aus den Sechzigerjahren.

Elitehochschulen lehren kein Unternehmertum

Zagury hat sich vom Gründerzentrum Y Combinator in Silicon Valley inspirieren lassen, das unter anderem die Gründer von Start-ups wie Airbnb und Dropbox durchlaufen haben. Wie dort bietet The Family seinen rund 180 Jungunternehmern neben Kontakten zu potenziellen Investoren drei Monate lang eine Ausbildung in Bilanzierung, Arbeits- und Steuerrecht, Marketing und Unternehmenskommunikation. Als Gegenleistung bekommt das Zentrum ein Prozent des Unternehmens.

Ihre eigene Ausbildung an der Business-Hochschule EMLYON bezeichnet Zagury als ungeeignet für die Herausforderungen des Unternehmertums. „In Frankreich verfährt man immer noch nach dem Schema These, Antithese, Synthese. Das führt zu philosophischen Aufsätzen. Unternehmer sein bedeutet aber, Entscheidungen zu treffen, ja oder nein, entweder-oder. Auch wenn man sich dabei mal irrt.“ Die digitale Revolution werde soziale Barrieren einreißen. „Niemand braucht heute mehr die Pseudoberechtigung einer Elitehochschule, um zu gründen. Und die Investoren da draußen warten nur auf gute Ideen!“

„Wenn sich diese Einschätzung nur schon durchgesetzt hätte“, sagt Dimitri Pivot. Zurück bei Afterfail mit dem Mann, der den Stammtisch und die Selbsthilfegruppe Second Souffle gegründet hat. „Diese Gründer sind im Schnitt viel jünger als solche in anderen traditionelleren Branchen. Dass sie ein Projekt in den Sand setzen, um bald darauf ein neues zu beginnen, wird nicht als Drama angesehen. Aber davon können wir mit Mitte, Ende 40 und manchmal noch darüber im Moment nur träumen. Wenn wir einen neuen Job suchen, geraten unsere Unternehmerqualitäten wie Autonomie, Vielseitigkeit, Selbstbewusstsein oder die Bereitschaft, die Initiative zu ergreifen, zu unserem Nachteil.“

Pivot erzählt von der Einsamkeit des Gescheiterten, von den Hunderten Bewerbungen, auf die er nie eine Antwort bekam, und von der Demut, die er erst habe lernen müssen, als Kitécano, seine Firma für bunte Kindermöbel, pleiteging. Jahrelang waren die Schreibtische, Stühle, Schränke und Betten in Knallfarben der Renner. Bis Pivot die Idee hatte, ein Franchisemodell aufzuziehen. Das überforderte ihn. Auch seine Beziehung ging dabei zu Bruch. Das hat er mit vielen der anderen Stammtischteilnehmern gemein.

Bei Second Souffle gibt es Seminare, die sich um das Akzeptieren der Niederlage und um das Verfassen leicht verdaulicher Lebensläufe drehen. Pivot selbst fand erst wieder eine Anstellung als Verkaufsleiter in einem großen Baustoffunternehmen, als er die Jahre als eigener Chef aus seiner Vita getilgt hatte.

Ein paar Tage später steckt Bertrand Chastagner einen Stapel Visitenkarten in die Innentasche seines Sakkos. „Übergangsmanager und Projektleiter“ steht auf den Kärtchen. Er ist jetzt Mitglied in zahlreichen Netzwerken, geht zu Kongressen und sonstigen Treffen der IT-Branche, die ihm Hoffnung auf den einen richtigen Kontakt machen, wo sein Wissen und seine Erfahrung geschätzt werden. Vielleicht ist er ja heute Abend dabei. Zwei, drei Jahre irgendwo durchhalten, das ist der Plan. Geld ansparen. Für das zweite eigene Unternehmen. Den Traum will er noch nicht aufgeben. ---

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