Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Brigitte Hartmann

Chefin a. D.

Liebt die Natur, hatte aber viele Jahre kaum Zeit, sie zu genießen: Brigitte Hartmann

• Nebel liegt über dem österreichischen Rheintal. Brigitte Hartmann steht auf dem Karren, einem Berg in Vorarlberg. Seit ein paar Wochen ist sie viel in der Natur unterwegs, sammelt Kräuter und Beeren. Sie hat viel Zeit jetzt. Denn sie hat verloren, womit sie in den vergangenen 25 Jahren den Großteil ihres Lebens zugebracht hat: ihr Unternehmen.

Erst war sie geschockt. Dann wollte sie es nicht wahrhaben. Nun sagt sie: „Ich fühle mich total befreit.“

Die vergangenen Jahre haben die 53-Jährige ziemlich geschlaucht. Schleppendes Geschäft, Probleme mit den Mitarbeitern, nebenbei die Kinder und dann dieses bittere Ende. Im Sommer 2013 sackte plötzlich der Umsatz drastisch ab. Zudem kündigten drei ihrer wichtigsten Mitarbeiter – einer im Juli, zwei im August. Keiner wollte sagen, wohin er ging. Zufällig bekam sie mit, dass im Nachbarort ein Unternehmen gegründet wurde, dessen Profil dem ihrer Firma zum Verwechseln ähnlich war. Als sie feststellte, dass als Geschäftsführer einer ihrer Kunden firmierte, der zudem ein enges Verhältnis zu einem der drei flüchtigen Mitarbeiter hatte, ahnte sie, was los war. Wenig später kündigten auch noch ihre Sekretärin und einer der drei Lehrlinge – ebenfalls ohne zu sagen, wohin sie gingen. Inzwischen hat sie die Gewissheit, dass alle fünf Abtrünnigen für den Konkurrenten arbeiten – und fast alle ihre ehemaligen Kunden nun dessen Kunden sind. „Das war ein abgekartetes Spiel“, sagt Brigitte Hartmann.

Die Geschichte, in der sie die Hauptrolle spielt, handelt von einem gut geplanten Komplott – und einer Unternehmerin, der schon Jahre zuvor die eigene Firma entglitten war und der bei dem Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen, das Gespür für die Situation fehlte.

Die Firma

Die Geschichte beginnt im Jahr 1989. Brigitte Hartmann und ihr Ehemann gründen damals die Citydata Dienstleistungs- und Handels-GmbH. Das Unternehmen baut für seine Firmenkunden Computernetze auf. Es liefert Server, Rechner sowie weiteres Zubehör und wartet die Systeme – egal ob sie auf Produkten von Apple, Windows, Linux oder Unix basieren. „Mit dieser Bandbreite waren wir damals Pioniere“, sagt Hartmann.

Die Aufgaben im Unternehmen sind klar verteilt: Ihr Mann, ein Computerfreak, ist für das Technische zuständig. Sie, die eine Handelsakademie besucht, für Pepsico in Wien und eine Bank in Liechtenstein gearbeitet hat, für das Kaufmännische. Das Geschäft läuft sofort gut an. Das Ländle, wie die Menschen in Vorarlberg ihre Heimat nennen, ist gemessen an der Industrieproduktion eines der stärksten Bundesländer Österreichs. Viele der unzähligen Betriebe beginnen sich Anfang der Neunzigerjahre zu computerisieren.

Von Anfang an erweist es sich jedoch als schwierig, gute Techniker zu finden. Wer sich mit Computernetzen auskennt, arbeitet lieber für ein deutlich höheres Gehalt in der nahe gelegenen Schweiz oder in Liechtenstein. Brigitte Hartmann und ihr Mann sind froh, dass sie mit Peter Reidt einen echten Spezialisten gewinnen können. Mitte der Neunzigerjahre stößt Arno Hechenberger hinzu, ein talentierter Absolvent einer berufsbildenden Schule mit technischer Ausrichtung.

Das Gründerpaar steckt bald bis zum Hals in Arbeit. Dass es zwischen 1991 und 1996 vier Kinder bekommt, macht die Sache nicht leichter. Nur wenige Tage nach jeder Geburt geht Brigitte Hartmann wieder ins Büro. Sie nimmt die Kleinen mit, stillt und bespaßt sie zwischendurch, läuft ansonsten wie gewohnt auf Hochtouren. Abends, wenn die Kinder schlafen, fährt sie oft noch mal in die Firma. „Die Beziehung kam da natürlich etwas zu kurz“, sagt sie. Im Jahr 2000 folgt die Scheidung. Hartmanns Mann zieht nach Wien, sie führt die Firma allein weiter.

Für die Machtverhältnisse hat dieser Einschnitt weitreichende Konsequenzen. An der Spitze des Unternehmens gibt es nun niemanden mehr, der die Arbeit der Techniker kontrollieren kann. „Ich musste ihnen einfach vertrauen“, sagt sie. Sie glaubt, damals habe die Zeit begonnen, in der Reidt und Hechenberger sich zu „autonomen Herrschern über ihr Revier“ entwickeln. Reidt ist der Mann für Apple und Unix, Hechenberger betreut die Firmen, die mit Windows-Systemen arbeiten.

Was die beiden beim Kunden vor Ort genau tun, welche Absprachen sie treffen und ob sie wirklich so viele Überstunden machen, wie sie angeben – über all das verliert Hartmann den Überblick. Sie weiß lediglich, für wie viel Umsatz jeder einzelne Mitarbeiter sorgt. Lange sieht sie keinen Handlungsbedarf. Doch das ändert sich ab 2009.

Der Konflikt

Die Wirtschaftskrise hat sich bei Citydata schon in den beiden Jahren zuvor in sinkenden Umsätzen bemerkbar gemacht. 2009 verschärft sich die Lage, Citydata schreibt in diesem und im folgenden Jahr rote Zahlen. Die Firma wird Brigitte Hartmann zunehmend zur Last. Sie beschäftigt inzwischen zehn Mitarbeiter. Sie hat einen neuen Freund, mit dem sie gern mehr Zeit verbringen würde. Und sie hat ständig Streit mit ihrem Techniker Peter Reidt, weil, wie sie heute sagt, „sich das Geschäft mit den Apple-Kunden nicht wie erhofft entwickelte und daher speziell beim Peter die Schere zwischen Aufwand und Ertrag immer weiter auseinanderging“.

In dieser schwierigen Phase entscheidet sie sich, den Unternehmer und Unternehmensberater Dietmar Mostegl anzuheuern. Er unterstützt sie ab 2011 halbtags in der Geschäftsführung – eine Zäsur in der Firmengeschichte. Wenigstens in dieser Einschätzung herrscht heute Einigkeit.

Aus Arno Hechenbergers Sicht ist von da an „alles richtig abwärtsgegangen“. Mit seinen grauen Schlappen, die er zu schwarzen Strümpfen trägt, bestätigt der 40-Jährige das Klischee des Technikers. Er sitzt unweit seines neuen Arbeitgebers in einem Café in Rankweil und windet sich. Am liebsten würde er gar nichts sagen, handele es sich bei dem Ganzen doch um eine „rechtlich sehr kritische Geschichte“. Aber unkommentiert stehen lassen, was seine Ex-Chefin erzählt, will er dann doch nicht. Bis zu Mostegls Einstellung, sagt er, „gab es ein Gleichgewicht in der Firma“. Doch dann habe der alles umgekrempelt, habe agiert wie ein Konzernmanager, „obwohl er nichts vom Business, den Kunden und den Lieferanten verstand“. Details wolle er nicht verraten, „aber da die Brigitte immer hinter ihm gestanden ist, ist es zu einer Riesenkluft zwischen der Geschäftsführung und uns Mitarbeitern gekommen“.

Sie wisse, dass sie mit der Entscheidung, Dietmar Mostegl zu holen, den einen oder anderen Mitarbeiter erzürnt habe, sagt Brigitte Hartmann. „Aber es war notwendig.“ Sie habe Entlastung gebraucht, erklärt sie, zudem habe sie zusammen mit Mostegl das Geschäft ausbauen wollen. „Dafür peilten wir eine bessere Projektsteuerung und bessere Kontrollmechanismen an.“ Konkret hätten sie geplant, dass der am stärksten ausgelastete Arno Hechenberger Kunden an andere Mitarbeiter abgibt; dass jeder Kunde von mehreren Technikern betreut wird; dass die Techniker ihre Arbeit dokumentieren und in internen Zusammenkünften ihr Wissen teilen; dass ein Warenwirtschaftssystem die Lagerein- und -ausgänge registriert; dass die Mitarbeiter sich Überstunden vorher genehmigen lassen und dass alle, die viel unterwegs sind, Fahrtenbuch führen. „Das sind doch alles ganz normale Dinge“, sagt Hartmann.

Gemeinsam mit Mostegl habe sie auch eine Lösung für Peter Reidt gefunden: „Wir haben aus seiner Vollzeit- eine 60-Prozent-Stelle gemacht. Dadurch ging sich bei ihm das Verhältnis von Lohnkosten und Umsatz gerade so aus.“

Dass er nicht von allen erwünscht gewesen sei, habe er vom ersten Tag an gespürt, sagt Dietmar Mostegl, 49 Jahre alt, stattliche Erscheinung, Trachtenjacke. Er sitzt in einem Restaurant in Rankweil und macht den Eindruck, als könne er immer noch nicht fassen, was in seiner Zeit bei Citydata passiert ist. Um die Kommunikation und den Teamgeist zu verbessern, habe er ein wöchentliches Meeting für acht Uhr morgens anberaumt, eine Art Jour fixe für den kurzen Austausch. „Doch einige Mitarbeiter sind stetig zu spät oder mit fadenscheinigen Ausreden gar nicht gekommen.“

Er habe dann mit allen Mitarbeitern Einzelgespräche geführt, habe sie in einer anonymen Umfrage nach ihrer Zufriedenheit gefragt und einen Visions-Workshop initiiert. Zwischendurch habe er das Gefühl gehabt, dass sich die Stimmung allmählich besserte. Doch dann habe sie sich zusehends eingetrübt. Bis zum Schluss seien die Techniker nicht bereit gewesen, ihre Arbeit ordentlich zu dokumentieren und ein Fahrtenbuch zu führen.

So unterschiedlich Mostegl, Hartmann und Hechenberger die Zustände auch beschreiben, eines ist klar: Ab 2011 weht bei Citydata ein anderer Wind. Hechenberger und Reidt sind zum Zeitpunkt der Zäsur rund 20 Jahre in der Firma beschäftigt. Ohne in die Entscheidung involviert worden zu sein, werden sie plötzlich mit einem neuen Vorgesetzten konfrontiert, der um Transparenz bemüht ist und sich daher an die Auflösung ihrer über viele Jahre aufgebauten Reviere macht. Das geht ihnen mächtig gegen den Strich, wie Hechenberger gegenüber Hartmann mehrfach zum Ausdruck bringt.

Blick aus dem Büro in Sulz, in dem ihre Firma zuletzt untergebracht war

Das Ende 

Wann er beschloss, Citydata zu verlassen, und wie er die anderen Mitarbeiter bewegen konnte, mitzuziehen, verrät er nicht. Auch darüber, wie er es geschafft hat, dass seine alten Kunden ihm und nicht Brigitte Hartmann treu blieben, schweigt er sich aus. Fest steht, dass bereits in den Wochen vor seiner Kündigung auffiel, dass die von ihm betreuten Firmen kaum noch Aufträge an Citydata vergaben. „Schreiben Sie bloß nicht, dass wir die Kunden mitgenommen haben“, sagt Hechenberger. „Die Kunden sind nach der Gründung unseres Unternehmens zu uns gekommen.“ Dass sein Vorgehen heikel war, ist ihm bewusst. Er sagt: „Wir haben zwei Anwälte beauftragt, uns den legalen Weg zu weisen.“

Die Kündigung ihrer wichtigsten Mitarbeiter trifft Brigitte Hartmann im Sommer 2013 wie ein Schlag. Die Firma zu schließen kommt ihr zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht in den Sinn. Vielmehr kämpft sie. Hält sofort Ausschau nach neuen Mitarbeitern und besucht ihre Kunden, um sie über die Abgänge zu informieren und ihnen kompetenten Ersatz zu versprechen. Sie kann trotzdem nicht verhindern, dass die meisten von ihnen zum neuen Konkurrenzunternehmen wechseln. Als Monate später klar wird, dass sie den Verlust ihrer besten Techniker trotz aller Bemühungen nicht kompensieren kann, gibt sie auf. „Es war an einem Tag im Juni dieses Jahres“ erinnert sie sich. „Wir waren noch zu fünft im Unternehmen und erwogen, nicht länger nach neuen Mitarbeitern zu suchen, sondern in kleinem Rahmen weiterzumachen. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr will.“

Sie kündigt den verbliebenen Mitarbeitern und macht sich an die Abwicklung der Firma. Bis heute ist sie damit beschäftigt. Um ihre Schulden bei der Bank begleichen zu können, wird sie bald ihre Eigentumswohnung verkaufen. Sie sucht für sich und ihre beiden jüngeren Kinder, die noch bei ihr wohnen, ein altes Haus, das sie mieten kann.

Die Aussicht 

Über dem Rheintal lichtet sich der Nebel, vom Karren aus erkennt man, wie in der Ferne der silbergrau leuchtende Fluss in den Bodensee mündet. Sie habe die Schließung ihrer Firma keine einzige Minute bereut, sagt Brigitte Hartmann. Erst jetzt falle ihr auf, wie viel sie gearbeitet und wie viele Dinge sie vernachlässigt habe. „Ich habe in all den Jahren nicht gemerkt, dass ich in einem Hamsterrad stecke.“

Endgültig verarbeitet, was passiert ist, hat sie noch nicht. Das merkt sie an der Wut, die sie beim Gedanken an das vergangene Jahr immer mal wieder überkommt. Auch über ihre Fehler ist sie sich nicht wirklich im Klaren.

Wenn sie über ihre Zukunft spricht, hellt sich ihre Miene auf. Dabei weiß sie noch gar nicht, wie sie künftig Geld verdienen will. Nie wieder wolle sie von jemandem so abhängig sein, wie sie es von ihren Technikern bei Citydata gewesen sei, sagt sie. „Ich mache nur noch Dinge, die ich selber kann.“ Kräuter interessieren sie, Mode auch. Oder doch ein Studium anfangen? Brigitte Hartmann überlegt noch. Die Ungewissheit beunruhigt sie nicht. Vielmehr empfindet sie es als Glück, sich mit einer Frage zu beschäftigen, die sie sich schon sehr lange nicht mehr gestellt hat. Sie lautet: Was will ich eigentlich wirklich? ---

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