Ausgabe 11/2014 - Schwerpunkt Scheitern

Apokalypse-Fantasien

Apokalypse Wow

„Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“
Goethe, Faust

• An Weltuntergänge kann man sich gewöhnen. Die Maya zum Beispiel rechneten alle 52 Jahre mit dem Schlimmsten. Gegen das in schöner Regelmäßigkeit von ihrem Kalender vorhergesagte Ende der Welt half nur eines: möglichst viele Menschenopfer. Die Ritualmorde wirkten offenkundig, da die Apokalypse wieder mal ausblieb – jedes Wahnsystem, auch die Überzeugung vom nahen Ende, folgt seiner eigenen Logik. Schließlich machte nicht der in ihrem Kalender prophezeite Gott der Finsternis den Maya ein Ende, sondern die von den Spaniern eingeschleppten Infektionskrankheiten. Wer mit dem Schlimmsten rechnet, kann sich leicht verrechnen.

Feierabend!

Der Weltuntergang erfreut sich seit je großer Beliebtheit. Christen vertrauen seit 2000 Jahren darauf, dass die Menschheitsgeschichte mit dem Jüngsten Gericht ein donnerndes, aber verdientes Ende nimmt. Trend-Apokalyptiker können heutzutage vorrechnen, weshalb die Klimakatastrophe oder der Zusammenbruch des Finanzsystems unvermeidlich sind. Hollywood-Filme malen mit Wonne den großen Crash aus, sei es durch Aliens, Atomraketen, Viren, Launen der Götter oder Umweltkatastrophen. Ohne Apokalypse fehlte uns etwas. Wenig stellen sich die Menschen offenbar so gern vor wie den drohenden Untergang der eigenen Gattung (oder zumindest New Yorks).

„Die Apokalypse gehört zu unserem ideologischen Handgepäck. Sie ist ein Aphrodisiakum. Sie ist ein Angsttraum. (…) Sie ist, meinetwegen, eine Metapher für den Zusammenbruch des Kapitalismus, der bekanntlich seit über 100 Jahren unmittelbar bevorsteht“, spottete der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schon 1978. Ein paar Jahre später waren Millionen Bundesbürger fest davon überzeugt, dass wahlweise die amerikanischen Pershing-II-Raketen oder der saure Regen der Menschheit in Mitteleuropa den Garaus machen würden.

Die Unterhaltungsindustrie griff den Trend auf und vermarktete den Atomtod, das Versiegen der Ölquellen oder den Kollaps der Zivilisation. „Die Klapperschlange“ (1981), einer der kommerziell erfolgreichsten Filme der frühen Achtzigerjahre, zeigt das Manhattan der nahen Zukunft: Es wird wegen der dramatischen Zunahme des Verbrechens von der Regierung aufgegeben und – von außen scharf bewacht – Gangs überlassen. In „Soylent Green“ (1973) leiden die 40 Millionen New Yorker des Jahres 2022 unter dem Mangel am Lebensnotwendigsten. Das einzig verfügbare Nahrungsmittel, Soylent Green, wird industriell aus Menschenfleisch hergestellt.

Heutige Bestseller-Autoren wie Stephen Emmott oder Alan Weisman, die in der Überbevölkerung das größte Risiko für den Fortbestand der Gattung sehen, dürften begeistert sein. In „The day after“ verwüstet 1983 ein Atomkrieg die Vorstadt-Idylle. In „Mad Max“ (1980) wird der Kampf um das letzte Benzin rabiat Mann gegen Mann geführt. Die bei Demonstrationen gegen US-Militär-Interventionen beliebte Parole „Kein Blut für Öl“ gehört ganz offenkundig nicht zu den Handlungsmaximen der Motorradrocker in ressourcenarmen Zeiten. Seitdem ist die Welt zwar immer noch nicht untergegangen, aber das Genre blüht.

Es ist immer kurz vor zwölf

Nur die Moden wechseln. Waren es in den Nachkriegsjahrzehnten durch Atombombenversuche mutierte Rieseninsekten, die für Schauder sorgten, sind es in den vergangenen Jahrzehnten bevorzugt der Klimawandel („The Day after Tomorrow“, 2004), Viren und irre Wissenschaftler („12 Monkeys“, 1995), Aliens („Independence Day“, 1996) oder Zombies („The Walking Dead“, ab 2010), denen wir mit Vergnügen dabei zusehen, wie sie die Menschheit dezimieren. Die interessantesten Filme kombinieren mehrere Motive, etwa Viren und Zombies („World War Z“, 2013). Oder Umweltkatastrophen, Warlords und die Barbarisierung der Menschheit („Book of Eli“, 2010). Oder Viren, Biotechnik und Globalisierungsängste – etwa wenn in Steven Soderberghs „Contaigoon“ der mutierte Grippevirus von China aus die Welt erobert.

Auch die Wissenschaft mischt mit. Die Sozialwissenschaftler Harald Welzer und Claus Leggewie offerieren gleich mehrere „Kipp-Punkte“ für den Systemkollaps. Der Biologe Lewis Dartnell geht in seinem „Handbuch für den Neustart der Welt“ spielerisch einige Szenarien durch, die die alte Welt erledigen könnten. Wie wäre es mit Vogelgrippe? Oder einem Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan, der einen Fehlalarm in China auslöst, woraufhin sich die Großmächte gegenseitig mit Atomraketen einäschern? Oder vielleicht ein Asteroideneinschlag? Offenbar sucht sich die Faszination für das Weltende immer neue plausible Ursachen.

Weshalb macht uns der Schauder bei der Vorstellung des großen Knalls so viel Freude? Wie hängen die Konjunkturen dieser kollektiven Fantasieproduktion mit der Wirklichkeit zusammen? Und was unterscheidet die grellen Bilder der Kulturindustrie von den nicht weniger grellen, aber datengestützten Zukunftsszenarien von Wissenschaftlern, die uns vorrechnen, der Kollaps sei nur noch eine Frage der Zeit?

Wer bin ich?

Antworten liefert die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn, Professorin an der Universität Wien. Ihre Studie „Zukunft als Katastrophe“ untersucht die Anziehungskraft finsterer Zukunftsaussichten. Ihre These: Das „kollektive Imaginäre“, wie es sich in Blockbuster-Filmen, Romanen, aber auch Sachbuch-Bestsellern zeigt, handelt nicht von einer fernen Zukunft, sondern von uns. Die „populären Fantasmen“ verraten, was wir „für wahrscheinlich, möglich, erwartbar, authentisch“ halten. Erst beim Kollaps der Zivilisation wird sichtbar, wie es um uns steht und wer wir wirklich sind. „Die Katastrophe testet den Menschen, seine Stärke und Belastbarkeit, die Haltbarkeit seiner Bindungen und die Krisenfestigkeit seiner sozialen Institutionen. Sie zeigt, was ihn jenseits des Kokons einer intakten Zivilisation ,tatsächlich‘ ausmacht“, analysiert Horn.

Diese Fantasien haben etwas Regressives. In durchbürokratisierten, von Institutionen geprägten Gesellschaften ist das Leben reguliert und schrecklich kompliziert. Die Handlungsspielräume des Einzelnen sind gering. Der Zusammenbruch von Recht und Ordnung schafft Freiraum: Nach dem großen Knall wird das Leben zwar gefährlich, aber auch einfach. Selbst verweichlichte Großstädter haben im Ernstfall die moralische Legitimation, sich wieder wie Cowboys den Weg freizuschießen. Pumpgun statt Steuererklärung, Kampf Mann gegen Zombie statt Büro-Intrigen. Hier treffen sich Hollywood-Erzählmuster mit den Endzeit-Fantasien rechter Amerikaner, die dem Staat nicht trauen und sich für den erhofften Tag X schon mal bewaffnen, einbunkern und auf das Überleben in der Wildnis vorbereiten.

Zurück zur Natur!

In der Eingangssequenz des Films „I am Legend“ mit Will Smith kann man sehen, was eine Welt nach der Katastrophe so attraktiv macht: Durch das menschenleere Manhattan streifen Tiere. Die Natur holt sich die Stadt zurück, an der Fifth Avenue wuchern Pflanzen. Endlich Ruhe. Will Smith, der letzte Mensch, bewegt sich durch die Ruinen der Stadtlandschaft wie durch eine Wildnis. Die Fantasien von der Zerstörung der Zivilisation knüpfen an alte Motive der Zivilisationskritik an: zurück zur Natur!

Alan Wiseman hat in seinem Welt-Bestseller „Die Welt ohne uns“ liebevoll beschrieben, wie innerhalb weniger Jahrzehnte nach dem Verschwinden der Menschheit die letzten Spuren ihrer Anwesenheit auf diesem Planeten verschwunden sein werden. Es wirkt, als wäre der Mensch eine lästige Krankheit, von der sich der geschundene Planet erholt. Der Erfolg des Buches spricht dafür, dass viele Leser Gefallen an diese Fantasie finden. Menschen und ihre technischen Fertigkeiten stören doch nur das Ökosystem.

Dem Biologen Lewis Dartnell geht es eher um die Befreiung des Menschen von den Zumutungen der Moderne. Sein „Handbuch für den Neustart der Welt – Alles, was man wissen muss, wenn nichts mehr geht“ skizziert hoffnungsfroh, worauf es nach dem Zusammenbruch auf handwerkliche Fähigkeiten ankommt. Die Kompetenzen von Juristen, Werbern oder Unternehmensberatern sind weniger gefragt. Das sind keine Angst-, sondern Wunschfantasien. Die Katastrophe als große Reinigung, wie die Sintflut. Danach bleiben ein paar Erwählte übrig. Wie in „I am Legend“ gibt es in vielen Filmen am Ende den sicheren Rückzugsort, an dem die Zivilisation neu und besser beginnen kann. Offenbar handelt es sich um ein Dekadenz-Phänomen: Wir gelangweilten Wohlstandsbürger träumen ganz gern von der Rückkehr in die Wildnis nach dem großen Crash.

Die Apokalypse ist ein großer Vereinfacher, das macht sie so attraktiv. Und sie wischt, zumindest in „Independence Day“, alle irdischen Differenzen beiseite: Im Angesicht des Abgrunds verschwinden alle Unterschiede und Konflikte, zwischen Schwarzen und Weißen, Armen und Reichen, den USA und Russland. Die bedrohte Menschheit ist endlich vereint.

Genretypisch findet die Kino-Apokalypse meist in relativ naher Zukunft statt. Die Tatsache, dass die Sonne in etwa fünf Milliarden Jahren verglühen wird, lässt uns kalt. Der Philosoph Hans Blumenberg liefert eine einleuchtende Erklärung dafür: Lebenszeit und Weltzeit werden deckungsgleich. Das ist für Blumenberg die verführerische „Aufhebung des Ärgernisses, welches der Einzelne daran nimmt, dass die Welt über die Grenze seiner Lebenszeit hinweg unberührt fortbesteht“. Wenn ich schon sterben muss, sollen wenigstens alle anderen auch dran glauben. Blumenberg: „Nicht überlebt werden zu können ist der Trost.“ Die Fantasie des nahen Endes ist natürlich nicht frei von Narzissmus: Unsere Generation schreibt Geschichte und erlebt (oder entscheidet durch ihr Verhalten), ob die menschliche Gattung und die Zivilisation untergeht. Womöglich sind auch Sachbuchautoren wie Harald Welzer, die den baldigen Kollaps diagnostizieren, von diesem Motiv nicht ganz frei.

Auch dass Aliens und Viren am liebsten in westlichen Metropolen zuschlagen, dürfte mit Narzissmus zu tun haben. Die christlichen Vorstellungen von Schuld und Sühne wirken in den Kinobildern fort – ebenso wie in den Zukunftsszenarien der Wohlstandskritiker: Unsere Kinder und Enkel werden für unsere Dekadenz bezahlen. Noch im Untergang ist die westliche Kultur ungeheuer von der eigenen Bedeutung fasziniert.

Das Ende ist nah!

Im Apokalypse-Genre ähneln wissenschaftliche Szenarien Erzählmustern der Fiktion. Ein Beispiel dafür sind die im Kalten Krieg von der Rand Corporation entwickelten Modelle eines führbaren Atomkriegs. Stanley Kubrick denkt diese Logik in seiner Atomkriegs-Satire „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ konsequent weiter – und dreht sie ins Absurde. Einer der wichtigsten Forscher der Rand Corporation, Herman Kahn, hört auf, als Wissenschaftler für die Regierung zu arbeiten, und schreibt Science-Fiction-Romane, weil er sich davon größere Einflussmöglichkeiten verspricht. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wissenschaft verschwimmen. Ein anderes Beispiel ist Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“, der vor den Folgen des Klimawandels warnt. Der Film-Trailer mit den Bilder von Naturkatastrophen und dem pathetischen Soundtrack würde auch bestens zu einem Emmerich-Werk passen, genau wie der Werbe-Claim: „Der erschreckendste Film, den ich je gesehen habe.“

Auch die Szenarien, die etwa Harald Welzer, derzeit einer der populärsten Kollaps-Handlungsreisenden, gekonnt entwickelt, ähneln Katastrophenfilmen. „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ wäre ein guter Titel für einen Blockbuster. Aber es ist der Titel eines ernst gemeinten Sachbuchs. Auch wenn die Daten, von denen Welzer und sein Mitautor Claus Leggewie ausgehen, seriös sind – in der Ökonomie der Aufmerksamkeit folgen sie den Spielregeln fiktionaler Schocker.

Ein Buch mit dem Titel: „Wir könnten ein paar Probleme bekommen, wenn wir so weitermachen“ dürfte nicht zwangsläufig ein Bestseller werden. Der Zwang zur Zuspitzung prägt die Argumentation und sorgt für den nötigen Thrill. Inzwischen ist Welzer weiter und sieht die Risiken und Nebenwirkungen solcher Rhetoriken des finalen Systemkollapses: Wenn die Welt ohnehin untergeht, könnten hedonistische Pragmatiker den logischen Schluss ziehen, es sich bis dahin wenigstens gut gehen zu lassen.

Weniger reflektiert geht die Schriftstellerin Karen Duve vor. Unter dem Titel „Warum die Sache schiefgeht – Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ bedient Duve die Freunde des Untergangs ohne lästige Zwischentöne. Angesichts der üblichen Übel und der Lernunfähigkeit der Menschheit hat die Autorin eine finale Vision: „Ein aggressives tödliches Virus könnte innerhalb weniger Jahre die Weltbevölkerung um die Hälfte dezimieren. Es gibt also noch Hoffnung.“ Wer nicht hören will, muss fühlen. Wir werden ja sehen, was wir davon haben, wenn wir nicht auf die Prediger der Apokalypse hören. Hinter der Fassade der Besorgnis und der wohlmeinenden Warnung genießt Duve die Rachefantasie.

Neben Welzer und Duve gibt es noch viele weitere, Autoren die das Genre bedienen. Zu den Regeln gehört die Drohung, unser Lebensstil führe zwangsläufig mindestens zum Untergang der Zivilisation. Das wirkt wie eine Erpressung. Es geht nicht um Wahlmöglichkeiten, graduelle Unterschiede und rationale Abwägungen, etwa zwischen etwas weniger oder etwas mehr Wirtschaftswachstum, etwas besserem Klimaschutz und weniger Konsum. Es geht immer um alles oder nichts. Nicht zufällig erinnert das rhetorische Muster an die Agitation religiöser Sekten: Kehrt um vom Weg der Sünde, bevor es zu spät ist und ihr in der ewigen Verdammnis landet.

Moralische Selbstüberhebung, klare Feindbilder und eiserne Gewissheiten sind in diesem Business hilfreich. Zweifel wären geschäftsschädigend. So ist Duve davon überzeugt, dass für kommende Generationen „komplett die Zukunft verdorben“ sei, wenn nicht in den nächsten „drei bis fünf“ Jahren die nötige „Entscheidung“ getroffen werde. Da weiß die Autodidaktin mehr als viele Wissenschaftler. „Im Jahr 2070 oder 2060 oder 2080, das genaue Datum haben wir nicht“, gab die Seherin in einem Interview zum Besten, „wird es hier richtig rundgehen, und es werden absolut katastrophale Verhältnisse sein.“ ---

Bücher zum Weltuntergang

Eva Horn: Zukunft als Katastrophe. Fischer Verlag, 2014

Florian Werner: Verhalten bei Weltuntergang. Verlag Nagel & Kimche, 2013

Lewis Dartnell: Das Handbuch für den Neustart der Welt. Verlag Hanser Berlin, 2014

Alan Weisman: Die Welt ohne uns. Piper Verlag, 2007

Samuel Beckett: Endspiel. Suhrkamp Verlag, 1974

Cormac McCarty: Die Straße. Rowohlt Verlag, 2008

Colson Whitehead: Zone One. Hanser Verlag, 2014

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