Ausgabe 01/2014 - Schwerpunkt Originalität

Oubey: Dagmar Woyde-Koehler

„Wir haben uns erkannt“

Oubey Witwe Dagmar Woyde-Koehler
Seine Kunst in die Welt tragen: Besuch im Atelier, zehn Jahre nach dem Tode Oubeys; am Fenster: Dagmar Woyde-Koehler

• Sie ist Lehrerin, er Student. Mit einer Freundin kommt sie ins „Kap“, Kapellenstraße 68, und setzt sich zu ihm an den Tisch. Es ist ein schwüler Tag im August 1983 in Karlsruhe. Die Frau heißt Dagmar, er Oubey, alle riefen ihn so, Oubey. Sein bürgerlicher Name war Rudi Wendelin Koehler, sagt Dagmar Woyde-Koehler, Witwe im zehnten Jahr.

Sie sei Lehrerin am Albertus-Magnus-Gymnasium, Deutsch und Geschichte.
Macht das Spaß?, fragt der Mann.
Dagmar lacht. Und du?
Architektur.
Macht das Spaß?
Nicht wirklich.

Sie reden und trinken. Er kann nicht nach Hause, wartet auf einen Freund, der unterwegs ist mit dem Schlüssel zu seiner, Oubeys, Wohnung. Dagmar grinst. Ein halbes Jahr zuvor, im Fasching, war sie mit Freunden schon einmal in dieser Kneipe, und als sie das „Kap“ verließen, platzte es aus ihr heraus: Noch im Laufe dieses Jahres werde ich hier drin den Mann meines Lebens treffen!

Irgendwann sagt Dagmar, in ihrer WG seien drei Betten frei. Sie gehen durch die Nacht und reden. Er ist 25, sie 30. Sie erzählt aus ihrer Zeit in Speyer, Stuttgart, Heidelberg, er vom Studium, von einem Professor, Visionär, der sich Dinge denke, die weit in der Zukunft lägen, riesige Städte, wo die Menschen dank modernster Technik auf engstem Raum lebten, umgeben von Urwald, Integral Urbanism, oder sogar Raumkolonien im Weltall, für die Aussiedlung der Menschheit gebaut.

Am frühen Morgen schlafen sie ein, wachen erst am Nachmittag auf, wandern im Schlossgarten, kaufen ein, kochen, reden, reden.

Drei Tage ging das so, danach waren wir untrennbar, sind es bis heute, sagt Dagmar Woyde-Koehler, 60, und fährt sich durchs kurze dunkle Haar.

Gab es nichts, das Sie an ihm nicht mochten?
Sie trinkt einen Schluck Tee und setzt die Tasse auf dem gläsernen Tisch in Oubeys Atelier ab.
Ich mochte ihn, wie er war. Genau so! Wir sind uns begegnet, wir haben uns erkannt und blieben zusammen.
Ich male, sagt Oubey.

Dagmar besucht ihn in seiner kleinen Wohnung. Er nennt ihr die Namen der Bilder, „Die Reise der Monaden“, „Grünes Bild“, „Morphogenese“. Sie sagt, Oubey, du malst wunderbar, ich liebe, was du machst.

Er zieht zu ihr in die Jollystraße 45, lebt mit Dagmar in ihrem Zimmer und malt, Pigmentgemisch auf beschichteter Hartfaserplatte. Sie sitzt auf dem Bett und liest, während er neue Farben rührt, eine Mixtur, die Oubey keinem verrät. Sie trinken Sekt und spielen Kniffel, Halma oder Dame, reden, lachen, gehen aus, Abend für Abend. Oubey kennt die Namen aller Sterne, er redet von Galaxien und Paralleluniversen. Jede Woche, seit er zwölf ist, holt er sich am Kiosk die neueste Ausgabe von „Perry Rhodan, der Erbe des Universums“.

Diese Monate in meinem Zimmer, sagt Dagmar Woyde-Koehler, waren unser eigener Weltraum, in dem wir aufblühten als Paar.

Eigentlich bin ich Künstler, sagt er.
Dann sei es, sagt sie. Sei nur das – Künstler.

Oubey geht jetzt zu keiner Vorlesung mehr. Er malt und liest, er liest die Bücher und Magazine, die sich in Dagmars Zimmer stapeln. Nachts sitzt er an ihrem Tisch und zeichnet mit schwarzem und rotem Stift: 2-12-83, 4:37, musikalisch-topografischer Versuch (Wesen + Ding), organisiertes Bewusstsein, Struktur – Ordnung! Wie entsteht ein Klang?

Oft sitzt er am Klavier, spielt Bach oder improvisiert.

Dagmar sammelt, was Oubey macht. Er hinterließ, sagt sie im Herbst 2013, mehr als tausend Werke von substanzieller Qualität.

Was, wenn Oubeys Bilder Ihnen nicht gefallen hätten?
Sie lacht auf.
Ich hätte ihn immer geliebt.

Im April 1984 stellt sie Oubey ihrer Mutter vor. Die flüstert ihr zu: Dagmar, das ist dein Mann. Sieh zu, dass du ihn nie verlierst.

Sie arbeitet Teilzeit. Die Nachmittage und Abende verbringt sie mit Oubey; er malt gern nachts.
Dagmar, kannst du dir vorstellen, mit mir zu leben?

In der Roonstraße finden sie eine Wohnung und ziehen um, Altbau, zweiter Stock. Es ist der Sommer 1984. Manchmal kann er nicht malen, er liest nur, denkt, schaut Fernsehen oder hört Musik. Dann plötzlich malt er 20 Bilder, fast täglich eines, experimentiert mit verschiedenen Stoffen, Mischtechnik auf Pergamentpapier, schneidet sie aus und hängt sie in die Wohnung, Anythinks, seltsame farbige Wesen mit Zacken. Manchmal erklärt er ihr Einsteins Relativitätstheorie, Heisenbergs Unschärferelation oder die Monadologie von Leibniz, spricht über Chaos und Ordnung, Entropie und Komplexität, Asimov und Clarke, Kubrick, Lucas und Fassbinder. Stundenlang liest er „Perry Rhodan“ oder den »Spiegel«. Und bevor er sich nachts zu ihr ins Bett schleicht, hinterlässt er für sie einen Zettel auf dem Küchentisch: Dagmar, du bist mein Anker.

Glücklich im Paradies (im Karpfenteich)

Oubey malt „Gestern unter Wasser“, „Einsteins Tränen“, „Nullfeld“. Manchmal kommt es ihr so vor, als sei er ein paar Jahrhunderte zu früh geboren.

Gab es nie Momente, in denen Sie Oubey gedanklich nicht folgen konnten?
Doch, sagt Dagmar Woyde-Koehler, die gab es. Dann merkte ich, wie einsam er letztlich war.
Eigentlich könnten wir heiraten, sagt er einmal.

Am 30. Dezember 1986 stehen Dagmar Woyde und Rudi Wendelin Koehler, den alle nur Oubey nennen, im Standesamt und bitten zwei Fremde, Zeugen zu sein. Die Familien wissen es nicht, die Freunde nicht.

Wir dachten, auf diese Weise, mit einer Heirat im Geheimen, bliebe unsere Liebe, obwohl staatlich sanktioniert, frei von allen Erwartungen an ein Ehepaar, die wir nicht erfüllen wollten.

1987 findet Oubey sein erstes Atelier außerhalb der Wohnung, Sofienstraße 37.
Im selben Jahr kauft er sich einen Amiga 500. Nun malt er, die Maus in der Hand, am Computer. Oubey nennt, was er tut, Photon Painting. Er malt „Marilyn 1“, „Marilyn 2“, „Herzdame“, „One-Two-Three-Four“, „Love“, „Stürzender Engel“.

Und das Gefühl, Ihr Mann könnte, genau wie Sie, auch einmal eine Mark nach Hause bringen?
Nie, sagt sie, keine Sekunde.

Ihre Aufgabe habe sie auch darin gesehen, ihm Freiraum zu verschaffen, die Möglichkeit, sichtbar zu machen, was in seinem Kopf geschah, zu materialisieren und zu teilen, was bis dahin nur geistig war.

War er glücklich, war ich es auch. Also sorgte ich dafür, dass er glücklich war.
Und war er glücklich, wenn Sie es waren?
Ja, weiß Gott! Sie lacht, dass es hallt.

Oubey malt und liest. Manchmal schreibt er ein Gedicht oder notiert Gedanken: Ich akzeptiere bewusst eine irreversible Struktur für offene Prozesse. / Die Berührungspunkte zwischen Großem und Kleinem sind minimal, aber messerkantenscharf. / Jede Ungenauigkeit kann jetzt eine exakt geplante Ungenauigkeit sein.

Dagmar erbt das Haus ihrer Mutter in Speyer, und Oubey bittet seine Eltern um Auszahlung seines Erbes, um damit die noch offene Grundschuld zu begleichen. Er legt einen neuen Garten an, füllt ihn mit Blumen und einem Teich, setzt Kois ins Wasser, bunte japanische Karpfen, die er füttert und streichelt. Umrundet er den Teich, schwimmen sie neben ihm her.

Das Paradies, samstags und sonntags.

Er kauft sich einen 24-Nadelfarbdrucker, druckt seine Computermalerei jetzt zu Hause aus, lässt sie vergrößern, 100 x 100 cm, und stellt sie im April 1992, von Dagmar vermittelt, in der Führungsakademie des Landes Baden-Württemberg aus. Ein Katalog liegt auf: Wendelin Koehler, Mindkiss – The Photon Painting. Für Dagmar.

Oubey verkauft zwei Drittel seiner Werke, manche für 8000 Mark.

Eine Woche später, am Küchentisch, ich erinnere mich genau, sagte er zu mir, toll, dass ich das gemacht habe, toll, dass ich erfolgreich war, ich würde gern so weitermachen, aber ich kann es nicht.

Wegen mir, Oubey, musst du nicht ausstellen und verkaufen.
Mache ich so weiter, verliere ich die Quelle meiner Kunst. Ich will frei bleiben, unbeeinflusst von dem, was man über meine Bilder sagt.
Male, sagt sie. Male ruhig deine Bilder und lass dir Zeit, bis du so weit bist.

Das blieb dann seine einzige Ausstellung, sagt Dagmar Woyde-Koehler, neun Jahre nach seinem Tod.
Jahre vergehen.

An schönen Sommerabenden sitzt Oubey lesend auf dem Balkon und freut sich, wenn sie nach Hause kommt. Dagmar arbeitet nun bei dem Energieversorger EnBW, zehn, zwölf Stunden am Tag, sie ist Leiterin Personal, dann Leiterin Einkauf und Logistik, sie ist Mitgründerin der EnBW Akademie GmbH, eines Weiterbildungs- und Beratungsinstituts, dessen Geschäfte sie führt. Oubey winkt vom Balkon, wenn er sie kommen sieht, öffnet ihr die Tür, dann gehen sie in die Küche, kochen, essen und reden.

Mein Leben, so unterschiedlich wir waren, so eigenständig und frei, war auch sein Leben, und sein Leben war auch meines.
Ein neuer Mann ist nicht denkbar?
Dass es noch einmal einen gibt wie ihn, kann ich nicht erwarten.

Tödlicher Halt: ein Standstreifen an der B9

Eines Abends betritt sie ihre Wohnung, den Tränen nahe. Er fragt, was los sei. Jemand versuche, sie einzuschüchtern. So etwas habe sie noch nie erlebt. Das lasse sie sich nicht bieten. Oubey nimmt sie in den Arm und sagt: Kopf hoch. Egal, was passiert, und wenn sie dich rausschmeißen, ich verlasse dich nie.
Seine Spaghetti sind die besten.

Man kündigt Oubeys Atelier. Dagmar sucht ein neues, findet es in der Südweststadt, hell und hoch, Sommer 2001. Nach und nach stattet er es aus. Er malt jetzt „Genesis und Sterne“, „Star Pixels“, Öl auf quadratischen Hartfaserplatten, 40 x 40 cm, jeder Stern hat acht Zacken, jeder ist anders und trägt, eingeritzt in die frische Farbe, seinen Namen, Oubey. Tausend Sterne will er malen.

Es ging ihm gut, und eines Tages, ich erinnere mich genau, sagte er, Dagmar, ich glaube, ich bin jetzt bald so weit. Ich wusste sofort, was er meinte. Ich wusste, was das für ihn bedeutete. Er trug sich mit dem Gedanken, sein Schaffen auszustellen, der Welt seine Kunst vorzuführen. Oubey hatte, so kam es mir vor, den Punkt seiner inneren Mitte erreicht.

Wäre er ohne Sie verkommen?
Verkommen?
Verwahrlost.
Dagmar Woyde-Koehler schüttelt den Kopf.
Ich weiß nicht, was passiert wäre. Ich weiß nur, was passiert ist. Ich glaube, Oubey hätte sein Leben auch ohne mich bestritten.

Ende Juli 2004 fahren sie, wie fast jedes Wochenende, in ihr Haus am Rand von Speyer, sie reden, kochen, gehen spazieren. Oubey freut sich an den Karpfen im Teich. Er sagt, er habe den Kopf voller Bilder. Sie beschließen, erst am Montag nach Karlsruhe aufzubrechen, sie, früh am Morgen, in ihrem Auto, er, Stunden später, in seinem Smart. Dagmar legt sich schlafen und dämmert weg, er bückt sich noch zu ihr, flüstert, ich hab’ dich lieb. Dann sagt er, nein, das stimmt nicht! Ich liebe dich, das ist ein großer Unterschied.
Seine letzten Worte.

Sie steht früh auf und fährt nach Karlsruhe zur Arbeit, er packt irgendwann seine Sachen, füllt die Kühltasche mit den Resten aus dem Kühlschrank, gießt die Blumen im Garten, schließt das Haus ab und fährt los, Bundesstraße 9. Einige Kilometer hinter Speyer hält Oubey auf dem Standstreifen, die Warnblinker eingeschaltet.

Ich weiß nicht, weshalb er das tat, ich habe es nie erfahren, die Frage quält mich nicht. Ich weiß nur, Oubey hatte einen Grund, irgendeinen Grund. Er saß im Smart, das Dach offen, als ein Vierzigtonner ihn seitlich traf und sein Auto über die Böschung warf. Oubey war sofort tot, 2. August 2004, Montag. Ich sah mir später die Fotos an, einmal nur. Ich weiß, wie er lag. Er starb in einem Moment, als er nichts tat, nur dort war, im Auto sitzend, ohne Schuld und Ahnung, im falschen Moment an der falschen Stelle.
Zufall?

Herbst 2013. Dagmar Woyde-Koehler dreht das Gesicht zu den hohen Fenstern seines Ateliers und fährt sich durchs kurze dunkle Haar.
Ob ich an Zufall glaube? Nicht wirklich, sagt sie.

Als sie am Abend nach Hause kommt, steht sein Smart nicht da. Sie wundert sich und denkt, vielleicht schwimmt er, wie so oft in diesem Sommer, noch im Baggersee. Sie wählt die Nummer seines Handys: Wo bist du, ich habe Hunger, nie zuvor hatte ich das getan. Dann bricht sie ab und sagt, hoffentlich ist dir nichts passiert.

Da klingelt es an der Tür, zwei Polizisten und eine Frau. Man habe sie seit Stunden zu erreichen versucht. Ob sie einen Smart besitze. Wer den außer ihr sonst noch fahre. Frau Woyde-Koehler, Ihr Mann hatte einen Unfall. Den Unfall hat er leider nicht überlebt.

Mir schien, als ob Millionen von Blitzen in mein Hirn schlügen. Da war ein gleißendes Licht, und ich dachte, so, jetzt sterbe ich auch.

Wo ist er? Ich muss zu ihm.
Da können Sie jetzt nicht hin.
Das ist mir egal, er braucht mich jetzt, und ich brauche ihn, ich muss zu ihm.
Stunden später steht sie neben Oubey. Er liegt unter einem blauen Tuch, zwei Kerzen brennen.

Nachdenken über ein Geschenk des Himmels

Er sah wunderschön aus, friedlich, fast glücklich, als schliefe er. Als machte er gleich die Augen auf und sagte: Hallo Daggi – niemand sonst darf mich so nennen. Ich kniete mich neben ihn, sprach mit ihm, tröstete ihn. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Anderthalb Stunden sprach ich mit ihm, redete und redete, wie wir es immer taten, ließ ihn dann allein in seinem kalten Raum.

Am nächsten Morgen, Dienstag, fährt sie zur Unfallstelle. Sie sammelt ein, was sie findet, Scherben, Brot, Käse. Sie bringt die Tüten in ihr Haus in Speyer, öffnet sie nie wieder. Sie fährt zur Autowerkstatt, wo sein Smart steht, fährt zur Polizei, holt seine Kleidung, den Geldbeutel, das Handy, den Rucksack, darin zwei Hefte von „Perry Rhodan“. Sie fährt zum Kaiserdom, zündet Kerzen an.

Und am Nachmittag saß ich dann endlich im Garten in Speyer, die Fische waren da, die Blumen, die Sonne. Ich saß und dachte, alles sei erledigt, alles sei getan, ich habe mein Leben gelebt, jetzt gehe ich auch. Ich will dort sein, wo du bist, ich komme mit, nimm mich mit.
Dagmar Woyde-Koehler, 60, Witwe im zehnten Jahr, legt eine Hand auf die andere.

Da habe ich ihn wirklich sprechen gehört – in mir. Ich hatte auch das Gefühl, ihn zu sehen. Oubey sagte, nein, du darfst noch nicht kommen, ich brauche dich noch, ich liebe dich noch immer. Und da war mir klar, ich bleibe, ich habe hier noch zu tun, es kann nicht sein, dass jetzt, wo er sich mit seiner Kunst ans Licht wagt, dass jetzt nichts mehr ist und bleibt.

Das war ein Auftrag?
Das war die Geburtsstunde des Projekts.

Ich weiß, dass jeder ersetzbar ist, sagt Dagmar Woyde-Koehler, ich weiß das sehr gut. Aber das, was ich nun mache, Oubeys Kunst in die Welt tragen, das kann nur ich. Wenn ich es nicht tue, tut es niemand.

Sie setzt eine Todesanzeige auf, wählt dafür ein Gedicht von Rilke, das zu Oubeys liebsten gehörte: „Immer wieder aus dem Spiegelglase / holst du dich dir neu hinzu / ordnest in dir, wie in einer Vase / deine Bilder, nennst es du.“ In tiefer Dankbarkeit für deine Liebe und die vielen glücklichen Jahre an deiner Seite nehme ich Abschied von dir, mein geliebter Oubey. Die Spuren, die du mit deiner künstlerischen Arbeit gelegt hast, werden dich überdauern und Zeugnis sein für den tiefen Grund deines großartigen Schaffens. In unvergänglicher Liebe. Deine Dagmar.

Wieder fährt sie zur Leichenhalle, besucht ihn, tröstet ihn. Nachts sitzt sie am Tisch, den Stift in der Hand, den er ihr zum letzten Geburtstag schenkte, und schreibt auf, was sie denkt:

Nach-Denken über Oubey, du warst ein Sonnenmensch, du warst ein Wassermensch, ein Nachtmensch, was für andere normal war, war für dich oft schwer zu ertragen, du warst, als du starbst, so stark, so gut und so zukunftssicher wie nie zuvor in deinem Leben, du warst gerade dabei, den Grad der Reife zu erlangen, den ein Künstler braucht, um seinen Durchbruch zu schaffen, es war so beglückend, dich in dieser Flugbahn deines Sprungs neu zu entdecken.

Sie kauft den schönsten Sarg, Klavierlack, schwarz.
Warmes Licht fällt in die Kapelle. 11. August 2004, die Abschiedsfeier.

Ein Foto steht vor dem Altar, Oubey im Rapsfeld, den Blick zum Himmel, ein Star Pixel, barock gerahmt, eine Vase, darin 21 lange rote Rosen, für jedes Jahr, das wir zusammen erlebt hatten, eine. Seither stelle ich dreimal jährlich lange rote Rosen auf Oubeys Grab, jedes Jahr eine mehr, nun sind es bereits 30. An seinem Geburtstag, an seinem Todestag, an unserem Hochzeitstag.

Reden Sie mit ihm? Redet er mit Ihnen?
Dagmar Woyde-Koehler lächelt.

Immer dann, wenn es sinnvoll ist, sagt sie, frage ich ihn um Rat. Manchmal habe ich das Gefühl, mein Gedanke sei eigentlich seiner. Manchmal gehe ich mit einer Frage ins Bett und habe am Morgen die Antwort.

Wann baten Sie ihn um Rat?
Sie lacht laut.

Als ich 2012 vor der Entscheidung stand, meine eigene Firma zu gründen.
Was war seine Antwort?
Klar, Daggi, mach das, du kannst das.

An die Bundesstraße 9 stellt sie ein Kreuz; an Oubeys Grab, in dem auch ihre Eltern liegen und ihre beiden Brüder, ein Mal aus Stein, in den sie bereits ihren Namen hat gravieren lassen, Dagmar Woyde-Koehler.

Das erinnert mich daran, dass ich nicht unendlich bin, obwohl man, selbst mit 60, immer noch versucht ist zu glauben, das Leben höre nie auf.

Sie versammelt Oubeys Werke in seinem Atelier, lässt jedes fotografieren. Sie ordnet, stapelt, archiviert sie im Computer und bezahlt die Miete weiter, kratzt den Wachsfleck, rot und weiß, der auf dem Boden klebt, nie weg. Irgendwann lädt sie Menschen ein, die dafür bekannt sind, bildende Kunst zu begreifen, und stellt ihnen Oubeys Bilder vor. Einer sagt, die sind wie archäologische Grabungen in die Zukunft.

Sie entschließt sich, eine Website zu erstellen. Jemand empfiehlt ihr, den berühmten Designer Stefan Sagmeister zu fragen. Sie reist nach New York, um ihn zu treffen. Aber Sagmeister sagt, er gestalte keine Websites, nur Bücher.
Ein Buch möchte ich auch, sagt sie. Er lacht.

Bevor er ja sage, wolle er Bilder von Oubey sehen, er übernehme nur Projekte, die ihn überzeugten.

Im Juni 2006 fliegt sie wieder zu ihm, mit Fotos von Oubeys Schaffen im Gepäck. Sagmeister schaut sie an. Was halten Sie, fragt er, von einem Buch aus fünf Bänden, vereint in einem schönen Schuber? The Mindkiss Project.

Ich will Oubeys Bilder nicht verkaufen. Ich will sie öffentlich machen. Dafür brauche ich Verbündete, Menschen, die Oubey verstehen, seine Welt, seinen Geist. Ich suche auch keine kunstwissenschaftliche Qualifizierung seiner Werke, nichts dergleichen.

Sind Sie ihm das schuldig?
Dagmar Woyde-Koehler schweigt. Was ich mache, sagt sie schließlich, mache ich mit ihm. Ich habe Oubey nicht verloren. Es sind seine Bilder, und sie sind ein bisschen auch meine.

Aus Aluminium lässt sie einen großen gelben Koffer bauen, für drei, vier Bilder, und reist mit ihnen durch die Welt – Berlin, München, Genf, San Francisco, Neuseeland, Hawaii. Sie legt die Bilder ausgewählten Personen vor, filmt deren Urteil und stellt sie auf www.oubey.com / journey ins Netz: ein Experimentalphysiker, ein Quantenoptiker, Paläoanthropologe, Astronom, Biologe, Maori, Wellenreiter, Walfilmer, eine Mezzosopranistin, Kinder.

Das sind Leute, die sich mit jenen Dingen auseinandersetzen, mit denen er sich auseinandersetzte, Grenzgänger auf Erden, getrieben von Neugier und Leidenschaft. Noch fehlt mir ein Astronaut.

Am 2. August 2013, wie an jedem Todestag ihres Mannes, beschenkt Dagmar Woyde-Koehler ihre Freunde mit einer Erinnerung, diesmal mit einem Faltprospekt. Auf dessen erster Seite leuchtet ein kleines rotes Herz, auf der letzten umfängt ein großes in Blau das kleine, und auf der Rückseite steht:

Eines Morgens legte ich, bevor ich die Wohnung verließ, einen Gruß an Oubey auf den Tisch in der Küche. Es war ein kleines rotes Herz auf einem kleinen Blatt Papier. Als ich an diesem Tag abends nach Hause kam, fand ich meinen Gruß vom Morgen erweitert um ein zweites Herz, das blau und strahlend mein kleines rotes umrahmte. Dieser lang zurückliegende Wechselgruß der Herzen zwischen Oubey und mir soll dieses Jahr mein Gruß der Erinnerung an den 2. August 2004 werden, denn es war im August vor genau 30 Jahren, als sich unsere Wege über Nacht wundersam kreuzten. Für das Geschenk dieser Nacht bin ich den guten Geistern des Himmels auf alle Zeit dankbar.

Befiel Sie je der Gedanke, Oubeys Tod könnte eine Richtigkeit haben?
Sie holt Luft.

Wer könnte eine solche Frage je beantworten? Ich hadere nicht, dass er so jung starb, ich hadere mit niemandem, weder mit Gott noch mit dem Fahrer des Lkw. Ich weiß, wir sind nicht zu trennen, wir gehören zusammen.

Woche für Woche kauft Dagmar Woyde-Koehler den neuen „Perry Rhodan“ und legt ihn für Oubey auf den Stapel. Und noch immer zahlt sie auch für sein Handy. ---

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