Ausgabe 01/2014 - Schwerpunkt Originalität

Jean Blaise – Nantes

Die Kunst der Verwandlung

Jean Blaise Nantes
Er hat sich das alles ausgedacht: Kulturmanager Jean Blaise
Jean Blaise Nantes
Straßenmarkierung von Angela Bulloch
Jean Blaise Nantes
Manche sehen einen Baum, andere Basketballkörbe
Jean Blaise Nantes
Der beißt nicht: Elefant im Park der Maschinen

• „Nantes ist eine Stadt, die nicht existiert“, echauffierte sich der Schriftsteller Philippe Forest bereits vor etwa zehn Jahren in einem Essay in der Tageszeitung »Libération«. Kinos und Bibliotheken würden geschlossen, so der Träger des französischen Kulturordens. Stattdessen gebe es von oben verordnetes Spektakel. Vor allem „Festivals, die ablenken sollen“. Das sei alles nur Schau, ohne Substanz. „Folklore“. Lieber verzweifele er im Umland, als in Nantes zu leben, ätzte Forest. Geblieben ist er trotzdem – er lebt seit mittlerweile fast 20 Jahren in der Stadt an der Loire.

Wenn selbst die ärgsten Kritiker nicht von Nantes loskom-men, kann nicht alles falsch gewesen sein, was sich der Kulturmanager Jean Blaise ausgedacht hat, um die einstige Industriestadt zu beleben. Der 62-Jährige ist Leiter von Le Voyage à Nantes, einer 2011 gegründeten städtischen Agentur, die sich um Kultur und Tourismus kümmert. Während Letzterer gemeinhin als Wirtschaftsfaktor gilt, betrachten Städte die Kultur oft mehr als Abschreibeobjekt. Die Kombination ist ein Signal: In Nantes ist Kultur keine Belastung für den Haushalt, sondern Kapital.

Dass das funktioniert, ist der Verdienst von Blaise. Seit mehr als 30 Jahren baut der Literaturwissenschaftler Luftschlösser auf den Brachen der Hafenstadt. Man könnte sagen, er hat sie mit Spinnereien gerettet: mit gigantischen Robotern und Marionetten aus Holz und Stahl, mit Kunstwerken aus Licht und Klängen, mit Illusionen, wie man sie im Zirkus findet, aber selten zwischen Kränen und Förderbändern. Seinen Arbeitsplatz hat er entsprechend gewählt, einen Industriepalast aus dem 19. Jahrhundert. Früher wurden hier Butterkekse gebacken.

2013 verwaltete er ein Budget von 26 Millionen Euro. 23 Millionen für bestehende Kulturstätten wie das Schloss, den Themenpark „Les Machines de l’Île“ – die Heimat der Maschinen –, oder den Estuaire, einen Kunst-Parcours an der Loire. Drei Millionen für Happenings, Ausstellungen, Konzerte, Festivals. „Die Kosten von Kultur sollten sich aus dem Projekt ergeben, nicht umgekehrt“, sagt er, wohl wissend, dass sein Kurs in der Stadt auch umstritten ist.

Im März stehen Kommunalwahlen an. Dann wird entschie-den, wie es für ihn und Le Voyage à Nantes weitergeht. Wirklich besorgt wirkt keiner der Mitarbeiter. Viele arbeiten seit 10 oder sogar 20 Jahren für den Chef. In dieser Zeit hat die Verwaltung ihre Budgets immer wieder dessen Vorstellungskraft angepasst, nicht umgekehrt. Blaise sei eben beides: Dickkopf und Diplomat. Im Gegenzug hat er so lange an Nantes geglaubt, bis diese ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen hatte. In einer Stadt, in der künstliche Elefanten die Straßen entlanglaufen und Meeresungeheuer gesichtet werden, scheint schließlich alles möglich.

Früher war das anders. Blaise kam 1982 nach Nantes. Zuvor hatte er im Auftrag der französischen Regierung zwei Jahre lang die Kulturabteilung des Übersee-Départements Guadeloupe geleitet. Von der Karibikinsel wurde er in eine Stadt versetzt, die depressiv war: Die Industrie wanderte ab. Nirgendwo in Frankreich gab es damals so viele Alkoholiker wie in der einstigen Hauptstadt der Bretagne. Ein weiterer Tiefpunkt in ihrer Geschichte stand ihr da erst noch bevor: die Schließung der Werften.

Wie man aus Feinden Freunde macht

„Traurig, so traurig“, sei sein erster Eindruck gewesen, erinnert sich Blaise. „Der Stadt fehlte die Perspektive. Vor allem aber hatte sie keine Identität.“ Die war ihr im Laufe der Geschichte abhandengekommen. Mehr als andere Hafenstädte Frankreichs hatte Nantes ab dem 18. Jahrhundert vom Sklavenhandel profitiert. Aus Westafrika und der Karibik brachten die Händler Güter wie Indigo und Zucker mit, aus denen die Arbeiter der bis ins 19. Jahrhundert prosperierenden Fabriken Kleider, Kekse und Konserven herstellten. Um die Transportwege zu verkürzen, wurden in den Dreißigerjahren mehrere Nebenflüsse der Loire zugeschüttet. Doch mit den 15 nun obsoleten Brücken verlor die Innenstadt auch an Charakter. Darüber hinaus zerstörten Bomben im Zweiten Weltkrieg Teile des historischen Zentrums.

Dem nahe gelegenen von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannten Loiretal mit seinen prächtigen Schlössern hatten die Stadt und ihr Umland ohnehin nichts entgegenzusetzen. In den Sechzigerjahren dann zog die Hafenwirtschaft von Nantes in das nahe Saint-Nazaire am Atlantik. Ab 1986 schlossen die Werften, 1989 die Butterkeksfabrik.

Zurück blieben Brachen, mitten in der Stadt. Nantes war eine Hafenstadt mit ungenutztem Hafen, eine Arbeitermetropole ohne Arbeit. „Es ist nicht einfach für eine Stadt, solche traumatischen Ereignisse zu verarbeiten“, sagt Blaise. Doch es ist ihm gelungen: Inzwischen gilt Nantes als eine der Metropolen mit der besten Lebensqualität in Frankreich.

Von seiner Dachgeschosswohnung über dem Cours Cambronne kann Blaise die 1788 erbaute Oper sehen. Die angrenzenden Straßen sind nach Dramatikern benannt: Molière, Piron, Crébillon, Racine. Ikonen des Bildungsbürgertums, deren Würdigung Blaise jedoch anderen überlässt. „Kultur muss auch abseits der etablierten Spielstätten stattfinden. Sie muss eine Stadt durchdringen.“ Er meint das genau so: Er meidet Bühnen und inszeniert Kunst lieber im öffentlichen Raum.

Für ihn sind das „Abenteuer, die wir bestehen müssen“, wie er sagt. Blaise steckt voller Einfälle, er bringt jeden einzelnen zu Papier. Wird daraus ein Projekt, dann schreibt er dieses auf wie eine Geschichte. Manchmal zeichnet er sogar Bilder seiner Mitarbeiter hinein, als wären sie Charaktere in einem Film oder Theaterstück. Dann verteilt er die Rollen in seinem Ensemble. Die Story wird gedanklich so lange durchgespielt, bis alle die Geschichte plausibel vermitteln können. Denn nur dann wird ein Gegner wie Frankreichs prominentester Vogelschützer, der Journalist Allain Bougrain-Dubourg, sich überzeugen lassen, dass ein im Schilf der Loire geplantes Kunstwerk die Vögel nicht beim Brüten stört, sondern eine Bereicherung darstellt – und Nantes fortan als Tagungsort seiner Organisation nutzen. Denn das hat Blaise aus den jahrelangen Diskussionen mit Industriellen, Künstlern, Landwirten, Tierschützern und Politikern gelernt: „Aus Feinden können die stärksten Botschafter der eigenen Sache werden. Man muss nur bereit sein, mit ihnen zu reden.“

Und Gegner gibt es genug. Früher warfen ihm die Fans des etablierten Betriebs vor, er wolle die Kultur abschaffen. Heute sind es Vertreter der alternativen Szene, die sich an den Rand gedrängt sehen. Trotz der Off-Produktionen, Straßenkunst und Rockfestivals. Aber all das ficht Blaise nicht an. „Wer Neues wagt, wird kritisiert. Das haben Innovationen so an sich“, sagt er. Seit 2012 fehlt ihm jedoch sein stärkster Verbündeter der vergangenen Jahre: Nantes’ früherer Bürgermeister Jean-Marc Ayrault arbeitet nun in Paris – als Frankreichs Premierminister.

Ayrault war 1989 Bürgermeister geworden. Er wünschte sich Veränderungen, und Blaise holte für ihn Künstler, die dabei helfen sollten: Weil ihre bisherige Heimatstadt Toulouse ihnen kein Geld geben wollte, zog die international renommierte Straßentheatergruppe Royal de Luxe nach Nantes um. Ayrault und Blaise stellten ihnen ein zentral gelegenes Werftgelände zur Verfügung. Einen 10 000 Quadratmeter großen Hangar – heute halb Themenpark, halb Werkstatt. Unter Ayrault hatte die Gruppe Narrenfreiheit. „Wenn ihr Leiter morgens um vier eine Idee hatte, dann rief er direkt beim Bürgermeister an, um ihm davon zu erzählen“, sagt Blaise.

Manche Ideen waren wenig subtil. So wurde Jeanne d’Arc anlässlich des Spektakels „Die wahre Geschichte Frankreichs“ ein zweites Mal angezündet. Doch die Bevölkerung liebte die Straßenkünstler. „Hunderttausend Menschen kamen, um ihre Shows zu sehen. Sie waren wie die Beatles“, sagt Blaise. Dass die Gründer von Royal de Luxe auch nach ihrer Trennung 2008 in Nantes blieben und bis heute geblieben sind, ist ein Erfolg seiner Kulturpolitik.

Den weitverbreiteten Glauben, es gebe einen Guggenheim-Effekt wie in Bilbao – dass also spektakuläre Architektur automatisch Touristen anlocke und Arbeitsplätze schaffe –, teilt Blaise nicht. „Ich bewundere die ikonischen Museumsbauten wie das Guggenheim in Bilbao oder den Louvre-Ableger in Lens. Aber diese Gebäude sind Satelliten. Sie speisen sich aus großen Museums-Sammlungen, und um sie herum gibt es keine gewachsenen Strukturen.“ Mit dem Team eines von ihm ins Leben gerufenen Recherchezentrums für kulturelle Entwicklung suchte er nach direkteren Wegen, um „Farbe in die Stadt“ zu bringen. Ganz so, wie es die Städteforscher Charles Landry und Franco Bianchini in ihrem Buch „The Creative City“ (1995) Jahre später fordern sollten.

Dafür gab ihm der Bürgermeister fast freie Hand. „Er wusste, dass Nantes attraktiver werden musste, um neues Gewerbe anzusiedeln“, sagt Blaise. Zu verlieren hatte Blaise nichts und Ayrault wenig. Also wurde gefeiert. Sechs Jahre lang. Für das von Blaise konzipierte jährliche Festival des Allumés übernahmen Kreative aus Barcelona, Sankt Petersburg oder Kairo für jeweils sechs Nächte die Stadt. Die Häufung der Zahl 6 im Konzept sorgte zwar für Unruhe in Nantes – „Sie haben mich einen Satanisten geschimpft“, sagt Blaise – aber die französische Presse richtete ihren erstaunten Blick auf die Provinzstadt, und Paris wurde eifersüchtig. Im Jahr 2002 organisierte Blaise in der Hauptstadt ein Kulturfestival, das für diese seitdem zu den wichtigsten Events des Jahres zählt: die Nuit Blanche.

„Mir fehlte die Unterstützung“, antwortet Blaise auf die Frage, warum er nicht in Paris bleiben wollte, „nicht nur finanziell, auch moralisch.“ In Nantes vertraute ihm der Bürgermeister. Und dort stand das Haus, das er sich eingerichtet hatte: das Kulturzentrum Le Lieu Unique in der ehemaligen Butterkeksfabrik. In den Jahren zuvor war Blaise mit seinem Schreibtisch dauernd durch Nantes gezogen, er hat immer dort gearbeitet, wo das nächste Event stattfinden sollte. Ein Büro im städtischen Haus der Kultur beziehen wollte er nie. „Die Öffnungszeiten waren mir zu strikt.“ Kultur müsse immer für die Bürger da sein. „Außerdem brauchten wir einen Ort, an dem wir Unordnung machen konnten. Man will ja nicht ständig Angst haben, dass man den Teppich ruiniert.“

Manchmal helfen nur Tricks

 

In der leer stehenden Großbäckerei gab es keine Teppiche, aber Platz für Ideen. „Ich ging durch die Räume und dachte: Das wird unser Zuhause. Hier ist das Bad, dort das Kinderzimmer, dahinten die Küche.“ Am 30. Dezember 1999 eröffnete er das neue Zentrum, wo es auch einen Kindergarten, ein Restaurant und ein türkisches Bad gibt. Das Gebäude mit dem Jugendstilturm ist heute Treffpunkt für die Bürger der Stadt und deren Besucher. Eines der Wahrzeichen von Nantes.

Industrieruinen und Brachen gibt es in Nantes kaum noch. Bevor Jean-Marc Ayrault 2012 die Stadt verließ, weihte er am Loire-Ufer das Denkmal an die Abschaffung der Sklaverei ein. Es liegt gegenüber dem im Jahr 2000 fertiggestellten Justizgebäude. Auf der Île de Nantes dreht ein zwölf Meter hoher Elefantenroboter aus Holz und Stahl vor dem Steampunk-Themenpark „Les Machines de l’Île“ seine Runden. Dahinter liegt ein neues Veranstaltungsgebäude mit Konzertsälen. Eine farbige Linie auf dem Asphalt leitet Besucher zu sämtlichen Kunstwerken in Nantes. Eine braune – die Loire – zu weiteren außerhalb der Stadt.

Zwischen 2007 und 2012 errichteten Künstler wie Erwin Wurm oder Jimmie Durham auf Einladung von Jean Blaise entlang des Flusses ihre eigens für die Region konzipierten Werke. Der Estuaire genannte, insgesamt 22 Millionen Euro teure Kunst-Parcours verbindet Nantes mit dem Umland und der Hafenstadt Saint-Nazaire. Er ist Blaises bisher größtes Projekt. Es ist der Versuch, dem mit Schlössern geschmückten Loiretal weiter oben am Fluss etwas entgegenzusetzen. Um die Gemeinschaft in der Region zu stärken und um Touristen anzuziehen. In drei Wellen – 2007, 2009 und 2012 – entstanden in der von Kraftwerken und Industrie zerschnittenen Landschaft 29 Kunstwerke.

Einige von ihnen ließen sich nur realisieren, weil Blaise und sein Team Grenzen überschritten. „Nicht alles, was wir gemacht haben, war legal“, sagt er. Der künstlerische Leiter David Moinard ergänzt: „Der japanische Künstler Tatzu Nishi hat auf einen Schornstein eine Villa gesetzt. Aus Sicht der Verwaltung war das ein einziger Albtraum.“ Weil die Installation neben Frankreichs größtem Heizkraftwerk höher war, als es die örtlichen Baubestimmungen zuließen, wurde der Standort des Kunstwerks einfach der Nachbargemeinde zugeordnet. „Am Anfang mussten wir sehr, sehr viel mit den Einwohnern diskutieren“, sagt Moinard. Doch aus Widerstand wurde Zuneigung: „Mittlerweile bitten uns Firmen oder Politiker darum, auch bei ihnen ein Kunstwerk aufzustellen.“

Denn wirtschaftlich geschadet haben die Investitionen nicht. Der Schuldenstand pro Kopf liegt in Nantes unter dem nationalen Durchschnitt, Tendenz sinkend. 20 000 Arbeitsplätze in der Region hängen direkt am Kulturbetrieb. Auch internationale Unternehmen eröffnen neue Standorte. Dank der hohen Lebensqualität sei es einfach gewesen, Mitarbeiter für den Umzug an die Loire zu gewinnen, sagte der Vize-Präsident des Staubsaugerherstellers Vorwerk in Nantes, Michel Conil, in einem Interview. 2013 wurde Nantes zur „Grünen Hauptstadt Europas“ gekürt. Für Touristen ein weiterer Grund, die Stadt zu besuchen. Weil der Verkehr am Flughafen in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen hat, soll 2017 ein größerer eröffnet werden.

Es scheint, als sei in Nantes geglückt, was viele Städte versuchen: den Strukturwandel nicht als Krise, sondern als Möglichkeit zur Veränderung zu begreifen. Als Jean-Marc Ayrault 2012 in einem Interview zu den Veränderungen in seiner Stadt gefragt wurde, sagte er: „Nantes ist vielleicht kein Modell für ganz Frankreich. Aber als Schaufenster urbanen Wandels, ja, dafür ist diese Stadt ein gutes Beispiel.“ ---

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