Ausgabe 01/2014 - Schwerpunkt Originalität

Die Falschen und das Echte

Wolf Lotters Einleitung

1. ORIGINELLES

Leute, das kann doch nicht so schwer sein.Originalität bedeutet laut Brockhaus so viel wie Ursprünglichkeit, Echtheit, Eigentümlichkeit. Das sind handfeste Merkmale.

Ursprünglichkeit bedeutet, auf den Ausgangspunkt einer Entwicklung zu schauen und damit auf Ursache und Kern eines Problems. Das Echte unterscheidet sich von der Fälschung in seiner Wirkung – während die Nachahmung immer nur so tut als ob. Die Eigentümlichkeit ist der Charakter des Originals, seine Unverwechselbarkeit, die uns hilft, zu unterscheiden und dadurch besser entscheiden zu können.

Das sind alles Eigenschaften, von denen alle behaupten, sie fänden sie super, gut und toll. Sie helfen gegen falsche Gleichmacherei und tumben Stillstand. Die Frage ist nur, warum die meisten Leute mit dem Originellen nicht können. Originalität irritiert. Sie gilt als eigentümlich – im Sinne von merkwürdig, komisch, witzig. Ist ja ganz nett. Aber irgendwie windig. Das hören wir immer wieder, das haben wir so gelernt.

Von wem eigentlich?

Die Hohepriester dieser Denkschule sind diejenigen, die seit dem 19. Jahrhundert das Sagen haben: Politiker und Manager, die der Kaste der Beamten entstammen und deren Denken auf festen Mustern und Routinen beruht. Originalität gilt in dieser Welt als Störfaktor, und diejenigen, die originell sind, gelten als Gestörte. Das Originelle gefährdet die Stabilität und damit den Erfolg der gesamten Operation. Originalität ist riskant.

Als der österreichische Autor Herbert Eisenreich vor 60 Jahren in der »Zeit« ein Essay zu dem schon damals umstrittenen Thema schrieb, konnte er noch eine Vielzahl durchaus lebendiger Bedeutungen aus dem Duden anführen: Originell, das war damals noch ursprünglich, schöpferisch, eigenartig, einzigartig, eigen, neu, urwüchsig, angeboren, selbstständig, echt, natürlich, komisch. Geblieben sind davon eigentlich nur die negativen oder windigen Bedeutungen, eigenartig etwa und – natürlich – komisch.

Als Originale bezeichnet man Menschen, die sich anders kleiden, anders reden und denken und die aus der Menge hervorstechen. In Organisationen heißen solche Leute Querdenker und Kreative. Wenn sie etwas vorschlagen, sagt der Chef: „Das ist ja extrem originell, Herr Sowieso.“ Damit ist auch gleich klar, was Originalität ist: die Vorstufe zur Abmahnung. Da tut es nichts zur Sache, dass nicht jeder, der meint, originell zu sein, es auch ist. Es ist das Wesen der alten Organisation, Originalität für einen Defekt zu halten, der die Abläufe durcheinanderbringt und die innere Ordnung gefährdet. Manager und ihre Handlanger grinsen dann breit: Guck mal, ein echtes Original. Ein Komiker. Wie witzig.

2. MÖGLICHKEITEN

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es nur wenige Menschen, die dem widersprachen – zu ihnen gehörte der amerikanische Intelligenzforscher Joy Paul Guilford, dessen Klassiker „The nature of human intelligence“ ein Meilenstein in der Bewertung von Intelligenz, Originalität und Kreativität ist.

Guilford definiert Originalität als „Faktor des divergenten Denkens“, bei dem es darum geht, kreative Lösungen für Probleme zu finden, das „Aufzeigen unüblicher Möglichkeiten bei der Verwendung bestimmter Objekte“. Es gibt Leute, die drücken eben immer nur einen Knopf – gleich dem alten indonesischen Sprichwort: „Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“ Die Behämmerten übersehen dabei den entscheidenden Faktor bei der Lösung aller Probleme, den Grund dafür, warum wir überhaupt ein Gehirn haben: divergentes Denken, bei dem es darum geht, wie Guilford es formulierte, „unübliche Möglichkeiten bei der Verwendung bestimmter Objekte anzuwenden“. Das ist Originalität, so der Forscher.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass es sich dabei um etwas ganz anderes handelt als jene in den vergangenen Jahrzehnten unkritisch herbeigebetete „Kreativität“, bei der es nur vermeintlich um vollständige Neuschöpfungen geht – eine Art permanenter Urknall, bei dem man nicht weiß, woher das Zeug kommt und wohin es fliegt. Originalität ist nichts für Komiker und nichts für Knalltüten. Sie ist eine ernste Sache.

Originalität im Sinne divergenten Denkens schöpft aus dem, was ist, ohne es zu kopieren, nachzuahmen, zu wiederholen. Originalität erkennt die Welt und ihre Dinge in neuem Zusammenhang. Originalität ist keine Erfindung, sondern eine Entdeckung. Ein echtes Abenteuer – und kein Dachschaden.

3. DIE ÄRA DES FALSCHEN

Natürlich weiß man, dass es diese Sichtweise von Originalität ist, die letztlich Mehrwert und Fortschritt schafft. Und dass Routinen und Normen die zeitweilige Folge origineller Prozesse sind. Wenn niemand entdeckt, was man mit Fließbändern tun kann, dann wird niemand auf die Idee kommen, auf ihnen jahrzehntelang Massenware herzustellen. Alle Produktion beruht auf originellen Ideen. Die Frage nach Ei und Henne ist hier eindeutig beantwortet.

Dennoch spielen sich die Hennen als Vormund auf und gackern alle nieder – das Huhn hält den Laden schließlich am Laufen, und Eierlegen liegt nicht im Trend. Die Führungskraft dieser Tage ist bieder und ideenarm, aber in alledem zuverlässig. Die Originale, die immer das Risiko des Neubeginns bergen, schätzt man nicht so sehr. Abzüge, Kopien sind irgendwie sicherer.

Man kann das einfach überprüfen: An wen denken wir, wenn wir nach Originalen an der Spitze von Unternehmen gefragt werden? Gab es früher mehr „Typen“ als Chefs und Macher? Wo sind die Eigentümlichen, die Unverwechselbaren in der Politik? Wo sind die originellen Ideen der vergangenen Jahre (Mehrfachnennungen möglich) – und zwar solche, die nicht nur einigen Experten und Fachleuten ein Begriff sind? Haben wir das Gefühl, dass ein buntes Feuerwerk praktischer Problemlösungen am Himmel erscheint, wenn wir die großen Weltprobleme Energie, Wachstum, Wohlstand, Gesundheit und Bildung ansprechen? Und falls ja, werden dabei „unübliche Möglichkeiten bei der Verwendung bestimmter Objekte“ angewandt – oder die Probleme einfach verwaltet und nicht selten dadurch auch vermehrt? Und an wem könnte das liegen?

Gewiss: Die Frage ist ein wenig unfair, denn vieles, was originell ist und uns weiterbringt, hat noch keine Chance auf Entdeckung gehabt. Aber wenn das Gerede von Neuem, Innovativem, Kreativem und Originellem mit der Wirklichkeit Schritt halten könnte – müsste es nicht unzählige gute Antworten auf jede dieser Fragen geben?

Tatsache ist: Wir sind keine originelle Gesellschaft. Es wird nur viel darüber geredet. Man gackert so vor sich hin – und wenn wirklich mal jemand ein Ei legt, originell ist, tritt man drauf. Das Eigentümliche genießt keinen Respekt.

Das hat unter anderem zur Folge, dass wir den Unterschied zwischen Original und Kopien aus den Augen verlieren. Was früher Original war, ist heute zur „Inspiration“ für die Nachahmung geworden. In den Neunzigerjahren gewöhnte man sich daran, dass „Zitate“ in die Musik-Charts kamen und sich als eigenständige Idee ausgeben durften. Das wurde dann treuherzig damit erklärt, dass ja sowieso alles irgendwie schon mal dagewesen sei und es deshalb „das Neue“ und das „Originelle“ gar nicht gebe. Sind wir nicht alle Zwerge auf den Schultern von Riesen? Nein. Das haben die Zwerge bloß erfunden, damit sie auch weiterhin oben sitzen können.

Besonders versierte Verteidiger der Nachahmung finden sich dort, wo man einst mit Originalität sein Geld verdiente, im Feuilleton beispielsweise. Früher galt jemand, dem nichts einfiel, als Dummkopf. Das war vielleicht ein bisschen grob, aber ist es besser, dass heute Einfallslosigkeit der Karriere förderlich ist? Wer nicht originell ist, gilt als zuverlässig. Aber vielleicht ist das ganz normal in einer Welt, in der wie irre gefälschte Markenartikel aus Asien gekauft werden, weil die Leute glauben, sie hätten ein Recht auf diese billigen Täuschungen.

Die Nachahmergesellschaft, die augenzwinkernd abschreibt und die wissend grinst, wenn sie sich an der Originalität anderer bedient, stiehlt sich ihre eigene Zukunft. Das Plagiat ist die Regel geworden, Routine. Und die Empörung über die zu Guttenbergs dieser Welt schiere Heuchelei.

In einer Gesellschaft, die sich darüber im Klaren ist, dass Originalität, also unverwechselbare, gute Ideen die Grundlage des Wohlstands sind, wäre Empörung mehr als berechtigt. Das Stehlen von geistigem Eigentum anderer ist ein Kapitalverbrechen an der Wissensgesellschaft. Die Aufregung um den ganzen akademischen Schwindel wäre also ein gutes Zeichen – wenn dahinter Respekt vor Wissen, Originalität und Innovation stünde. Doch damit hat das Theater um die falschen Fuffziger nichts zu tun.

4. DER WERT DES ORIGINALS

Die Rufe nach mehr Ehrlichkeit im Wissenschaftsbetrieb sind nicht originell – sie sind verlogen. Denn dort gilt wie fast überall: schön blöd, wer nach immer neuen Möglichkeiten sucht. Natürlich darf man klauen, nachmachen, kopieren, „interpretieren“, was das Zeug hält – nur erwischen lassen darf man sich dabei nicht. Die Helden dieser Tage sind die, die sich nicht erwischen lassen oder denen man nichts beweisen kann.

Aber wem fällt das noch auf? Wen stört das? Und wozu braucht man eigentlich Originale?

Antworten auf diese Fragen finden wir in der Kunst – genauer: in der Art und Weise, wie wir mit Kunst umgehen. Jeder will das Original eines Kunstwerks und nicht seine Kopie, auch wenn die im Zeitalter des Digitalen perfekt zu sein scheint. Für das Original zahlt man einen hohen Preis, die Kopie hingegen schafft es nur etwas über ihren Materialwert hinaus. Das Original ist exklusiv, denn es kommt nur einmal vor. Es ist selten, ein rares Gut. Aber das ist nicht alles.

Einen noch größeren Anteil an der Bedeutung des Originals hat, was der Philosoph Walter Benjamin Aura nannte. In seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ definiert er die Aura als die Gesamtheit der Werte und Bedeutungen, die ein Original besitzt. Das hat mit Esoterik und Strahlenkränzen nichts zu tun. Es ist ein technischer Begriff, der den gesamten Wert der geistigen Arbeit bewertet, die zu einem Original führt, und gleichzeitig die Bedeutung, die es für den Nutzer und Betrachter hat.

Das ist ein enorm wichtiger Gedanke, wenn es um die Bewertung von Wissen und abstrakten Gütern geht, von denen wir längst leben. Und die wir nach wie vor nach den Kriterien der Welt der Dinge messen – vor allem der industriellen Massenware. Benjamins Aura betont den Wert des einmaligen Denkens an sich. Eine Aura gibt es auch überall dort, wo einzigartige, einmalige Projekte und Leistungen erdacht werden, in jeder maßgeschneiderten Fabrik ebenso wie in jeder Maschine, die unverwechselbar und eigentümlich – und nicht einfach beliebig reproduzierbar ist.

Geschätzt wurde die geistige Arbeit, die Aura des Werkes, seit Menschen denken können. Unseren Vorfahren war klar, dass es die neue Idee ist, das Originelle, das Probleme löst oder neue Perspektiven eröffnet. Doch 200 Jahre Industrie- und Massenkultur haben diesem uralten Wissen zugesetzt. Was in der Kunst okay ist und ganz normal, nämlich dass der Wert sich an Original und Originalität bemisst, wirkt im Lebensalltag zunehmend fremd und skurril. Was in der Kunst preissteigernd wirkt, die Eigentümlichkeit, ist in der Welt der Massenproduktion ein glatter Kündigungsgrund.

Wir schludern mit dem Original, weil uns die Industriegesellschaft das so beigebracht hat. Für die Wissensgesellschaft ist aber das Nachdenken über das Wesen der Aura so wichtig wie die Preisfestlegung für Schweinehälften, Stahl und Kohle in der Industriegesellschaft. Wir stehen am Anfang einer neuen Ökonomie, die nicht mehr nach jenen Regeln funktioniert, die die alte Industriegesellschaft am Laufen gehalten haben. Sie gebar die Massenproduktion, die exakte Abläufe braucht. Dafür wurde das Management entwickelt, dessen ganze Theorie auf Bewertungsmustern für Materielles baut, auf dem Festlegen von Methoden, Prozessen und Abläufen. Vornehmste Aufgabe ist es, die üblichen Methoden zu optimieren. Divergentes Denken ist nicht gefragt. Wenn aber Wissen, also das Produkt originellen Denkens, zur wichtigsten Ware wird, wird diese Norm zum Problem. Denn diejenigen, die dafür sorgen sollen, dass der Laden läuft, verstehen die Welt nicht mehr.

Der Widerspruch zwischen Management und Originalität ist ein offenes Geheimnis – oder ist wirklich jemand von Bestsellern wie „Kreativ trotz Krawatte – vom Manager zum Katalysator“ überrascht? Glaubt jemand, dass Joseph A. Schumpeters „kreative Zerstörung“ – die Grundlage von Unternehmertum und Innovation nicht im krassen Widerspruch zur Praxis des Managements steht? Und wer noch zweifelt: Wie klingt es, wenn Manager von Originalität, Vielfalt, Kreativität reden, also den Grundlagen der Wissensgesellschaft? Ein bisschen eigentümlich? Oder nur komisch?

5. WAHNSINNIG ORIGINELL

Originalität, die von Managern definiert wird, ist Kriegsgerät in Kinderhänden. Und das führt dazu, dass die Originalität als zentrale Währung der neuen Wirtschaft genauso entwertet wird wie der Begriff der Kreativität, den man gemeinhin mit ihr verbindet. Wobei es die Kreativität noch härter getroffen hat – sie ist Gegenstand absurdester Vorstellungen, wird inflationär gebraucht und hat die Rolle einer modernen Gebetsmühle, die man ein wenig dreht, auf dass sich etwas tut.

Dabei ist Kreativität eigentlich eine ganz harmlose Sache. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit zur individuellen Problemlösung. Das ist, hochgestochen, das Schöpferische, banaler gesagt: die jeweils passende Antwort auf eine offene Frage. Kreative Lösungen und Originalität im Sinne divergenten Denkens fließen in der Praxis ineinander. Fest steht, dass das Wissen darum, wie Kreativität „funktioniert“, also eine mechanische Erklärung dafür, was abgeht, wenn man eine Idee hat, bisher recht vage ist. Das ist ungefähr so wie in der Gehirnforschung. Seit vielen Jahren versucht man, das Denken und die Intelligenz zu erklären, und fängt nach guter industrialistischer Art damit an, alles zu vermessen und festzulegen. Schön nach Plan, mit Routine. Hier die Motorik, dort das Originelle – hübsch ordentlich soll es zugehen im Oberstübchen.

Viele Forscher liefern dabei nicht, was die Wirklichkeit hergibt, sondern was das Publikum wünscht – und das ist vor allen Dingen Berechenbarkeit und Kontrolle über das Denken. Seit dem 19. Jahrhundert werden zunehmend klare Antworten auf die Frage gefordert, was Denken und Intelligenz sind. Diese Frage ist frei von jeder Sentimentalität. Es geht nur um eine Antwort darauf, wie Verstand, Vernunft, Denken, Kreativität und Originalität „funktionieren“, ob und wie sie sich erzeugen, reproduzieren und damit steuern und kontrollieren lassen.

Alles eine Frage der Organisation also. So denken die Macht und das Management im 20. Jahrhundert, und sie tun es bis heute: Die Gedanken sind frei – aber wir managen sie.

Ein Echo dieses Weltbilds ist der Intelligenzquotient, der IQ, mit dem sich angeblich die Intelligenz einer Person eindeutig messen lässt. Dass das Testergebnis nichts darüber aussagt, ob ein Mensch eigenständig und originell denkt, bestreiten auch seine Befürworter nicht.

Abgelehnt wurde der IQ von jeher bei allen, deren Logik- und Rechenschwächen einem halbwegs guten Abschneiden beim Intelligenztest dauerhaft im Wege stehen. Diese Leute bauen mehr auf die Glaubensalternative, den EQ, die „Maßeinheit“ für die sogenannte emotionale Intelligenz. Das gleichnamige Buch des Journalisten David Goleman wurde zum Bestseller. Der Autor beruft sich bei seiner Arbeit auf Studien der amerikanischen Sozialpsychologen John D. Mayer und Peter Salovey aus den Neunzigerjahren.

Deren zentrale Erkenntnis lässt sich so auf den Punkt bringen: Es ist gut, wenn man zu Leuten, von denen man etwas will, ein bisschen nett ist. Und es ist richtig, wenn man wissen will, was die anderen interessiert.

Solche Weisheiten lassen sich in Büchern, Seminaren und Talkshows vergolden. Dahinter steckt der gleiche mechanistische Aberglaube, der schon den IQ zum Star machte und bei dem behauptet wird, dass man sich aneignen kann, was man nicht hat – Empathie, einen beweglichen Geist oder soziale Intelligenz – vorausgesetzt, es gibt eine Methode und ein Messverfahren dazu.

In dieser Geistestradition steht der CQ, der Creative Quotient, der vorgibt, kreatives Denken und Originalität zu messen. Kreativität sei, wie der Wissenschaftsjournalist Joachim Müller-Jung in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« bemerkte, „drauf und dran, zur neuen Intelligenz zu werden“, mit allen bereits bekannten Nebeneffekten. Vieles in der sogenannten Kreativitätsforschung sei schlicht „originell“, schreibt Müller-Jung und meint: komisch. Und genau so wirken auch die allermeisten Seminare und Kurse, in denen einst hartnäckig zu Routiniers abgerichtete Betriebswirte nun auf einmal Originalität „lernen“ sollen – eine Tragikomödie, die an vielen Orten aufgeführt wird.

6. DIE ERFINDUNG DER KREATIVITÄT

Der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder lehrende Kultursoziologe und Autor Andreas Reckwitz („Die Erfindung der Kreativität“) kritisiert solche Umerziehungsversuche heftig. Und verweist darauf, dass sich die Moderne ja geradezu dadurch ausgezeichnet habe, dass sie auf „Regeln der Berechenbarkeit und Effizienz, ob in der Wirtschaft, im Staat oder in der Wissenschaft“ baute. Wer zuverlässig und berechenbar für alle war, pünktlich zur Arbeit erschien und kalkulierbare Leistung ablieferte, entsprach den Anforderungen. Als Gegenkonzept schuf sich die Industriegesellschaft das Bild des von allen Sachzwängen befreiten Künstlers.

So denken wir spätestens seit dem 19. Jahrhundert: Entweder macht jemand seine Arbeit – oder er ist kreativ. Routinier oder Künstler. Im Bewusstsein der meisten Menschen ist das immer noch so, und beide Seiten sind sich nicht grün: Die Konformisten neiden den Originellen Anerkennung und Zuneigung des Publikums – und diese den anderen ihr festes Einkommen.

Allerdings ist die Realität schon wieder eins weiter. Das Management hat längst die Welt des Künstlers okkupiert – und holt sich daraus das, was dem eigenen Routineprozess neues Leben einhaucht. Das führt zu einer „ästhetischen Kreation“, wie Reckwitz es nennt. Das Kreative wird industrialisiert und zur Routine gemacht. Originell ist nur die Darbietungsform. „Rationalisierung und Ästhetisierung haben sich miteinander verzahnt“, nennt Reckwitz das. Glaubt man ihm, dann ist das Neue heute nur noch selten ein Original, sondern vielmehr eine Kopie, die so tut als ob.

7. DIE WELT DER GADGETS

Weil gleichzeitig, so Reckwitz, Kreativität als neuer Arbeitsethos empfohlen wird, sammeln sich in den Unternehmen die Verlierer. Einmal die wirklich Originellen, die das Bestehende radikal infrage stellen. Durch den Rost fallen aber auch alle, die einfach ihre Arbeit machen, die Systemerhalter, die Konformisten, die das Rollenbild der alten Industriegesellschaft verkörperten. „Die Routine und der Konformismus alter Schule entsprechen nicht mehr der Norm“, so Reckwitz. Die Zahl frustrierter Systemerhalter, die nicht kreativ sein können, steigt an – das sind die Leute, die man dann in Kreativseminaren wiederfindet und die das Gefühl des Scheiterns in sich tragen.

Diese Pseudokreativität überschwemmt die Arbeits­welt wie Falschgeld – und führt zu einer massiven Entwertung echter Kreativität und Originalität. Alles ist irgendwie Castingshow, alle Waren sind Gadgets. So nannte man im England des 19. Jahrhunderts Dinge, die so nebensächliche Kuriositäten waren, dass man sich ihren Namen nicht wirklich einprägen musste. Heute steht das Gadget im Zentrum der Konsumgüterindustrie.

Das berühmteste Ding ist das Smartphone, ein Bastard aus vielen Funktionen und Originalen, die sich zu einer modischen Kopie von allem verbinden. Die Computer- und Webwirtschaft redete noch vor anderthalb Jahrzehnten von „killer apps“, also tiefgreifenden Innovationen. Das war die alte, klassische Sicht. Gadgets aber sind Mode, reine Designprodukte, Saisonartikel, die den Absatz befördern sollen. Aus dem Dings ist die Hauptsache geworden. Aus dem Original die Kopie. Das ist auch der Geist, der längst das Web umweht: So gern von kollektiver Intelligenz und gemeinsamer Kreativität geredet wird – am Ende geht es um verdeckte Normen und Kollektivismus, ums Mitlaufen und Nachmachen. Aber alles sieht hübsch kreativ und individuell aus.

Das prangert der Internet-Vordenker Jaron Lanier in seinem Manifest „You are not a gadget“ an. Er beschreibt darin die Gefahren, die aus der Verzahnung von Rationalisierung und Ästhetisierung erwachsen. Sie führen den Trott des Industriezeitalters fort unter Behauptung falscher Tatsachen – der Originalität und des Kreativen. Es gibt nichts Neues. Alle leben von der Substanz. Folgerichtig herrscht der Geist von Copy & Paste, bei Gadgets und Doktorarbeiten, im Privatleben und im Beruf. Nachmachen ist alles. Probleme lösen ist doof – man kann sie doch auch verwalten. Das ist der Geist der Kopie, des Stillstands, eines geklauten Lebens. Ein Selbstbetrug.

Das bestätigt auch der scheidende Chef des Hamburger Weltwirtschafts Instituts HWWI, Thomas Straubhaar. Nicht erst seit der Finanzkrise im Jahr 2008 sind originelle Lösungen und Denkansätze gefragt. Aber wer liefert sie? „Wer gegen den Mainstream schwimmt, der geht heutzutage ganz schnell unter“, sagt Straubhaar, „Originalität lohnt sich nicht.“ Die großen Ökonomen – von Adam Smith über Karl Marx bis Friedrich von Hayek, John M. Keynes und Milton Friedman, sie alle waren Originale, unverwechselbare Typen, die der Inbegriff des divergenten Denkens waren, eigentümliche, selbstständige Menschen. Wo sind diese Typen geblieben?

Sie hätten im Wissenschaftsbetrieb von heute nur geringe Chancen, sagt Straubhaar, denn wer dort „eine gute Idee hat, wird schnell kopiert und um die Früchte seiner Denkarbeit gebracht – davor haben alle Angst“. Die große Kopiermaschine Internet ist nur ein Teil dieser gefährlichen Gleichmacherei: „An den Universitäten setzt sich in der Lehre überall Routine und Vereinheitlichung fest, weltweit werden dieselben Lehrbücher verwendet, die gleichen Folien präsentiert – und auf Abweichung und Unterschiede hat kaum jemand Lust.“

Wo sich alle einig sind, braucht man keine Originale mehr. Abziehbilder tun’s auch: „Man muss verkaufen können, egal was – und dafür braucht es nur noch mehrheitsfähige Moderatoren. Ganz gleich, ob Fußballtrainer oder Manager, am wichtigsten ist, dass die Leute auf der Pressekonferenz gut rüberkommen“, sagt Straubhaar.

Originale haben Widerhaken, Kopien hingegen leisten keinen Widerstand – es genügt, bei den Leuten gut anzukommen. Sie streiten nicht für ihre Sache, weil sie keine haben. Alles ist nur geliehen, geborgt, geklaut. Das passt zu einer Gesellschaft, die gerade ihr Erbe verprasst auf Kosten der nächsten Generation. Alles muss raus – das ist der Schlussverkauf des alten Systems. Und das ist komisch, wahnsinnig sogar, also irre.

Der Rat des Ökonomen: „Es lohnt sich langfristig, ein Original zu bleiben – und das heißt auch, sich selbst treu zu bleiben.“ Und damit gewinnt man, letztlich in jeder Hinsicht. Das Gefühl von Stillstand liegt daran, dass wir heute vor lauter Kopien die Originale nicht mehr sehen. Aber sie sind da, und ausgerechnet die massenhafte Existenz der Diebe und Nachahmer ist der Beweis dafür. Das Nichts kann man nicht klauen. Die Kopie braucht das Original, nicht umgekehrt. Und die ganzen Kupferstecher von heute brauchen die Originellen. Die Frage ist nur: Wissen die Originellen das auch? Handeln sie danach? Und sind sie bereit, Verantwortung zu übernehmen?

Daran wird es sich entscheiden: Nur wer lernt, auf den Unterschied, den er macht, stolz zu sein, hat den Stillstand überwunden. Originalität braucht Selbstbewusstsein. Nicht die Kopie schafft Zukunft. Sondern ein Original. ---

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