Ausgabe 01/2014 - Schwerpunkt Originalität

Wolfgang Beltracchi

Die Aura der Fälschung

• Eine Anekdote über Georg Wilhelm Friedrich Hegel geht so: Eine Verehrerin lobt sein Werk „Phänomenologie des Geistes“. Der Philosoph entgegnet ihr: „Gnädigste, 95 Prozent davon sind nicht von mir, und der Rest ist schlecht.“

Damit wären wir beim Kern des Themas. Hegel weist zum einen darauf hin, dass der größte Teil seines Werkes aus den Arbeiten seiner Vorgänger kompiliert ist. Zum anderen bewertet er es – kokett – sehr kritisch. Was Hegel von der Philosophie sagt, gilt auch für die Kunst. 95 Prozent beruhen auf Tradition, Vorbildern oder zeitgenössischen Trends. Das jeweils genuin Neue daran zu bestimmen fällt schwer, auch wenn Kritiker, Galeristen oder Auktionshäuser gern das Gegenteil behaupten, weil das zu ihrem Geschäft gehört. Am ehesten lässt sich sagen, was nicht neu ist: schlichte Kopien von etwas bereits Vorhandenem.

Die Schlussfolgerungen für den Begriff der Originalität liegen auf der Hand. Da er in der Regel als etwas Positives und Erstrebenswertes betrachtet wird, wird in ihm das Faktum des Neuen mit einer positiven Bewertung vermengt. Dem Neuen wird gleich­sam a priori eine positive Qualität zugesprochen. Dabei gibt es selbstverständlich auch originellen Unsinn.

Die empirische Kreativitätsforschung vermeidet daher den Begriff Originalität. Sie unterscheidet zwischen personaler und kultureller Kreativität. Erstere ist ein universelles Phänomen: Wir alle verfügen über Kreativität – sofern sie uns nicht frühzeitig ausgetrieben wurde. In diesem Sinne schöpferisch tätig ist bereits der Säugling, der sich ein Übergangsobjekt schafft, das für ihn die Mutter vertritt.

In der kulturellen Kreativität kommt das Phänomen der Bewertung ins Spiel. So entscheiden Experten darüber, was Kunst ist. Ihre Urteile werden beeinflusst von Kunstverständnis, Geschmack, aber auch von institutioneller Macht und nicht zuletzt von Geld. Dass die Preise für Kunst offen ausgehandelt werden, wie gelegentlich behauptet wird, ist Unfug: Wir haben es mit einem komplexen Bedingungsgefüge aus Sachverstand, Geld und Macht zu tun.

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die Fälschungen Wolfgang Beltracchis verstehen. Wie die – bis zur Entlarvung der Fälschungen hochgeschätzte – Qualität der Bilder zeigt, verfügt er zweifellos über eine erhebliche personale Kreativität. Er hat nicht kopiert, sondern Elemente der von ihm gefälschten Künstler (Heinrich Campendonk, Max Ernst, André Derain und andere) neu kombiniert und mit eigenen Ideen verbunden. Es ließe sich trefflich darüber streiten, wie hoch der Anteil des genuin Neuen daran ist. Unbestreitbar ist jedoch, dass er Neues geschaffen und nicht nur Bekanntes kopiert hat.

Wolfgang Beltracchi, geboren 1951 in Höxter, wurde durch seinen Vater, einen Kirchenrestaurator, schon früh mit künstlerischer Arbeit vertraut. Seine erste „Fälschung“, mit 14 Jahren, war eine Kopie des Picasso-Bildes „Mère et enfant au fichu“. Er absolvierte eine Ausbildung an der Werkhochschule Aachen und erwog zeitweilig, bei Joseph Beuys zu studieren. Der unverständliche Monolog des Meisters irritierte ihn jedoch.

Obwohl er bereits in den Siebzigerjahren beträchtlichen – auch finanziellen – Erfolg hatte, richtete sich sein Ehrgeiz nicht auf eine traditionelle Künstlerkarriere. Beltracchi entwickelte den Ehrgeiz, die Kunstgeschichte zu verändern, sie um Bilder zu erweitern, die ein bestimmter Maler noch hätte malen müssen. Es handelt sich um eine Art Hybris, wie wir sie bei vielen Künstlern, aber auch bei Fälschern wie etwa Han van Meegeren finden. Der Künstler strebt nach „Selbstverewigung“. Wer jedoch die Kunstgeschichte so verändern will wie Beltracchi, ist geradezu gezwungen, im Verborgenen zu bleiben, sonst würde man ihn als einen Fall für die Psychiatrie betrachten.

Der Fall ist ein Lehrstück über das Problem der Bewertung (während die Aufdeckung der Fälschung angesichts der neueren naturwissenschaftlichen Verfahren heute das geringere Problem darstellt). Beltracchis Arbeiten wurden zunächst den Originalen gleichgestellt, sonst hätten sie auch nicht den Weg in den Kunstmarkt gefunden. Einzelne Bilder, etwa die Campendonk-Fälschung „Rotes Bild mit Pferden“ wurden geradezu als Höhepunkte im Schaffen Campendonks gefeiert und steigerten sogar dessen Marktwert. Nach der Entdeckung der Fälschung änderte sich das schlagartig: Das Werk wird als stümperhaft, als Pfuscherei stigmatisiert. Es ist also die Rezeption, die über die angebliche Qualität entscheidet. Es handelt sich um Projektionen, die sich auf das „Original“ und die mit ihm verbundene „Aura“, deren „geschichtliche Zeugenschaft“ (Walter Benjamin) richten.

Zwei Projektionen sind dabei von besonderer Bedeutung. Eine magische: Wer das Original besitzt, steht gleichsam mit dem Genius des Künstlers und dessen Aura in Verbindung, eine Art innerweltlicher Transzendenz. Und eine monetäre: Der Besitz des Originals verspricht durch dessen Echtheit eine gute Geldanlage und nicht zuletzt soziales Prestige. Die hervorgehobene Bedeutung des Originals ist keine dem Kunstwerk immanente Qualität, sie hat vielmehr mit Magie, Geld und Prestige zu tun.

Die Renaissance schätzte die schöne Kopie

Der Kult des Originals ist nicht erst in der neueren Kunstgeschichte fragwürdig geworden. Bekannt sind Marcel Duchamps Ready-mades: sein Pissoir, sein Flaschentrockner. Er düpiert den Blick des Betrachters, indem er alltägliche Objekte in einen ungewöhnlichen Kontext, etwa einer Galerie stellt. Auch die Renaissance hatte ein anderes Verständnis von Original und Kopie. Der Fall Michelangelos, der eine antike Statue kopierte und als Original in Umlauf brachte, oder Andrea del Sartos Kopie von Raffaels Papst Leo X. zeigen, dass man sich damals nicht ausschließlich auf den Tatbestand der Fälschung kaprizierte, sondern auch die Schönheit der Kopie bewunderte – und bezahlte.

Unter den Bedingungen des modernen Kunstmarktes erfährt der Begriff des Originals und der ihm zugeschriebenen Aura eine dialektische Veränderung. Während sich Benjamins Verständnis von Aura auf nicht handelbare Kunstwerke anwenden lässt – etwa eine gotische Madonna, die sich schon seit Jahrhunderten am selben Platz befindet und kultisch verehrt wird – verliert der Begriff der Aura seine Bedeutung, wenn es sich um universell handelbare Kunstwerke handelt, die von Auktion zu Auktion wandern und als Prestige- oder Spekulationsobjekte Banken oder die Villen reicher Investoren schmücken. Sie verlieren ihre „geschichtliche Zeugenschaft“, erhalten Warencharakter wie Autos oder Kühlschränke. Seltsamerweise hatte der Marxist Benjamin nicht im Blick, dass der Markt die Aura nachhaltiger zerstört als die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks.

Umgekehrt ist der Kunstmarkt im Zeitalter der globalen Vermarktung des Kunstwerks auf die Fiktion des Originals und der Aura – als dem Kunstwerk angeblich inhärente Eigenschaften – angewiesen, da nur das Original Qualität zu garantieren scheint. Die Fiktion des Originals ist der Garant dafür, dass die magische und die monetäre Projektion funktionieren. Ohne sie würde der Kunstmarkt nicht oder erheblich schlechter funktionieren.

Was bedeutet es für Kunstfälschungen, wenn unter den Bedingungen des Marktes die Aura des Originals objektiv zerstört wird? Zunächst, dass die Rede über Original und Fälschung an der Sache vorbeigeht und stattdessen über Rezeption und Ästhetik gesprochen werden müsste. Gelegentlich, wenn auch seltener, tritt nämlich auch der umgekehrte Fall ein: Gerade nach dem Auffliegen der Fälschung wird deren künstlerischer Wert gelobt. So schreibt etwa Werner Spies, dass die Max-Ernst-Fälschungen Beltracchis „eindeutig die Technik Max Ernsts“ aufweisen. „Wüsste ich nichts von dem verbrecherischen Tun der Beltracchi-Bande und würde ich die Arbeiten heute betrachten, fände ich nach wie vor keinen Hinweis, der Zweifel an der Echtheit bei mir aufkommen lassen würde.“

Diese Bemerkung des Fachmanns lässt sich nicht einfach mit dem Hinweis abtun, er wolle von seinem Versagen ablenken. Spies betont vielmehr, dass die Fälschungen Beltracchis den Max-Ernst-Originalen gleichkommen. Damit kommt es zu einer Umwertung der Aura: Die Fälschung erhält ihren Wert durch ihre ästhetische Qualität. Wir stoßen auf das scheinbare Paradox, dass sie sich am Phänomen der Fälschung zeigen kann, wobei Fälschung und Original gleichsam die Plätze tauschen.

Das Faktum der Täuschung verliert damit seine Bedeutung. Unabhängig vom Tauschwert, der Signatur oder der Provenienz erhält die Fälschung ihre eigene Aura. Das Beispiel etwa von Beltracchis Campendonk-Fälschung, Else Lasker-Schüler gewidmet, zeigt eine poetische Schönheit und eine komplexe Bilderzählung, eine Aura, die den originalen Werken Campendonks vergleichbar ist.

Die Bedeutung eines Kunstwerks lässt sich nicht auf der Ebene echt /falsch, sondern nur ästhetisch beurteilen. Fälschungen, wie diejenigen Beltracchis, im Grenzfall sogar eine Kopie, wie die Beispiele Michelangelos oder del Sartos zeigen, können denselben ästhetischen Wert besitzen wie ein Original.

Derartige Überlegungen könnten den Kunstmarkt und seinen Kult des Originals revolutionieren. Wir würden wieder lernen, uns auf genuin ästhetische Erfahrungen einzulassen. ---

Wolfgang Beltracchi,

seine Frau und zwei weitere Komplizen wurden am 27. Oktober 2011 vom Landgericht Köln wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verurteilt. Er soll mehr als 50 Bilder von Künstlern der Klassischen Moderne, meist Expressionisten, gefälscht und mithilfe seines Teams und perfekter Legenden vermarktet haben. Im Prozess ging es lediglich um 16 Gemälde und einen Deal: Beltracchi & Co. legten Geständnisse ab und kamen mit vergleichsweise milden Strafen davon. Der Haupttäter wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. In seinem Schlusswort bedankte er sich bei den Prozessbeteiligten, „dass alles so fair und locker war und dass Sie so oft gelächelt haben“.

Manfred Clemenz,
geboren 1938 in Stuttgart,

war Professor für Soziologie/Sozialpsychologie. Er ist Psychotherapeut, Kunsthistoriker und bildender Künstler.

Beltracchi - Die Kunst der Fälschung

ein Dokumentarfilm von Arne Birkenstock kommt ab dem 6. März 2014 in die deutschen Kinos. www.arnebirkenstock.de/filme/beltracchi/

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