Ausgabe 04/2014 - Gute Frage

Welches Potenzial haben Bitcoins?

• Sie werden übermäßig gehypt, sagen die einen. Andere halten sie für die Zukunft des Zahlungssystems. Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman hält sie gar für böse. Bitcoins polarisieren – weil die digitale Währung komplexe technische Prozesse mit grundsätzlichen ökonomischen Fragen verknüpft.

Zunächst einmal sind Bitcoins eine Art digitales Bargeld. Statt aus Edelmetall oder Papier bestehen sie aus einer verschlüsselten Folge von Zahlen und Buchstaben. Sie werden nicht geprägt oder gedruckt, sondern errechnet. Wie bei normalem Geld ergibt sich ihr Wert daraus, dass die Nutzer darauf vertrauen, künftig mit ihnen Waren oder Dienstleistungen kaufen zu können. Der entscheidende Unterschied: Es gibt keine zentrale Instanz, die die Herstellung der Bitcoins und ihren Umlauf überwacht.

Theoretisch kann sich jeder die nötige Software herunterladen und damit selbst neue Bitcoins errechnen. Ein Algorithmus sorgt allerdings dafür, dass das umso schwieriger wird, je mehr Bitcoins in den Umlauf kommen. Auch für Überweisungen braucht man keine Banken mehr. Sie finden direkt von Nutzer zu Nutzer statt und werden in einer Art digitalem Kassenbuch festgehalten, das von jedem überprüft werden kann.

Bitcoin wurde als bessere Alternative zum etablierten Bankensystem entworfen; an die Stelle von Vertrauen in staatliche Institutionen setzte man Mathematik. Das Konzept fand in der Finanzkrise schnell Anhänger. Und Gegner. Für Paul Krugman und Kollegen war klar: Das ist eine fixe Idee, ein Angriff auf die Zentralbanken und die finanzielle Hoheit der Staaten.

Doch hat das Bitcoin-System überhaupt das Zeug dazu?

Es wird der Digitalwährung kaum gelingen, dem Euro und dem Dollar ernsthaft Konkurrenz zu machen. Neues setzt sich durch, wenn es besser oder effizienter funktioniert als das Alte. Doch das tut das Bitcoins-System nicht – zumindest nicht in jeder Hinsicht: Weil es mitunter Stunden dauert, bis eine Transaktion bestätigt ist, taugt die Digital-Währung nicht als Bargeld-Ersatz. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, gelten Bitcoins bislang nur als privates Tauschmittel und nicht als gesetzliche Währung, die von allen akzeptiert werden muss. Andere Länder stufen sie lediglich als Ware ein oder verbieten sie sogar ganz. Steuern lassen sich daher nicht damit begleichen.

Als Zahlungsmittel im Internet hingegen könnten sich Bitcoins durchsetzen. Der Grund: Weil Überweisungen ohne Umwege über Banken möglich sind und daher die Gebühren entfallen, lohnen sich erstmals Mikropayments – etwa für Musiker, Verlage und andere Internethändler.

Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland ist allerdings skeptisch: „Ob sich Bitcoins als Zahlungsmittel im Onlineshop etablieren, ist derzeit fraglich. Seitens der Kunden ist keine ausreichende Nachfrage zu spüren. Erst wenn sich das ändert, wird der Handel verstärkt nachziehen.“

Rainer Böhme, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Münster, sieht das größte Potenzial von Bitcoins bei internationalen Geldtransfers, für die Anbieter wie Western Union bislang horrende Gebühren verlangen. „In diesem Bereich ist Bitcoin revolutionär, hier wird es eine Nische finden.“

Andere sehen weitere Chancen. „Bitcoin kann zum globalen Bezahlnetzwerk werden“, sagt Dolf Diederichsen. Er und sein Kollege Radoslav Albrecht haben gut bezahlte Beraterjobs bei großen Firmen aufgegeben, um eine Bitcoin-Beratung zu gründen. Sie glauben, dass Banken und andere Finanzdienstleiter irgendwann die Vorteile des neuen digitalen Systems nutzen werden, zum Beispiel für günstige Transaktionen untereinander.

Bei Zockern beliebt

Noch aber haben sich Bitcoins weder als Zahlungsmittel noch als Zahlungssystem durchgesetzt. Momentan sind sie vor allem Spekulationsobjekt.

Viele Menschen kaufen sie nur, weil sie hoffen, dass ihr Wert steigt. Es läuft eine Wette darauf, ob sich die neue Technik etablieren wird. Weil es keine regulierende Instanz gibt, sind die Kursschwankungen enorm. Im Dezember lag der Wert eines Bitcoins bei mehr als 1000 Dollar, im Februar fiel er auf unter 500 Dollar. Kritiker sehen das als Beweis für die Instabilität des Systems. Befürworter wie Diederichsen sind dagegen überzeugt, dass sich der Kurs einpendeln wird, sobald absehbar ist, wie und in welchem Ausmaß Bitcoins verwendet werden.

Um die digitale Währung herum ist ein Ökosystem aus Börsen, Portalen und Apps entstanden, das dringend der Professionalisierung bedarf. „Viele Anwendungen sind mit heißer Nadel programmiert“, sagt der Wirtschaftsinformatiker Böhme. Solche Fahrlässigkeit ermöglicht spektakuläre Hackerangriffe wie etwa jene auf die Tauschbörse Mt. Gox im Februar dieses Jahres. Bitcoins im Wert von rund 350 Millionen Euro verschwanden.

Ein weiteres Problem liegt in der technischen Beschaffenheit des Systems: Je mehr Bitcoins in den Umlauf kommen, desto größer wird die benötigte Rechenleistung, um neue zu schöpfen. So werden zum einen enorm viele Ressourcen verschwendet: Schätzungen zufolge entspricht der tägliche Energiebedarf aller Bitcoin-Schürfer zusammen derzeit der Leistung eines Atomkraftwerks. Zum anderen könnten die hohen Energiekosten Menschen davon abhalten, neue Bitcoins zu errechnen.

Der Berater Diederichsen glaubt, dass bald schon Lösungen gefunden werden. „Viele intelligente Köpfe setzen sich jeden Tag mit den Problemen auseinander“, sagt er und vergleicht das Bitcoin-System mit den Anfängen des Internets. Dessen Potenzial habe man auch erst mit der Zeit entdeckt.

Auch Ideen für neue Anwendungen hat er schon. Zum Beispiel könne man an kleinere Einheiten von Bitcoins Aktien oder Zugangscodes anfügen und so das Eigentum an digitalen Gütern weitergeben. Bei derartigen Transaktionen ginge es nicht mehr um den Bitcoin, sondern um den Wertgegenstand, der an ihm hängt.

Doch andere sind skeptischer. „Bitcoin ist eine Übergangswährung“, sagt Raúl Rojas, Informatikprofessor an der Freien Universität Berlin. Es habe sich gezeigt, welche Vor- und Nachteile ein solches System habe. Durchsetzen würden sich eher digitale Transaktionsmöglichkeiten, die aus dem traditionellen Bankensystem entstünden.

Bitcoins wären dann vor allem ein Wegbereiter – das Altavista der Digitalwährungen. Die erste Internet-Suchmaschine gab es nur so lange, bis Google um die Ecke kam. ---

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