Ausgabe 04/2014 - Mikroökonomie

Mikroökonomie

Eine Hausangestellte in Tansania

Stella Laurent, 22, ist verheiratet und hat eine zweijährige Tochter. Sie lebt in Yamba in den Usambarabergen und arbeitet dort als Hausangestellte für die britische Hilfsorganisation Village Africa. In dem Dorf gibt es weder fließend Wasser noch Strom. Die meisten leben von dem, was sie selbst anbauen: Mais, Bohnen, Maniok. Lauents Ehemann arbeitet in der Großstadt Daressalam. Um dorthin zu kommen, muss sie mehrere Stunden zu Fuß gehen und dann sieben weitere mit dem Bus fahren.

Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Stella Laurent verdient im Monat etwa 78 000 Tansania-Schilling, das entspricht 35 Euro. Der durchschnittliche Jahresverdienst für eine Hausangestellte liegt in Tansania bei 80 Euro. Für ihr Haus zahlt Laurent monatlich rund 1,80 Euro Miete. Außerdem gibt sie pro Woche etwa 45 Cent für Prepaid-Guthaben ihres Handys aus. Das kann sie gegen eine geringe Gebühr bei den wenigen Einwohnern aufladen, die einen Generator besitzen. Um Strom zu sparen, schaltet sie ihr Mobiltelefon nur abends zu einer festgelegten Zeit ein, um mit ihrem Mann in Daressalam zu sprechen. Als Festangestellte ist sie rentenversichert: Sie und ihr Arbeitgeber zahlen je ein Zehntel des Gehalts in den National Social Security Fonds ein. Da Laurent von 6.30 bis 18.30 Uhr arbeitet, hat sie keine Zeit, ihr eigenes Gemüse anzubauen. Sie bezahlt darum andere Menschen im Dorf, damit die sich für sie um die Landwirtschaft kümmern und Stoff für Kleidung weben. Das Ziel der Hilfsorganisation Villa Africa ist es, durch die Beschäftigung von Hausangestellten, Fahrern und Handwerkern einen Wirtschaftskreislauf in Gang zu setzen.

Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Mein Beruf als Hausangestellte ist für mich wichtig, denn so verdiene ich Geld und kann alles bekommen, was ich will. Ich kann Kleidung kaufen und Sachen fürs Haus, wie beispielsweise Geschirr. Und ich kann andere dafür bezahlen, dass sie mir Arbeit abnehmen.

Was möchten Sie in Ihrem Leben ändern?

Ich möchte so bald wie möglich eine Nähmaschine kaufen. Dann muss ich nicht mehr selbst weben oder Geld dafür ausgeben, dass es andere für mich tun. Ich kann dann Stoff kaufen und daraus meine Kleidung selbst nähen.

Was sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Ich habe keine Probleme.

Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?

Ich habe keine großen Erwartungen an die Zukunft. Ich möchte mehr Kinder, und eines Tages, wenn ich genügend Geld gespart habe, möchte ich ein eigenes Haus haben. Doch das ist teuer: Es kostet ungefähr 3 000 000 Tansania-Schilling (etwa 1400 Euro).

Was würden Sie tun, wenn Sie sich ein Jahr lang nicht um Ihren Unterhalt kümmern müssten?

Ich würde mir einen eigenen Garten anlegen, mit Blumen und Bäumen.

Tansania feierte 2011 seine 50-jährige Unabhängigkeit von Großbritannien. Trotzdem sind nun Briten in Ihrem Dorf, um es voranzubringen. Was halten Sie davon?

Zunächst einmal ist es für mich wichtig, dass Tansania schon seit 50 Jahren unabhängig ist, ich bin stolz darauf. Aber es ist gut, dass die Europäer uns hier unterstützen, denn sie sind uns eine große Hilfe: Wenn jetzt jemand von uns schwer krank wird, bringen sie uns beispielsweise mit einem Auto ins Krankenhaus, das war früher nicht möglich. ---

Tansania
Einwohner: 48 Millionen
Währung: Tansania-Schilling, TZS (2242 TZS = 1 Euro)
BIP pro Kopf: 520 Euro
Human Development Index: Platz 152 (Deutschland: 5 von 187 Ländern)

Aktuelle Durchschnittskosten
Kosten für das Schneidern eines Kostüms: 3,57 Euro
1 Bier: 0,67 Euro
1 Brot: 0,54 Euro
1 Kilo Reis: 0,98 Euro
1 Paar Sandalen: 1,11 Euro
1 Liter Benzin: 0,89 Euro

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