Ausgabe 12/2014 - Schwerpunkt Genuss

Kindergeburtstag für Manager

• Was hatten die Chefinnen gesagt, vorhin, im plüschgemütlichen Ladenlokal ihrer Agentur im Wedding? Was sie anböten, solle „so authentisch wie möglich sein“. Sie versuchten, ihren Kunden über „echte Erlebnisse“ etwas vom „echten Berlin“ zu vermitteln. Die Trabi-Rallye sei da fast schon Routine.

Die 18 Mitarbeiter eines Schweizer Pharma- Konzerns bekommen das nicht zu spüren. Professionell fröhlich werden sie von zwei jungen Organisatoren der Berliner Event-Agentur Tagewerk zur Vorfreude auf ihr kleines Abenteuer animiert. Die Pharma-Menschen werden gleich mit sechs Trabants, keiner jünger als 30 Jahre, ein paar Stunden lang durch die Hauptstadt knattern. Auf einer iPad-gesteuerten Rallye sollen sie „Challenges annehmen“.

Die praktisch gekleideten Männer und Frauen zwischen 30 und 50 sollen „Geheimnisse“ in Museen entdecken, unbekannte Fotos von Berühmtheiten in Universitätsgebäuden finden oder Tempel in Parks. Das Briefing erfolgt auf Englisch, der internationalen Kundschaft wegen. Am Abend wird es zur Belohnung in ein Lokal in den S-Bahn-Gewölben in Berlin-Mitte gehen. Ein Ambiente wie in den Zwanzigerjahren ist versprochen und Berliner Küche. Nachdem die Pharma-Mitarbeiter mit kindlicher Freude Choke und Lenkradschaltung der alten DDR-Zweitakter erkundet und dabei einige Kubikmeter stinkend blaues Gas in die Berliner Luft entlassen haben, fahren sie los ins Nieselgrau der großen Stadt. Wenn alles gut geht, kann sich an diesem Nachmittag ein weiteres Berlin-Erlebnis ins Gedächtnis eines Kollektivs einbrennen.

Irgendwann haben Betriebsfeiern aufgehört, so zu heißen. Abteilungen gehen auch nicht mehr bloß wandern oder grillen. Seit Personalsachbearbeiter zu Human-Resources-Managern geworden sind, die den Mitarbeiter als stets zu fördernden Quell für Erträge betrachten, heißt der gemeinsame Ausflug Teamtag, Klausuren nennen sich Teambuilding, und das Firmenjubiläum muss mindestens zum Event werden. Nur für die Weihnachtsfeier hat sich noch keine optimierte Vokabel gefunden.

Je mehr Eindrücke man von solchen Events gewinnt, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, dass es nicht nur um Spaß gehen darf, wenn Firmen ihren Mitarbeitern etwas spendieren. Immer muss mehr herausspringen, muss sich das Event amortisieren. Mindestens das Wirgefühl soll gestärkt werden oder eine Fusion vorangetrieben oder die Markenbotschaft vermittelt. Das klappt nicht immer.

Ein Anlageberater der Deutschen Bank erzählt, er sei von seinem Arbeitgeber einmal zu einer Reise nach Capri eingeladen worden, als Belohnung für seine hohen Umsätze im Vertrieb. In Italien fehlte es ihm und den knapp hundert anderen Vertrieblern an nichts: Fünf-Sterne-Logis mit Spa, sogar Ehepartner konnten mitreisen. Aber das Showprogramm am Abend war peinlich. Eine engagierte Combo hatte den Schlager „La Paloma“ auf Wunsch der Bank umgetextet. Der Refrain begann nun mit: „Mo-bi-ler Ver-trieb“. Als er mit in den Gesang einstimmen sollte, verließ der Berater den Raum.

Jeannette Sachse von der Berliner Event-Agentur Tagewerk sagt, den Nerv einer Gruppe zu treffen sei immer heikel und dabei nur dem eigenen Geschmack zu vertrauen gefährlich. „Ginge es zum Beispiel nur danach, was ich mag, würden wir vielleicht keine Trabi-Rallye anbieten. Die zählt aber zu unseren Bestsellern.“ Sachse ist eine der drei Inhaberinnen der Agentur, die seit vier Jahren auf dem Markt für Events mitmischt. Dem Ziel, so viele deutsche Firmen, Behörden und Banken wie möglich einmal als Auftraggeber gewinnen zu können, sind die drei 34-jährigen Frauen in der kurzen Zeit erstaunlich nahegekommen.

Ihre Kunden kommen in Gruppengrößen von 15 oder 500 Personen nach Berlin. Viele wünschen sich halbe Tage Bespaßung, manche viertägige Kongresse mit Begleitprogramm. Mal kostet das den Auftraggeber 5000 Euro, mal 500 000. Es kommen ganze Belegschaften oder kleine Vorstandsgremien oder partyhungrige Vertriebsteams. Sie können Buchhalter sein, Banker oder Sozialarbeiter. Sie eint, dass sie etwas Besonderes erwarten. „Nur heißt das bei jedem etwas anderes“, sagt Sachse.

Doch ein Trend zeichnet sich klar ab: Angestellte werden nicht mehr bloß bekocht, beschallt und bespaßt. Heute muss man sich seine Party erarbeiten. Das Event wird zum Projekt. Der Psychologe des Deutschen Fußballbundes, Hans-Dieter Hermann, lieferte im Frühjahr im »Handelsblatt« eine mögliche Erklärung dafür. Das Wort Team, schrieb er, werde oft missbräuchlich verwendet. „Der Begriff soll suggerieren, dass hier verschiedene Personen etwas gemeinsam anpacken. Von einem wirklichen Team können wir aber erst reden, wenn die Mannschaft gemeinsame Aufgaben und Ziele hat, die sie auch nur gemeinsam angehen will beziehungsweise kann.“ Um das zu erreichen, müsse man Arbeit investieren, eben: Teamwork leisten. Dies gelinge durch „individuell erlebte Sinnhaftigkeit, Kooperation, Wandel und Inspiration“.

Wenn Firmen ihren Mitarbeitern einen schönen Tag in Berlin spendieren, soll dabei mehr herausspringen als Amüsement. „Kaum einen Wunsch hören wir von unseren Kunden so oft wie den nach Innovation“, sagt Jeannette Sachse. Das heißt, wer bei ihr seine Veranstaltung planen lässt, will für seine Belegschaft etwas vom Zeitgeist der Stadt abbekommen, um damit das eigene Geschäft zu beleben.

Nur ist dieser Esprit nicht käuflich und flüchtig, wie fängt man ihn dann ein?

Bestimmt nicht, indem man nur einen Saal in einem Fünf-Sterne-Hotel bucht, einen Keynote Speaker, die Cover Band und das Flying Buffet ordert. Bei Tagewerk schicken sie die Kunden darum gern auf GPS-gesteuerte Schnitzeljagden oder einfach mit Rechercheaufträgen auf die Straße, hinein in Gewerbehöfe oder stillgelegte Fabrikkeller, in exquisite Marken-Stores und kramige Secondhand-Läden, in Museen bei Nacht oder Nachtclubs bei Tag. Meistens müssen sie etwas finden, einen Gegenstand, einen Ort oder ein Codewort, das sie zum Eintritt in einen Club benötigen, in dem die Fete steigt. Denn gefeiert, das ist die gute Nachricht, wird schon auch noch. Aber eben erst nach getaner Baumaßnahme an der eigenen Gruppendynamik.

Im Vorfeld zu klären: Wer darf wen duzen?

Mitte Oktober etwa hatten sie ein paar Hundert Mitarbeiter einer Förderbank erst quer durch die Stadt und dann in den Keller der ehemaligen Münzprägerei in Berlin-Mitte gelotst, sie dort in weiße Schutzanzüge gesteckt und ihnen Atemmasken verpasst. Dort konnten (oder mussten – über die individuell erlebte Sinnhaftigkeit weiß man nichts) die Banker Graffitis sprühen, unter Anleitung von Künstlern. Buffet, Drinks und Tanz gab es hinterher trotzdem.

Das Schwerste, sagt Sachse, sei immer der Anfang, wenn sie versuchten herauszufinden, was eine große Gruppe Menschen gemeinsam erfreuen könnte. Die Eventmanagerinnen befragen ihre Kunden darum nahezu peinlich, wie sie sich sehen und was genau sie wünschen. „Wir wollen alles wissen, die Altersmischung, wie viele Männer und Frauen es sind, die genauen Berufe und Hierarchien, die Stimmung und die Situation in der Firma am Markt, Erfahrungen aus anderen Events.“

Manchmal, sagt Sachse, erfahre sie schlechte Neuigkeiten vor denen, die sie betreffen werden – den späteren Event-Teilnehmern. „Das geht gar nicht anders. Nachher kommen die Kunden womöglich aus einer Strategiesitzung, wo sie hören durften, dass ein massiver Stellenabbau ins Haus steht oder eine Budget-Kürzung. Und in dieser Stimmung übernehmen wir sie und sollen ihnen einen schönen Tag machen.“ Besser dann, sie haben keinen Sterne-Koch engagiert und keine Dekoration für Zigtausende von Euro in ein altes Industriegebäude karren lassen. „Sonst denken sich die Kunden doch: Für das Geld hätte ich lieber meine Mitarbeiter zwei Jahre lang weiterbeschäftigt.“

In solchen Fällen, sagt Svenja Rother, auch eine Geschäftsführerin der Agentur, sei es besser, rauszugehen und die Berliner Musikszene zu erkunden oder auf einer „Spionagetour“ die Spuren des Kalten Krieges zu finden. „Da kommt man raus an die Luft und auf andere Gedanken. Das macht den Kopf frei.“ Das meint nicht bloß frei von Sorgen, sondern vor allem frei für neue Strategien und Lösungen, die dem Unternehmen aus der Krise helfen sollen. So erwarten es jedenfalls ihre Auftraggeber.

Die österreichische Beratungsfirma Lumique hat vergangenes Jahr in 37 deutschsprachigen Unternehmen untersucht, wie die Effektivität eines Teams von seinem Binnenklima abhängt. Ergebnis: sehr stark. Zwar kommt sogar in Gruppen mit mieser Stimmung der Einzelne irgendwie zurecht. Aber mit dem Zusammenhalt und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sieht es in diesen Teams schlecht aus. Diese „mangelnde Beziehungsorientierung“ schlage sich in deutlich geringerer Effektivität nieder, so die Autoren der Studie. Es ist diese Furcht vor einem Motivationsverlust, die Manager dazu treibt, auch in Krisenzeiten Events zu veranstalten.

Bei Tagewerk entwerfen sie für Teambuilding-Maßnahmen gern drehbuchartige Szenarien, die ihre Kunden mit Leben füllen sollen. Jeannette Sachse sagt, sich das auszudenken empfinde sie mit als das Schönste an ihrer Arbeit. „Für mich ist Berlin wie ein großes Spielbrett.“ Auf dem die Gäste zu Spielfiguren werden: Vor paar Wochen trugen sie den Mitarbeitern eines Luftfahrtunternehmens auf, „Mister X“ zu suchen, der angeblich geheime Baupläne für einen Prototyp gestohlen habe. Vorangetrieben und gesteuert wurde die Jagd von Schauspielern, die an mehreren Orten der Stadt auf ihren Einsatz warteten. Am Ende fanden die Freizeit-James-Bonds nicht nur Mister X, sondern auch das neue Modell eines Helikopters aus ihrer Firma. Der inszenierte Coup soll nachher gefeiert worden sein, als sei er ein echter gewesen.

Manchmal sagen ihnen Kunden, „so ein Teambuilding“ brauchten sie auf keinen Fall. Als würde allein der Begriff ihren Kollegen einen Makel anheften. Neulich erst bestand die Justiziarin eines Süßwarenherstellers darauf, man sei schon eine prima Truppe – und erließ im selben Gespräch Dutzende Anweisungen, wer wen duzen dürfe, wer keinesfalls nebeneinandersitzen oder in ein Spiel einbezogen werden dürfe. „Ich kam mit dem Schreiben kaum hinterher“, sagt Sachse. Die Kunst sei es, nachher niemanden spüren zu lassen, dass das auf ihn zugeschnittene Programm helfen kann, die Kollegen mehr aufeinander einzuschwören.

Das können zum Beispiel Tauschgeschäfte sein. Die Teilnehmer ziehen mit einem wertlosen Gegenstand los und sollen über ständigen Tausch versuchen, mit einem möglichst wertvollen wiederzukommen. Die Zeit ist limitiert, Geld auszugeben verboten, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen Pflicht. Bescheidenheit statt Prasserei, auch das ist angesagt. Die Gruppen werden auf Wunsch so gemischt, wie sie sonst nicht zusammenarbeiten: Ingenieure mit Vertriebsleuten, Vorstände mit Berufsanfängern, Buchhalterinnen mit Entwicklern. „Da müssen Menschen miteinander planen, entscheiden und darum viel reden, die das sonst eher nicht tun“, sagt Rother.

Der Gedanke, Kollegien in ungewohnter Umgebung neu zu formen, auf dass sie nachher mehr leisten, ist vor etwa 20 Jahren aus den USA nach Europa übergesprungen. Die Angebote reichen von Tapas-Kochkursen in Barcelona über GPS-Schatzsuchen und Klettertouren bis hin zu Wildwasser-Raftings.

Zur Sicherheit sollte ein Coach aufpassen

Outdoor-Aktivitäten sind offenbar so beliebt, dass der Psychologe Peter Schettgen von der Universität Augsburg, ein Experte für „Soft Skills“ im Personalmanagement, schon davor warnte, sie als Allheilmittel zu betrachten, um Konflikte zu lösen. Denn die von den Teilnehmern im Wildwasser unter Beweis gestellten Fähigkeiten (oder Schwächen), sagte er einmal, seien nicht viel wert, wenn aus ihnen keine Rückschlüsse für den beruflichen Alltag gezogen würden. Er rät, solche Aktionen von Coaches begleiten zu lassen.

Der Betriebsausflug im Hochgebirge als Gegenstand psychologischer Exploration? Da freut man sich doch zu hören, wenn Firmen noch wirkliche Gelage planen.

Im Berliner Wedding ist Sachse mit zwei Mitarbeiterinnen einer Immobilienfirma verabredet. Sie planen die Weihnachtsfeier für 65 Mitarbeiter, die zum Teil aus anderen Städten anreisen. Der Deal ist fast perfekt: Geplant ist ein moderiertes „Quizdinner“, bei dem Filmmusik und -szenen erraten werden. Eine junge Elektropop-Band soll spielen, vor allem zum Tanzen. „Bei uns geht es immer richtig ab“, droht die Jüngere der beiden lachend. Nur die Location muss noch abgesegnet werden.

Die Gegend ist auf den ersten Blick räudig, auf den zweiten auch und darum in. Die Szene aus Berlin-Mitte ist hierhin weitergetanzt. Im ehemaligen Stadtbad, gelegen in derselben Straße, machen die in den Neunzigern Geborenen die Nächte durch. Ringsherum haben sich versteckt Bars eingenistet. Im zweiten Hinterhof eines nur halb sanierten Gewerbehofes befindet sich ein Loft, in dem geschlossene Gesellschaften entweder selbst Menüs kochen können unter Anleitung von Profis – oder bekocht werden. Der Industrie-Charme außen und die silbernen Kandelaber und antiken Banketttische innen verraten, dass hier eher die gut situierten Eltern der Partygeneration buchen.

Der Raum überzeugt Sachses Kundinnen. „Das hat wirklich noch was von Berlin“, schwärmt die jüngere. „Und wenn der Weg von der Straße vorn bis hier hinten mit Kerzen beleuchtet wird, gibt das bestimmt eine tolle Stimmung“, sagt die ältere. „Aber bitte nicht hier im Hof parken“, sagt die Inhaberin des Koch-Lofts. „Hier wird rigoros abgeschleppt.“ Vor ihrem Tor stehen die Audis und Porsches anderer Gewerbemieter. Das Proletarier-Ambiente fordert längst seinen bourgeoisen Preis. Mehr als 110 Euro pro Nase wird sich die Immobilienfirma die Weihnachtsfeier kosten lassen, plus Fahrtkosten und Hotel.

Über Pannen redet Sachse nicht so gern, aber natürlich passieren sie. Da kommt plötzlich so ein Quizdinner, bei dem bisher noch jede verklemmte Runde irgendwann fröhlich wurde, partout nicht an. Keiner lacht, keiner rätselt mit, stattdessen fängt ein Gast an, notorisch zu motzen. Sachse moderiert solche Abende oft selbst, zusammen mit einem Schauspieler. „Aber manchmal kann man eine Runde nicht knacken. Tja, und da musst du dann durch“, sagt sie: fröhlich weitermachen und keinesfalls devot werden! „Dann wird alles nur noch schlimmer.“ Sowieso unberechenbar, immer, seien Zeitpläne. Redner stecken in Flughäfen fest, Busse in Staus, Trabis vor Straßensperrungen. Auch auf gutes Wetter zu setzen kann ein Fehler sein.

Einmal hatte ein Spirituosenfabrikant für seine Manager ein Strandfest an der Spree geplant, mit großem Barbecue. Bei Tagewerk waren sie eigentlich nur für die Rallye zuvor zuständig. „Aber als die Party steigen sollte, goss es wie aus Kübeln.“ Die Gäste jetzt nur in irgendein Restaurant zu verfrachten brachten sie nicht übers Herz. So organisierten sie schnell einen Reisebus, setzten die Kunden hinein und besorgten ihnen in einem Brauhaus am Gendarmenmarkt Bier und alle verfügbaren Currywürste. „Als wir klitschnass mit dem Proviant in den Bus stiegen, empfing man uns johlend mit Standing Ovations.“ Während die Gäste aßen und tranken, kreuzte der Bus durch das abendliche Berlin. Ein besonderer Moment, ungeplant und doch unvergesslich. Irgendwie beruhigend, dass das noch geht. ---

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