Ausgabe 12/2014 - Schwerpunkt Genuss

Genussmittel

Künstliche Paradiese

• Wer vor 200 Jahren als Gastgeber etwas auf sich hielt, reichte ein Arsenfläschchen zur Selbstbedienung. Das Rattengift versprach Gesundheit, Jugend und Potenz. Heute ist es ebenso von der Liste der Genussmittel gestrichen wie der „Fleischextract“, den die Brüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch noch als beispielhafte Sinnesfreude nennen. Den Kanon des Erlaubten bestimmt seit jeher der Zeitgeist. Einzige Voraussetzung: Der Stoff wird nicht wegen des Nährwerts eingenommen, sondern wegen seiner Wirkung oder seines Geschmacks.

Bier – Wasser ist für Arme

Die Geschichte des Bieres begann vor 10 000 Jahren im Vorderen Orient. In kleinen Hausbrauereien ließen Bauern die ersten Gersten- und Weizenbiere der Welt gären und teilten das Rezept mit ihren Nachbarn. Im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung professionalisierten die Priester Mesopotamiens die Produktion, die bereits gut ein Drittel der Getreideernte verschlang. Bierbrauer wurden systemrelevant und standen unter dem Protektorat ihrer eigenen Schutzgöttin Ninkasi. Getrunken wurde regelmäßig und viel – aber nur zu religiösen Anlässen.

Auch in Ägypten war der Rausch am Festtag obligatorisch. Erbrechen galt als selbstverständlicher Bestandteil des Gelages, dessen Ziel die „heilige Bewusstlosigkeit“ war. Die Germanen stellten sich den Götterhimmel als einen großen Braukessel vor; ein wichtiger Handel war für sie erst nach dem gemeinsamen Besäufnis beschlossen.

Der Rausch war stets exzessiv, blieb aber auf das Fest begrenzt. Dieses konnte zwar einige Tage dauern und sogar Todesopfer fordern, doch es hatte einen Anfang und ein Ende. Wer sich außerhalb dieser Zeiten betrunken zeigte, machte sich lächerlich.

Im keimreichen Mittelalter diente Bier der Gesundheit, denn Wasser war vielerorts ungenießbar. Einem Mönch standen fünf volle Maßkrüge am Tag zu; das Volk brachte es auf ein bis zwei Liter täglich, Männer wie Frauen. Zwar waren die festen Grenzen des Rituals aufgelöst, das Trinken war aber immer noch ein Gemeinschaftsereignis. Man trank nach Geschlechtern getrennt, aber niemals allein. Starkbier galt als besonders nahrhaft und wurde von Ärzten für Kinder ab 11 empfohlen. Die Jüngeren mussten sich mit Leichtbier zufriedengeben.

Im Zuge der Reformation geriet das Gelage in die Kritik, und Luther wetterte gegen den „Saufteufel“. Der Forderung nach Enthaltsamkeit kam das Volk nicht nach. Wohl aber wurde das gemeinschaftliche Trinken nicht mehr als sakrales, sondern als subkulturelles Ritual verstanden.

Die Erfindung der Bierflasche im deutschen Kaiserreich brachte den Rausch ins Wohnzimmer. Zu dieser Zeit entfiel fast die Hälfte aller Ausgaben für Genussmittel auf Bier.

Heute liegt die weltweite Produktion bei fast zwei Milliarden Hektolitern, mit China auf dem ersten Platz. Die Biernation Deutschland ist der viertgrößte Produzent und hat mit 1349 Brauereien die meisten Hersteller in Europa.

Ein Bewusstsein für Alkoholmissbrauch keimte erst Jahrtausende nach der Erfindung des Bieres. Trunksucht galt lange Zeit nur als Laster. Erst im 19. Jahrhundert, als sich der massenhafte Konsum allmählich reduzierte, erkannte man den Alkoholismus als Krankheit an.

Je weiter die Trunkenheit aus der Öffentlichkeit verschwand, desto größer wurde das Bewusstsein für die Sucht. Anfang des 20. Jahrhunderts zählte Mitteleuropa gerade ein halbes Prozent Alkoholiker, hundert Jahre später waren es zehnmal so viel. Dabei trinken die Menschen seither nicht mehr als damals. Was sich verändert hat, ist die Definition des gesunden Gebrauchs.

Ganz verschwinden wird der Alkohol wohl nicht. Die Geschichte kennt keine einzige Nation, die den Stoff – hat sie ihn einmal eingeführt – wieder losgeworden wäre.

Wein – heilige Muse

Nicht alle Kulturen waren begeisterte Biertrinker. Der römische Kaiser Julian sprach vom „bockstinkenden Keltentrank“, den er nur zur Wurmkur empfahl. Näher lag ihm der Wein, dessen Ursprung im vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in Vorderasien liegt. Die Griechen widmeten ihm mit Dionysos einen eigenen Gott und entwickelten ausschweifende Trinkkulte.

Die Römer professionalisierten die Herstellung und erhoben den Weinbau zur Wissenschaft. Wein verlor seinen heiligen Nimbus und wurde zum Genussmittel der Oberschicht. Die Obrigkeit genoss es so exzessiv, dass das politische Geschehen zeitweise zum Erliegen kam. In gebildeteren Schichten stand man diesem Übermaß kritisch gegenüber. Doch der gute Tropfen blieb fester Bestandteil der Kultur.

Die Mönche des Mittelalters resakralisierten mit dem Abendmahl den Wein. Wer nicht vom Blute Christi trank, machte sich der Gotteslästerung verdächtig und lebte gefährlich. Für den Hausgebrauch war Wein den meisten zu teuer, doch wer es sich leisten konnte, nahm einen Liter täglich zu sich, auch drei bis vier waren nicht verpönt. Wohlstand maß sich an der Größe des Weinkruges, den man seinen Gästen servierte. Die Romantiker erhoben die Trunkenheit später gar zur Tugend und priesen die schöpferische Kraft des Weines.

Nach dem Ersten Weltkrieg sank der Konsum in Europa auf einen historischen Tiefstand, der sich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung jedoch schnell wieder erholte. Der Konsum in den Nachkriegsjahren verdreifachte sich im Vergleich zu den Zwanzigerjahren, als der Durchschnittsdeutsche gerade einmal fünf Liter im Jahr getrunken hatte.

In den Siebzigerjahren kamen hierzulande erstmals trockene Weine in Mode und hielten als Zeichen des Wohlstands Einzug in die Mitte der Gesellschaft.

Doch in den folgenden Jahrzehnten verschärfte die Weltgesundheitsorganisation ihre Warnungen vor übermäßigem Alkoholkonsum und stellte die gesundheitsschädliche Wirkung des Trinkens in den Vordergrund. Wein gilt seitdem zwar noch immer als Genussmittel, aber nur unter Vorbehalt.

Tabak – geächteter Verführer

Die europäische Geschichte des Tabaks ist vergleichsweise kurz, aber rasant. Im 15. Jahrhundert brachten ihn spanische Seefahrer von ihren Entdeckungsreisen mit auf den alten Kontinent. Einmal angekommen, verbreitete er sich erst als Heilpflanze bei Hofe und von dort aus als Genussmittel über ganz Europa. Der geringe Preis sowie seine hungerdämpfende Wirkung befeuerten die Verbreitung des Tabaks über alle Einkommens- und Standesschichten. Vom Kind bis zum Greis – Raucher gab es plötzlich überall.

Der Geistlichkeit war die rasche Verbreitung suspekt, und so wetterte sie gegen das Teufelskraut der Heiden. Doch der Protest blieb folgenlos. Der Handel war bereits zu mächtig und die Nachfrage zu groß. Auch Sanktionierungsversuche scheiterten: Die meisten Politiker waren selbst dem Tabak zugetan. An einem Verbot lag ihnen wenig, einiges hingegen an der Besteuerung.

Rauchmittel der Wahl war lange Zeit die Pfeife, das Schnupfen ein Privileg der Eliten. Mit dem Siegeszug der Zigarette verlagerte sich das Rauchen in die Salons und Herrenzimmer. Auf der Straße zu qualmen schickte sich nun nicht mehr. Neben Kindern sollten jetzt auch Frauen vom Qualm ferngehalten werden. Die Herren wechselten nach dem Dinner ins Raucherzimmer und zogen sich das Smoking Jacket über.

Mit der Erfindung der Filterzigarette entdeckte die Tabakindustrie eine neue Zielgruppe und umwarb die neue emanzipierte Frau. Bis zu den Siebzigerjahren war Tabak ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. Rauchen galt als unproblematisch und war gesellschaftlich akzeptiert.

Die Wende brachte in den Folgejahren der öffentliche Diskurs über Krebs. Deutschland erließ im Jahr 1974 ein Werbeverbot für Zigaretten in Funk und Fernsehen. Neben der Eigenschädigung des Rauchers wurde nun auch bald das Passivrauchen und damit die Gefährdung Dritter zum Thema. Spätestens damit verschob sich die Wahrnehmung des Tabaks vom Genuss- zum Suchtmittel.

Der Raucheranteil in Deutschland liegt heute bei etwa einem Viertel. 1979 rauchten noch rund dreimal so viele Jugendliche wie heute. Als Gründe für den Rückgang gelten zum einen die gestiegenen Kosten (die Tabaksteuer macht hierzulande rund die Hälfte des Verkaufspreises aus), zum anderen aber auch neue Statussymbole wie das Handy.

Kaffee – sozialer Gleichmacher

Um die Herkunft des Kaffees ranken sich wilde Legenden. Wahrscheinlich ist, dass die Bohne erstmals vor rund 1000 Jahren in Äthiopien kultiviert und 500 Jahre später von Pilgern ins Osmanische Reich gebracht wurde. 1554 eröffneten in Istanbul die ersten Kaffeestuben der Welt. Die sogenannten Schulen der Weisheit, stets in der Nähe von Moscheen erbaut, dienten dem gemeinsamen Trunk und Gebet. Doch die Exerzitien rückten bald in den Hintergrund, und man traf sich vornehmlich zum alltäglichen Palaver.

Neu war, dass Männer ungeachtet ihres Standes miteinander ins Gespräch kamen – eine kleine soziale Revolution. Die Obrigkeit beklagte zwar den Besucherschwund beim Freitagsgebet, den sie dem Kaffeetrinken zuschrieb, duldete angesichts des strikten islamischen Alkoholverbots aber den Kaffeekonsum und besteuerte ihn dafür.

Im folgenden Jahrhundert importierten Venezianer die ersten Kaffeebohnen nach Europa. Allerdings nur in kleinen Mengen, weshalb das Getränk ein Luxus der Reichen blieb.

Erst der Sonnenkönig Ludwig XIV. erhob das Kaffeetrinken zur Mode. Der Import stieg, und die ersten Kaffeehäuser eröffneten in den europäischen Metropolen. Allerdings war dieser Luxus der wohlhabenderen Hälfte der Gesellschaft vorbehalten.

Die Ärmeren mussten sich mit Ersatzkaffee zufriedengeben, der aus Malz oder Zichorienknollen gebraut wurde. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden solche Surrogate hierzulande häufiger getrunken als Bohnenkaffee. Die Wende brachte erst das sogenannte Wirtschaftswunder. Heute sind Muckefuck oder Landkaffee längst vom echten Kaffee überholt worden.

An der Spitze des Konsums liegen die Finnen, die täglich im Schnitt 4,1 Tassen trinken; die Deutschen kommen pro Tag auf 2,6 Tassen. Größter Produzent ist Brasilien mit gut drei Millionen Tonnen im Jahr, Äthiopien, das Mutterland der Bohne, liegt auf Platz acht.

Opium – berauschender Heiler

Vor 4000 Jahren gehörte der Schlafmohn auf der Nordhalbkugel zur kleinbäuerlichen Grundausstattung. Beinahe alle Kulturen der Antike kannten den schmerzstillenden Effekt seines Milchsafts, des Opiums.

Ein unrühmliches Kapitel schrieben die Briten. Weil sie es leid waren, tonnenweise Tee aus China zu importieren, dorthin aber kaum etwas verkauften, überschwemmten sie den chinesischen Markt mit indischem Opium. Wohl wissend um sein Suchtpotenzial, warnte die britische Regierung ihr eigenes Volk vor dem Konsum, während sie ihn in Fernost förderte. Als in China die Opiumhöhlen boomten, verweigerte die Regierung den Handelsschiffen das Einlaufen. Die Briten schickten Kanonenboote und begannen den ersten Opiumkrieg.

Anfang des 19. Jahrhunderts extrahierte ein Paderborner Apotheker den Hauptwirkstoff des Opiums, das Morphium. Den Namen des Schmerzstillers wählte er in Anlehnung an Morpheus, den griechischen Gott des Schlafes und Traumes. Jeder folgende Krieg brachte einen Absatzschub für die Pharma-Industrie und einen Suchtschub für die Kriegsversehrten.

Ende des 19. Jahrhunderts brachte Bayer ein noch stärkeres Opiumpräparat auf den Markt und bewarb das neue Wundermittel als nebenwirkungsfreien Morphiumersatz. So großartig wähnten die Erfinder ihren Fund, dass sie ihn nach den Halbgöttern der griechischen Mythologie benannten – Heroin.

Als sich allmählich das Suchtpotenzial des neuen Pharma-Wundermittels zeigte, stellte Bayer im Jahr 1931 die Produktion ein. Der Imageschaden für Opium, den getrockneten Milchsaft des Schlafmohns, blieb.

Der folgende Kampf gegen Drogen führte paradoxerweise zu einem Anstieg des Konsums, denn die Verbote des Betäubungsmittels ließen den Schwarzmarktpreis steigen, was die Margen trieb und die organisierte Kriminalität lockte.

Zur Rechtfertigung der harten Linie gegen Drogen wird häufig die Konsumentengruppe der Junkies und Gescheiterten vorgeführt. Doch selbst bei Heroin gibt es auch die Gruppe der kontrollierten Konsumenten, die sozial integriert, gesellschaftlich angesehen und von der Strafverfolgung weitgehend unbehelligt leben. In den Achtzigern soll diese Gruppe in den USA mindestens 40 Prozent der Heroinkonsumenten ausgemacht haben.

Die Zahl der Todesopfer von Heroin ist hierzulande rückläufig; im Jahr 2013 lag sie bei 474. An den Folgen des Alkoholkonsums starben in Deutschland im selben Zeitraum rund 74 000 Menschen, 1,3 Millionen gelten als abhängig. Noch düsterer steht es um die Raucher: 110 000 Menschen starben an den direkten Folgen und weitere 3300 an denen des Passivrauchens. ---

Mehr dazu: Thomas Hengartner und Christoph Maria Merki: Genussmittel – Eine Kulturgeschichte. Insel Taschenbuch; 2001; 336 Seiten

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