Ausgabe 12/2014 - Schwerpunkt Genuss

Schnell noch ein Schiff bauen

• Was auf einem Schiff alles Spaß machen könnte: Spazieren auf einem gläsernen Sea Walk zum Beispiel, 39 Meter tief unter den Füßen rauscht das Meer. Oder Golfen auf 2000 Quadratmeter Echtrasen – seit die Universität Florida für ein Kreuzfahrtschiff eine gegen Wind, Salzwasser und permanente Sonneneinstrahlung resistente Grassorte züchtete, gehen auch Greenkeeper auf große Fahrt. Es gibt auch Sprudelbecken, die außen an der Bordwand hängen oder eine gläserne Röhre, durch die Passagiere Hunderte Meter rutschen, bestaunt von den Mitreisenden, die unter ihnen entspannt ihre Drinks schlürfen. Die Kundschaft verlangt nach Unterhaltung.

Bis zum Jahr 2019 werden circa 15 neue Kreuzfahrtschiffe in Betrieb genommen. Oft sind die ersten Reisen schon verkauft, bevor überhaupt alle Nähte des Schiffskörpers verschweißt sind. Nur: Woher wissen die Reeder, ob die Passagiere auch in 20 Jahren noch Spaß an gläsernen Rutschen haben? Ob sie dann immer noch auf den riesigen oder vielleicht lieber auf kleineren Schiffen unterwegs sein wollen? Den Pool wie heute üblich auf dem Oberdeck oder doch eher unten direkt an der Wasserkante mögen?

Wer Annahmen darüber anstellt, was Menschen in Zukunft Spaß macht, für den sind Realitäten aus Tausenden Tonnen Stahl eine ziemlich heikle Sache. Man weiß schließlich nicht einmal, wie ein Smartphone im kommenden Jahr aussieht, geschweige, welches die Leute dann kaufen. Ein Kreuzfahrtschiff baut man also nicht nur im übertragenen Sinne ins Blaue. Treffen die heutigen Annahmen nicht die künftigen Geschmäcker, hört der Spaß schnell auf. Der laufende Meter gläserner Rutschröhre oder die Züchtung des Schiffsrasens kosten stolze Summen im fünf- oder gar sechsstelligen Bereich.

Vom Albtraum, dass der Zuschnitt der Kabinen die Leute in zehn Jahren nicht mehr anspricht, braucht man noch gar nicht reden, um die Entscheidung, wie ein neues Kreuzfahrtschiff aussehen soll, als ziemlich schwierige Angelegenheit zu verstehen. Zum Glück läuft in der Branche aber kaum jemand Gefahr, sich darüber allzu sehr den Kopf zu zerbrechen. Das Wie beim Bau eines neuen Kreuzfahrtschiffes betrifft derzeit vor allem die Frage nach dem Wie-schnell.

In den vergangenen acht Jahren verdoppelte sich die Zahl der Kreuzfahrttouristen in Europa von 3,2 auf 6,4 Millionen. In diesem Jahr wird weltweit ein Rekordumsatz von mehr als 37 Milliarden Dollar erwartet. Die Reeder kriegen kaum so schnell neue Kabinen auf das Wasser, wie diese gebucht werden. Wer da noch schnell ein Schiff bauen will, der muss wie der Anbieter TUI Cruises mitunter zunächst eine taumelnde Werft reanimieren. So geschehen ist das mit dem Schiffbauer STX in Finnland, den die Hamburger kurz vor der Pleite mit der Meyer Werft in Papenburg verkuppelten. So hält man den Standort in Turku noch am Leben, damit dort in den nächsten Jahren weitere Edelpötte gefertigt werden können. Die Auslieferung dieser Schiffe hätte sich sonst mindestens um zwei Jahre nach hinten verschoben.

TUI Cruises ist ein gutes Beispiel dafür, wie hastig die Branche agiert. Das Hamburger Unternehmen gehört zu 50 Prozent dem amerikanischen Traditionskonzern Royal Caribbean Cruises. Vor sechs Jahren stieg die Firma in das Kreuzfahrtgeschäft ein, nachdem das Unternehmen Aida diesen Markt in Deutschland mit großem Erfolg wachgeküsst hatte. TUI Cruises begann die zunächst mit zwei Touristenträgern aus dem Bestand der US-Mutter. Der Marketingchef Mike Schwanke sagt: „Den Umbau der Schiffe konzipierten wir damals, ohne überhaupt einen unserer Kunden zu kennen.“

Man verdingte sich zunächst im Fahrwasser des großen Anbieters Aida. Mittlerweile visiert man die Zielgruppe an, für die der Spaß in der Masse langsam aufhört. Während Aida bis 2016 noch größere Ozeanriesen bauen lässt, legt TUI Cruises sein Augenmerk auf individuelles Reisen bei einer gleichbleibenden Schiffsgröße – so weit das bei 2500 Fahrgästen pro Schiff möglich ist. Ebenso ambitioniert wie die Marketingausrichtung ist die Aufholjagd bei der Flottenstärke. In Kreuzfahrtdimensionen ist man mit drei Schiffen noch klein. Bis 2017 hat TUI Cruises aber drei weitere Schiffe in Auftrag gegeben und bis 2019 eine Option auf Schiff 7 und 8 – das ist ziemlich flott.

brand eins: Mit welcher Frage beginnt bei Ihnen die Planung eines neuen Schiffes, Herr Schwanke?

Mike Schwanke: Wer soll auf diesem Schiff fahren? Richtet es sich an eine bestehende oder ganz neue Zielgruppe?

Welche Zielgruppe ist es bei Ihnen?

Die Babyboomer zwischen 45 und 60 Jahren mit geringem Kinderanteil.

Was wissen Sie über die Vorlieben der Leute?

Mittlerweile eine Menge. Wir hatten bis jetzt einige Tausend Gäste bei uns an Bord, deren Gewohnheiten kennen wir nun. Für unser drittes Schiff führten wir auch erstmals eine große Marktforschung durch.

Was haben Sie untersucht?

Wir haben zum Beispiel die Marken-Präferenzen unserer Gäste analysiert, etwa ob sie lieber Hugo Boss oder Tommy Hilfiger kaufen. Wir haben soziodemografische Daten ausgewertet, die wir online bei mehr als 10 000 Menschen abgefragt hatten. Außerdem führten wir intensive Interviews mit sogenannten Fokusgruppen, jeweils 20 Personen aus vier verschiedenen Regionen.

Und was wissen Sie nun?

Dass die Leute im Pool gern schwimmen und nicht nur planschen wollen. Erstmals bauten wir daher einen 25-Meter-Pool auf einem Kreuzfahrtschiff. Auch Flexibilität ist ein wichtiges Kriterium, ob man etwa sein Essen am Büfett holt oder es am Platz serviert bekommt. Aber das hat bei uns keinen Einfluss auf den Preis.

Für den Bau eines Schiffes sind dies aber doch eher Details, oder?

Nein, für ein Hotel auf dem Land mag das stimmen, aber auf einem Schiff ist das wichtigste Gut der Platz. Die Entscheidung für etwas erfordert immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Und ist der Stahlschnitt einmal fertig, können wir nicht mehr viel verändern. Für unser viertes Schiff, das im kommenden Jahr in Dienst gestellt wird, haben wir bereits 2011 die baulichen Planungen abgeschlossen.

Gab es da noch weitere Neuerungen?

Aus den Umfragen haben wir gelernt, dass die Passagiere zwar kulturelle Unterhaltung mögen, es muss aber nicht immer Klassik oder Theater sein. Sie wollen auch Jazz hören, gern auch mal tanzen. Also haben wir einen multifunktionalen Raum mit besonderer Akustik entwickelt, in dem man nachmittags einen Tanzkurs und abends ein klassisches Konzert veranstalten kann. Außerdem definierten wir Premiumorte an Bord. Die schönste Aussicht, die beste Atmosphäre – das ist unser Premiumbereich, und dort haben wir aufpreispflichtige Restaurants, Bars und Cafés gebaut.

Nimmt Ihnen die Kundschaft das nicht übel?

Nein, die entsprechenden Umsätze haben sich im Vergleich zu den ersten Schiffen um 50 Prozent erhöht.

Kam auch etwas Überraschendes bei der Marktforschung heraus?

Nein, dazu sind wir noch zu jung. Interessant wird es bei der nächsten großen Umfrage, dann können wir sehen, ob und wie sich Trends vielleicht verändern. Ich denke, dass wir nicht nur diesen Daten vertrauen, sondern auch auf das Bauchgefühl hören sollten. Die absolute Sicherheit haben Sie mit keiner Entscheidung.

Welche Fehler sollten vermieden werden?

Die Kabinen sind sehr schwer zu verändern. Einen Fehler macht man dann gleich 900-mal. Das wird teuer, schon ein Detail wie zu wenig Stauraum kann ein gnadenloses Problem werden.

Wie schließen Sie das aus?

Zum einen durch das Know-how unserer Muttergesellschaft Royal Caribbean, wir lassen aber auch unsere Mitarbeiter für ein paar Nächte noch auf der Werft in die ersten fertigen Kabinen einziehen und werten deren Feedback aus.

Kann man es mit der Unterhaltung übertreiben? Auf den Schiffen Ihrer Muttergesellschaft schweben die Gäste in Aussichtskapseln über Deck oder fahren Autoscouter.

Für Royal passen diese Angebote, für uns ist dieses Höher, Schneller, Weiter im Entertainment nicht die Lösung. Unser Kernthema ist Entspannung, Wasserrutschen passen da nicht.

Schiffe wie die von TUI Cruises ordnet Thomas Weigend in die Kategorie Standardzuschnitt, der für zeitlosen Genuss stehen soll. Er verantwortet für die Meyer Werft in Papenburg, einem der größten Kreuzfahrtschiffbauer der Welt, Sales und Design. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Werften, die große Kreuzfahrtschiffe bauen. Wer eines plant, der kommt mit großer Wahrscheinlichkeit mit Weigend ins Gespräch. So war es auch bei Stelios Haji-Ioannou, der vor gut zehn Jahren in Papenburg vorstellig wurde. Der Easyjet-Gründer wollte Billig-Kreuzfahrten mit einem preiswerten Mindeststandard anbieten. Alle Annehmlichkeiten wie Speisen und Getränke sollten extra kosten. Bei jedem Landgang sollten Gäste zu- und aussteigen können, das Bett in der Doppelkabine sollte im günstigsten Fall für unter 50 Euro pro Nacht zu buchen sein. Für dieses Geschäft hätte man ein Kreuzfahrtschiff neu erfinden können. Am Ende entschied sich Haji-Ioannou aber für den Kauf alter Schiffe – und scheiterte. Die drei Schiffe sind verkauft oder ausgemustert.

brand eins: Lag das am Schiff oder am Konzept, Herr Weigend?

Thomas Weigend: Letztlich wohl am Schiff, das durchaus spannende Konzept wurde baulich nur halbherzig umgesetzt.

Hätten Sie gern ein solches Schiff geplant?

Natürlich, es wäre die Möglichkeit gewesen, einmal etwas ganz anders zu machen.

Wie häufig kommt es vor, dass Kunden etwas grundsätzlich Neues wollen?

Der Großteil der Reeder bestellt Schiffe, die Standardkriterien genügen. Gerade der deutsche Markt war lange Zeit extrem innovationsresistent. Aida hat diesen Tiefschlaf dann beendet. Es gibt aber auch viele Reedereien, vor allem in den USA, die immer wieder etwas Neues haben wollen, Innovationen gehören zu deren Marketing. Die muss man dann fast bremsen und daran erinnern, dass das Schiff am Ende auch noch schwimmen soll.

Gehen Sie selbst auf Kreuzfahrten?

Ja, aber natürlich von Berufs wegen. Wir versuchen die verschiedenen Märkte zu verstehen.

Und was haben Sie bisher gelernt?

Dass es nie den einen Erfolg versprechenden Trend gibt zum Beispiel. Asiaten oder Amerikaner buchen keine kleinen Kreuzfahrtschiffe, die wollen die Superlative, das größte, das neueste, das tollste Schiff. In Deutschland ist es umgekehrt, hier mögen die Kunden die kleinen Schiffe, auf denen man entspannen kann. So gesehen funktioniert eigentlich jedes Konzept, solange es die richtige Zielgruppe erreicht. Das macht uns optimistisch.

Was müssen Sie wissen, wenn Sie ein Schiff bauen sollen?

Die Größe, den Standard, die Zielgruppe und das Einsatzgebiet. Damit legt man schon relativ viel fest.

Woher kommen die Ideen?

Wir sind permanent unterwegs und beobachten andere Branchen. Airlines, Hotels, Erlebnisparks. Mir gefällt zum Beispiel das Konzept der Airline Virgin Atlantic, die Passagiere bestellen dort ihr Essen am Touchscreen. Die Stewardess serviert es am Platz und vergisst natürlich nicht, den Kunden höflich mit Namen anzusprechen.

Wo in der Welt entstehen die neuesten Trends?

Las Vegas war bis vor zehn Jahren der wichtigste Ort, wir fahren da immer noch regelmäßig hin und begutachten die neuen Hotels. Zuletzt war es vor allem Dubai, wo viele neue Ideen umgesetzt wurden, neuerdings verschiebt sich das mehr nach China.

Und Europa?

Da gibt es nur vereinzelt interessante Neuentwicklungen, man lebt von der historischen Substanz.

Wonach schauen Sie bei der Recherche vor Ort?

Wir versuchen die jeweiligen Zielgruppen zu verstehen und wie sie angesprochen werden. Wird vielleicht nur die Optik oder die Haptik bedient? Dafür messen wir mitunter die Fugenbreite im Bad oder prüfen, ob der goldene Spülknopf auf dem Klo nur ein Imitat ist. In einem Luxus-Hotel in Dubai ist das der Fall. Was da glänzt, ist Plastik. Grundsätzlich können Sie überall ein Gespür dafür entwickeln, wohin sich die Vorlieben entwickeln.

Aber wie die Welt in 10 oder gar 20 Jahren aussieht, wissen Sie nicht. Sie bauen aber Schiffe für diese Zeit.

Vielleicht kennen wir die Zielgruppe der Zukunft aber trotzdem ganz gut. Die sind wir nämlich selbst. Die meisten Mitarbeiter in meinem Team sind alle Mitte 30; geht man davon aus, dass viele Reeder die Altersgruppe 50 plus anpeilen, dann bauen wir die Schiffe heute für Leute wie uns.

Auf welcher Art Schiff werden Sie dann fahren?

Es wird sehr individuell und noch variierbarer. Kabinenwände illuminieren wir mit unserer Lieblingsfarbe selbst, die virtuellen Gemälde suchen wir selbst aus, die Bettkonfiguration, die Pflegeprodukte buchen wir vorab. Ich glaube aber nicht, dass alles noch größer und bunter wird, der Trend ist vielmehr die Fokussierung auf einzelne Zielgruppen. Das ist die Herausforderung für die Branche, man muss sich zu einer Zielgruppe bekennen.

Warum ist das schwierig?

Weil sich selbst angestammte Zielgruppen in einem wachsenden Markt aufsplitten. Aida war einmal die Adresse für kinderlosen Club-Urlaub, heute sind es die Familienschiffe schlechthin. Da kommen Sie mit den Zielgruppen schnell in Konflikte und müssen Lösungen mit unterschiedlichen Schiffstypen anbieten.

Wie gelingt es, heute das passende Schiff für die Zukunft zu bauen?

Nur im Team, Sie brauchen die umsatzorientierten Reeder, die fantasiereichen Architekten und die baulich versierten Werften an einem Tisch. Oft dauert es dann Wochen, bis sich alle gedanklich so frei gemacht haben, dass man beginnen kann, wirklich über ein neues Schiff nachzudenken.

An ungewöhnlichen Ideen für die Kreuzfahrtschiffe herrscht kein Mangel. Ähnlich wie bei Autos, muten die Studien futuristisch an – und werden nie verwirklicht. Die Architekten sind diejenigen, die die größten Abstriche machen müssen. Christian Klein kann immerhin von sich behaupten, dass einer seiner Entwürfe mit dem Titel „Die maximale Fantasie für ein Kreuzfahrtschiff der Zukunft“ eine minimale Realisierung erfuhr. In seiner Abschlussarbeit an der Universität der Künste in Berlin integrierte er Forschungslabore und Wohnungen in ein Kreuzfahrtschiff von morgen. Seine Hauptidee war ein Boulevard, der sich in der Mitte des Schiffes über das ganze Deck erstreckt. Im Jahr 2005 setzte die Reederei Royal Caribbean diese Idee auf der „Oasis of the Seas“ um. Seitdem gibt es viel weniger Innenkabinen, meist solche mit Blick aufs Meer – oder auf die Flaniermeile.

Klein führt das Unternehmen Oceanarchitects. Besuch empfängt er im hübschen Waren an der Müritz, durch das Fenster fällt der Blick auf den herbstgrauen Müritz-See. Klein arbeitete zuvor für große Planungsbüros und die Meyer Werft. Dann zog es ihn mit der Familie wieder in seine Heimat. Er mag das Leben am Wasser und tüftelt nun von Mecklenburg aus an Schiffen und Hotels der Zukunft. Aktuell entwirft er welche für Celebrity Cruises.

brand eins: Haben Sie sich die Idee für den Mega-Boulevard schützen lassen, Herr Klein?

Christian Klein: Leider nicht. Aber immerhin können wir auf Basis dieser Idee gerade für die Vereinten Nationen ein Boot entwerfen, das 10 000 Menschen eine Art autonomen Lebensraum bieten soll. Gedacht ist das für Kriseneinsätze, Flüchtlinge oder Evakuierungen.

Wie starten Sie ein Projekt wie das für Celebrity Cruises?

Mit einfachen Fragen: Was macht Spaß, oder was ist Luxus?

Wie lautet Ihre Antwort?

Luxus zum Beispiel ist für mich heute die Reduzierung. Die Menschen sind überflutet von Reizen und Informationen; Luxus wird sich künftig nicht mehr in überbordenden, sondern schlichten Räumen zeigen. Die Qualität der Materialien, die Verarbeitung sowie die Liebe zum Detail gewinnen an Bedeutung.

Und Spaß?

Die Menschen haben Spaß an Technik, wir erleben das beim Smartphone, also wird Technik auch in die Kabinen Einzug halten.

Was noch?

Größere Pools, mehr individueller Freiraum, noch mehr technische Details.

Gibt es auch etwas, das zeitlos Spaß macht?

Der Tourist sucht das Paradies. Das gilt immer.

Nur stellen sich unter dem Paradies alle etwas anderes vor.

In Deutschland ist das Paradies ein ruhiger und entspannter Ort, er ist nicht von Touristen überlaufen. Kleine Schiffe, etwa für Antarktisrundfahrten, sind daher künftig besonders interessant.

Was würden Sie gern anders bauen?

Die klassische Variante des Pools oben auf Deck ist ineffizient und von der Statik her ungeheuer kompliziert. Ich möchte einen Pool, der sich entlang der Reling so tief wie möglich über der Wasserkante um das ganze Schiff zieht. Ebenso erlauben die verbauten Oberdecks heute keinen Rundumblick. Taucht irgendwo im Meer ein Wal auf, dann muss man erst mal einen Platz an Bord finden, um ihn überhaupt sehen zu können. Warum also schafft man an Deck nicht kleine Observatorien, die einen tollen 360-Grad-Blick erlauben?

Welche Aufgabe hat Architektur auf einem Kreuzfahrtschiff?

Es gibt den bekannten Leitspruch der Architekten, „form follows function“. Für die Kreuzfahrtbranche hat jemand das einmal in „form follows fun“ umformuliert. Das trifft es ganz gut.

Wohin führt das?

Mitunter zu 24 Stunden Kindergeburtstagsgefühl, Plastikpalmen und leuchtenden Kokosnüssen.

Welche Ideen gefallen Ihnen derzeit?

Toll sind die Zelte und Outdoor-Cabanas, in denen man auf Deck unter dem Sternenhimmel schlafen kann. Das ist wirklich eine Leistung, die Leute zahlen viel Geld für eine elegante Kabine, und dann legen sie noch etwas drauf, um in einem Zelt zu schlafen.

Wie erleben Sie Ihre Kunden?

Die meisten sind offen für Innovationen, jedoch bei den konkreten Investitionen sehr vorsichtig. Man versucht Risiken zu vermeiden, setzt auf das, was sich bewährt hat, nicht auf aufwendige Recherche nach neuen Ideen. Außerdem sind sämtliche Konzepte extrem umsatzorientiert. Vor allem aber vermeidet man zu polarisieren. Ich wollte einmal eine Ausstellung über den Zustand und Schutz der Meere integrieren, da wird man schnell zurückgepfiffen.

Welche Trends beobachten Sie?

Das Schiff wird immer mehr zum Ziel der Reise. Viele Menschen wollen gar nicht mehr zu fernen Inseln, sondern nur an Bord entspannen. Ich kann mir vorstellen, dass künftig Schiffe nirgendwo mehr hinfahren, sondern nur auf dem Meer schaukeln.

Glauben Sie, dass Ihre Auftraggeber wissen, was die Reisenden in Zukunft wirklich wollen?

Möglicherweise nehmen wir diese Frage wichtiger, als sie eigentlich ist. Kreuzfahrten sind ein Massengeschäft, da reflektieren die Leute nicht sonderlich tiefgehend. Es geht letztlich oft nur darum, ob das Essen, der Service und die Betten gut waren. Und die Show. ---

Mehr aus diesem Heft

Genuss 

„In die Speichen meiner Begabung zu greifen. Das ist mein größter Genuss“

Der Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano über das Schreiben als Mittel zum Überleben, sein sentimentales Verhältnis zu Israel und die Frauen.

Lesen

Genuss 

Der Berufstrinker

Gutes Bier ist eine Kunst. Zumindest in Großbritannien. Zum Glück gibt es Männer wie Keith Rogers, die unermüdlich dafür kämpfen.

Lesen

Idea
Read